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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.05.2008

Berlin. Polnische Perspektiven, herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski und Maciej Górny
Yvonne de Andrés

Die zweitgr√∂√üte Zuwanderungsgruppe in Berlin sind Polen. Die Wahrnehmung f√ľr das Wissen, die Pr√§senz und die Vielfalt der Erinnerungslandschaft zu wecken, ist das Anliegen dieses Lesebuches.



"Zwar ist es den meisten Berlinern bekannt, dass ihre Heimatstadt traditionell seit Jahrhunderten ein wichtiges Migrationsziel f√ľr Menschen aus Mittel- und Osteuropa war", schreibt Basil Kerski in dem Buch "Berlin. Polnische Perspektiven". Trotzdem sei die polnische Einwanderung ein gro√üer, wei√üer Fleck im kulturellen Bewusstsein der Hauptstadtbewohner. Um diese L√ľcke zu f√ľllen, haben bb>Dorota Danielewicz-Kerski und Maciej G√≥rny im April 2008 dieses spannende Lesebuch herausgegeben.

Mit diesem wei√üen Fleck im Bewusstsein der angeblich so weltoffenen Metropole Berlin verh√§lt es sich gerade so wie mit den Kenntnissen der polnischen Geschichte insgesamt. Sie ist in Deutschland haupts√§chlich in der Perspektive deutscher Vertriebener pr√§sent und in der Gewissheit, dass man f√ľr alles, was man irgendwie billiger braucht schon eine Polin oder einen Polen findet.

"Berlin. Polnische Perspektiven" ist daher ein Augen√∂ffner und genau auch als solcher gedacht. Die Anthologie enth√§lt Erinnerungen von Adligen, SchriftstellerInnen, Untergrundk√§mpfern, Gefangenen und KZ-H√§ftlingen, Musikern wie Artur Rubinstein oder auch B√ľrgerInnen und StudentInnen in Schlachtensee. Manche Polen erlebten Berlin als Fl√ľchtlinge, manche als Durchreisende, andere lebten l√§nger in der Stadt, nicht wenige waren gegen ihren Willen hier, andere wiederum waren sogar an der Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus beteiligt.

Das Buch bl√§ttert mit der Geschichte der polnischen BerlinerInnen im Grunde die in Deutschland fast vollkommen ausgeblendete Geschichte der polnisch-deutschen Beziehungen auf, eine Geschichte voller Missachtung, Dem√ľtigung und Verbrechen, die meist schon direkt vor der eigenen Haust√ľre begannen. In vier Kapiteln versuchen die HerausgeberInnen die deutsche Leserschaft f√ľr die polnische Wahrnehmung von Berlin zu gewinnen: "Unterwegs in Berlin. Polnische Berlin-Besucher", "Polnische H√§ftlinge, Gefangene und Zwangsarbeiter", "die Polnische Armee im Kampf um die Reichshauptstadt" und "die Erinnerungen Polnischer Berliner". Alle Kapitel werden durch ein l√§ngeres Essay eingef√ľhrt. Die unterschiedliche Sichtweisen, Perspektiven und Stimmen ergeben sich sowohl aus dem Blickwinkel als auch aus der Zeitachse.

Seit dem Wiener Kongress 1815 und der dritten Teilung Polens finden sich Spuren von Arbeitern und Adeligen in der Berliner Geschichte. Die polnische Adelige Maria Ma¬≥gorzata z Radziwi¬≥¬≥√≥w Franziskowa Potocka (1875-1962) beschreibt in ihren Memoiren "Dennoch hinterlie√ü das Leben im alten Haus bei allen Kindern Erinnerungen wie an einen Hafen im Paradies oder an eine Oase in Berlin.", Bei dem alten Haus handelt es sich um das Palais Radziwill in der Wilhelmstra√üe 77, wo sich die geistige Elite der preu√üischen Hauptstadt traf. 1875 erwarb Bismarck das Palais f√ľr das Deutsche Reich und es blieb bis 1945 die Adresse der Reichskanzlei.

Ganz anders die Eindr√ľcke von Karolina Lanckoro√Īska, die w√§hrend des Zweiten Weltkrieges im Untergrund aktiv war und sp√§ter das Gef√§ngnis in Berlin-Moabit und das KZ Ravensbr√ľck √ľberlebte: "Dieselbe Sprache, in der ich einst viele kulturelle G√ľter empfangen und aufgenommen hatte, war mir heute verg√§llt. Die Erlebnisse der letzten Jahre hatten sie entehrt".

Auch Ludomi¬≥a C. Szuwalska, die w√§hrend des Zweiten Weltkrieges in Berlin zur Zwangsarbeit gezwungen wurde, schreibt √§hnlich: "Jeden Morgen wurden wir auf den Hof gef√ľhrt. Hier fand der Menschenmarkt statt. Es kamen Vertreter von Fabriken, G√§rtner und Bauern. Sie gingen langsam an unserer Reihe vorbei, betrachteten uns aufmerksam, taxierten uns wie eine Ware."

Die Soziologin und Osteuropaexpertin Johanna Schallert fasst in ihrem Beitrag "Polnische Berliner" die polnische Zuwanderung nach Berlin vom 19 Jahrhundert bis in die Gegenwart zusammen. Die Stadt war durch die Gr√ľndung von Einrichtungen f√ľr Kultur und Wissenschaft, aber auch durch die neu entstehenden Fabriken ein Magnet geworden. Zahlreiche Arbeiter und Adlige, die aus Polen oder dem polnischsprachigen Gebieten kamen, dr√ľckten Berlin ihren Stempel auf. Das Raczynski-Palais befand sich dort, wo heute der Reichstag steht. Graf Athanasius Raczynski war im 19. Jahrhundert ein wichtiger Kunstm√§zen und Kunstsammler.

Berlin war nach dem Ruhrgebiet das zweitgr√∂√üte Zentrum polnischer Migration, galt jedoch oft nur als Zwischenstation. "Mit dem Ende des Kaiserreichs verblassen auch die Spuren der Polen in Berlin. Vielleicht, weil sie sich langsam in die Berliner Landschaft integrieren, den Berlinern ihre Redekunst abgelauscht haben, die Vorz√ľge des anonymen Gro√üstadtlebens, die Dynamik dieser Stadt und ihre Angebote sch√§tzen lernen. Zeichen dieser Akkulturation und Integration findet man in Berliner Telefonb√ľchern und auf den Berliner Friedh√∂fen ‚Äď am deutlichsten sichtbar in der Ver√§nderung der Namensgebung". Anders verhielt sich dies bei den polnischen Juden, die Sprache und Religion pflegten und sich so von den deutschen Juden abgrenzten.

Eine Zäsur in der Entwicklung stellt das Jahr 1914 dar, in dem polnische Saisonarbeiter zum Einsatz im Ersten Weltkrieg gezwungen wurden. Erst 1918, mit der Unabhängigkeit Polens, ließen sich viele polnische BerlinerInnen in Stettin und Hirschberg nieder. Ihnen schlug in den ersten Jahren jedoch Misstrauen entgegen. Vom Schicksal der polnischen ZwangsarbeiterInnen in Berlin schreibt die Soziologin nicht. Sie waren nicht freiwillig hier, können daher also nur zu den unfreiwilligen polnischen Berlinern gerechnet werden.

Mit dem Kalten Krieg begann in Berlin erneut eine Phase der Distanz und Kontaktlosigkeit. Die intellektuelle Emigration fand sich nicht in Berlin, sondern in London und Paris ein. Erst seit den Streiks der SolidanoŇď√¶ in den achtziger Jahren war Polnisch wieder in den Berliner Stra√üen zu h√∂ren. Seitdem hat die Zahl der PendlerInnen und ArbeitsmigrantInnen stark zugenommen.

Das Buch ist ein wahrhaftiger Augen√∂ffner und ein wesentlicher Beitrag zu den bislang noch nicht vollst√§ndig geschriebenen Einwanderer-Geschichten der Stadt Berlin, die sich zwar h√§ufig lautstark zur weltoffenen Metropole erkl√§rt, ihren vielf√§ltigen Herk√ľnften jedoch bislang noch nicht wirklich nachgegangen ist. Ein wunderbares Buch, das gleichzeitig besch√§mt.

Zu den AutorInnen:
Dorota Danielewicz-Kerski
ist Radiojournalistin und Literaturwissenschaftlerin und wurde 1964 in Posen geboren. Seit 1981 lebt sie in Berlin. Sie studierte Slawistik und Ethnologie an der FU Berlin und an der Ludwig-Maximilian-Universit√§t in M√ľnchen. 1987 war sie in New York in der Public Relations Abteilung der UNO t√§tig. Wieder in Berlin folgten T√§tigkeiten als Mitarbeiterin der "J√ľdischen Kulturtage" sowie die Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium (LCB). Einige ihrer Projekte seien hier erw√§hnt: "Woche der gegenw√§rtigen polnischen Literatur", "Literatur der Sinti und Roma", "Der Holocaust in der Literatur", "Verlagsmetropolen Warschau ‚Äď Berlin". Dorota Danielewicz-Kerski ist bekannt als Redakteurin beim rbb ‚Äď Radio Multikulti und auch beim rbb Kulturradio oder auch als Autorin in Zeitungen und Zeitschriften. 1998 ver√∂ffentlichte sie "Das Unsichtbare lieben", eine Anthologie polnischer Lyrik der neunziger Jahre.
Maciej G√≥rny ist Historiker, studierte an der Warschauer Universit√§t, promovierte an der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau und am Berliner Kolleg f√ľr Vergleichende Geschichte Europas. Er war Stipendiat des polnischen Kultusministeriums, der Stiftung f√ľr die polnische Wissenschaft (Fundacja na rzecz Nauki Polskiej) sowie der Hertie-Stiftung. Zu seinen wichtigsten Publikationen z√§hlen die Monographie "Mi√™dzy Marksem a Palack√Ĺm. Historiografia w komunistycznej Czechos¬≥owacj" (Verlag Trio, Warszawa 2001) sowie zahlreiche Artikel und Rezensionen in Zeitschriften und Sammelb√§nden in Polen, Tschechien, Deutschland, England und Ungarn. Er ist Mitherausgeber der Reihe "Discourses of Collective Identity in Central and Southeast Europe (1770-1945)" (CEU Budapest 2006). Im Zentrum f√ľr Historische Forschung Berlin der Polnischen Akademie der Wissenschaften arbeitet er am Projekt "Polen und Deutschland in Ostmitteleuropa im 19. und 20. Jahrhundert."

AVIVA-Tipp: Diese Publikation √ľber die Geschichte der Polen in Berlin ist in seiner Form einmalig, leider liegt eine vergleichbare Sammlung an Texten √ľber T√ľrkInnen, GriechInnen, ItalienerInnen u.a. zu Berlin noch nicht vor. Jahrzehntelang war das Verh√§ltnis zwischen Deutschen und Polen angespannt, dies scheint sich zu ver√§ndern. Diese Anthologie betont die vielf√§ltigen Wechselbeziehungen und greift bis in die vornationalen Zeiten zur√ľck, als Preu√üen mit Russland und √Ėsterreich Polen zerst√∂rte. Der Band setzt sich mit dem Einfluss polnischsprachiger Einwanderer der letzten 300 Jahre auseinander. Die Publikation ist Teil des gro√üen Forschungsprojektes des Zentrums f√ľr Historische Forschung Berlin www.cbh.pan.pl, das sich interdisziplin√§r mit der Erforschung der deutsch-polnischen Beziehungen besch√§ftigt. Als weiterer H√∂hepunkt des Projektes "My, berlinczycy!" "Wir, Berliner!" soll im Fr√ľhjahr 2009 eine gro√üe Ausstellung im Ephraim-Palais folgen. Nur eine wirklich klitzekleine Kritik an diesem Buch ist vorzubringen: W√§hrend die AutorInnen der Anthologie mit einer kurzen biografischen Erl√§uterung eingef√ľhrt werden, hat man dies f√ľr die AutorInnen der Einstiegsbeitr√§ge leider vergessen.

Berlin.
Polnische Perspektiven

19.-21. Jahrhundert
Herausgegeben von Dorota Danielewicz-Kerski, Maciej Górny
Berlin Story Verlag, erschienen April 2008
gebunden - 447 Seiten
ISBN: 9783929829891
19,80 Euro

Buecher Beitrag vom 04.05.2008 Yvonne de Andr√©s 





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