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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 03.02.2006

Elfriede Jelinek - ein Portr├Ąt
Rukshana Adrus-Wenner

Ein gelungener Lesegenu├č ├╝ber die Literatur-Nobelpreistr├Ągerin. Das AutorInnenpaar Mayer / Koberg beleuchtet die Prosa-Provokatorin, die keine politische Polemik scheut



Sie ist bis heute die gro├če Unbekannte, trotz ihres immensen literarischen Werks. Ebenso ist Elfriede Jelineks Leben vielf├Ąltig und faszinierend. Eine Biografie ├╝ber die Schriftstellerin und Dramatikerin gab es bislang nicht. Jetzt haben sich die Journalistin Verena Mayer und der Dramatiker Roland Koberg mit einem Portr├Ąt dieser Aufgabe angenommen, ausgehend von pers├Ânlichen Begegnungen mit der Literatur-Nobelpreistr├Ągerin sowie durch Gespr├Ąche mit Bekannten und unver├Âffentlichte Materialien.

Auf ihrem Werdegang des musikalischen Wunderkindes zur scharfz├╝ngigen Sprachvirtuosin lernen wir eine Frau kennen, die ein Leben voller Widerspr├╝che und Gegens├Ątze hatte und bis heute f├╝hrt. Zwischen der problematischen Familienkonstellation und eigener psychischer Erkrankung, hin- und hergerissen zwischen Klein- und Grossb├╝rgertum. Einerseits der stille, geliebte Vater, der als Halbjude die Kriegswirren ├╝berlebt hat und sp├Ąter an Alzheimer erkrankte.
Andererseits die dominante und ehrgeizige Mutter, mit der die Tochter eine neurotisch-symbiotische Beziehung verband, bis die hochbetagte Mutter starb.

In ihrem autobiographischen Roman "Die Klavierspielerin", die als Film mit Isabelle Huppert in der Hauptrolle zur Welterfolg wurde, hat Elfriede Jelinek dies verarbeitet. Schreiben ist neben Musik die k├╝nstlerische Doppelbegabung, die sie im Laufe der Jahre zur Perfektion verfeinert hat. Trotzdem hat ihr eigenes biografisches Schreiben nichts Therapeutisches. Vielmehr hat sie mit Sprache den Ton gefunden, mit dem sie ihr Inneres h├Ârbar ausdr├╝ckt.

Sehr fr├╝h hatte sie Kontakt zur Kulturszene und eine Freundeskreis aus K├╝nstlerInnen, MusikerInnen, SchriftstellerInnen. Ihr Bed├╝rfnis nach Gesellschaft, die sie zu hause nicht fand. Die Aufenthalte in Berlin und Rom z├Ąhlen zu den gl├╝cklichsten Zeiten.

Auch politisch war sie engagiert - als jahrelanges Mitglied der KP├ľ. In den 90er Jahren war sie eine der prominentesten Intellektuellen, die der polemischen Verfolgung durch den rechtsgerichteten J├Ârg Haider ausgesetzt waren. Sie hat sich vehement f├╝r die k├╝nstlerische Autonomie eingesetzt und gegen die politische Vereinnahmung protestiert.

Sowohl in ihrem Leben als auch in ihrem Werk ist sie immer unkonventionelle Wege gegangen. So ist sie seit ├╝ber 30 Jahren mit einem M├╝nchener Musiker und Informatiker verheiratet, und f├╝hrt noch heute eine Fernbeziehung zwischen zwei St├Ądten.

Elfriede Jelinek hat Alice Schwarzer sp├Ąter erz├Ąhlt, sie h├Ątte aus "Kuriosit├Ąt geheiratet, um bewusst ein anderes Modell der Ehe auszuprobieren". Auch haben die Arbeiten der Sprachavantgardistin haben immer wieder Skandale provoziert.

Andererseits hat Elfriede Jelinek schon fast alle Literaturpreise w├Ąhrend ihres 40j├Ąhrigen Schaffens erhalten, darunter so renommierte wie den "Georg B├╝chner Preis" (1998), den "Heinrich-Heine-Preis" (2002). Sie hat mehrere Romane, Theaterst├╝cke, Gedichte, Drehb├╝cher, H├Ârspiele, Libretti, ├ťbersetzungen, journalistische Texte sowie zahlreiche Essays vorgelegt.

F├╝r die Bandbreite ihrer Themen, die von der schwierigen Geschlechterbeziehungen, Familie, Politik Heimat und Sport reichen, wurde sie 2004 zum Nobelpreistr├Ągerin gek├╝rt. Da sie an Flugangst leidet, ist sie f├╝r das Preisempfang nicht pers├Ânlich erschienen, sondern, hat ihre Dankesrede - "Nobel Lecture" - als Video geschickt.

AVIVA-Tipp: Dieses Portr├Ąt-Buch zieht eine zwar subjektive aber einen gelungenen Bogen von der Ballettsch├╝lerin bis zum ber├╝hmten Sprachartistin. Erg├Ąnzend zum Text sind die diversen schwarzwei├č Fotos lobenswert. Wir erleben Jelinek in mehreren Posen - von der Volksch├╝lerin mit Z├Âpfen bis zum modischen Girlielook, von der femme fatale in Leder mit Zigarillo bis zur extravagant geschminkten, streng schauenden Dramatikerin.

Die umstrittene Schriftstellerin feiert in Oktober 2006 ihren 60. Geburtstag.
Wir d├╝rfen gespannt sein, welche aufregenden Werke in der Schublade bzw. auf der Festplatte schlummern.

Mehr zu Elfriede Jelinek auf:
www.elfriedejelinek.com

Zu den AutorInnen
Verena Mayer
, geboren 1972 in Wien. Arbeitet als Journalistin und Literaturkritikerin u.a. f├╝r FAZ, Frankfurter Rundschau und Tagesspiegel. Sie lebt in Berlin und Wien.
Roland Koberg, geboren 1967 in Linz, Kulturredakteur, Autor. Seit 2001 ist er Dramaturg am Deutschen Theater Berlin.

Die AutorInnen lesen am 4. Februar 2006 um 21 Uhr in den Kammerspielen des Deutschen Theaters, Schumannstr. 13a, Berlin


Verena Mayer / Roland Koberg
Elfriede Jelinek - Ein Portr├Ąt
Rowohlt Verlag, Hamburg, erschienen Januar 2006
302 Seiten, geb.,mit s. - w. Fotos
ISBN 3-498-03529-0
19,90 Euro90008115&artiId=3564645"


Buecher Beitrag vom 03.02.2006 AVIVA-Redaktion 





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