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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 11.04.2011

Tania Witte - beziehungsweise liebe
Ute Vetter

Das Romandeb├╝t der Journalistin, Spoken-Word-Performerin und Schriftstellerin Tania Witte erz├Ąhlt von komplexen und sexuell offenen Beziehungskonstellationen einer sympathisch-queeren Community. ...



... Abgebildet wird der urbane Kosmos einer lesbischen Szene in Berlin. Die Autorin liefert einen unterhaltsamen Einblick in die Widrigkeiten und Freuden lesbischer Liebe.

Acht Monate eines unbestimmten Jahres im aktuellen Jahrtausend in Berlin bestimmen das Zeitfenster des Romans. Die lang geplante Schwangerschaft Martes er├Âffnet den Plot. Von der k├╝nstlichen Insemination, die drei Tage lang im sch├Ânen Monat Mai gro├č gefeiert wird, ├╝ber das ungew├Âhnliche Benehmen einer Schildkr├Âtendame bis hin zur massiven Ersch├╝tterung gew├Ąhlter Lebenskonstrukte, die auf die Probe gestellt werden, kommt die queere Welt Berlins zur Ansicht.

Eine italienisch-deutsch-t├╝rkische Sch├Ânheit wird zur Begehrtesten der Stadt proklamiert und Frauen w├╝rden f├╝r eine Beziehung oder auch eine Nacht mit ihr Alles geben. Ein symbiotisch-lesbisches Paar, das in gr├╝ner Idylle am Rande von Berlin wohnt, fehlt ebenfalls nicht. Die Autorin Tania Witte entwirft einen liebevollen Blick auf das komplexes Beziehungsgeflecht aus Freundschaft, Liebe und Sex. Die "Szene" kommt freiz├╝gig, komisch und nicht zu ernst, aber auch ein bisschen in sich selbst verliebt r├╝ber.

Der bunte, doch durchweg homogen gestaltete FreundInnenkreis bewegt sich im Roman unbeschwert, angstfrei und nutzt selbstbewusst vorhandene urbane Freir├Ąume. Eine klare Momentaufnahme vom Leben im gegenw├Ąrtigen Berlin, in dem gerade bei allen Alles gut ist - so wie auch auf dem Cover. Das n├Ąmlich zeigt eine tr├Ąumende Sch├Ânheit auf der Landebahn des Berliner Flughafen Tempelhof liegend. Die junge Frau dort scheint dem Ensemble des Romans entsprungen zu sein und sich im sommerlichen Abendlicht vom rasanten Leben der Stadt zu erholen.

Der illustre und queere Mikrokosmos der Geschichte setzt sich aus lesbisch/bi/transsexuellen Figuren zusammen: Von Marte, die ein Kind mit Tekg├╝l bekommt, die wiederum in ein magisch-obsessives Abenteuer gezogen wird - ├╝ber Johanna, einer erfolgreichen Mittdrei├čigerin, die sich mit einer ihr "ebenb├╝rtigen" starken Frau konfrontiert sieht - bis zu Sandy und Manu oder Nicoletta, die sich mit dem heterosexuellen Clemens bisher gut arrangiert hat.

Sprache und Duktus des Romans sind klar und unmissverst├Ąndlich, wobei jedoch einige Passagen durch ihre attributiven Konstruktionen etwas ├╝berladen scheinen. Sie st├Âren manchmal das kurzweilig Erz├Ąhlte. Die Charaktere sind hingegen sehr homogen in ihren Anschauungen ├╝ber die Welt gestaltet. Psychologische Tiefe und biographische Br├╝che bleiben, wenn ├╝berhaupt, nur angedeutet. Die Handlung ist leicht ├╝berschaubar und die Lekt├╝re insgesamt entspannend, sch├Ân und undramatisch.

Erotik kommt im Roman beziehungsweise liebe von Tania Witte auch nicht zu kurz. Intime Situationen der Realit├Ąt werden nicht aufdringlich oder voyeuristisch nachgestellt, sondern knapp und authentisch:

"Sie nimmt Johanna den Pullover, das T-Shirt, die Jeans und schlie├člich auch den samtweichen Slip, presst sie gegen die Spiegelwand und tr├Ągt dabei noch immer die schmale Stoffhose und den gr├╝n schillernden BH, der unter ihrem Hemd zum Vorschein kam, als sie es mit einem energischen Seufzen ├╝ber den Kopf zog.
Und dann schiebt Tekg├╝l Johannas Panzer beiseite, [...] Streckt und windet sich. Kommt."
(S.73)

Der Roman zelebriert die queere Hauptstadt, ist eine Liebeserkl├Ąrung an diese. Lesbisches Leben in Kontakt mit der Welt. Nichts ist zu sp├╝ren von verkrusteten Positionen, abstrusen Weltbildern und gesellschaftlichen Normen. Eine offene lesbische Kultur outet sich, zeigt Pr├Ąsenz, nimmt artistisch und witzig Raum ein.

Zur Autorin: Tania Witte lebt und schreibt seit 2004 in Berlin. Sie ist Mitherausgeberin des ebenfalls im Querverlag erschienenen Bandes "Drag Kings. Mit Bartkleber gegen das Patriarchat" (2007) und ver├Âffentlichte in diversen Anthologien. Um der Stille des Schreibens etwas entgegenzusetzen, gr├╝ndete sie als Spoken-Word-Performerin mit einigen anderen K├╝nstlerinnen "Shut Up And Speak", die Berliner Spoken-Word-B├╝hne f├╝r Frauen und Trans*. (Quelle: Querverlag, M├Ąrz 2011)

AVIVA-Tipp: Einen so intimen Blick in den Mikrokosmos einer Community bekommt frau selten so schnell, so sch├Ân und so freiz├╝gig serviert. Tabus, Klischees, No-Goes machen deutlich, wo in Berlin-Kreuzberg und in Mitte der Hammer h├Ąngt. Sexuelle Obsessionen, Kinderwunsch, moderne Lebensform, queeres Lebensgef├╝hl, Transsexualit├Ąt und Tierliebe sind spielerisch in Verbindung gebracht. Das belletristische Deb├╝t beziehungsweise liebe legt ein au├čerordentlich hohes Erz├Ąhltempo vor, ist dabei sehr vergn├╝glich, empfehlenswert und entlockt der Leserin auch so manches Schmunzeln.

Tania Witte im Netz: www.taniawitte.de

Tania Witte
beziehungsweise liebe
Querverlag, erschienen M├Ąrz 2011
www.querverlag.de
Broschiert, 232 Seiten
ISBN: 978-3-89656-185-5
14,90 Euro

Buecher Beitrag vom 11.04.2011 AVIVA-Redaktion 





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