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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.04.2009

Susanne Beyer - Palucca - Die Biografie. AvivA Verlag
Sharon Adler

Die SPIEGEL-Kulturredakteurin zeichnet mit dieser Biographie ein neues Bild dieser widerspr├╝chlichen und charismatischen Frau, der Wegbereiterin des modernen Tanzes, Gret Palucca (1902-1993).



Sechzehn Jahre nach dem Tod der legend├Ąren Begr├╝nderin des modernen Tanzes wurde es noch einmal turbulent um Gret Palucca. Vergessen war sie ohnehin nie.
Doch als ihr Ferienhaus auf der Ostsee-Insel Hiddensee kurz vor einer geplanten Versteigerung des Anwesens und nach der Feststellung der Denkmalw├╝rdigkeit durch das Landesamt f├╝r Denkmalpflege in Schwerin und das Kultusministerium in den fr├╝hen Morgenstunden des 20. M├Ąrz 2009 abgerissen wurde, war man nicht nur an der Palucca-Schule in Dresden schockiert.

In der hier vorliegenden Biographie wird auch die Bedeutung des Feriendomizils f├╝r Palucca und ihre Lebensgef├ĄhrtInnen deutlich, ein Verdienst der akribischen Recherche der Autorin Susanne Beyer.
Die Kulturredakteurin hat f├╝r das im AvivA Verlag erschienene Buch "Palucca - Die Biografie" von 2001 bis 2008 ZeitzeugInnen und WegbegleiterInnen befragt, die bis vor kurzem gesperrte Privatkorrespondenz gesichtet, sowie fundierte Archiv-Arbeit geleistet und konnte so das Leben dieser widerspr├╝chlichen Frau und begnadeten K├╝nstlerin l├╝ckenlos rekonstruieren.

Ein unverkl├Ąrtes Bild, nichts besch├Ânigend zeichnet Beyer den Lebenslauf der Gret Palucca, von deren Anf├Ąngen bis ├╝ber ihren Tod hinaus, nach.
Die nur 1,58 Meter gro├če Symbolfigur des Jahrhunderts wurde am 8. Januar 1902 in M├╝nchen als Tochter des risikofreudigen Unternehmers Max Paluka, eines Deutschen aus Konstantinopel, und Rosa Merfeld, einer J├╝din geboren. Der Gro├čvater Karl Kohn hatte seinen j├╝dischen Namen abgelegt und den seiner Frau angenommen. Wie f├╝r so viele j├╝dische Familien dieser Zeit war Assimilation das erstrebenswerte Ziel.
Auch Palucca sollte in der Nazizeit ihr Judentum verleugnen, mehr noch, als die Rassengesetze in Kraft traten, entlie├č sie umgehend ihre j├╝dische Haushaltshilfe und ihren j├╝dischen Agenten.

Palucca geh├Ârte der Generation Frauen an, die sportlich sein wollten und ihr Verh├Ąltnis zum eigenen K├Ârper schulten. Bereits in ihrer durch Umz├╝ge, wirtschaftliche Miseren und Verlust gekennzeichneten Kindheit und Jugend war das deutlich zu sehen. In San Francisco etwa, wo sie mit ihrer Familie vor├╝bergehend lebte, trainierte sie auf der Stra├če auf Rollschuhen Walzer zu tanzen.
Nach der Trennung der Mutter vom Ehemann lebte Gret mit ihrem Bruder Hans und ihrer Mutter Rosa im vom 1. Weltkrieg gezeichneten Dresden und war mit knapp 16 Jahren bereits beinahe selbst├Ąndig.
Zu einer Zeit, als Grets Mitsch├╝lerinnen noch ihre Lehrerinnen imitierten und toupierte Haare trugen, die mit einer riesigen Schleife zusammen gehalten waren, lie├č sie ihre langen Haare offen, schnitt sie bald ganz ab und frisierte sie zu einem Pagenkopf.

W├Ąhrend einer Basisausbildung bei Heinrich K├Âller, dem Ballettmeister der Dresdner Oper, wurde ihr bewusst, dass sie "nie h├╝bsch und lieblich tanzen wolle." Im aufstrebenden Dresden fand sie 1920 ihre wahre Lehrerin in Mary Wigham, die sie und ihr weiteres Leben f├╝r immer beeinflussen sollte. Palucca, wie sie sich nun, an Erinnerung an ein Marionettentheaterst├╝ck ihrer Kindheit, nannte, konnte schon bald Erfolge als Solot├Ąnzerin feiern. Ber├╝hmt, und bewundert wurde sie vor allem durch ihre unvergleichlich hohen Spr├╝nge aus dem Stand heraus und ihre Verfremdungen und Improvisationen, denn sie kreierte eine bis dahin einmalige Form des Ausdruckstanzes, basierend auf der Technik des klassischen Ballett. Schnell war klar, dass Palucca Wigham technisch weit ├╝berlegen war und so wurde sie sp├Ąter diese gr├Â├čte Konkurrentin. Die Rivalit├Ąt der beiden gro├čen T├Ąnzerinnen hielt sich bis in das hohe Alter, doch eine sp├Ąte Vers├Âhnung gab ihnen die M├Âglichkeit, ihr Leben und ihre Kunst Revue passieren zu lassen.

Mary Wigham war jedoch nicht die einzige prominente Bekanntschaft in Paluccas Leben, denn es gelang ihr zu jeder Zeit, einflussreiche und bedeutende Menschen um sich zu versammeln, von ihnen zu profitieren. Als eine der f├╝hrenden K├╝nstlerpers├Ânlichkeiten der 1920er Jahre war das Haus in Dresden, in dem sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem verm├Âgenden Kunstm├Ązen Friedrich Bienert lebte, ein Treffpunkt der k├╝nstlerischen Elite der Moderne. Die Autorin Susanne Beyer schildert diese Welt wie auch nachfolgende Zeiten, authentisch, kenntnisreich und mit einer Distanz, die der Person Palucca gut tut.

Palucca arrangierte sich in ihrem weiteren Leben mit jedem Regime, solange man sie nur ehrte und sich um sie k├╝mmerte. Sie konnte sich zu jeder Zeit problemlos auf immer neue politische und gesellschaftliche Konstellationen einlassen und als gute Gesch├Ąftsfrau ihren Vorteil ziehen. Politik interessierte sie nicht, es ging ihr einzig um die Wahrung ihrer eigenen Interessen. Eine gef├Ąhrliche Auffassung, die sie mit ihrer Zeitgenossin Leni Riefenstahl teilte. Ihre Rolle unter Hitler hat Palucca auch sp├Ąter nie hinterfragt, im Gegenteil behauptete sie, w├Ąhrend der Nazizeit verfolgt worden zu sein.

Palucca wurde zur Vorzeigefrau der DDR, genoss viele Privilegien, konnte sich einen Chauffeur und eine Haush├Ąlterin leisten und sich zwischen in Ost und West relativ frei bewegen. Ihre langj├Ąhrige Lebensgef├Ąhrtin, Dr. Marianne Zwingenberger, eine renommierte Kinder├Ąrztin, bezeichnet sich selbst als "Leib├Ąrztin der Diva". Palucca lehrte knapp sieben Jahrzehnte lang an der von ihr 1925 er├Âffneten Schule in Dresden, kannte keine Pausen und war ├╝beraus diszipliniert. Sie konnte 200 eigene Choreographien vorweisen und beendete nach 26 Jahren ihre B├╝hnenkarriere, bet├Ątigte sich bis zum Ende ihres Lebens als Tanzp├Ądagogin und war Gr├╝ndungsmitglied der ostdeutschen Akademie der K├╝nste.

Palucca war ein Mensch der Gegens├Ątze. Das Verlangen nach R├╝ckzug wechselte sich ab mit dem Wunsch, im Mittelpunkt zu stehen, sie war bekannt f├╝r Geiz und Verschwendungssucht, liebte Luxus ebenso wie das einfache, freie Leben an der See.

Im Alter von 91 Jahren starb Palucca am 22. M├Ąrz 1993 in Dresden. Sie wurde auf Hiddensee beigesetzt.

Zur Autorin: Susanne Beyer, 1969 in Balige/Indonesien geboren. Schulzeit in Wuppertal und Bielefeld. Studium der Germanistik, Geschichte und Journalistik in Bamberg und Wien. Danach Besuch der Deutschen Journalistenschule in M├╝nchen. Journalistische Arbeit bei Tageszeitungen, Print-Magazin, Nachrichtenagentur, Rundfunk und Fernsehen. Seit 1996 Kulturredakteurin beim SPIEGEL. Von 1997 bis 2003 Zweitwohnsitz in Dresden.

AVIVA-Tipp: Palucca pr├Ągte die Kunst und wurde von ihr gepr├Ągt, die Begr├╝nderin des modernen Tanzes unterhielt weitreichende Kontakte zu K├╝nstlerInnenkreisen, er- und ├╝berlebte viele bedeutende Pers├Ânlichkeiten ihrer Zeit. Trotz ÔÇô oder durch ÔÇô ihr widerspr├╝chliches Wesen wurde sie geliebt und verehrt. Bis heute. Die Journalistin Susanne Beyer bezeugt mit " Palucca - Die Biografie" eine respektvolle und doch kritische literarische Verbeugung vor einer Frau, die unbeirrbar ihren Weg gegangen ist.

Susanne Beyer
Palucca - Die Biografie

AvivA Verlag, erschienen im M├Ąrz 2009, 1. Auflage
380 Seiten, gebunden, mit Leseb├Ąndchen
ISBN 978-3-932338-35-9
24.80 Euro
www.aviva-verlag.de

Buecher Beitrag vom 10.04.2009 Sharon Adler 





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