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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 08.03.2015

Merc├Ę Rodoreda - Der Garten ├╝ber dem Meer
Dorothee Robrecht

Die Grande Dame der katalanischen Literatur, Verfasserin des Romans "Auf der Pla├ža del Diamant", portr├Ątiert die Jeunesse dor├ęe im Spanien der 20er und 30er Jahre, kurz vor Beginn des B├╝rgerkriegs.



Der spanische B├╝rgerkrieg (1936 ÔÇô 1939) spielt eine immense Rolle in Leben und Werk der Merc├Ę Rodoreda. Er ist Thema ihres wohl bekanntesten Romans ("Auf der Pla├ža del Diamant"), und er hat auch ihr Schicksal bestimmt: Rodoreda war 31, als sie vor Francos Truppen aus Barcelona floh - zun├Ąchst nach Frankreich und sp├Ąter in die Schweiz. Sie hatte f├╝nf Romane ver├Âffentlicht und sich einen Namen gemacht als Publizistin, doch im Exil war all das vorbei. Fast 20 Jahre vergingen, in denen sie nicht schrieb. Sie arbeitete als ├ťbersetzerin f├╝r die Unesco und begann erst Ende der 50er Jahre, wieder zu publizieren.

1962 erschien "Auf der Pla├ža del Diamant", der Roman, der heute als ihr Hauptwerk gilt, und kurz darauf "Der Garten ├╝ber dem Meer". Anders als in ihrem Hauptwerk geht es in diesem Roman nicht explizit um den B├╝rgerkrieg, und doch scheint er pr├Ąsent ÔÇô als eine Art Wetterleuchten am Horizont. Die Handlung spielt ein paar Jahre vor Kriegsbeginn, in einem Herrenhaus am Meer, unweit von Barcelona. Jedes Jahr kommen seine BesitzerInnen her, ein reiches jungverheiratetes Paar, Francesc und Rosamaria, und immer bringen sie ihre Clique mit. Zu der geh├Âren illustre Gestalten wie Feliu, der Maler, und zusammen am├╝sieren sie sich nach Herzenslust: Sie fahren Wasserski, reiten aus, und nat├╝rlich flirten und feiern sie auch.

Sechs Sommer lang geht das so, doch dann pl├Âtzlich wird nebenan eine Villa gebaut, noch pr├Ąchtiger als die von Francesc und Rosamaria. Und in diese Villa zieht Eugeni, der Mann, den Rosamaria liebte, aber verlie├č, weil er arm war. F├╝nf Jahre ist das her, und arm ist Eugeni l├Ąngst nicht mehr. Reich geheiratet hat auch er, doch anders als Rosamaria hat er nie vergessen k├Ânnen: Er will sie zur├╝ck, koste es, was es wolle.

Unm├Âglich, bei einem solchen Setting nicht an "Der gro├če Gatsby" zu denken, den Roman von Scott Fitzgerald ├╝ber die roaring twenties in den USA. Wie Gatsby kann auch Eugeni von seiner gro├čen Liebe nicht lassen, und wie f├╝r Gatsby geht es auch f├╝r ihn schlecht aus. Eugeni stirbt, und die angebetete Frau ÔÇô sie nimmt kaum Notiz davon.

Liebe ist eine einsame Obsession, das sieht Rodoreda so wie Fitzgerald, und wie er beschreibt sie sie als eine Obsession, die M├Ąnner pflegen. Ob Rosamaria oder ihre Dienerin, die attraktive Miranda ÔÇô f├╝r die Frauen z├Ąhlt der soziale Aufstieg, nicht das Gef├╝hl. Da anzunehmen ist, dass auch sie Gef├╝hle haben, erstaunt, dass dieser Roman, der so viel erz├Ąhlt ├╝ber die Gef├╝hle der M├Ąnner, die der Frauen verschweigt: Mag Miranda die M├Ąnner, mit denen sie schl├Ąft? Ist Rosamaria wirklich so gleichg├╝ltig, wie sie sich zeigt? Hat sie Eugeni je geliebt? All das erfahren wir nicht, und dass das so ist, hat mit der Perspektive zu tun, die Rodoreda w├Ąhlt: Erz├Ąhlen l├Ąsst sie den alten G├Ąrtner, der sich um das Anwesen k├╝mmert:

"Ich habe schon immer gern erfahren, was den Leuten so alles passiert", so Rodoredas Erz├Ąhler ├╝ber sich, "und das nicht etwa, weil ich neugierig w├Ąre. Eher, weil ich Menschen mag, und die Besitzer dieses Hauses mochte ich sehr. Wenn sie mit ihren Freunden zur Sommerfrische kamen, konnte ich mir die Filme im Excelsior sparen." Was dieser G├Ąrtner beschreibt, ist ein galantes Patriarchat, in dem es darum geht, dem richtigen Mann zu gefallen.

Rodoreda, die Autorin, ist nicht identisch mit ihrem Erz├Ąhler, nat├╝rlich nicht, doch zu konstatieren bleibt, dass diese Erz├Ąhlperspektive den Frauenfiguren nicht bekommt. Sie sind auffallend blass, so blass, als h├Ątte ein Mann sie entworfen, den Frauen nicht wirklich interessieren - als Projektionsfl├Ąche vielleicht, nicht aber als reale Wesen. Und das macht den Roman ein wenig langweilig f├╝r Leser_innen, die sich nicht nur f├╝r M├Ąnner, sondern auch f├╝r Frauen interessieren. Denen sei dann doch eher das Hauptwerk empfohlen, "Auf der Pla├ža del Diamant". Dort ist die zentrale Figur eine Frau, die durch den B├╝rgerkrieg lernt, f├╝r sich selbst zu sorgen.

AVIVA-Tipp: "Der Garten ├╝ber dem Meer" ist kein Roman, der die Rezensentin wirklich begeistert hat (anders als Roger Willemsen, der ihn herausgegeben und ein sehr lesenswertes Nachwort verfasste). Aber er ist interessant f├╝r Rodoreda Fans und auch, weil er wirklich eine Art Komplement├Ąrroman zum gro├čen Gatsby ist.

Zur Autorin: Merc├Ę Rodoreda, geboren 1908 in Barcelona, gilt als die bedeutendste katalanische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts. Mit 20 ver├Âffentlichte sie erste Kurzgeschichten, die Jahre des Spanischen B├╝rgerkriegs verbrachte sie im Exil in Frankreich und in der Schweiz, wo sie u.a. ihr Hauptwerk "Auf der Pla├ža del Diamant" verfasste, das in mehr als 20 Sprachen ├╝bersetzt wurde. Merc├Ę Rodoreda starb 1983 in Girona. (Verlagsinformation)

Merc├Ę Rodoreda
Der Garten ├╝ber dem Meer

OT: Jardi vora el mar
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt
Leineneinband mit Leseb├Ąndchen im Schuber, 240 Seiten
mare, erschienen 7.10.2014
ISBN 978-3-86648-033-9
26,00 ÔéČ
www.mare.de




Buecher Beitrag vom 08.03.2015 AVIVA-Redaktion 





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