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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 17.01.2016

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Ruth Stoltenberg - Objekt I. Untersuchungshaftanstalt und Haftkrankenhaus Berlin-Hohenschönhausen
Sharon Adler

Die Aufnahmen der fĂŒr ihre fotografische Recherche ausgezeichnete Fotografin zeigen das ehemalige StasigefĂ€ngnis Hohenschönhausen und sein Haftkrankenhaus. Verhörzimmer und GefĂ€ngniszellen,...



... oder einzelne Objekte und Detailaufnahmen symbolisieren als stumme Zeugen den Machtapparat, der bis in die kleinsten Schreibzimmer der BefehlsempfĂ€nger_innen reichte, die gefĂŒhllos und sadistisch Befehle ausfĂŒhrten.

Die Kamera dokumentiert das Elend dieser Zeit und des darin begangenen Unrechts an den Menschen, die sich gegen dieses System auflehnten oder aus deren Sicht dagegen verstießen. Im Fokus der Fotos stehen unter anderem die StĂŒhle, auf denen die Inhaftierten wĂ€hrend der oft stunden- oder tagelangen Verhöre saßen. Aufnahmen von abblĂ€tternder Tapete in leeren RĂ€umen stehen fĂŒr den Verfall eines Systems, das auch heute noch von manchen glorifiziert wird.

Ob das Foto eines Untersuchungsstuhls in einem vollstĂ€ndig gefliesten Raum, oder eines Schreibtischs, auf dem sich als einziger Gegenstand die Schreibmaschine befindet, auf der die Verhörprotokolle abgetippt worden, oder die Detailaufnahme einer Telefonanlage – durch jedes abgebildeten Objekt wird ein weiteres Folterinstrument sichtbar.
Gerade die SterilitĂ€t und kompositorische Schlichtheit der Fotografien von Ruth Stoltenberg lĂ€sst das Grauen nur erahnen und macht es doch körperlich fĂŒhl- und spĂŒrbar.
AuffĂ€llig sind die Interieurs der Verhörzimmer, die eine gemĂŒtliche WohnzimmeratmosphĂ€re im Gegensatz zur karg eingerichteten Zelle herstellen sollten. Der perfide Hintergedanke: Die Gefangenen sollten so Vertrauen gewinnen und gesprĂ€chsbereit gemacht werden.
Neben den sensiblen Fotografien kommen auch Zeitzeug_innen zu Wort, die in diesen RĂ€umen die Schrecken und Praktiken des Stasiregimes an Leib und Seele erfahren mussten.

Nicht der voyeuristische, sondern der dokumentarisch-philosophische Blick war der Antrieb fĂŒr die Fotoserie von Ruth Stoltenberg. Sie kommentiert nicht, stellte vielmehr die zentralen Fragen als Ausgangspunkt: "Wie groß ist der menschliche Urtrieb nach Freiheit? Wie hĂ€lt ein Mensch die Foltermethoden, Zersetzungsstrategien, das absolute Ausgeliefertsein aus? Wie ĂŒberlebt frau/man die vielen Tage, Wochen, Monate in der Ungewissheit und Angst? Was erzĂ€hlt frau/man den Vernehmer_innen in stundenlangen Verhören?"
Schon zuvor hatte die Fotografin sich mit dem Thema beschÀftigt: Mit ihrer Serie "Lost in interiors - Photographische Positionen zur politischen Haft" war sie 2014 in der Kommunalen Galerie Berlin als offizieller Programmteil des 25. JubilÀums des Berliner Mauerfalls vertreten.

AVIVA-Tipp: Gerade durch die Schnörkellosigkeit und Reduziertheit der Aufnahmen wirken die einzelnen Motive noch lange nach. Das Fotoprojekt "Objekt I. Untersuchungshaftanstalt und Haftkrankenhaus Berlin-Hohenschönhausen" steht gegen das Vergessen und fĂŒr das Sichtbarmachen eines unmenschlichen Ortes. An den Traumata ihres hier erlittenen Unrechts leiden die damaligen Gefangenen bis heute.

Zur Fotografin: Ruth Stoltenberg geboren 1962 in Saarburg, Rheinland-Pfalz, lebt heute in Hamburg. Nach einer zehnjĂ€hrigen TĂ€tigkeit als Fernsehredakteurin fĂŒr Kinder- & Kurzprogramm (1990-2000) begann sie 2004, sich intensiv mit Fotografie zu beschĂ€ftigen.
Ruth Stoltenberg hat fĂŒr ihr Buchprojekt "Objekt I - StasigefĂ€ngnis und Haftkrankenhaus Berlin-Hohenschönhausen" den Förderpreis der Stiftung Kunstfonds sowie den Förderpreis der Bundesstiftung Aufarbeitung erhalten.
Mehr Infos unter: www.ruthstoltenberg.de

Ruth Stoltenberg
Objekt I. Untersuchungshaftanstalt und Haftkrankenhaus Berlin-Hohenschönhausen

Autor_innen: Roland Jahn, Ruth Stoltenberg, Wolfgang Zurborn
KĂŒnstlerin: Ruth Stoltenberg
Gestaltet von Ruth Stoltenberg und Kehrer Design
Festeinband mit Schutzumschlag, 22 x 28 cm, 128 Seiten plus 24-seitiges englisches Booklet, 80 Farbabb.
Deutsch/Englisch
ISBN 978-3-86828-601-4
Euro 29,90
Kehrer Verlag, erschienen Herbst 2015
www.artbooksheidelberg.com

Ausstellungen und BuchprĂ€sentationen in 2016 ĂŒber das StasigefĂ€ngnis und Krankenhaus Berlin-Hohenschönhausen

18.03.-08.05.2016 Ausstellung in der Gedenk- und BildungsstĂ€tte Andreasstraße, Erfurt
17.03.2016 Ausstellungseröffnung und BuchprÀsentation

11.05.- Ende Juni 2016 Ausstellung in der GedenkstÀtte Amthorduchgang e.V., Gera
10.05.2016 Ausstellungseröffnung und BuchprÀsentation

Juli/August 2016 Ausstellung in der Dokumentations- und GedenkstÀtte Rostock

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Rengha Rodewill - Hoheneck. Das DDR-Frauenzuchthaus. Dokumentarische Erkundung in Fotos mit Zeitzeugenberichten und einem Vorwort von Katrin Göring-Eckardt (2014)
Jail house feeling? Nach einer solch geschmacklosen Missachtung der Opfer Hohenecks ist Rodewills respektvolle ZusammenfĂŒhrung von Wort und Fotografie umso bedeutender. ErdrĂŒckend klar gedenkt ihr Projekt der Haftbedingungen politisch gefangen genommener Frauen. Die Fotografin setzt den mit "Bautzen II" begonnenen Beitrag zur Erinnerungskultur fort.

Rengha Rodewill - Bautzen II. Dokumentarische Erkundung in Fotos mit Zeitzeugenberichten mit einem Vorwort von Gesine Schwan (2013)
Gefangenschaft und Grausamkeit, Macht und Ohnmacht. Fotografien und Berichte von ZeitzeugInnen im Bildband erzÀhlen von der brutalen RealitÀt des ehemaligen Stasi-GefÀngnisses. Die Fotografin will damit gegen ein Vergessen dieses Ortes ankÀmpfen.



Quelle: Kehrer Verlag



Literatur > Sachbuch Beitrag vom 17.01.2016 Sharon Adler 





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