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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 17.08.2012

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Paula Bulling - Im Land der Fr√ľhaufsteher
Laura Wösch

Die Graphic Novel der Berliner Illustratorin setzt sich mit dem Alltag von AsylwerberInnen in Deutschland auseinander und zeichnet damit ein popkulturelles Bild unerträglicher Lebensumstände.



Der Werbeslogan des Bundeslandes Sachsen-Anhalt wirkt als Titel der Graphic Novel √ľber das Alltagsleben von AsylwerberInnen fast schon zynisch. Warum fr√ľh aufstehen, wenn mensch doch nichts zu tun hat? In einem Land, das sich mit dem Stereotyp des_der strebsamen Deutschen schm√ľckt, wirken diejenigen, die nichts zu tun haben, als faul und deplaziert.

Tats√§chlich ist es aber nat√ľrlich so, dass Menschen, die in Deutschland um Asyl ansuchen, nichts lieber t√§ten als zu arbeiten, nur d√ľrfen sie das nicht. Das Arbeitsverbot ist aber nicht die einzige Einschr√§nkung, von denen AsylwerberInnen in Deutschland betroffen sind. Durch die Residenzpflicht, die ihnen das Verlassen eines Landkreises verwehrt, wird die Bewegungsfreiheit von AsylwerberInnen ma√ügeblich eingeschr√§nkt. Wer sich nicht daran h√§lt, muss mit einer hohen Geldstrafe rechnen. Mit dieser Ma√ünahme wird bewusst eine Isolation erzeugt, um eine Eingliederung in die Gesellschaft zu verhindern. Arbeit und soziale Kontakte herzustellen und zu pflegen, sind jedoch notwendige Eckpfeiler der Integrationsarbeit und generell des gesellschaftlichen Miteinanders. Das Leben in einem Asylheim gleicht jedoch, durch dessen Abgeschiedenheit und der r√§umlichen Einschr√§nkung, eher einem Gef√§ngnisalltag. "Man kommt hier her, man ist jung und dann altert man nur noch" ist ein beliebter Ausspruch der Betroffenen und Ausdruck ihrer Trostlosigkeit und Stagnation.

Die 26-j√§hrige studierte Illustratorin und Keramikerin Paula Bulling stellt in ihrer dokumentarischen Comic-Erz√§hlung eben dieses Dilemma der Allt√§glichkeit, das Leben in einer gesellschaftlichen Grauzone, in Bildern dar. Eine rein deskriptive Position wollte sie jedoch nicht einnehmen, weswegen sie sich und die kritische Auseinandersetzung mit ihrer Wei√üheit zum Thema macht. So beschreibt sie ihre behutsame Ann√§herung an die im Fl√ľchtlingslager lebenden Personen ohne "wei√üe Bilder von schwarzen Menschen" zu produzieren. Ihr Alter Ego Paula ger√§t deswegen in der Geschichte in eine Diskussion mit einem Freund. Er spricht von einer Struktur, in der Wei√üe immer noch die EntdeckerInnen sind und das "Fremde" beschreiben w√ľrden. Auf Paulas Frage, was sie denn ansonsten tun solle, antwortet er: "Zum Beispiel zuh√∂ren und die Anderen reden lassen." In Paulas Ver√∂ffentlichung "Im Land der Fr√ľhaufsteher" bekommen die AsylwerberInnen nun eine Stimme, sprechen in ihrer eigenen Sprache und treten somit f√ľr einen Moment aus ihrer Isolation heraus. Paula Bulling gibt ihnen Identit√§ten und eine Kontur, aber keine Farbigkeit.

Paula Bulling interessiert das Naheliegende des Alltags, vor dem mensch jedoch gerne die Augen verschlie√üt: "Fl√ľchtlingspolitik wird direkt vor unserer T√ľr gemacht und gleichzeitig zeigt sich darin die ganze Verstricktheit und Brutalit√§t der globalisierten Welt." Ihre Besch√§ftigung damit begann, als sie auf einer Reise durch Syrien MenschrechtsaktivistInnen kennenlernte, die in Deutschland um Asyl ansuchten. Nach einem Besuch im AsylwerberInnenheim Katzh√ľtte in Th√ľringen lie√üen sie die Gedanken daran nicht mehr los. Der so ernsten Thematik wollte sie sich schlie√ülich weniger schwer ann√§hern: "Comic ist ein popul√§res und zug√§ngliches Medium und gleichzeitig sehr komplex. Mich interessiert der Kontrast zwischen dem ernsten Thema und der scheinbar leichten Form." Die Pr√§gnanz des popkulturellen Mediums verhilft ihr dazu, ein sehr komplexes politisches Thema auf einer unmittelbareren, emotionalen Ebene erfahrbar zu machen. Zudem gefalle ihr diese Form Themen aufzubereiten sehr gut, da zwei unterschiedliche Ebenen, die der Erfahrung und die der Erinnerung, sich gegenseitig erg√§nzen: "Mir liegt auch der Arbeitsprozess, in dem ich mich erst intensiv mit einer Situation aussetze und hinterher an den Zeichentisch zur√ľckziehe. Die Kombination aus beidem funktioniert sehr gut f√ľr mich.

In enger Zusammenarbeit mit den in der Graphic Novel portraitierten AsylwerberInnen hat die junge Berliner K√ľnstlerin das Leben in den Wohnheimen Halle, Halberstadt und M√∂hlau/Wittenberg dokumentiert. Letzteres ist aufgrund seines verwahrlosten Zustands und seiner verkehrstechnischen Abgeschiedenheit in den Fokus von MenschenrechtsaktivistInnen geraten.

Salomon Wanchoucou, ein mit der Autorin befreundeter Asylwerber, zu den Zuständen vor Ort: "In diesem Heim ist eine Integration unmöglich, weil wir aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Wir haben zu niemandem Kontakt. Man verweigert uns das Recht zu arbeiten, man verweigert uns alle Rechte. Das ist es, was man Isolation nennt." Hinzu kommt, dass die Sicherheit bei Verlassen des Heimes selten gewährleistet wird. Gerade in Sachsen-Anhalt ist das Ausmaß rechtsextremer Gewalt sehr hoch. In derartigen Gewaltsituationen kulminieren jene Ebenen, die das Leben als AsylwerberInnen in Deutschland unerträglich macht: Isolation, Rassismus, Ignoranz.

Paula Bullings Erz√§hlung endet deswegen mit dem Unfalltod eines georgischen Fl√ľchtlings aus M√∂hlau. Die Polizei jedoch legte den Vorfall bereits nach zwei Monaten ad acta. Die Familie des Georgiers war auch nach dessen Tod, zwischen 2009 bis 2012, von der Abschiebung bedroht, obwohl die beiden T√∂chter in Deutschland aufgewachsen sind. Erst Ende Juni dieses Jahres bekamen sie den positiven Asylbescheid durch die H√§rtefallkommission. Wie es zu dem t√∂dlichen Unfall des Vaters und Ehemannes kommen konnte, bleibt indessen unaufgekl√§rt. Die Verschleierung solcher Gewalttaten sind kein Einzelfall und schreiben sich im kollektiven Ged√§chtnis ein. Farid, einer der Hauptprotagonisten in der Graphic Novel, beschreibt dieses Gef√ľhl mit den Worten: "Das bitterste f√ľr mich ist, dass es keinen interessiert, ob hier einer verreckt."

AVIVA-Tipp: Eindrucksvoll erz√§hlt die junge Illustratorin Paula Bulling in ihrem Comic-Deb√ľt vom Leben in der gesellschaftlichen Peripherie. Die Reflexion ihrer eigenen Perspektive erm√∂glicht es, die Mechanismen dieses Ausschlusses aufzuzeigen. Das Ende ihrer gro√üartigen Graphic Novel ist angemessen ern√ľchternd.

Paula Bulling
Im Land der Fr√ľhaufsteher

Avant Verlag, erschienen Juni 2012
Softcover, 120 Seiten
ISBN 978-3-939080-68-8
17,95 Euro
www.avant-verlag.de

Weitere Informationen:

Paula Bulling

Arte-Beitrag √ľber Paula Bullings Graphic Novel

www.ludwigstrasse37.de/nolager, die Seite von AktivistInnen aus Halle/Saale, die sich f√ľr die Rechte von Asylsuchenden in Sachsen-Anhalt engagiern. Mit aktuellen Infos.

Kampagne gegen die Residenzpflicht

The VOICE Refugee Forum Germany

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Noah Sow - Deutschland Schwarz Weiß - Der alltägliche Rassismus

Literatur > Graphic Novels Beitrag vom 17.08.2012 AVIVA-Redaktion 





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