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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 13.10.2010

Silvia Tennenbaum - Rachel, die Frau des Rabbis
Susanne Alge

Mit Witz, Charme und spitzer Feder schildert die am 27. Juni 2016 verstorbene Autorin in ihrem autobiografisch gef├Ąrbten Roman das Leben einer Rebbezin im Vorstadt-G├╝rtel um New York. In den USA avancierte das Werk vor ...



... drei├čig Jahren schnell zum Bestseller.

Es erz├Ąhlt von Rachels Kampf und Bem├╝hungen um ein eigenes und eigenst├Ąndiges Leben, vor allem um das Fortsetzen ihrer abgebrochenen Karriere als Malerin. Seit zwanzig Jahren ist sie mit Seymour Sonnshein verheiratet, der ihre Unabh├Ąngigkeit nicht besonders f├Ârdert, aber immerhin akzeptiert, ganz im Gegensatz zum Gro├čteil seiner mehrheitlich orthodoxen Gemeinde, die sehr genaue Vorstellungen von dem hat, was sich f├╝r eine "ordentliche" Rebbezin geh├Ârt, welche Kaffeekr├Ąnzchen sie nicht vers├Ąumen darf und wo sie ├╝berhaupt "ordentlich" gekleidet auftauchen muss. Diese Intrigen bringen das Leben der Familie Sonnshein samt Sohn Aaron, der zu allem ├ťberfluss an seinem ersten Liebeskummer leidet, durcheinander, bis an den Rand einer bedrohlichen Krise sogar.

Der Roman bezieht viel seiner Qualit├Ąt aus dem oberfl├Ąchlich lapidar erscheinenden Ton, hinter dem sich Genauigkeit und Tiefgang verbergen, auch aus den rasanten Dialogen, die Stoff f├╝r weitere Romane b├Âten. Allein der Schlagabtausch, der bei famili├Ąren wie gesellschaftlich feiert├Ąglichen Zusammenk├╝nften freundlich l├Ąchelnd, doch die Z├Ąhne zeigend, stattfindet, vergr├Â├čert das ohnehin betr├Ąchtliche Lesevergn├╝gen.

├ťber den Empfang durch Mutter Betty und Donella, Hausangestellte seit Rachels Kindheit, lautet deren Kommentar bei einem Besuch im Elternhaus ob des ewig gleichen und etwas nervigen Rituals: "Alles war wie immer. Gott sei Dank."
Denn Rachel durchschaut ihre ambivalenten Gef├╝hle gut. So sehr sie es manchmal genie├čt, in die Rolle der Verh├Ątschelten zur├╝ckfallen zu k├Ânnen, beobachtet sie sich selbst ihrem heranwachsenden Sohn gegen├╝ber ab und zu bei demselben Verhalten. Der Roman bleibt aber nicht bei der individuellen Emanzipation Rachels stehen. Prozesse, die Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre gesamtgesellschaftliche Umbr├╝che ank├╝ndigten, geraten ebenso ins Visier und bilden ÔÇô wie es der Realit├Ąt entsprach ÔÇô wichtige Basis f├╝r das Geschehen. Dazu geh├Ârt auch der unbek├╝mmerte, lustvolle Umgang mit der Sexualit├Ąt, sei es im Erinnern beim Wiedersehen eines verflossenen Liebhabers, sei es im Beherrschen einer elegant-erotischen Sprache bei der Schilderung aktueller Aff├Ąren, aber ebenso in der leidenschaftlichen Wut bei der Vorstellung von Begegnungen des Gatten Seymour mit Natalie Gould, einer der den Rabbi anhimmelnden Vertreterinnen aus dessen Gemeinde.
Hervorragend ├╝bersetzt von Claudia Campisi kommt der filmreife Furor solcher Szenen noch besser zur Geltung.

Zur Autorin: Silvia Tennenbaum, geboren 1928 in Frankfurt am Main, 1938 Flucht und Emigration in die USA, studierte Kunstgeschichte an der Columbia University, war als Kunstkritikerin t├Ątig, ├╝ber 35 Jahre mit einem Rabbiner verheiratet. 1978 feierte sie mit dem autobiografisch gef├Ąrbten Roman "Rachel, the Rabbi┬┤s wife" den ersten gro├čen Erfolg. Diesem folgte 1981 "Yesterday┬┤s Streets". Der Roman um eine Frankfurter j├╝dische Familie erschien 1983 unter dem Titel "Stra├čen von gestern" in deutscher ├ťbersetzung und wurde 2012 wieder neu aufgelegt. Tennenbaum lebte auf Long Island, hielt sich jedoch seit 1983 regelm├Ą├čig in Deutschland auf. Im Fr├╝hjahr 2012 wurde ihr die Goethe-Plakette des Hessischen Ministeriums f├╝r Wissenschaft und Kunst verliehen. Am 27. Juni 2016 starb Silvia Tennenbaum in Haverford, Pennsylvania. (Quelle: Verlagsinformation)

AVIVA-Tipp: Ironie und Witz tragen sowohl zu gro├čem Lesevergn├╝gen als auch zu manchem Blick auf das eigene Verhalten bei, dienen aber nie zum scheinheiligen Augenzwickern, es sei doch alles halb so schlimm.

Silvia Tennenbaum
Rachel, die Frau des Rabbis

├ťbersetzt von Claudia Campisi
Gebunden, 457 Seiten, mit Leseb├Ąndchen
AvivA Verlag, erschienen September 2010
ISBN 978-3-932338-45-8
1. Auflage
24,80 Euro
www.aviva-verlag.de

Buecher Beitrag vom 13.10.2010 AVIVA-Redaktion 





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