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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.07.2013

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Maria Braig (Hg.) - Jetzt bin ich hier. Anthologie
Claire Horst

Urspr√ľnglich war eine Anthologie mit Texten von Fl√ľchtlingen geplant, schreibt die Herausgeberin in ihrem Vorwort. Es ist mehr als das geworden, n√§mlich eine Textsammlung zum Thema Migration und...



... Flucht.

Einige der Texte stammen wie beabsichtigt von AutorInnen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Andere AutorInnen haben einen wie auch immer gearteten "Migrationshintergrund". Dementsprechend unterschiedlich sind die Herangehensweisen an die Thematik.

Ein Teil der Beitr√§ge entstand in Schreibwerkst√§tten mit Fl√ľchtlingen: in einem Berliner Projekt der Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren f√ľr Fl√ľchtlinge und Folteropfer (BAfF) und in Kursen des Evangelischen Bildungswerks Dortmund. Diesen Texten sind der Schmerz und die tiefe Trauer, oft auch die Traumatisierung der VerfasserInnen anzumerken. Teilweise sind es sehr junge AutorInnen, die √ľber ihre Verlusterfahrungen, √ľber die Sehnsucht nach der eigenen Familie oder √ľber ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft schreiben. Ersch√ľtternd ist gerade die Macht dieser Hoffnung, der Wille, sich zu Hause zu f√ľhlen in einem Land, das viele dieser Kinder √ľber Jahre und Jahrzehnte ohne gesicherten Aufenthaltsstatus leben l√§sst. "Am Ende m√∂chte ich sagen: Am Ende wird alles gut. Wenn noch nicht alles gut ist, dann ist das nicht das Ende." Mit dieser m√§rchenhaften Formel scheint der 20-j√§hrige Autor Waheed Tajik sich Mut zu machen, den er auch dringend brauchen kann, denn er lebt allein in Deutschland. Seine Familie ist in Griechenland.

Herzzerrei√üend ist es, wenn etwa Nejad von seinem Traum schreibt, ein Land zu finden, in dem "Frieden und Z√§rtlichkeit" selbstverst√§ndlich ist. "In diesem Land fragt niemand nach deinem Geschlecht. Niemand fragt dich, ob du M√§dchen oder Junge, Frau oder Mann bist. Niemand fragt, ob du hetero-, trans- oder homosexuell bist. Niemand fragt nach deinen Eigenschaften, nach deinen Gewohnheiten, nach deinem Lebensstil und niemand bestimmt dein Leben." Ein wenig Fantasie gen√ľgt, um sich vorstellen zu k√∂nnen, aus welchen Erfahrungen heraus solche Geschichten entstehen. Und dass der Autor dieses Land des Friedens in Deutschland nicht gefunden hat, versteht sich von selbst.

Es sind sehr starke Texte darunter wie der des ehemaligen Asylbewerbers Mohammad Ali Gharagozlou, dessen erz√§hltes Ich nur noch Erinnerungen an seinen verstorbenen Vater hat, "Erinnerungen, die ich zuf√§llig in der Schatulle meines K√∂rpers namens Hirn gefunden habe. Sie sind zum Teil verstaubt und nicht mehr identifizierbar." Andere AutorInnen k√§mpfen noch um eine Ausdrucksm√∂glichkeit, k√§mpfen mit der Unm√∂glichkeit, das Erlebte in Worte zu fassen. Zutiefst ber√ľhrend sind auch diese Kurzgeschichten und Gedichte. Die Texte erz√§hlen von Verfolgung und k√∂rperlicher Gewalt, von Fluchterfahrungen, von Schleppern und Abh√§ngigkeit, aber auch von der ganz allt√§glichen Einsamkeit deutscher und nichtdeutscher Seniorinnen.

Die Zusammenstellung der Texte wirkt teilweise etwas willk√ľrlich ‚Äď der Aufsatz des ruandischen Sozialwissenschaftlers Emmanuel Ndahayo √ľber afrikanische religi√∂se Gemeinden h√§tte einen Platz in einer wissenschaftlichen Sammlung verdient und verliert sich zwischen den belletristischen Texten etwas. Andererseits ist diese Vielfalt vielleicht auch gewollt. Denn sie zeigt, wie unterschiedlich die Geschichten der Fl√ľchtlinge in Deutschland sind. Auch, dass manche Biografien aus der Au√üenperspektive erz√§hlt werden, hat Vor- und Nachteile. So kommt die kosovarische Familie Krasniqi im Gespr√§ch mit einer au√üenstehenden Autorin zu Wort. Das erm√∂glicht es, die Stimmen aller Familienmitglieder zu h√∂ren. Zugleich ist die Chance vertan, sie unkommentiert erz√§hlen zu lassen.

AVIVA-Tipp 30 Prozent des Verkaufserl√∂ses gehen an Exil e.V., ein Osnabr√ľcker Projekt, das Fl√ľchtlinge unterst√ľtzt. Aber nicht nur dieser Zweck spricht daf√ľr, das Buch zu kaufen. Es erlaubt auch einen ungesch√∂nten Einblick in die Lebenswelt der AutorInnen, eine Perspektive, der viel zu wenig Raum geboten wird. Selbst die Tatsache, dass anscheinend nicht ausreichend Texte gefunden wurden, die von Gefl√ľchteten selbst verfasst wurden, zeigt ja, dass diese kaum eine Stimme haben. AsylbewerberInnen haben in Deutschland keinen Zugang zu Sprachkursen, leben meist abgeschieden von den St√§dten und verf√ľgen oft auch nicht √ľber Zugang zu Internet oder Zeitungen. Braig wird sich weiterhin daf√ľr einsetzen, dass ihre Geschichten dennoch geh√∂rt werden. Sie plant eine weitere Anthologie, diesmal zum Thema Abschiebung.

Zur Herausgeberin: Maria Braig wurde 1957 geboren. Sie studierte Germanistik, Theaterwissenschaft, Geschichte und Empirische Kulturwissenschaft und arbeitete als Lektorin, Versandhändlerin und Redakteurin. Sie ist heute LKW-Fahrerin, Texterin und freie Autorin. Braig engagiert sich seit vielen Jahren in der Umwelt- und Friedenspolitik, sowie in der Asyl- und Menschenrechtsarbeit.
(Quelle: Verlagsinformationen)

Maria Braig
Jetzt bin ich hier. Anthologie

Verlag 3.0
Erschienen am 20. Juni 2013 (Weltfl√ľchtlingstag)
ISBN: 978-3-944343-64-8
14,80 Euro (33% des Erl√∂ses gehen an das Osnabr√ľcker Zentrum f√ľr Fl√ľchtlinge, Exil e.V.)

Diesen Titel können Sie online bestellen bei FEMBooks





Literatur > Sachbuch Beitrag vom 08.07.2013 Claire Horst 





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