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AVIVA-BERLIN.de im Juli 2018 -

Jüdisch, feministisch, erfolgreich


Deutschlandradio Kultur vom 16. Juli 2007. Autorin: Vanja Budde



Das Frauen-Onlinemagazin "Aviva-Berlin " ist am Küchentisch einer Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg entstanden. "Aviva" ist das hebräische Wort für Frühling. Chefredakteurin Sharon Adler ging mit ihrem Projekt ein finanzielles Wagnis ein, das sich aber gelohnt hat: "Aviva-Berlin" zählt zu den führenden Online-Frauenmagazinen mit einer bundesweiten Leserschaft. Erfolg bleibt nicht ohne Folgen: Jüngst hatte das Magazin einen massiven Hackerangriff zu überstehen.
Sharon Adler ist wie immer im Stress: An ihrem Schreibtisch zwischen Papierbergen und schwankenden Büchertürmen organisiert sie Kette rauchend Interviewtermine, verteilt die neuesten Musik-CDs an ihre Rezensentinnen und hat gleichzeitig mit den Folgen des Hackerangriffs zu kämpfen: Rund 1.000 Datensätze müssen wieder neu auf die Seiten von "Aviva" gehoben werden und die Technikerin ist krank. Ein ganz normaler Tag im Leben von Sharon Adler also.

"Ich hab keinen Feierabend, ich leg nie die Füße hoch. Das Schöne an 'Aviva' ist ja auch, dass sich Privates und Berufliches miteinander absolut mischt. Ich kann mit dem Begriff Freizeit überhaupt gar nichts anfangen. Ich war immer selbstständig. Ich bin jetzt 44 und ich hab ein halbes Jahr in meinem Leben fest angestellt gearbeitet, nach der Ausbildung zur Fotografin."

Bilder macht Sharon Adler auch heute noch beruflich, hauptsächlich Porträtaufnahmen. Die Fotografie ist ihr zweites Standbein, ihr kleines Fotostudio Teil der Redaktionsräume von "Aviva" in einer gemütlichen Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg, in der ein hellblauer Wellensittich namens "Zippi" frei herum flattert.

2006 hat Sharon Adler ein Fotobuch veröffentlicht: "Damenwahl. Frauen und ihre Autos". Fünfzig prominente Frauen wie Ulrike Folkerts, Jutta Kleinschmidt und Marla Glen erzählen von geliebten Autos, die für sie Freiheit und Erfolg symbolisieren. Sharon Adler selbst räkelt sich im Kofferraum eines Citroens Plurielle, die Kamera in der Hand, die langen schwarzen Locken zurückgebunden, gekrönt von einer Sonnenbrille. Zarte, blasse Haut, dunkle Augen. Sharon Adler - eine Feministin?

"Vielleicht, ich weiß nicht, wahrscheinlich, keine Ahnung, schon, also klar! (lacht). Also ich krieg wirklich Pickel, wenn ich bestimmte Geschichten höre. Wie viele Frauen sind denn tatsächlich in den Aufsichtsräten und in den Vorständen der Dax-Unternehmen? Tja. Ich hab auch Männer in meinem Freundeskreis, durchaus, viele schwule Männer auch, aber ich finde oft, dass Männer einem irgendwie immer zu irgendeinem Zeitpunkt erzählen wollen, wie man es doch richtig macht. Und das nervt."



























Sharon Adler ist in Berlin als Tochter einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen. Und auch sie zieht heute ihre elfjährige Tochter Mara alleine groß. Sie stammt aus einer Familie starker jüdischer Frauen: Ihre Großmutter floh vor den Nationalsozialisten na ch Israel und bildete dort Blindenhunde aus. Sharon Adler hat diese Tatkraft geerbt. Sie arbeitet gerne; bei Erschöpfung kann sie ihre Batterien schnell wieder aufladen. Ein ruhiger Abend zu Hause reicht, dann kann sie weiter 70 Stunden in der Woche ständig mindestens fünf Dinge gleichzeitig tun. Jeden Abend zu einer Lesung, Vernissage oder Filmpremiere - ihr selbst wird dieser Trubel nie zu viel, sagt sie.

"Die andern kriegen dann 'ne Krise. Vor allem, als ich versucht habe aufzuhören zu rauchen: das war ganz, ganz schrecklich."

Nach der Geburt ihrer Tochter und ein paar Jahren als freie Fotografin kam Sharon Adler die Idee für ein Online-Magazin eher nebenbei. Sie machte gerade eine Fortbildung zur Computer-Grafikerin und war von der Internet-Technik fasziniert. Also nahm sie vor sieben Jahren einen Kredit über 30.000 Mark auf und legte los.

Heute finanziert sich Aviva-Berlin über Anzeigen. Themen sind "Woman and work", Kultur, Literatur, Musik, "Technik", "Girls+Boys", "Public Affairs" und "Jüdisches Leben". Eine Mischung aus "Spiegel", "Brigitte" und "Jüdische Allgemeine" im Internet. Etwa 30 Journalistinnen, Grafikerinnen und Programmiererinnen helfen meist ehrenamtlich dabei, "Aviva" ständig zu aktualisieren, unter ihnen auch Sharon Adlers Lebensgefährtin. 130.000 Mal wurden die Seiten im vergangenen Monat angeklickt. Auch von Neonazis, die dann Hassmails schicken, Maden in den Redaktionsbriefkasten werfen oder möglicherweise auch den Hackerangriff starteten. Sharon Adler lebt trotzdem gerne in Berlin.

"Ich fühl mich sehr, sehr wohl, trotz der fiesen Briefe, ich bin mit offenen Augen unterwegs und ich glaube, wenn's jetzt total massiv werden würde, dann könnte ich ganz schnell meine Koffer und meine Bücher packen, meine Tochter schnappen und dann klar, natürlich. Man hat ja auch aus der Geschichte gelernt. Und ich würde auch nie in Brandenburg Zelten gehen."

Aber ihre Identität als Jüdin biete auch Vorteile, sagt Sharon Adler und lächelt frech.

"Vielleicht kann man das auch mal so blasphemisch sagen: es ist ja absolut politisch korrekt heutzutage. Mit mir darf sich ja niemand anlegen, weil ich 'ne Frau und noch dazu 'ne Jüdin bin (lacht). Das wäre ja verwerflich. Judentum ist schick und gehört dazu."

Sharon Adler eilt auf Strümpfen zur Tür, begrüßt eine Mitarbeiterin. Die Pause ist vorbei, der Redaktionsalltag hat sie wieder.

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