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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.11.2012

Marica Bodrozic - Kirschholz und alte Gef├╝hle
Kristina Tencic

Nach dem Erfolg von "Das Ged├Ąchtnis der Libellen" widmet sich die im ehemaligen Jugoslawien geborene Autorin mit der ihr eigenen Syntax im zweiten Teil ihrer Trilogie dem Erinnern und Vergessen.



V├Âgel haben kein Zuhause. V├Âgel bewohnen alle L├Ąnder und wissen doch nicht, was unter ihnen geschieht. Sie schweben in einer Parallelwelt, fabelhaft, himmlisch leicht. Und doch picken die wilden V├Âgel Arjeta in die Stirn. Sie lassen sie einfach nicht vergessen.

So sehr es die Protagonistin in Marica Bodrozic┬┤s Roman "Kirschholz und alte Gef├╝hle" doch immer wieder versucht, sie kann ihre Vergangenheit nicht von sich weisen, kann die Menschen, L├Ąnder und Erlebnisse nicht einfach zu Ged├Ąchtnisl├╝cken werden lassen. Denn da ist noch der Tisch, das einzige was Arjeta von all den Lebensabschnitten und Aufenthaltsorten geblieben ist.

"Ich gehe in die K├╝che und setzte mich an Gro├čmutters alten Kirschholztisch. Ich betrachte ihn. Er macht mich gl├╝cklich. Wenn er ein Ged├Ąchtnis hat und meine Theorie aus der Kindheit stimmt, muss ich ihn nur an einer Stelle mit dem Messer anritzen. Dann wird das Kirschholz bluten und erz├Ąhlen, wird mit allem herausr├╝cken, mit allem, was der Baum in den letzten hundert Jahren geh├Ârt und gesehen hat."

Seit f├╝nf Jahren lebt Arjeta nun in Berlin, doch erst mit dem Beziehen ihrer eigenen Wohnung beginnt der aufw├╝hlende Prozess des Ankommens. Mithilfe der alten Fotos, die nun ausgebreitet auf dem alten Holztisch liegen, zeichnet sie innerhalb von sieben Tagen ihre Vergangenheit nach. Angefangen in Sarajewo, die sie nur die "belagerte Stadt" nennt, in der ihre Zwillingsbr├╝der von einer Landmine get├Âtet wurden, wo ihr Vater starb und ihre Mutter den Krieg ├╝ber ausharrte. ├ťber ihre Kindheitserinnerungen an gl├╝ckliche Sommer bei ihrer Gro├čmutter in Istrien, bis hin zu ihrer Studienzeit in Paris.

Diesen Lehr- und Wanderjahren in Paris widmet sich die in Dalmatien geborene Autorin sehr ausf├╝hrlich. Sie sind grundlegend f├╝r ihren Hauptcharakter, nicht etwa wegen des unvollendeten Philosophiestudiums, sondern angesichts Arjetas selbstzerst├Ârerischer Liebesbeziehung zu dem Fotografen Arik. Paris ist jedoch auch die Stadt, in der sie ihre lebenslangen Freundschaftsbande kn├╝pft. So etwa zu der Japanerin Hiromi, von der sie das N├Ąhen lernt (was ihr sp├Ąter in Berlin zum Beruf wird), und wo sich auch ihre enge Freundin Nadeshda befindet. Mit der Physikerin hat sich Marica Bodrozic in ihrem vor zwei Jahren erschienenen ersten Teil ("Das Ged├Ąchtnis der Libellen") ihrer Trilogie vorrangig auseinandergesetzt.

Die krassen Gegens├Ątze zwischen der kriegsverzerrten Heimat, wo die Mutter mit menschlicher Hirnmasse auf den Stra├čen konfrontiert wird, und der heilen Welt in Paris, wo sich viele am Krieg gar bereichern, versetzen Arjeta in einen tranceartigen Zustand. Nur Gedanken scheinen noch von Bedeutung zu sein und die Transitexistenz, Rastlosigkeit und Suche wird zur Gemeinsamkeit aller erstaunlich blass bleibenden Figuren. Die St├Ąrke der Autorin liegt indessen in ihrer eigenwilligen und bedeutungsschwangeren Syntax, die oft nur ein Wort beinhaltet und doch lange nachwirkt. Ihre Reflexion gipfelt etwa in der zentralen sowie rhetorischen Frage: "Aber. Wie. Leben. Wir. Wenn. Wir. Nicht. Nur. Etwas. Oder. Jemand. ├ťberleben."

In einem sehr sinnbildlichen siebent├Ągigen Reinigungsprozess findet die entwurzelte Arjeta endlich zu ihrer inneren Ruhe. Die Leere der Wohnung, die W├Ąrme des Kirschholztisches, das Fl├╝gelschlagen der Schwalben vor dem Fenster ÔÇô all diese Elemente werden zu Pr├Ąmissen f├╝r ihr Erinnern, mit dem sie das Vergessen erlernen will.

AVIVA-Tipp: Zwischen Metaphysischem und Realem, Verlebtem und Gegenw├Ąrtigem springt Marica Bodrozic fast lautlos hin und her, um ihre Erinnerungsl├╝cken zu schlie├čen und aufbegehrende Satzzeichen gegen das Vergessen zu setzen. Mit ihrem erfrischend freigeistigen Stil schreibt die Berliner Autorin sehr sinnlich ├╝ber Entwurzelung und Ankunft, Liebe und Schmerz, und dar├╝ber, was es hei├čt, mit (Schuld-)Gef├╝hlen leben zu m├╝ssen. Ihre lyrische Prosa l├Ąsst uns in Bewusstseinsstr├Âmungen tauchen, die noch lange nachhallen.

Zur Autorin: Marica Bodrozic wurde 1973 in Svib, dem heutigen Kroatien, geboren. Mit zehn Jahren kam sie nach Deutschland, in den Taunus, wo ihre Eltern sich bereits vor ihr als sogenannte GastarbeiterInnen angesiedelt hatten. Diese Entwurzelung ist bis heute in ihren zahlreichen Gedichten, Romanen, Erz├Ąhlungen und Essays pr├Ąsent. F├╝r ihre Werke erhielt sie diverse Preise und Stipendien, unter anderem den F├Ârderpreis f├╝r Literatur der Akademie der K├╝nste in Berlin und den Kulturpreis Deutsche Sprache. Nach Studienaufenthalten in Z├╝rich, Frankfurt am Main und Paris, lebt die freie Schriftstellerin seit ├╝ber zehn Jahren in Berlin.

Marica Bodrozic
Kirschholz und alte Gef├╝hle

Verlag Luchterhand Literaturverlag, September 2012
Gebundes Buch mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN: 978-3-630-87395-4
19,95 Euro
www.randomhouse.de

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(Quellen: Luchterhand Literaturverlag, Freitag, deutschlandradio)


Buecher Beitrag vom 20.11.2012 Kristina Tencic 





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