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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 29.08.2017

Lucia Leidenfrost - Mir ist die Zunge so schwer. Erzählungen
Hannah Hanemann

Das Debut der österreichischen Schriftstellerin besticht durch einfache Sprache und schmerzhafte Einblicke in die Leben und Erinnerungen ihrer Großelterngeneration, der die Autorin mit ihren Geschichten eine Stimme verleiht.



Dass √§ltere Autor*innen sich in j√ľngere Protagonist*innen hinein versetzen und deren Geschichten erz√§hlen, ist in der Literatur keine Seltenheit. Lucia Leidenfrost hat den Gegenentwurf gewagt: ihr Buch ist das Einf√ľhlen einer jungen Frau in die Erinnerungen, Schmerzen und Hoffnungen der √∂sterreichischen Kriegsgeneration.
In "Mir ist die Zunge so schwer" l√§sst sie in achtzehn Kurzgeschichten fiktive Charaktere von ihrem Leben zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs und danach erz√§hlen. Manche Geschichten handeln von Schuld und Gewalt, andere von den kleineren, allt√§glichen Momenten im Leben. Ihnen allen ist eine minimalistische, trockene Sprache gemein, sowie eine melancholische und nachdenkliche Grundstimmung. Dabei bleibt Lucia Leidenfrost nah bei ihren Protagonist*innen und l√§sst diese in ihrer eigenen Sprache berichten. Den Erz√§hlungen wird kein stilistischer Filter aufgedr√ľckt, sie klingen, als h√∂rte Frau pers√∂nlich dabei zu, wie sich alte Menschen ihrer Jugend erinnerten, ihrer Fehler und Verluste, ihrer Freuden und Schmerzen.

Fiktive Berichte von Tätern und Opfern

Einzeln betrachtet sind Lucia Leidenfrosts Geschichten eindringlich und manchmal traurig, in der F√ľlle tut die Lekt√ľre weh. Das soll sie aber wohl auch. "Mir ist die Zunge so schwer" ist kein Buch f√ľr den betulichen Feierabend, weder Sprache noch Inhalt geben viel Anlass zum Tr√§umen. Die Erz√§hlenden sind Menschen, die Tod und Zerst√∂rung ebenso erlebt haben wie Liebe und Neubeginn. Sie berichten von ihren Erfahrungen mit einer fast beklemmenden Distanz und Emotionslosigkeit, als w√§re das, wovon sie berichten l√§ngst √ľberwunden. Doch gerade in diesem sprachlichen Minimalismus spiegeln sich ihre Leiden und Grausamkeiten umso erschreckender wider.

Dabei ist die Bandbreite des Erz√§hlten recht gro√ü: Von einem alten Paar, das Rhabarber einkocht √ľber einen Mann, der von einer t√∂dlich endenden Hetzjagd auf einen Kriegsverweigerer erz√§hlt, hin zu der zuf√§lligen Bekanntschaft zweier Kriegsdeserteure und einer Frau, deren auf Grund zu zahlreicher Geburten die Geb√§rmutter entfernt werden musste - die vielen Einzelschicksale f√ľgen sich zum Portrait einer Generation, die gleicherma√üen T√§ter wie Opfer hervorgebracht hat.
Denn auch T√§ter l√§sst die Autorin zu Wort kommen, T√§ter, die auch Jahre nach den Gr√§ueltaten des Nationalsozialismus f√ľr ihr Mitverschulden kaum Reue zeigen, die scheinbar unber√ľhrt von ihren Taten berichten, als stammten sie aus einem anderen Leben, das f√ľr das Heutige keine Rolle mehr spielt.

Einige Geschichten stechen sprachlich aus der Sammlung hervor und schaffen es, eine sehnsuchtsvolle und poetische Atmosph√§re zu kreieren, so etwa die titelgebende Erz√§hlung "Mir ist die Zunge so schwer" √ľber die Einsamkeit, Heimatlosigkeit und Sehnsucht ihres Protagonisten. Leider gelingt es der Autorin trotz der ernsten Thematik jedoch nicht durchg√§ngig, die Leserin mit ihren Geschichten in ihren Bann zu schlagen. Manches wirkt zu konstruiert, dann wieder zu belanglos oder sentimental.
Als Erinnerung an eine Generation, die in Vergessenheit zu geraten droht, ist das Werk dennoch lesenswert, auch wenn es der Leserin auf Grund der sehr k√ľhlen und emotionslosen Schilderungen beizeiten schwer f√§llt, eine wirkliche Beziehung zu den Protagonist*innen aufzubauen. In der Allt√§glichkeit der Sprache und des Geschilderten scheint kein Platz f√ľr gro√üe Emotionen, Gef√ľhlsausbr√ľche oder R√ľhrungen zu sein. Denn den Erz√§hlenden sind Zunge und Herz schwer.

AVIVA-Tipp: Lucia Leidenfrosts "Mir ist die Zunge so schwer" ist keine leichte Kost. Ihre Figuren sind Menschen, die viel erlebt und viel zu berichten haben, deren Geschichten traurig und bedr√ľckend sind, bewegen und nachdenklich stimmen. Dabei gelingt es der Autorin, sie in ihrer eigenen Sprache zu portraitieren und sensible Themen glaubhaft und ohne Pathos anzugehen.

Zur Autorin: Lucia Leidenfrost wurde 1990 in Frankenmarkt (Ober√∂sterreich) geboren. Sie studierte Germanistik, Skandinavistik und Germanistische Linguistik an der Eberhard-Karls-Universit√§t in T√ľbingen. Seit 2014 lebt sie in Mannheim und arbeitet am Institut f√ľr Deutsche Sprache. Ihre Erz√§hlungen sind in √∂sterreichischen und deutschen Literaturzeitschriften erschienen. Sie erhielt u.a. das Start-Stipendium des BMUKK f√ľr Literatur sowie den Anerkennungspreis U19 beim Marianne-von-Willemer-Preis. "Mir ist die Zunge so schwer" ist ihr erstes Buch.
Mehr Infos: www.lucialeidenfrost.at

Lucia Leidenfrost
Mir ist die Zunge so schwer

Kremayr & Scheriau, erschienen Februar 2016
Hardcover mit Schutzumschlag
192 Seiten, Format 12x20cm
ISBN: 978-3-218-01069-6
19,90 ‚ā¨
www.kremayr-scheriau.at

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Literatur > Romane + Belletristik Beitrag vom 29.08.2017 AVIVA-Redaktion 





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