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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 25.11.2008

Ruth Jacobi - Fotografien
Alexandra Kasjan

Die K├╝nstlerin stand, obwohl nicht weniger begabt, lange Zeit im Schatten ihrer bekannteren Schwester Lotte Jacobi (1896-1990). Daher hat das J├╝dische Museum Berlin erstmalig eine gro├čartige...



...Auswahl ihrer Aufnahmen im Rahmen einer Ausstellung der ├ľffentlichkeit zug├Ąnglich gemacht, um auch deren fotografisches Talent zu w├╝rdigen. Das Begleitbuch zur Ausstellung zeigt nicht nur bemerkenswerte Fotografien, sondern gibt dank der Memoiren von Ruth Jacobi auch Einblick in ihren famili├Ąren Hintergrund, ihren Lebenslauf und in ihre Pers├Ânlichkeit.


"Jede Aufnahme, die ich machte, wurde ein Ereignis f├╝r mich. Es schien mir, als w├╝rde ich erst jetzt anfangen zu sehen. Ich sah alles in einem neuen Licht." So beschrieb Ruth Jacobi ihre gro├če, lebenslange Leidenschaft, nachdem sie Ende des Jahres 1922 ernsthaft anfing, im Atelier ihres Vaters in Berlin zu arbeiten. Zu der Zeit entdeckte sie ihre Faszination f├╝r die Pflanzenwelt. Die wundersch├Ânen Formen von Gr├Ąsern, Baumst├Ąmmen, Blumen, Knospen und Kakteen inspirierten die Fotografin. So entstand eine bis dahin v├Âllig neue Fotoserie von Pflanzenbildern. Doch wer war eigentlich diese Frau? Die K├╝nstlerin wurde 1899 in Posen geboren und entstammte einer seit vier Generationen erfolgreich t├Ątigen Fotografenfamilie.

In ihren Erinnerungen schildert Ruth Jacobi zun├Ąchst, wie ihre sephardisch-j├╝dischen Vorfahren aus Spanien zur Zeit der Inquisition vertrieben wurden und anschlie├čend im Jahre 1495 nach Holland fl├╝chteten. Aufgrund antisemitischer Ausschreitungen mussten ihre Ahnen 1640 in das Ghetto von Thorn gehen. Als Louis Daguerre (1787-1851) im Jahre 1839 in Paris die Fotografie entdeckte, war es Samuel Jacobi, Ruths Urgro├čvater, der sich brennend f├╝r die fotografische Aufnahmetechnik interessierte. So machte er sich auf den Weg, um bei dem gefeierten Erfinder in die Lehre zu gehen. Sp├Ąter wies Samuel seinen Sohn Alexander in seiner Werkstatt in die Fotografie ein. Auch Sigismund Jacobi, der Sohn von Alexander und Vater von Ruth, absolvierte eine fotografische Ausbildung. Er heiratete 1895 seine gro├če Liebe Mia, Ruths Mutter. Ruth beschreibt ihren Vater in ihren Memoiren als "Romantiker" und "Meister in der Photographie". Mit seiner kleinen Familie zog Sigismund Jacobi 1898 nach Posen, um in einem Atelier zu arbeiten. Ein Jahr sp├Ąter wurde Ruth geboren.

Bereits in jungen Jahren war das Atelier das Abenteuerspielplatz und die Quelle der Phantasie der beiden Geschwister Lotte und Ruth Jacobi. So ist es nicht verwunderlich, dass beide M├Ądchen den Fu├čstapfen ihrer Vorfahren folgten. 1920 zog Ruth nach Berlin, wo sie an der 1890 gegr├╝ndeten Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins Fachphotographie studierte. Nach zwei Jahren absolvierte sie ihre Ausbildung. Anschlie├čend blieb sie in der Hauptstadt, um sich in dem neuen Atelier ihres Vaters, welches in der Joachimsthaler Stra├če 5 er├Âffnet wurde, ganz der Photographie zu widmen.

1928 wanderte Ruth Jacobi mit ihrem Ehemann Hans Richter nach New York aus. Der gelernte Kaufmann war dort als Dramaturg und Regisseur f├╝r das politische Theater der SPD t├Ątig. Dadurch lernte Ruth einen gro├čen Kreis von TheaterschauspielerInnen kennen, die von ihr fotografiert wurden. Die ungl├╝ckliche Ehe der EmigrantInnen f├╝hrte dazu, dass Ruth Jacobi 1930 nach Berlin zur├╝ckkehrte, wo sie ihrer ersten Liebe, dem aus Ungarn stammenden Mediziner Maurus (Zsolt) Roth, wieder begegnete. Nach der Scheidung von Hans Richter im Jahre 1933 heiratete Ruth ihren Geliebten in Budapest. Nach dem Tode ihres Vaters emigrierte die K├╝nstlerin 1935 mit ihrem zweiten Ehemann erneut nach New York. Sp├Ąter folgten auch Lotte Jacobi, ihr Sohn Joachim und ihre Mutter Mia. In Deutschland war die Familie aufgrund der nationalsozialistischen Machtergreifung nicht mehr sicher. In ihrer neuen Heimat er├Âffnete Ruth Jacobi ihr eigenes Atelier. Sie fotografierte alles, was sich ihr bot, wie etwa Menschen vor und nach einer Operation oder Skulpturen f├╝r verschiedene K├╝nstlerInnen. Sp├Ąter unterst├╝tzte Ruth Jacobi ihren Ehemann bei der Arbeit in seiner Arztpraxis. Schweren Herzens musste sie ihre fotografische T├Ątigkeit aufgeben. Ruth Jacobi starb im September 1995 im Alter von 96 Jahren in Kalifornien.

In den "Erinnerungen an Ruth Jacobi-Roth" schildert Beatrice Trum Hunter, die angeheiratete Nichte von Ruth Jacobi das eher distanzierte Verh├Ąltnis der Geschwister Lotte und Ruth Jacobi. Lotte, eigentlich Johanna Alexandra, galt bereits im Kindesalter als besonders sch├Ân, klug und begabt. Sie war immer die dominantere der beiden M├Ądchen und stand stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Ruth dagegen musste seit der 7. Klasse eine Hornbrille tragen und litt bis ins Erwachsenenalter an mangelndem Selbstbewusstsein. Obwohl Lottes Fotografien in New York in vielen Ausstellungen gezeigt wurden, ergriff die ├Ąltere Schwester nicht ein einziges Mal die Initiative, um einem der Galeristen auch Ruths Aufnahmen als m├Âgliche Exponate zu empfehlen oder diese f├╝r eine gemeinsame Ausstellung vorzuschlagen.

Dennoch wurden einige Fotografien von Ruth Jacobi-Roth ver├Âffentlicht, so etwa auf dem Schutzumschlag des 1930 erschienenen autobiographischen Romans "Juden ohne Geld" (Jews Without Money) von Michael Golds. Zu sehen ist ein ├Ąlterer b├Ąrtiger Mann mit einem Hut. Er tr├Ągt einen Sakko und eine Hose und sitzt mit gesenktem Haupt an der Lower East Side an einer Stra├čenecke, wo er als Taschenverk├Ąufer arbeitet. Sein Blick ist ernst und verbittert. Seine Arme auf seinen Knien st├╝tzend, verschr├Ąnkt er seine H├Ąnde ineinander. Weiterhin wurden vier ihrer Bilder in mehreren Ausgaben der Zeitschrift "Popular Photography" (1937-39) ver├Âffentlicht. Ebenso vier weitere Portraits von Albert Einstein in Berlin, die 1939 in einer Biographie des Wissenschaftlers publiziert wurden. Besonders erw├Ąhnenswert ist noch die Ver├Âffentlichung einer ihrer Aufnahmen in dem Band "U.S. Camera 1940", der zum 100-j├Ąhrigen Jubil├Ąum der Fotografie erschien.

Das J├╝dische Museum Berlin besitzt heute ├╝ber 400 Abz├╝ge und noch eine gr├Â├čere Anzahl von Negativen von Ruth Jacobi. Ein seltener und kostbarer Schatz, der nun der ├ľffentlichkeit zug├Ąnglich gemacht wird.

AVIVA-Tipp: Nicht nur die gro├če Vielfalt an Fotografien beeindruckt: Portr├Ąts bekannter als auch unbekannter Pers├Ânlichkeiten in jedem Alter, ├Ąsthetische Pflanzenbilder, ausdrucksstarke Schnappsch├╝sse des gesch├Ąftigen Stadtlebens in New York aus dem Jahre 1928, die Lower East Side als zentrales Thema. Reisefotografien aus Ungarn, entstanden im Jahre 1934, zeigen die dort lebenden Menschen in ihrer traditionellen Tracht und dokumentieren ihren Alltag im Dorf. Weiterhin Stillleben-Aufnahmen von Kunstobjekten, wie etwa einem Chanukkaleuchter oder Puppen, aber auch von Naturprodukten, wie Eier in einem Netz. Alle diese Aufnahmen beweisen die kreative Kunstader von Ruth Jacobi. Die in dem Buch ver├Âffentlichten Fotografien in Duplexdruck haben eine ausgezeichnete Qualit├Ąt und zeugen von der scharfen Beobachtungsgabe der K├╝nstlerin.
Ruth Jacobi schildert in ihren Memoiren ihr Leben in einer Weise, die das Lesen zum Vergn├╝gen macht: historisch interessant, dramatisch und humorvoll.

Zum Herausgeber: Aubrey Pomerance ist Judaist und Archivleiter des J├╝dischen Museums Berlin und der dortigen Dependance des Archivs des Leo Baeck Instituts New York.

Lesen Sie auch unseren Beitrag zur Ausstellung Ruth Jacobi. Fotografien im J├╝dischen Museum Berlin.

Ruth Jacobi. Fotografien
Herausgegeben von Aubrey Pomerance im Auftrag des J├╝dischen Museums Berlin
120 Seiten, 60 Abbildungen im Duotone,
Format: 21 x 22,5 cm, gebunden mit Schutzumschlag
Preis: 24,90 Euro
Nicolai Verlag, erschienen November 2008
ISBN: 978-3-89479-509-23

Buecher Beitrag vom 25.11.2008 AVIVA-Redaktion 





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