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AVIVA-BERLIN.de im Oktober 2021 - Beitrag vom 10.04.2006


Meine Sprache wohnt woanders
Sarah Ross

Lea Fleischmann und Chaim Noll - zwei deutsche SchriftstellerInnen, die sich in ihrem neuen Buch mit ihrer Vergangenheit in Deutschland und der Gegenwart in Israel auseinandersetzen.




Das jüngst im Scherz Verlag erschienene Buch "Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel" beschreibt auf einfühlsame wie auch kritische Art und Weise ein Phänomen, das besonders nach Israel ausgewanderte SchriftstellerInnen, wie Lea Fleischmann und Chaim Noll, betrifft: Zwar haben sie ihr Geburtsland hinter sich gelassen, ihre Muttersprache jedoch nicht. Beide wurden in Deutschland geboren und fanden in Israel eine neue Heimat. In ihrem gemeinsam herausgegebenen Buch setzen sie sich sowohl mit ihrer alten wie auch mit ihrer neuen Heimat auseinander und symbolisieren somit auf außergewöhnliche Art und Weise das besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Israel: Sie leben in Israel und schreiben auf Deutsch.

Im Leben von Chaim Noll und Lea Fleischmann findet man all das wieder, womit sich die Überlebenden des Holocausts und deren Nachkommen in den vergangenen 60 Jahren auseinandersetzen mussten: Angst, Terror, die unaussprechlichen Worte, die das Leben immer begleiten, das Erforschen der eigenen jüdischen Identität, das Suchen und Finden einer neuen (spirituellen) und die Auseinandersetzung mit der alten Heimat. All diese Erlebnisse sprechen beide AutorInnen in ihrem neuen Buch offen aus und gehen dabei mit ihrer Vergangenheit in Deutschland und der Gegenwart in Israel kritisch und leidenschaftlich ins Gericht.

Tagtäglich erleben sie das Land, in dem Milch und Honig fließt, in seiner ganzen Widersprüchlichkeit, beide beschreiben sie den israelischen Alltag mit seinen schönen und negativen Seiten, berichten als unmittelbar Betroffene von den Terroranschlägen und stellen ihre Sicht zum Nahost-Konflikt dar. Das Besondere an dem hier vorliegenden Buch ist jedoch, dass die Verbundenheit und Liebe beider SchriftstellerInnen zu Israel, aber auch die zu ihrer alten Heimat - dem Land, in dem ihre Sprache wohnt - in einem einzigartigen Zeitdokument zum Ausdruck gebracht wird. Denn vor allem ihre Erinnerungen an Deutschland sind auch Erinnerungen an ein geteiltes Land: Lea Fleischmann wuchs in der BRD auf, Chaim Noll in der DDR.

Fleischmanns Eltern haben, seelisch und körperlich sehr geschwächt, den Holocaust überlebt. 1947 kam ihre Tochter Lea in einem Lager für ‚displaced persons´, bei Ulm zur Welt. Auch wenn ihre Eltern von den Konzentrationslagern und der Brutalität des Krieges nie sprachen, so wurde Leas Kindheit im Nachkriegsdeutschland, und schließlich auch ihr Deutschlandbild, doch von den Erlebnissen ihrer Eltern geprägt. Als Lea 10 Jahre alt ist, wird ihre Familie nach Frankfurt am Main umgesiedelt. Hier besucht sie die Schule und später auch die Universität und lernt dabei ihr eigenes Deutschland kennen. Während ihres Pädagogikstudiums erlebte sie die Zeit der Studentenbewegung, macht sich in der Frauenbewegung aktiv und arbeitete später als Lehrerin in Hessen. 1979 entschloss Lea Fleischmann sich schließlich dazu, ihre Heimat zu verlassen, um mit ihren zwei Kindern nach Israel auszuwandern. Seitdem lebt sie in Jerusalem, wo sie auch das Judentum wieder für sich entdeckte. Sie lernte Hebräisch, um die Tora lesen zu können. Doch was sie, ebenso wie Chaim Noll, nachhaltig geprägt hat, war die Erfahrung: "Meine deutsche Staatsbürgerschaft konnte ich zurückgeben, die deutsche Sprache nicht."

Chaim Noll kam als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll 1954 in Ostberlin zur Welt. Ebenso wie die Kindheit von Fleischmann, waren auch seine Kindertage in der DDR von dem Unaussprechlichen überschattet. Beide Elternteile waren Kommunisten, aber dennoch gab es da etwas, was sie von den anderen Nachbarn und Mitmenschen unterschied. Klarheit bekam Chaim Noll schließlich, als er nebenbei erfährt, dass seine Großmutter den Judenstern tragen musste. Damals begann seine Suche nach seiner jüdischen Identität. Das Verlangen, wissen zu wollen, woher man stammt und wer man ist wurde für Noll zur treibenden Kraft seines Lebens. Zunächst studierte er Kunst und Kunstgeschichte in Jena und Berlin, ging dann nach West-Berlin und von dort nach Rom. In Rom begann er die antiken Wurzeln des Juden- und Christentums zu studieren und die Synagoge zu besuchen. Mit seiner Auswanderung 1995 nach Israel fand auch er den Weg ins religiöse Judentum. Seither lebt er in der Negev Wüste.

AVIVA-Tipp: Beide AutorInnen beobachten und erleben das Leben und die Menschen in Israel und erinnern sich an Deutschland. Aus dieser Symbiose heraus entstand dieses wunderbare Buch, das interessante Einblicke ins religiöse und weltliche Alltagsleben in Israel bietet - ein Buch, das von der Sorge um die eigene Sicherheit und die der Familie erzählt, sowie von dem moralischen Widerstand gegen die Selbstmordattentate. Obwohl sie beide ihre neue Heimat als ein Land der Lebensfreude und des Gottvertrauens beschreiben, sehen sie Israel - aber auch die heutige Lage in Deutschland - mit kritischer Anteilnahme und schonungsloser Offenheit. Das Buch ist auch aus literarischer Sicht ein wichtiges Dokument der Zeitgeschichte und Gegenwart.

Zu den AutorInnen:
Lea Fleischmann
wurde 1947 in Ulm geboren und verbrachte ihre Jugend in Frankfurt am Main. Bis sie 1979 Deutschland verließ, war sie als Lehrerin tätig. Sie lebt und arbeitet als deutschsprachige Autorin in Jerusalem und widmet sich dem deutsch-israelischen und christlich-jüdischen Dialog. Lesereisen führen sie regelmäßig nach Deutschland, in Israel liest sie vor deutschsprachigen Reisegruppen.
Nähere Informationen: www.leafleischmann.com

Chaim Noll wurde 1954 in Ostberlin als Sohn des Schriftstellers Dieter Noll geboren. Er studierte Kunst und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und Berlin. Seine ersten Manuskripte wurden in den Westen geschmuggelt. 1983 reiste er nach Westberlin aus, 1991 verließ er Deutschland. Er lebt seit 1995 in Israel. Weitere Veröffentlichungen: Nachtgedanken über Deutschland (1992), Die Wüste lächelt (2001) u. a.



Meine Sprache wohnt woanders. Gedanken zu Deutschland und Israel
Lea Fleischmann / Chaim Noll

Scherz Verlag, erschienen Januar 2006
ISBN 3-502-15023-0
255 Seiten, gebunden
17,90 Euro90008115&artiId=5165400"



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Beitrag vom 10.04.2006

Sarah Ross 






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