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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 28.08.2003


Ein Künstler, der zeichnet und provoziert
Gerlinde Behrendt

Art Spiegelman im Podiumsgespräch in Berlin




Welchen Beruf üben Sie aus? Diese Frage muss Art Spiegelman immer beantworten, wenn er in Deutschland einreist. Ist er Cartoonist, Illustrator, Grafikkünstler oder Lehrer? Und jedes Mal ist die Antwort unterschiedlich. Begonnen hat er seine Karriere als Zeichner von künstlerischen Underground Comics, berühmt wurde er mit dem narrativen Holocaust Comic Maus, für den er auch den Pulitzer Preis bekam. Gleichzeitig war Spiegelman von Anfang an Theoretiker des Genres, er hat eine wissenschaftliche Arbeit über den 50er Jahre Cartoonisten Bernard Krigstein geschrieben. Da ist es fast schon selbstverständlich, dass er seine Erkenntnisse auch als Lehrer weitergibt, u.a. an der New York School of Visual Arts. Hier war er Mitherausgeber des Avantgarde Comic Magazins Raw. Schließlich zeichnete er 10 Jahre lang international bekannt gewordene Illustrationen für das jüdische Kulturmagazin New Yorker.

Paul Auster schrieb über die Magazincover vor Art Spiegelman: "Bevor Spiegelman sich dem New Yorker anschloss, hatte dieser durch seine uninteressante Titelgestaltung eine geradezu komische Berühmtheit erlangt". Mit "Kisses from New York" von 1993 gelang Spiegelman ein fulminanter Auftakt. Er erzählte von seinem Traum für den Valentinstag: Sich über alle ethnischen Konflikte im Brooklyner Crown Heights hinweg zu vertragen: Ein orthodoxer jüdischer Mann küsst eine afro-amerikanische Frau. Paradoxerweise habe er es sogar geschafft, dass sich beide ethnischen Gruppen einig waren: In ihrer Verärgerung über das Titelbild. Die Chassidim fanden es unmöglich für einen orthodoxen Mann, seine Frau in der Öffentlichkeit zu küssen. Die schwarze Community von Brooklyn hat sich aufgeregt, weil es nicht geht, dass der jüdische Mann den ganzen Spaß hat und die afro-amerikanische Frau sich benutzen lässt. Augenzwinkernd berichtet Spiegelman auch über eine positive Reaktion.Eine geschichtsbewusste Amerikanerin hat sich gefreut, dass er illustriert hat, wie Abraham Lincoln eine befreite Sklavin küsst....Aber - er gibt es gern zu - die Streitigkeiten waren für den eigenwilligen Künstler ein Teil des Spaßes.

Jetzt möchte Spiegelman wieder zum Comiczeichnen zurückkehren. Comics sind ein narratives Medium und sie kommen der menschlichen Art zu denken entgegen: "People think in iconographic images, not in holograms, think in bursts of language, not in paragraphs." Für ihn entscheidend war das hautnahe Erlebnis des 11. September 2001 in New York. Er hat seine emotionale Wahrnehmung der Twin Towers Silhouette in einer seiner letzten Cover-Illustrationen verarbeitet: Ein Bild in unterschiedlichen Schwarztönen. Er hatte das Gefühl, er sei an einem Endpunkt angekommen, jetzt müsse von vorn beginnen und den Comic für sich neu erfinden. Den Anfang machte eine Serie mit großformatigen documentary comics für die "Zeit" über die post-traumatischen Erlebnisse: "In the Shadows of No Towers". Zum Titel sagte er, es sei eine Reaktion wie eine Art Phantom Schmerz: er geht heute noch in die Hafengegend von Manhattan und schaut in die Richtung der Towers mit der Hoffnung, dass sie vielleicht doch noch da sind.

Er stellt einige seiner Vorbilder vor: frühe MAD Comics ("the media is lying and we are part of the media"), Bernard Krigstein, Robert Crumb und die Underground Comic-Szene. An einem Comic von Bernard Krigstein zeigt er eine künstlerisch vorbildliche Konstruktion eines Comics: "architektonische" Aufteilung der Panels auf der Seite, filmische Dramaturgie der entwickelten Szene. Sein Lieblingscomic ist Krazy Kat: es sind Variationen immer derselben Geschichte einer Katze, die es darauf anlegt, von der Maus mit einem Ziegelstein beworfen zu werden - eine Geschichte mit offenem Ende....


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Beitrag vom 28.08.2003

Gerlinde Behrendt