Friedrich von Borries und Jens Uwe Fischer - Heimatcontainer. Deutsche Fertigh├Ąuser in Israel - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Buecher
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 26.11.2009

Friedrich von Borries und Jens Uwe Fischer - Heimatcontainer. Deutsche Fertigh├Ąuser in Israel
Adriana Stern

Die Autoren verkn├╝pfen in dem vorliegenden Werk deutsche Architekturgeschichte mit dem Leben von Juden in Deutschland seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Sie nehmen dabei vor allem eine zeit- und...



... kulturgeschichtliche Perspektive ein.

Schon der Titel spiegelt eine paradox anmutende Idee wider. Container sind etwas f├╝r einen ├ťbergang, eine Heimat dagegen hat Bestand. Doch genau damit trifft die Kupferhausidee die Situation deutscher Juden pr├Ązise.

Der erste Teil, Heimatcontainer, zeigt auf 25 Seiten Farbabbildungen der Kupfer- Fertigh├Ąuser aus Israel, vor allem in Haifa, und aus Deutschland, insbesondere in Berlin und Eberswalde. Im Anhang finden sich Bildnachweise zu den Abbildungen, die leider ohne Seitenzahlen geblieben sind, was eine Zuordnung der Nachweise zu den Fotografien erschwert.

Der zweite Teil, Container, beschreibt die Geschichte der j├╝dischen Familie Hirsch vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Ermordung von Aaron Hirsch 1942 in einem KZ und stellt die Idee der Kupferh├Ąuser vor.
In diesem Teil finden sich zehn Schwarz-Wei├č Fotografien, zwei Zeichnungen und drei exemplarische Grundrisse der Kupferh├Ąuser. Auf der Internetpr├Ąsenz des Suhrkamp- Verlags sind weitere Zeichnungen aus Katalogen abgebildet, die im Buch schmerzlich fehlen, weil gerade sie Entw├╝rfe, Grundrisse und Preislisten speziell f├╝r Israel gedachte Kupferh├Ąuser zeigen.

Die Abs├Ątze im Buch sind durch kleine grafische Icons, welche 25 verschiedene Kupferhausentw├╝rfe symbolisieren gegliedert. Durch sie l├Ąuft das Thema "Heimatcontainer" wie ein roter Faden mit.

Die Geschichte des Kupferhauses l├Ąsst sich ohne die Geschichte der Juden in Deutschland nicht denken und nicht erz├Ąhlen. Die Autoren bleiben stets nah an den geschichtlichen Ereignissen, die das Leben der Juden, auch das der Familie Hirsch, zutiefst gepr├Ągt und beeinflusst haben.
Diese unaufl├Âsliche Verkn├╝pfung ist auf jeder Seite sp├╝rbar. So ist das Kupferhaus untrennbar verbunden mit j├╝discher Geschichte zur Zeit der Aufkl├Ąrung, mit dem Zionismus, der kurzen Zeit der Emanzipation von Juden und ihrer Flucht vor Verfolgung. Der Ahnvater, Rabbiner Naftali Hirsch Gumprecht, zog Ende des 18. Jahrhunderts aus dem Frankfurter Ghetto nach Halberstadt. Sein Sohn Aaron wurde Kaufmann und ├╝bernahm eine Altmetallhandlung: der Grundstein f├╝r den sp├Ąteren Hirsch-Konzern.

Im Laufe der n├Ąchsten Jahrzehnte entstand gegen die Wirren der Zeit und den immer wieder aufkeimenden Antisemitismus ein aufstrebendes Handels- und Industrieunternehmen. In der Folge des Antisemitismus wurde Ende des 19. Jahrhunderts die Idee des Zionismus f├╝r Juden immer bedeutsamer. Dazu Borries und Fischer: F├╝r die gro├če Mehrheit der j├╝dischen Bev├Âlkerung war die "Judenemanzipation" im Kaiserreich nur ein oberfl├Ąchlicher Erfolg. Zwar stellte der Staat die j├╝dischen Deutschen mit der Reichsgr├╝ndung 1871 rechtlich gleich, aber die antij├╝dischen Ressentiments blieben bestehen.

Die Familie Hirsch distanzierte sich lange von der Idee des Zionismus, dennoch entstand im Umfeld der Fabrik eine zionistische Bewegung. Einer ihrer Mitbegr├╝nder, Felix Rosenbl├╝th, mit hebr├Ąischem Namen Pinchas Rosen, wurde erster Justizminister des Staates Israel.
1/5 der j├╝dischen Bev├Âlkerung beteiligte sich am ersten Weltkrieg. Dennoch galten Juden als Kriegsgewinnler, die der Armee den Dolch in den R├╝cken gesto├čen h├Ątten. Neue politische Parteien und Massenbewegungen machten Nationalismus und Antisemitismus zur Grundlage ihrer politischen Programme

Die Hirsch-Familie setzte sich jetzt f├╝r den Zionismus ein, unterst├╝tzte die Bewegung finanziell und ideell. Sie engagierte den Agrarwissenschaftler Salomon Dyk, der junge Menschen das n├Âtige Fachwissen f├╝r den Aufbau des Landes Israel lehrte. Siegmund Hirsch war an der Gr├╝ndung des "Keren Hajessod" beteiligt, der bis heute ein Fond zur Finanzorganisation der zionistischen Bewegung ist.

Nach dem 1. Weltkrieg musste Hirsch neue M├Ąrkte erschlie├čen. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee des Kupferhauses. Der Ingenieur F├Ârster und der Architekt Krafft beginnen 1930 mit der praktischen Umsetzung. Das Fertighaus als Massenprodukt aus dem selbst hergestellten Kupferblech So schlie├čt sich der Kreis der unternehmerischen Interessen von Siegmund Hirsch mit seinem zionistischem Engagement.

Zeitgleich sucht der durch das gegr├╝ndete Bauhaus ber├╝hmt gewordene Architekt Walter Gropius nach L├Âsungen f├╝r Millionen Familien, die weder ein Einkommen noch ein Dach ├╝ber den Kopf haben. Er st├Â├čt 1931 auf die Kupferhausidee und tr├Ąumt von einem Fertighaus nach dem Baukastenprinzip, das sich gem├Ą├č der finanziellen M├Âglichkeiten beliebig erweitern l├Ąsst. Faszinierende Grundrisse in der Mitte des Bandes zeigen die Idee vom flexiblen, wachsenden Haus. Er entwickelte ein Stecksystem, mit dem die H├Ąuser leicht auf- und abgebaut werden konnten, wodurch sie quasi zu Nomadenbehausungen wurden. Die Idee des Kupferhauses war leider ein finanzielles Fiasko. Insgesamt wurden nur etwa 50 H├Ąuser gebaut, 20 davon in Israel, von denen heute nur noch vier H├Ąuser erhalten sind.

Zwischen 1932 und 1938 flohen 200.000 Juden aus Deutschland nach Pal├Ąstina. Nur wenige nahmen ein Kupferhaus mit, obwohl diese nicht unter die Devisenbeschr├Ąnkungen fielen.

Der letzte Teil des Buches, Heimat, enth├Ąlt Geschichten der BewohnerInnen verbliebener Fertigh├Ąuser in Israel und ein Interview mit BewohnerInnen in Eberswalde. Das letzte Interview mit Dan Hirsch, einem Ur-Ur-Ur-Ur-Urenkel des Firmengr├╝nders Aron Hirsch, der seit 2008 in Berlin lebt und in Israel aufgewachsen ist, beschlie├čt diesen au├čergew├Âhnlichen Bericht. Sein Gro├čvater, in Berlin aufgewachsen, r├Ąt ihm: "Geh nach Deutschland, studiere dort. Aber dann kommst du zur├╝ck nach Israel.ÔÇť

AVIVA-Tipp: Hier wird nicht nur die Geschichte einer theoretisch genialen Erfindung erz├Ąhlt, die praktisch eine absurde Geschichte des Scheiterns ist, sondern auch die Geschichte eines Jahrhunderte lang w├Ąhrenden Kampfes gegen Antisemitismus und f├╝r Gleichberechtigung eines Volkes, das bis 1948 kein eigenes Land besa├č.
Insofern ist das vorliegende Werk ein zutiefst beeindruckendes zeit ÔÇô und kulturpolitisches Dokument, das weit ├╝ber die Beschreibung der Kupferh├Ąuser hinausgeht. Das Werk erz├Ąhlt auf eigenwillige und bewegende Weise anhand einer genialen Idee die Geschichte der Juden seit der Zeit der Aufkl├Ąrung. Die Autoren berichten sie fundiert und kenntnisreich an dem konkreten Beispiel einer j├╝dischen Familie, die als Musterbeispiel f├╝r den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg Deutscher j├╝dischen Glaubens im 19. Jahrhunderts und ihres Schicksals in Deutschland gelten kann.

Hinweise:

Ausstellung
"Heimatcontainer. Deutsche Fertigh├Ąuser in Israel"
Meisterhaus Schlemmer
Ebertallee 67
06846 Dessau-Ro├člau
Vom 05.12.2009 bis zum 07.03.2010, Di-So: 10-17 Uhr
Kuratoren: Friedrich von Borries, Jens-Uwe Fischer
Beteiligte K├╝nstlerInnen: Daniel Bauer, Hannes Gieseler, Annette Kelm, Wiebke Loeper, Bas Princen Schirmherr der Ausstellung ist Yoram Ben Zeev, Botschafter des Staates Israel
www.literaturportal.de

Buchpr├Ąsentation
05. Dezember 2009, 15:00 Uhr
Meisterhaus Schlemmer
Ebertallee 67
06846 Dessau

Videobeitrag zum Buch
www.allende-zorro.de

Zu den Autoren:
Friedrich von Borries, geboren 1974 in Berlin, ist Architekt. 2008 war er Generalkommissar des Deutschen Beitrags auf der Architekturbiennale in Venedig. Er lehrt als Professor f├╝r Designtheorie und kuratorische Praxis an der Hochschule f├╝r Bildende K├╝nste in Hamburg. Er studierte Architektur an der Universit├Ąt der K├╝nste Berlin, der ISA St. Luc Bruxelles und an der Universit├Ąt Karlsruhe (TH), wo er 2004 promovierte. Von 2001 bis 2003 lehrte er an der Technischen Universit├Ąt Berlin, von 2002 bis 2005 an der Stiftung Bauhaus Dessau. 2007 bis 2008 war er Gastwissenschaftler an der ETH Z├╝rich und dem MIT Cambridge sowie Gastprofessor an der Akademie der bildenden K├╝nste N├╝rnberg. Er ist Research Fellow am Goldsmith College in London sowie Mitglied der Jungen Akademie an der Berlin- Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie f├╝r Naturforscher Leopoldina. 2008 war von Borries Generalkommissar f├╝r den Deutschen Beitrag auf der Architekturbiennale in Venedig. Gemeinsam mit Matthias B├Âttger leitet er "raumtaktik - r├Ąumliche Aufkl├Ąrung und Intervention" in Berlin.
(Quelle: Suhrkamp Verlag und Perlentaucher)

Jens-Uwe Fischer, geboren 1977 in Nordhausen (Th├╝ringen), ist Historiker. Er arbeitet in der kulturellen und politischen Jugendbildung, unter anderem in der KZ Gedenkst├Ątte Mittelbau-Dora.
(Quelle: Suhrkamp Verlag)

Weitere Infos zu den Autoren und Kontakt:

www.raumtaktik.de
und
www.suhrkamp.de

Friedrich von Borries / Jens Uwe Fischer
Heimatcontainer

edition suhrkamp 2593, erschienen: 16.11.09
Broschur, 200 Seiten
ISBN: 978-3-518-12593-9
12,00 Euro


Buecher Beitrag vom 26.11.2009 AVIVA-Redaktion 





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