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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.02.2009

Nea Weissberg - Das Gl├╝ck hat mich umarmt
Gesine Strempel

Die braune Br├╝he ausl├Âffeln. Nea Weissberg, Verlegerin deutsch-j├╝discher Themen, hat nun selbst ein Buch dar├╝ber geschrieben, wie die Schoa ihr Leben gepr├Ągt hat. Erschienen im Lichtig Verlag.



Seit zwei Jahrzehnten publiziert Nea Weissberg als Verlegerin und Herausgeberin B├╝cher, die den Dialog zwischen j├╝dischen und nichtj├╝dischen Deutschen f├Ârdern. Beharrlich fordert sie die nichtj├╝dischen Deutschen ihrer Generation auf ÔÇô geboren w├Ąhrend des Krieges oder danach oder noch viel sp├Ąter, also die dritte Generation ÔÇô ,sich auseinanderzusetzen mit der Vergangenheit der Eltern und Gro├čeltern. Wie sah deren Beteiligung an der Schoa aus, waren sie aktiv, waren sie Mitl├Ąufer? Wie haben sie profitiert? Kommt es ihnen in den Sinn, sich zu fragen, auf welche Weise die Welt, in der sie aufwuchsen, auch sie gepr├Ągt hat?

Als man Juden alles, sogar das Leben raubte... ├ťber die nachtr├Ągliche Wirksamkeit nationalsozialistischer Zerst├Ârung, erschienen in Nea Weissbergs Lichtig Verlag, soll als Beispiel genannt werden f├╝r die kontinuierliche Auseinandersetzung, die sie mit ihren Ver├Âffentlichungen mittr├Ągt. Ihr neues Buch Das Gl├╝ck hat mich umarmt ist ein Briefroman, in dem sie zum ersten Mal von sich selbst berichtet, dar├╝ber, wie die Schoa ihr eigenes Leben gepr├Ągt hat. Sie schreibt, dass sie damit einen Tabubruch begeht, denn sie erz├Ąhlt "den Deutschen" von sich, ihren Eltern, ihren Geschwistern ÔÇô etwas, das streng verboten war. Dass sie f├╝r diesen Briefroman das Pseudonym Nejusch w├Ąhlte, den Namen ihrer Gro├čmutter, hat m├Âglicherweise mit diesem Tabubruch zu tun.

Das Gl├╝ck hat mich umarmt beschreibt eine j├╝dische Kindheit im Westberlin der Nachkriegsjahre. Nejuschs Eltern, die aus Polen stammen, ├╝berlebten die Schoa, lernten sich nach dem Krieg in Polen kennen. Der erste Sohn wurde im DP-Camp Schlachtensee geboren. Wie die Eltern nach Berlin kamen, warum sie hier h├Ąngen blieben und Deutschland nicht verlie├čen, war kein Thema am Esstisch. Zur Familie geh├Âren in den 50er Jahren Vater, Mutter, drei Kinder und die deutsche Kinderfrau.

Nejusch wendet sich an einen fiktiven deutschen Brieffreund, der wie sie nach dem Krieg geboren wurde, aber eben ein Kind von der anderen Seite ist. Ein Deutscher ihrer Generation, m├Âglicherweise ein T├Ąterkind. Einer von denen, mit denen sie nie spielen durfte. Mit seiner Hilfe will sie ÔÇô inzwischen selber ├╝ber f├╝nfzig ÔÇô das Familienbild zusammensetzen, f├╝r ihn ruft sie sich die Kindheit ins Ged├Ąchtnis zur├╝ck. Einen Ausflug ins Gr├╝ne zum Beispiel, an den Glienicker See:
Ich sehe in Glienicke zum ersten Mal eine blau eint├Ątowierte Nummer und einen halben Davidstern auf dem linken Unterarm eines Bekannten meiner Eltern, wage nicht zu fragen, blinzele lieber in Richtung Sonne. H├Âre versteckt zu, wor├╝ber sie reden, die Auschwitz├╝berlebenden. Ich vermute, sie wohnen in dunklen H├Âhlen, dass sie gezwungen w├Ąren, dort zu leben, wegen des Tonfalls, wegen der Dinge, die sie erz├Ąhlen.

In Nejuschs Briefen an den Freund, den Liebsten (?), kommt die Sehnsucht zum Ausdruck, sich gemeinsam die Last der Erinnerung anzusehen. K├Ânnte dieser Deutsche einer sein, der an ihr mittr├Ągt, indem er auch Auskunft gibt ├╝ber sich selbst? Der Ton ihrer Briefe schwankt zwischen Trotz, Trauer und bitterem Witz.

Pst! Unter uns gesagt: Meine Eltern waren nicht im Konzentrationslager, sie hatten in dieser Hinsicht nichts zu melden, Zweiter-Klasse-Opfer sozusagen! Aber mitreden konnte ich sp├Ąter trotzdem: hundertzwanzig ermordete Verwandte immerhin, keine schlechte Bilanz ... Sie alle haben keine Grabsteine. Wie viel Kraft die Eltern brauchten, um die Trauer auszuhalten? Und ihren Groll, ihre Bitterkeit? Frag nicht, sie hatten zu tun ÔÇô sie weinten innerlich.

Ihre Eltern weigerten sich, von der Vergangenheit zu berichten. Langsam begreift die Briefeschreiberin, dass das Leben f├╝r ihre Eltern erst nach der Schoa begann, da alles, was vorher war, zugedeckt ist von Leichenbergen, wie sie sagt. Das Buch ist also auch ein Entwicklungsroman. Denn die Briefe an den Freund werden mehr und mehr zu Liebeserkl├Ąrungen an die Eltern, die Zwillingsschwester, den verstorbenen Bruder. Als sie anf├Ąngt, den Freund zu fragen, wie er es denn schaffe, seinen Alltag, seine Familie und die eigene Erziehung mit der Vergangenheit zu verkn├╝pfen, zerbricht fast die Freundschaft. Sie solle aufh├Âren in der braunen Br├╝he herumzustochern, schreibt er zur├╝ck. Sie will, dass auch er diese Br├╝he ausl├Âffelt, so wie sie es muss.

Durch die Besch├Ąftigung mit der Geschichte ihrer eigenen Familie ist es Nea Weissberg schlie├člich im Jahr 2008 doch gelungen, ihren Vater dazu zu bringen, dar├╝ber zu sprechen, wie es ihm erging, als er als junger Mann zur├╝ckkam nach Lemberg, zwei Wochen nach dem Pogrom 1941. Was er erz├Ąhlt, schn├╝rt der Tochter die Kehle zu, sie meint, ersticken zu m├╝ssen, doch der Vater, der entkommen konnte, sagt: "Tochter, das Gl├╝ck hat mich umarmt".

Der Titel des Briefromans ist eine Verbeugung vor dem heute 90-j├Ąhrigen Vater. Nea Weissberg hat ihr Buch mit Beitr├Ągen der israelischen Schriftstellerin Halina Birenbaum und den PsychoanalytikerInnen Hella Goldfein und J├╝rgen M├╝ller-Hohagen vervollst├Ąndigt. Das ist, schlicht gesagt, fast zu bescheiden, der Roman braucht keine Best├Ątigung. Denn die Briefe dieser Tochter der zweiten Generation an einen anonym bleibenden Deutschen sind klar und genau, verweisen schmerzhaft auf das Heute. Was macht die Schoa mit uns, der zweiten, der dritten, mit der vierten j├╝dischen Generation in Deutschland, was macht es mit uns, den anderen, der Mehrheit? Was bleibt am Ende? Ein Gegen├╝ber, das sich weigert, die braune Br├╝he auszul├Âffeln? Eins ist sicher: Es ist einfach nicht vorbei.


Zur Autorin: Nea Weissberg, Anfang der 50er Jahre geboren, lebt in Berlin. Seit 1990 ver├Âffentlicht sie Beitr├Ąge zur j├╝dischen Gegenwart. Weitere Infos und Kontakt unter: www.lichtig-verlag.de

Nea Weissberg
Nejusch: Das Gl├╝ck hat mich umarmt

Ein Briefroman mit Beitr├Ągen von Halina Birenbaum, Hella Goldfein, und J├╝rgen M├╝ller- Hohagen.
Lichtig Verlag Berlin, erschienen 2008
ISBN 3-929905-21-3
170 Seiten
Euro 21.50
Vertrieb ├╝ber die Literaturhandlung Rachel Salamander, Berlin - M├╝nchen.



Buecher > Jüdisches Leben Beitrag vom 02.02.2009 AVIVA-Redaktion 





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