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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 06.03.2014

Sarah Moss - Schlaflos
Helga Egetenmeier

Liebevoll entspannt und gleichzeitig zäh hält die Wissenschaftlerin Anna an ihrem Erziehungskonzept fest. Obwohl der fehlende Schlaf sie an die Grenzen ihrer Kräfte bringt und sie deshalb um...



...ihren Job ringen muss. Mit dieser Ich-Erz√§hlerin f√ľhrt die Autorin Sarah Moss, wie ihre Protagonistin selbst Wissenschaftlerin, die LeserInnen in eine st√ľrmische Geschichte um Kindererziehung und Geschlechterverh√§ltnisse w√§hrend eines Sommers auf einer rauen schottischen Insel."

Eine Insel f√ľr den Sommer

Die unbewohnte Insel Colsay ist Eigentum von Annas aristokratischem Ehemann Giles, samt Herrenhaus und einigen sanierungsbed√ľrftigen Blackhouses. Dort erforscht er als Ornithologe einen Sommer lang eine Kolonie von Papageientauchern. Mit den gemeinsamen Kindern Raph (7 Jahre) und Moth (2,5 Jahre) begleitet ihn Anna, um dort als Oxford-Stipendiatin endlich ihr Buch "Wie gut war doch die Saatzeit meiner Seele": Die Erfindung der Kindheit und das Aufkommen von Institutionen im England des sp√§ten achtzehnten Jahrhunderts" zu Ende zu schreiben. Als sie beim Pflanzen eines Baumes eine stark verweste Kinderleiche entdeckt, ist ihr Interesse an der Geschichte der Insel geweckt.

F√ľr ihren Roman recherchierte Sarah Moss ausf√ľhrlich das karge Leben auf dem St- Kilda-Archipel, wie auch auf weiteren Inseln zwischen Schottland und Island. Als d√ľsteren zweiten Erz√§hlstrang bereitet die Autorin f√ľr die LeserInnen diese Vergangenheit anhand der Figur der Hebamme May Moberley auf, die wegen der hohen Kindersterblichkeit auf die Insel gesandt wurde. Heute ist die Inselgruppe St. Kilda aufgrund ihrer ungew√∂hnlichen Geschichte und als Brutplatz f√ľr Seev√∂gel ein UNESCO-Weltkulturerbe und kann nur mit Genehmigung des National Trust of Scotland betreten werden.

Arbeit und Kinder - √Ėkonomie und Erziehung

In lebendigem Pr√§senz geschrieben, f√ľhrt uns Sarah Moss mit der k√§mpferischen Anna in ihre Auseinandersetzungen zwischen akademischen Anspr√ľchen und Erziehungskonzepten, Landleben und st√§dtischer Anonymit√§t. Dabei verhandelt sie unspektakul√§r die Verwobenheit von den hier wie dort vorhandenen Patriarchatsvorstellungen, den daraus folgenden Jobm√∂glichkeiten und der Suche nach dem kleinen Gl√ľck in der Familie.
Durch Bemerkungen, wie die des Handwerkers Jake "Meine Frau w√ľrde meinen Handr√ľcken zu sp√ľren kriegen, wenn sie unsere so behandeln w√ľrde wie Sie diese kleinen Jungs." f√ľhrt die Autorin eine Gegenposition zu der akademischen Mutter Anna ein, die sie klischeehaft einer anderen sozialen Schicht zuordnet. Diese unbeantwortet bleibende Zurechtweisung findet sich f√ľr Anna in weit bedrohlicher, jedoch weniger offensichtlicher Form bei dem Dekan ihrer Universit√§t wieder: Frauen, die in der Wissenschaft Karriere machen wollen, haben keine Kinder oder ein Kinderm√§dchen. Ihre Mutterschaft hindert Anna daran, an allen Verpflichtungen einer Stipendiatin teilzunehmen, sie sieht ihre geliebte Forschungst√§tigkeit zusammenbrechen und nutzt deshalb den Sommer auf der Insel auch als Flucht. Auf ein Jobangebot reagiert sie zuerst abweisend: "Ich w√ľrde die Stelle nicht kriegen. Es gibt zu viele M√§nner und kinderlose Frauen, die nach dem Seminar mit in die Bar gehen und die Wochenenden durcharbeiten.". Doch sie ringt sich letztendlich dazu durch, sich wenigstens zu bewerben.

Im Kontext von Lebenskonzepten

In die aus einem Blackhouse umgebaute Ferienwohnung mieten sich gegen Ende des Sommers die zwei Generationen √§ltere alkoholkranke Judith, die sich trotz abgeschlossenem Studium f√ľr ein Leben als Hausfrau und Mutter entschieden hat, mit ihrer achtzehnj√§hrigen magers√ľchtigen Tochter Zoe und ihrem Mann Brian, einem angesehenen Herzchirurgen, ein. Die Gegens√§tze dieser weiblichen Lebensentw√ľrfe verdeutlicht die Autorin durch die fast erwachsene Zoe, die so oft wie m√∂glich vor ihrer reglementierenden Mutter zur verst√§ndigen Anna fl√ľchtet. Deren Kinder Raph und Moth lieben sie und Anna bekommt dadurch Freir√§ume f√ľr ihre wissenschaftliche Arbeit. Doch da ist auch Judith, die ihre Karriere der Familie geopfert hat und arrogant und verzweifelt auf die gleicherma√üen emotionalen Angriffe ihrer Tochter reagiert. "Eltern zu haben ist vielleicht nicht f√ľr jeden von Vorteil, aber da m√ľssen wir alle durch." , sind Annas Gedanken, bevor sie Zoe bittet, sich doch mit ihrer Mutter auseinander zu setzen, statt in eine scheinbar heilere Welt zu fl√ľchten.

Der Hintergrund: St. Kilda und Blackhouses

W√§hrend der ungef√§hr zweitausend Jahre dauernden Besiedelung der westlich von Schottland gelegenen Inseln, wohnten die Menschen die meiste Zeit in sogenannten Blackhouses. Diese massiven Steinh√§user bestanden aus einem einzigen Raum mit einer offenen Feuerstelle in der Mitte, in der die Familie zusammen mit ihren Tieren lebten. Da die Inseln sehr abgelegen sind, interessierte sich lange Zeit keine Monarchie und keine Regierung f√ľr die qualvollen Lebensbedingungen der BewohnerInnen. Wie wichtig ihr dieser historische Hintergrund f√ľr diesen Roman ist, dokumentiert Sarah Moss am Schluss ihres Buches mit ausgew√§hlten und kommentierten Literaturhinweisen.
Weitere Infos unter: www.kilda.org.uk

AVIVA-Tipp: Sarah Moss ist eine Meisterin der Verquickung von Vergangenem mit Gegenw√§rtigem, so dass es eine Freude ist, den Gedanken und Gespr√§chen ihrer Protagonistin Anna zu folgen. Ihr Roman "Schlaflos" wird zu Recht von den LeserInnen und der Presse hoch gelobt. Welche √ľber folgenden Satz genau so ernsthaft lachen kann wie ich, sollte das Buch unbedingt lesen: "Raph lag auf einem Haufen dreckiger W√§sche und las "Das Geheimnis gl√ľcklicher Kinder: Ein Elternratgeber f√ľr die neue Generation.

Zur Autorin: Sarah Moss wurde 1975 in Schottland geboren und promovierte an der Oxford Universit√§t. Nach Stationen am University of Exeter's Cornwall Campus und an der Universit√§t Island lehrt sie heute an der University of Warwick. "Schlaflos" ist ihr zweiter Roman und der erste, der auf Deutsch erscheint. Auf ihrer Webseite k√ľndigt sie an, bereits an einer Fortsetzung zu arbeiten. Sarah Moss hat zwei Kinder. Am 11. M√§rz 2014 erscheint mit "Sommerhelle N√§chte", ebenfalls im mareverlag, ein Reisebericht √ľber ihren Aufenthalt auf Island.
Mehr Infos unter: www.sarahmoss.org

Die √úbersetzerin: Nicole Seifert, geboren 1972, studierte nach einer Ausbildung im S. Fischer Verlag Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaften und Amerikanistik in Berlin. Seit ihrer Promotion lebt sie als freie Lektorin und √úbersetzerin in Hamburg.

Sarah Moss
Schlaflos

Originaltitel: Night Waking
Aus dem Englischen von Nicole Seifert
mareverlag, Hamburg, erschienen im Juli 2013
496 Seiten, Hardcover gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
22,-- Euro
ISBN-13: 978-3-86648-177-0
www.mare.de



Buecher Beitrag vom 06.03.2014 Helga Egetenmeier 





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