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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 11.01.2006

Ruhige Zeiten. Ein Roman von Lizzie Doron
Sarah Ross

Leale arbeitet seit ├╝ber 30 Jahren im Friseursalon von Sajtschik. Als dieser stirbt, bricht ihre Welt auseinander und Erinnerungen an die Menschen, die ihr Leben waren und sind, steigen in ihr auf.



In einem kleinen Tel Aviver Stadtviertel haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen zusammengefunden, die die Shoah ├╝berlebten und nun, soweit wie m├Âglich, versuchen ein neues Leben zu beginnen. Unter ihnen lebt auch die bereits in die Jahre gekommene Leale, die als Manik├╝re seit ├╝ber 30 Jahren in Sajtschiks Friseursalon arbeitet. Auch sie ├╝berlebte als Kind den Holocaust - versteckt in einem Erdloch und aufgewachsen in einem Waisenhaus in Polen. F├╝nfzig Jahre nach dem Krieg f├╝hlt Leale wieder die gleiche Einsamkeit wie zu Beginn ihres Lebens: Nachdem ihr Ehemann Srulik bereits vor Jahrzehnten verstarb, ihr einziger Sohn Etan in die USA auswanderte und nun auch Sajtschik, ihre unerreichbare Liebe, stirbt, verbarrikadiert sie sich in ihrer Wohnung und gibt sich den Erinnerungen ihres Lebens hin.
In Lizzie Dorons neuem Roman "Ruhige Zeiten" reden die Shoah-├ťberlebenden nur dann, wenn sie ├╝ber andere sprechen - ├╝ber ihre eigenen traumatischen Erfahrungen schweigen sie: "Jeder von uns ist eine Geschichte, eine Geschichte, die niemand erz├Ąhlen will und niemand h├Âren."

Lizzie Doron wurde 2003 f├╝r ihren Roman mit dem Preis der Gedenkst├Ątte Yad Vashem ausgezeichnet.

Mit einer ungewohnten Zur├╝ckhaltung und Zartheit schildert die Autorin durch die Augen der Protagonistin Leale Bittermann das Schicksal einiger ├ťberlebender des Holocausts, die gemeinsam ein "Leben mit konservierter Todeserfahrung" f├╝hren. So bricht Leales Welt nach dem Tod Sajtschiks - dem guten Geist des Viertels, ihres Arbeitgebers, Vertrauten und unerreichbaren Geliebten - nicht zum ersten Mal auseinander: "Der Krieg hat uns die Familie und die Verwandten genommen, und die Zeit, die vergeht, nimmt uns die Nachbarn und die Freunde." W├Ąhrend Leale um ihren Freund Sajtschik trauert, zieht sie sich alleine in ihre Wohnung zur├╝ck, lebt dort in v├Âlliger Dunkelheit und Stille, und erinnert sich an die Menschen, die ihr Leben waren und sind. W├Ąhrend all der Jahre im Friseursalon hat sie nicht nur jede Hand des Viertels kennen gelernt, sondern auch all die schweren und belastenden Geschichten ihrer Mitmenschen - denn Sajtschik hatte einmal zu ihr gesagt: "im Friseursalon [...] k├Ânnen die Tauben h├Âren, die Blinden sehen und die Stummen reden".

Und so nehmen in den kleinen Episoden, Geschichten, Dialogen und Erinnerungen, die aus Leale herausstr├Âmen, die einzelnen Romanfiguren immer mehr Gestalt an: Neben dem geliebten Sajtschik w├Ąre da sein von Leale weniger geliebter Freund Mordechai, der sie nach dem Krieg aus Polen nach Israel brachte. Da sind auch Dora und Rosa, die Professorin h├Ątte werden k├Ânnen, Jaffa mit den Pferdez├Ąhnen, der von Sajtschik stets bewunderte Herr R├ęsistance, die sch├Âne Ida, die nur unter dem Mantel ihres Vaters dem Todeskommando entkommen konnte, Ruben der Gem├╝seh├Ąndler, dessen Zwillinge von dem KZ-Arzt Mengele missbraucht wurden, Tanja, die im Lager ihre Mutter verleugnen musste, und viele andere, die den Nazi-Terror ├╝berlebten.

AVIVA-Tipp: Mit "Ruhige Zeiten" hat die Autorin Lizzie Doron einen dezenten und zugleich sehr r├╝hrenden Roman geschrieben, in dem sie mit erhellendem Witz und menschlicher W├Ąrme durch die Figur Leale davon erz├Ąhlt, wie einige Shoah-├ťberlebende in einem Tel Aviver Stadtviertel versuchen, das Unaussprechliche h├Ârbar zu machen und daran fast verzweifeln. W├Ąhrend die einen in Sajtschiks Friseursalon, dem Ort, an dem all diejenigen, die sonst Zuflucht im Schweigen suchen, pl├Âtzlich beginnen zu erz├Ąhlen, versuchen, ihre Erinnerungen loszuwerden, begibt sich Leale erst auf die Suche nach ihrer Geschichte.
In der Erz├Ąhlung entsteht eine bedr├╝ckende Intimit├Ąt gepaart mit Schmerz, Traurigkeit, der Sehnsucht nach Liebe und dem Willen nach Selbsterhalt, die einen unwillk├╝rlich mitrei├čt.

Zur Autorin:
Lizzie Doron
wurde 1953 geboren und lebt in Tel Aviv. Ihr Roman "Ruhige Zeiten" wurde 2003 mit dem von Yad Vashem vergebenen Buchman-Preis ausgezeichnet. "Warum bis Du nicht vor dem Krieg gekommen?", das erste Buch von Lizzie Doron, erschien 2004 im J├╝dischen Verlag im Suhrkamp Verlag.


Lizzie Doron
Ruhige Zeiten

├ťbersetzt von Mirjam Pressler
J├╝discher Verlag im Suhrkamp Verlag, Juli 2005
ISBN 3-633-54218-3
176 Seiten, gebunden
17,30 Euro90008115&artiId=3548802"


Buecher Beitrag vom 11.01.2006 Sarah Ross 





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