Gioconda Belli - Die Republik der Frauen - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Buecher
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

AVIVA-Berlin > Buecher AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J√ľdisches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 27.06.2012

Gioconda Belli - Die Republik der Frauen
Katarina Wagner

Was passiert, wenn die Frauen das politische Ruder √ľbernehmen? Die nicaraguanische Autorin schildert in ihrem neuen, preisgekr√∂nten Roman ihre Vision einer Neubewertung von Weiblichkeit in...



...Politik und Gesellschaft. Die Schriftstellerin zeichnet eine Utopie, die einerseits schlichtweg die erfolgreiche Umsetzung bestehender Ideen voraussetzt (Stichwort Kinderbetreuung), andererseits in seiner Radikalität zu kontroversen Diskussionen anregt.

Kriminalit√§t, Armut und Korruption plagen das fiktive Faguas, ein kleines Land in S√ľdamerika, das von den immer gleichen Politikern mit leeren Wahlversprechen regiert wird. Viviana Sans√≥n will daran endlich etwas √§ndern. Ein grundlegender Wandel muss her und wer k√∂nnte diesen besser erreichen, als die Frauen? Zusammen mit ihren Freundinnen der Partido de la Izquierda Erotica m√∂chte die beliebte TV-Moderatorin dem Land geben, was es verdient: wie von einer liebevollen Mutter verh√§tschelt und gr√ľndlich durchgeputzt zu werden.

Nicht prim√§r das Bruttosozialprodukt, sondern das Pro-Kopf-Gl√ľck soll gesteigert werden. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Unterdr√ľckung der Frauen endlich √ľberwunden wird und Weiblichkeit nicht mehr als Schw√§che, sondern als Tugend und politisches Leitprinzip verstanden wird.
In einer medienwirksamen Kampagne mit viel Witz, Charme √ľberzeugen sie den Gro√üteil der EinwohnerInnen mit ihren revolution√§ren Ideen und gewinnen schlie√ülich die Wahlen.
Gl√ľcklicherweise hatten zudem Vulkand√§mpfe den Testosteronspiegel der M√§nner gesenkt und sie ungew√∂hnlich schl√§frig und sanftm√ľtig gemacht.

Es folgen grundlegende Reformen. Erstes Exportgut sind Blumen, die Armee wird geschrumpft, neue Schulen und Kinderg√§rten gebaut, Mutterschaftskunde gelehrt, Arme und Reiche an einen Tisch gebracht, Gewalt gegen Frauen gnadenlos bestraft, alle M√§nner f√ľr sechs Monate aus dem Staatsdienst und aus dem Parlament entlassen und Virginia Woolfs "Ein Zimmer f√ľr sich allein" zur Pflichtlekt√ľre erkl√§rt.

Die Mehrheit der Bevölkerung ist begeistert von der neuen Regierung, allerdings gibt es auch erbitterte GegnerInnen der Partei und schließlich passiert es: ein Attentat auf die Präsidentin Sansón. Mit einer Kugel im Kopf liegt diese wochenlang im Koma und die Frauenregierung wird auf ihre härteste Probe gestellt.

An dieser Stelle setzt die Handlung des Romans ein. Er besticht durch seine einfallsreiche Erzählweise: In der Schwebe zwischen Leben und Tod erinnert sich Viviana an die wichtigsten Stationen ihres Lebens, während die aktuelle Lage Faguas aus der Sicht ihrer WegbegleiterInnen geschildert oder in fiktiven historischen Dokumente, wie Zeitungsartikeln aus In- und Ausland und Parteimanifesten dargestellt wird.

Die Botschaft des Romans ist klar: Weiblichkeit soll gefeiert werden. Von Frauen und M√§nnern. Werte wie Empathie, F√ľrsorge, und Zusammenarbeit sollen das gesellschaftliche Leben und die Politik bestimmen. Des Weiteren wird das Selbstbestimmungsrecht der Frauen √ľber ihr Leben und ihren K√∂rper betont.
Gerade wenn es um K√∂rperlichkeit geht, zeigt die Fantasie einige Schwachstellen: Wie die Frauen der PIE mit ihrer Erotik spielen, ist einerseits ein Zeichen von Selbstbehauptung und Kritik an der Reduktion auf ihren K√∂rper, erinnert jedoch an einigen Stellen zu sehr an das Motiv der "Schwarzen Witwe", die verf√ľhrerische Falle. Sch√∂ner w√§re es doch, wenn die sprachliche, rationale Argumentation ausreichte und den M√§nnern mehr Verst√§ndnis zugetraut w√ľrde.

Insgesamt werden die Geschlechter im Grundton des Romans in deutlich biologistischer Manier in zwei verschiedene Schubladen gesteckt: Die "testosterongesteuerten" Männer könnten sich immer nur auf eine Sache konzentrieren während Frauen intuitiv seien und eine größere emotionale Intelligenz besäßen. Das sei eben so und Abweichungen seien seltene Ausnahmen.
Gioconda Belli ist der Meinung, dass der Feminismus in Lateinamerika ein anderer sei als in Europa. Diese differenzfeministischen Aussagen sind trotzdem nur schwer verdaulich. Hinzu kommt die Betonung der äußerlichen Schönheit bei der Vorstellung fast jeder weiblichen Figur. Die "Lara Crofts" in Faguas behaupten sich, das normative Schönheitsideal wird nicht hinterfragt. Auch die Tatsache, dass in keinem Wort Rassismus oder andere Differenzkategorien neben Sexismus als Quellen von Ungerechtigkeit erwähnt werden, schmälert die revolutionäre Kraft des Romans.

Problematisch ist auch der totale Ausschluss der M√§nner aus dem Parlament. Sie sollen am eigenen Leib erfahren, was Hausarbeit bedeutet und die Frauen sollen sich selbst und den M√§nnern beweisen, dass sie in der Lage sind, das Land wieder auf den richtigen Weg zu bringen. Es ist schwierig, hier nicht an eins der gr√∂√üten Schimpfw√∂rter unserer Zeit zu denken: undemokratisch! Es ist ausgerechnet ein Mann, der darauf hinweist, dass es darum ginge, die Art der Machtaus√ľbung zu ver√§ndern und nicht die Befehlsgebenden auszutauschen.

Hohes Polarisierungspotential bergen auch andere Methoden der Frauenpartei: √úberschreitet die √∂ffentliche Anprangerung und Markierung von Vergewaltigern mit einem V auf der Stirn die Grenze zu mittelalterlichen Praktiken ohne Aussicht auf ehrliche Einsicht und Besserung der T√§ter? Oder ist sie die einzig konsequente und wirkungsvolle Art, diese Art von Verbrechen endlich in seiner Schwere anzuerkennen und geb√ľhrend zu bestrafen?

Vielleicht ist die Literatur der Ort, wo AutorInnen solche Szenarien ausspielen d√ľrfen, wo der Zweck, innerhalb und au√üerhalb der Fiktion, manchmal die Mittel heiligt.

AVIVA-Tipp: In Faguas, der "Republik der Frauen" werden keine neuen Ideen entwickelt, sondern humanistische und feministische Werte mit kreativen politischen Ans√§tzen endlich ernst genommen und mutig umgesetzt. Streckenweise kann das, was die Autorin vermutlich konsequent und revolution√§r nennen w√ľrde, leicht √ľbertrieben oder sogar diktatorisch wirken. Beispielsweise der pl√∂tzliche Rauswurf aller M√§nner aus dem Staatsdienst. Zudem f√§llt es schwer, der oft biologistischen Argumentation Gioconda Bellis zuzustimmen. Was ist eigentlich "weibliche Intuition" und ist es wirklich bewiesen, dass sich M√§nner nur auf eine Sache konzentrieren k√∂nnen?
Nichtsdestotrotz, mit einigen zugedr√ľckten Augen bleibt es ein unterhaltsamer Roman, der zum Denken und Diskutieren anregt.

Zur Autorin: Gioconda Belli wurde 1948 in Managua, Nicaragua geboren. Im Alter von 21 Jahren schloss sie sich der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) an, die gegen die Somoza-Diktatur k√§mpfte. 1970 erschien ihr erster Gedichtband, dessen erotische Poesie in dem streng katholischen Nicaragua einen Skandal verursachte. Vor politischer Verfolgung floh sie Mitte der Siebziger ins Exil nach Mexiko und Costa Rica. Nach dem endg√ľltigen Sturz der Diktatur 1979 kehrte die Autorin nach Nicaragua zur√ľck.
Die "Partei der Erotischen Linken", die in dem fiktiven Faguas die Macht √ľbernimmt, basiert auf einer gleichnamigen Gruppe von Frauen innerhalb der Sandinistischen Revolution, der Gioconda Belli in den Achtzigern angeh√∂rte. In geheimen Sitzungen wurden Strategien besprochen, um Frauenrechte zu st√§rken. 1986 legte Belli aufgrund einer ideologischen Verh√§rtung und autorit√§ren Struktur der FSLN ihre √Ąmter nieder.
Die heutige politische F√ľhrung unter Daniel Ortega, einer der ersten Sandinisten, sieht die Schriftstellerin als traurige Wiederholung der Somoza-Diktatur. F√ľr den Roman "Die Republik der Frauen", in dem sie der endlosen Schleife diktatorischer Regierungen ein Ende setzt, erhielt sie 2010 den lateinamerikanischen Literaturpreis "La otra orilla".
Internationalen Ruhm erreichte sie 1988 mit "Die bewohnte Frau", ein Roman √ľber die Sandinistische Revolution. Seitdem sind von ihr zw√∂lf B√ľcher auf Deutsch erschienen, darunter Poesie, Prosa und ihre Memoiren. Gioconda Belli hat vier Kinder und lebt mit ihrem Mann, dem Filmproduzent Charles Castaldi in Managua und Los Angeles.
Weitere Infos unter: www.giocondabelli.org

Gioconda Belli
Die Republik der Frauen

Originaltitel: El país de las mujeres
Aus dem Spanischen von Lutz Kliche
Droemer Verlag, erschienen am 2. Mai 2012
Gebunden, 304 Seiten
ISBN: 978-3-426-19915-2
18,00 Euro
www.droemer-knaur.de

Weitere Infos unter:

Gioconda Belli bei FemBio

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Unser Amerika ‚Äď Regie: Kristina Konrad

Reybil Cuaresma Bustos, Mario Arce Solórzano - Ein Solidaritätsprojekt in Nicaragua

Buecher Beitrag vom 27.06.2012 Katarina Wagner 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken