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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 04.03.2004

Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945
Sabine Grunwald

Mascha Rolnikaite legt ein ersch√ľtterndes Zeugnis √ľber die Vernichtung der Wilnaer Juden und J√ľdinnen ab. Als Jugendliche verbrachte sie 4 Jahre ihres Lebens erst im Ghetto und danach im KZ



Maschas Aufzeichnungen beginnen am 22. Juni 1941, einem sch√∂nen warmen Sommertag. Der Krieg ist ausgebrochen und l√§sst ihre heile Welt zusammenbrechen. Tausende Wilnaer Juden und J√ľdinnen fl√ľchten gen Osten, und hoffen, sich im Inneren der Sowjetunion in Sicherheit bringen zu k√∂nnen. In den Wirren dieser Kriegstage verliert Dr. Rolnikas, Maschas Vater, seine Familie aus den Augen. Die Mutter kehrt nach einem mi√ülungenen Fluchtversuch aus dem Ghetto mit den vier Kindern nach Wilna zur√ľck.
Am n√§chsten Morgen, dem 24. Juni 1942 besetzen die Deutschen die Stadt. Erlasse gegen die j√ľdische Bev√∂lkerung erschweren das t√§gliche Leben. Mascha ist 13 Jahre alt und beschlie√üt, ein Tagebuch zu f√ľhren, damit die Menschen nach dem Krieg alles erfahren. J√ľdische BewohnerInnen m√ľssen Markierungen an der Kleidung tragen, Geld und Wertsachen m√ľssen abgeliefert, Bewegungsfreiheit und Einkaufsm√∂glichkeiten werden eingeschr√§nkt.

"Die Deutschen betrachten uns √ľberhaupt nicht als Menschen, sie markieren uns wie Schafe" berichtet die Zeitzeugin.

Hausdurchsuchungen und Menschenjagd auf offener Straße gehören bald zum schrecklichen Alltag. Am 6. September 1941 werden das Große und das Kleine Ghetto eingerichtet. Ende 1942 leben in den sieben kleinen Gassen des Großen Ghettos offiziell noch 12.000 Menschen. Die Zahl der "Illegalen", die sich in Geheimverstecken verborgen halten, werden auf mehr als 8.000 geschätzt.

Maschas Mutter erhält als Näherin einen Facharbeiterinnenausweis und auch Mascha fängt 1942 in einer Gärtnerei als Wasserträgerin an, um zu den mehr als kargen Rationen etwas beisteuern zu können. Mascha lernt den Inhalt ihres Tagebuches auswendig, da ihr im Falle der Entdeckung die sofortige Erschießung sicher wäre.
Am 23. September 1943 wird das Wilnaer Ghetto liquidiert. Mascha mu√ü Abschied von der Mutter und den beiden kleinen Geschwistern nehmen. Maschas erste Station ist das ber√ľchtigte KZ Kaiserwald n√∂rdlich von Riga. Mi√ühandlungen, K√§lte, Hunger und Unterern√§hrung sind an der Tagesordnung. Danach das KZ Strasdenhof im Rigaer Vorort Jugla. Strasdenhof bedeutet Steineschleppen im Dauerlauf und Steineklopfen in str√∂mendem Regen. Sadistische Qu√§lereien sind an der Tagesordnung. Im Sommer 1944 r√ľckt die Front Riga n√§her und Strasdenhof wird aufgel√∂st. Die letzte Station auf Maschas Leidensweg hei√üt Stutthof - ein Vernichtungslager. In diesem Vorhof zur H√∂lle arbeiten die Verbrennungs√∂fen Tag und Nacht. Der sadistische Aufseher ist ein mehrfacher M√∂rder und wird bei den SS-Leuten wegen seiner unerh√∂rten Grausamkeit gesch√§tzt. Das Tagebuch endet mit der Evakuierung von Stutthof im Februar 1945.
Auf dem dreiw√∂chigen Todesmarsch verliert ein Gro√üteil der H√§ftlinge ihr Leben. Die letzten H√§ftlinge sollen bei lebendigem Leib in einer Scheune verbrannt werden. Bevor es dazu kommt, erreicht eine Vorhut der Roten Armee den Ort. Mascha √ľberlebt, sie wiegt nur noch 38 Kilo.

Die Erz√§hlperspektive ist die eines √ľber Nacht erwachsen gewordenen Kindes. Ihre Aufzeichnungen des Ghettolebens zeichnen sich durch die Art ihrer Wahrnehmung aus. Genau, sublim und lakonisch, aber auch emotional verlangen ihre Schilderungen der Leserin viel ab. Die Monotonie des Grauens und Gew√∂hnung daran ziehen sie in eine Welt, die um so unverst√§ndlicher wird, je weiter die Lekt√ľre voranschreitet - doch aufh√∂ren ist unm√∂glich....zu gro√ü ist das Verlangen zu erfahren, wie die Chronistin diese H√∂lle des Grauens √ľberleben konnte.

√úber die Shoah in Polen, Wei√ürussland, der Ukraine und all den anderen L√§ndern ist viel geschrieben worden, wenig bekannt ist √ľber den Untergang der j√ľdischen Bev√∂lkerung im Baltikum. Erst seit dem Ende der sowjetischen Besatzung und der Unabh√§ngigkeit Litauens, Lettlands und Estlands 1991 ist die j√ľdischer Geschichte dieser L√§nder thematisiert worden.

Mascha Rolnikaite, geboren 1927 als Tochter eines Rechtsanwalts in Klaipeda, dem fr√ľheren Memel, und in Plunge aufgewachsen, hat das Wilnaer Ghetto, das KZ Strasdenhof bei Riga und das KZ Stutthof bei Danzig √ľberlebt. Au√üer der Mutter und den j√ľngeren Geschwistern hat sie f√ľnfundvierzig Angeh√∂rige verloren. Heute lebt sie in Sankt Petersburg, ist Mitglied des dortigen Demokratischen Schriftstellerverbandes und schreibt auf Russisch.




Mascha Rolnikaite
Ich muss erzählen. Mein Tagebuch 1941-1945

Aus dem Jiddischen von Dorothea Greve
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, März 2004
Seitenzahl: 287, Einband: kartoniert
Illustrationen: 8 S. einf. Tafeln
ISBN: 3-499-23555-2
8,90 Euro200963895475"


Buecher Beitrag vom 04.03.2004 Sabine Grunwald 





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