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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 12.03.2012

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Nicole Hollmann - Out of Focus
Anna Fleischer

Zwischen der endlosen Bilderflut der medialen Berichterstattung im Informationszeitalter des 21. Jahrhunderts ist die ästhetische Verschwommenheit der Fotografien im Bildband der Hamburger ...



... Fotografin "Out of Focus" nicht nur sehenswerte Kunst sondern auch Entlastung f√ľr das √ľberreizte Auge.

Als urspr√ľngliches Medium der Klarheit und Objektivit√§t, diente Fotografie seit Beginn ihrer Entstehung als M√∂glichkeit den Eindruck eines Augenblicks realistisch festzuhalten und zu verewigen. Dabei galt die Devise: je mehr Bildsch√§rfe desto authentischer die Aufnahme. Jedes Detail eines Motivs sollte so pr√§zise wie m√∂glich abgebildet werden. Unsch√§rfe galt ausschlie√ülich als k√ľnstlerischer oder technischer Mangel der fotografischen Aufnahmen.

Seit der "Pictorial Photographie" um 1900 und spätestens seit den markanten Arbeiten Gerhard Richters ist Unschärfe jedoch ein integriertes und anerkanntes Stilmittel in der Fotografie. Anstelle von Klarheit richtet sich das neue Augenmerk auf die Faszination der subjektiven, atmosphärischen Empfindung.

Unter der Annahme, dass die visuelle Ebene nicht ausreicht, um alle Facetten einer Momentaufnahme abzubilden, distanziert sich die Fotografin Nicole Hollmann von der pr√§gnanten Bildsch√§rfe ihrer vorherigen Arbeiten als Modefotografin und Assistentin in den PPS-Studios bei F. C. Gundlach. Die Fotografien in "Out of Focus" entstanden u. a. in der Gro√üstadtmetropole New York City und zeigen ausnahmslos verschwommene Abbildungen. Die 1962 in Hamburg geborene Fotok√ľnstlerin m√∂chte die "leicht konsumierbaren optischen Informationen weglassen", um eine M√∂glichkeit zu finden, ihre New Yorker "Eindr√ľcke, die weit √ľber die reine visuelle Faszination hinausgingen", abzubilden. Das gewohnte Sehen soll durchbrochen werden und f√ľr eine spirituellere und somit sensiblere Art der Wahrnehmung ge√∂ffnet werden.

Die "Out of Focus"‚ÄďFotografien bestechen vor allem durch ihre intensiven, klaren Farben und die fast schon malerisch-impressionistischen Bildkompositionen. Das Auge der Betrachterin sucht zun√§chst vergebens nach mehr Anhaltspunkten, um das Sichtbare klarer einordnen zu k√∂nnen. Die Motive sind jedoch so unscharf, dass sich irgendwann nur noch das Spiel mit Farben und unscharfen Formen in seiner Ganzheit wahrnehmen l√§sst. Dabei zwingt Hollmann die Betrachterin, den leeren, "entstandenen [Bedeutungs-] Raum" selbst kreativ zu f√ľllen. Was zun√§chst das Betrachten st√∂rt - die unscharfen Formen, die sich jeder klaren Zuschreibung dezidiert entziehen - er√∂ffnet recht bald einen Raum f√ľr etwas Neues: Tats√§chlich lenkt Hollmann die Aufmerksamkeit auf eine andere Kraft der Wahrnehmung und l√§sst die Betrachterin sehr intensiv verschiedene Stimmungen und Atmosph√§ren der Stadt ersp√ľren, wie die Hektik, den Stra√üenl√§rm, die √ľberflutenden Lichter. Aber auch die Romantik der New Yorker Nacht, die magische Ruhe aus der H√∂he √ľber dem Dunst der Stadt und schlie√ülich die unbedingte Leere in der Distanz zwischen Bild und Betrachterin r√ľcken anstelle der Detailsch√§rfe nun in den "Focus".

"Out of Focus" gliedert sich in vier Kapitel und enth√§lt neben der Einf√ľhrung "Why >Out of Focus<" von der K√ľnstlerin selbst auch zwei Essays der Kunsthistoriker Hubertus Ga√üner und Klaus Honnef. Vom 11. Februar bis zum 22. Mai 2011 waren Hollmanns Fotografien auch als Teil der Ausstellung "Out of focus. After Gerhard Richter" in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

AVIVA-Tipp: Schon Goethe weigerte sich, sein Sehen durch eine Brille zu "verschärfen": "Ich sehe mehr, als ich sehen sollte, die schärfer gesehene Welt harmoniert nicht mit meinem Innern". Nicole Hollmann zeigt mit "Out of Focus", dass das Auge manchmal mehr sieht, wenn es weniger sieht. Sehr beeindruckend.

Nicole Hollmann
Out of Focus

Herausgegeben von F. C. Gundlach
Mit Texten von Hubertus Gaßner und Klaus Honnef
Kehrer Verlag, erschienen 2011
112 Seiten, 40 Farbabbildungen
Deutsch, Englisch
ISBN 978-3-86828-236-8
38 Euro

Weitere Infos im Netz unter:

www.nicolehollmann.com

www.kehrerverlag.com

www.fcgundlach.de

Literatur > Art + Design Beitrag vom 12.03.2012 AVIVA-Redaktion 





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