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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.07.2013

Wiktoria Lomasko/ Anton Nikolajew - Verbotene Kunst. Eine Moskauer Ausstellung
Veronika Siegl

Gekaufte Zeug_innen, Segensspr√ľche, Drohungen, Gef√ľhlsausbr√ľche. Was sich w√§hrend des Prozesses gegen die Kuratoren der gleichnamigen Ausstellung ereignete, grenzt an ein tragikomisches Schauspiel ..



... ohne Happy End. Die zun√§chst nur auszugsweise in Zeitungen und Blogs ver√∂ffentlichten Gerichtsaufzeichnungen der K√ľnstlerin Lomasko und des Journalisten Nikolajew sind nun als Buch in deutscher √úbersetzung erschienen.

Inoffizielle Zensur

Justizia irrt mit verbundenen Augen durch das Gerichtsgeb√§ude, das Gewand zerfetzt, der R√ľcken in blutigen Striemen, in der einen Hand eine Waage und in der anderen ein Plastikschwert. Es sind solche Performances der politischen Kunstgruppen Bombily, Woina und My, die den ersten Prozesstag am Taganer Bezirksgericht in Moskau pr√§gen. Doch schon bald bev√∂lkern die ewig betenden alten "M√ľtterchen" mit ihren Kreuzen, Bibeln und Ikonen den Gerichtssaal, w√§hrend die Journalist_innen aus Platzgr√ľnden auf der Anklagebank hinter Gittern zusammengepfercht werden.

Ausl√∂ser f√ľr den Prozess war eine Ausstellung des Andrei-Sacharow-Zentrums in Moskau im Jahr 2007. Unter dem Titel "Verbotene Kunst" versammelten die Kuratoren Andrej Jerofejew und Juri Samodurow Werke, die aus russischen Galerien und Museen ausgeschlossen wurden, weil sie religi√∂se Symbole beinhalteten oder im politischen Sinn systemkritisch waren ‚Äď Jesus als Micky Maus, eine mit Kaviar verzierte Ikone, sich k√ľssende Polizisten, nackte K√∂rper.

"Geistiges Gift"

Die orthodox-nationalistische Organisation Volkskirche klagte die Kuratoren wegen "Erregung nationaler und religi√∂ser Feindschaft" an. Um die hundert Personen konnten sie als Zeug_innen mobilisieren, deren religi√∂se Gef√ľhle durch die Ausstellung verletzt seien. Nein, selbst gesehen h√§tten sie Ausstellung nicht, erkl√§ren die "Statist_innen" und lesen die sich w√∂rtlich wiederholenden Anschuldigungen von ihren schlecht versteckten Spickzetteln herunter. Fast harmlos wirken ihre Aussagen jedoch gegen die Wortmeldungen der aktiveren Mitglieder religi√∂ser Vereinigungen. Priester Pawel Burow zitiert beispielsweise im Zeugenstand den umstrittenen Erzbischof von Konstantinopel mit den Worten "Schlag ihm auf den Mund, bis ihm alle Z√§hne ausfallen, und segne die Rechte".

Zwischen Comic, Reportage und Tagebuch

Wiktoria Lomasko und Anton Nikolajew begleiteten den einjährigen Prozess und dokumentierten mit Zeichnungen, Sprechblasen und Notizen nicht nur die Aussagen vor Gericht, sondern auch die Zwischenrufe sowie sämtliche Beobachtungen und persönlichen Erlebnisse außerhalb der Sitzungen. "I listened carefully to every word and every detail", so Lomasko in einem Interview mit dem Online-Magazin n+1. "At such moments, the excitement of the artist awakens in me, the excitement of someone who runs like a hound on someones trail without knowing how it will end."

Trotz der durchaus ernsten Situation wohnt den Ereignissen und Gespr√§chen auch etwas Komisches inne. Dieser Meinung scheint auch der Direktor des Moskauer Museums f√ľr zeitgen√∂ssische Kunst zu sein ‚Äď "K√∂nnen Sie mich nicht √∂fter einladen? Bei Ihnen ist es so lustig", meint er im Zeugenstand und l√§dt die Richterin im Gegenzug zu seiner Einzelausstellung ein ‚Äď Sie verspricht zu kommen.

Inszenierung politischer Prozesse

In einem Nachwort zeichnet die √úbersetzerin Sandra Frimmel klare Parallelen zu den Schauprozessen der fr√ľhen Sowjetzeit nach. Gerichtsverhandlungen gegen K√ľnstler_innen, die vermeintlich religi√∂sen und nationalen Hass sch√ľren, sind jedoch erst seit den 1990er Jahren ein wachsendes Ph√§nomen. Der wohl prominenteste ist der Prozess 2012 gegen die Punkband Pussy Riot, aber auch Samodurow stand bereits 2003 wegen seiner Ausstellung "Achtung, Religion!" vor Gericht. Damals verw√ľsteten orthodoxe Aktivist_innen s√§mtliche Kunstwerke, das Gericht schlug sich aber dennoch auf ihre Seite, schlie√ülich sei durch deren Aktionen ein noch viel gr√∂√üerer (moralischer) Schaden verhindert worden. Den Vandalismus konnten Jerofejew und Samodurow durch diverse Vorsichtsma√ünahmen diesmal vermeiden, einen Prozess und eine Verurteilung (zu einer relativ niedrigen Geldstrafe) nicht.

AVIVA-Tipp: Mit ihren genauen Beobachtungen und sarkastischen Worten fangen Lomasko und Nikolajew auf eindr√ľckliche Weise den skurrilen und spannungsgeladenen Prozessalltag ein. Sie machen deutlich, dass Zensur viele Gesichter hat und in Russland die nationalistisch-orthodoxe Rechte eine gef√§hrliche Machtposition innehat.

Zur Autorin und Zeichnerin: Wiktoria Lomasko, geboren 1978 in Serpuchow, studierte Grafikdesign an der Moskauer Staatlichen Universit√§t f√ľr Druckwesen. Sie arbeitet als freiberufliche Zeichnerin. Wiktoria Lomasko im Netz (nur auf Russisch)

Zum Autor: Anton Nikolajew, geboren 1976 in Nowosibirsk, studierte am Moskauer Gorki-Literaturinstitut Literaturkritik. Er arbeitet als Journalist und ist Mitbegr√ľnder der K√ľnstlergruppe Bombily (Bombenleger).

Wiktoria Lomasko/ Anton Nikolajew
Verbotene Kunst. Eine Moskauer Ausstellung. Gerichtsreportage

Aus dem Russischen und mit einem Nachwort von Sandra Frimmel
Matthes & Seitz Berlin, erschienen 2013
171 Seiten, 150 Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN 9783882219845
19,90 Euro
www.matthes-seitz-berlin.de

Weitere Informationen unter:

"Inside the Picture" ‚Äď Interview mit Wiktoria Lomasko √ľber die ‚ÄěVerbotene Kunst‚Äú-Prozesse

Internationales Comic-Festival Respect (Hintergrundinformationen zu Wiktoria Lomasko)

"Vorwurf: Gotteslästerung" (Die Zeit)

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Alle AVIVA-Updates zu den Pussy Riots


Buecher > Graphic Novels Beitrag vom 29.07.2013 AVIVA-Redaktion 





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