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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 09.07.2007

Zeruya Shalev – SpĂ€te Familie
Danielle Daum, Jana Muschick

Der Roman ist der Abschlussband einer Trilogie ĂŒber Zerfall ehelicher Bindungen, Auflösung von Familien und die daraus entstehenden existenziellen Ängste. Jetzt als Taschenbuch erhĂ€ltlich.



Ella, eine erfolgreiche ArchĂ€ologin und Mutter eines sechsjĂ€hrigen Sohnes, beschließt, dem schleichenden Zersetzungsprozess ihrer Ehe ein Ende zu setzen. Sie hat die Nase voll von den AnsprĂŒchen, Beschwerden und UnfĂ€higkeiten ihres Ehemanns und ist nicht lĂ€nger gewillt, Kompromisse einzugehen. Sie gesteht sich ein, dass sie aufgehört hat, ihn zu lieben, dass sie ihn nicht einmal mehr achtet, und dass sich ihr Leben nie Ă€ndern wird, wenn sie nicht endlich reagiert. Dass sie selbst all die Jahre viel zu sehr um das Wohlergehen des Sohnes bemĂŒht war und so das eigentliche Fundament der Familie, das Paar, vernachlĂ€ssigt hat, erkennt sie erst viel spĂ€ter.

Der Roman erzĂ€hlt, wie Ellas leichthin getroffene Entscheidung nicht nur ihre Ehe, sondern auch sich selbst an den Rand der Zerstörung treibt. Schon bald muss sie erkennen, dass sie statt der erhofften Freiheit eine Berg- und Talfahrt der GefĂŒhle erwartet. Immer unertrĂ€glicher wird die Ablehnung ihrer Umgebung auf ihre vermeintlich selbstsĂŒchtige, egoistische Entscheidung und immer grĂ¶ĂŸer werden die SchuldgefĂŒhle ihrem Sohn gegenĂŒber, dem sie die Familie genommen hat. In Selbstmitleid versunken, sehnt sie sich zurĂŒck nach dem vertrauten Eheleben und grĂŒbelt verbittert ĂŒber ihre UnfĂ€higkeit zum GlĂŒcklichsein. Ella stĂŒrzt in eine tiefe Depression und verliert schließlich jede Sicherheit, Lebensfreude und Selbstgewissheit, bis sie sich mĂŒhsam wieder aus dem Scherbenhaufen ihres Lebens erhebt.

Nach fast fĂŒnf Jahren schließt die israelische Autorin Zeruya Shalev mit diesem Werk ihre Trilogie ĂŒber die moderne Liebe ab, die sie mit "Liebesleben" 2000 begonnen und ein Jahr spĂ€ter mit "Mann und Frau" fortgesetzt hat. Auch wenn sich in den drei Romanen die Geschichten und Charaktere Ă€ndern, geht es Shalev doch immer um das Einfachste und Schwierigste ĂŒberhaupt, nĂ€mlich des RĂ€tsels Lösung, was Mann und Frau im Innersten zusammen hĂ€lt und warum die Sprache des Körpers die Sprache des Verstandes letztlich nahezu ausnahmslos besiegt.

Kaum eine andere AutorIn vermag menschliche Beziehungen so tiefgrĂŒndig und schonungslos zu analysieren wie Zeruya Shalev. Über fast sechshundert Seiten hĂ€lt sie die Balance zwischen der Schilderung von Ellas Ausschweifungen und den Reflexionen zum Stand der Beziehung zu ihrem ersten Mann und zeigt dabei die ambivalenten GefĂŒhle, zwischen jeweils einseitiger AnnĂ€herung und Distanzierung ĂŒber gegenseitige Verletzungen bis zum endgĂŒltigen Bruch. Shalev treibt die Figuren ihrer Geschichten an ihre Grenzen. Und so ist auch Ella alles andere als ein moralisches Vorbild. Im eigenen Leid verharrend, scheint es ihr unmöglich, die GefĂŒhle und Probleme anderer Menschen wahrzunehmen. Ausschließlich auf sich selbst fixiert und von Selbstzweifeln zerfressen, reagiert sie auf jedes nicht erwartungsgemĂ€ĂŸe Verhalten anderer mit verbittertem Zorn. Doch vielleicht sind Shalevs Romane gerade deshalb so erschĂŒtternd und durchdringend, weil man so manche der unbeschönigt geschilderten GefĂŒhlsausbrĂŒche aus dem eigenen Leben nur allzu gut kennt.

Zeruya Shalevs eigenes Leben kennt all diese Höhen und Tiefen. Die sechsundvierzigjÀhrige, in Jerusalem lebende Schriftstellerin ist heute in dritter Ehe mit dem israelischen Autor Eyal Megged verheiratet. Aus zweiter Ehe hat sie eine Tochter, zusammen mit Megged einen gemeinsamen Sohn. Im Januar 2004 wurde sie unweit ihres Hauses durch ein Selbstmordattentat schwer verletzt, als ein Bus neben ihr explodierte und neun Menschen dabei ums Leben kamen. "SpÀte Familie" blendet diesen Vorfall komplett aus:

"Vielleicht werde ich es tun, aber zur Zeit verspĂŒre ich nicht das geringste BedĂŒrfnis, darĂŒber zu schreiben. Es hieße, sich völlig weg zu bewegen von meiner Art zu schreiben. Ich versuche die kleinen Nuancen und versteckten Dramen unseres alltĂ€glichen Lebens zu beschreiben. Ein Bombenattentat ist eine so extreme Tragödie fĂŒr eine Vielzahl von Menschen. Ich könnte eine solche Tat niemals als literarisches Material benutzen. Vielleicht kann ich in einigen Jahren das GefĂŒhl der Hilflosigkeit in jenem Moment, als es geschah, in einem anderen Kontext bearbeiten."

Zur Autorin: Zeruya Shalev wurde 1959 im Kibbuz Kinneret geboren. Sie studierte Bibelwissenschaften und arbeitet heute als Schriftstellerin, freie Autorin und Verlagslektorin mit ihrer Familie in Jerusalem. Ihr zweiter Roman, der internationale Bestseller "Liebesleben", wurde mit dem "Golden-Book"-Preis des israelischen Verlegerverbands ausgezeichnet. Davor erhielt Zeruya Shalev bereits den Preis des israelischen MinisterprĂ€sidenten. BerĂŒhmt wurde sie mit ihren zwei internationalen Bestsellern "Liebesleben" und "Mann und Frau", die gemeinsam mit dem neuen Roman "SpĂ€te Familie" eine Trilogie bilden.

AVIVA-Tipp: "SpĂ€te Familie" ist ein spannender Roman. Ein Buch, das erschĂŒttert, berĂŒhrt und bis zur letzten Seite unterhĂ€lt. Shalevs subtiler Stil schĂŒrt eine seltsame Unruhe bei der LeserIn und damit das BedĂŒrfnis, sich seiner selbst und seiner Liebe zu vergewissern. Der Schreibstil der Autorin macht es möglich, ihren Figuren so nahe zu kommen, dass frau meint, hinter jede Nuance ihrer persönlichsten Empfindungen blicken zu können.


Zeruya Shalev
SpÀte Familie

Übersetzung: Mirjam Pressler
Berliner Taschenbuchverlag, Juni 2007
590 Seiten, kartoniert
ISBN: 383330488X
11,90 Euro


Zeruya Shalev
SpÀte Familie

Übersetzung: Mirjam Pressler
BV Berlin Verlag, September 2005
581 Seiten, Hardcover m. Umschlag
ISBN/EAN: 3827004748
22,00 Euro

Buecher Beitrag vom 09.07.2007 AVIVA-Redaktion 





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