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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.09.2015

Klein, aber voller Köstlichkeiten. Buchladen Bayerischer Platz. Herausgegeben von Christiane Fritsch-Weith
Yvonne de Andrés

Die Lachmannsche Buchhandlung ist noch heute in literarischen und Buchh√§ndler_innenkreisen legend√§r. Ehemals von dem j√ľdischen Buchh√§ndler Benedict Lachmann gegr√ľndet, kann dieser besondere Ort ...



... auf fast einhundert Jahre wechselvoller Geschichte zur√ľckschauen.

Die Buchhandlung liegt in der N√§he des Rathaus Sch√∂neberg, also im alten Herzst√ľck West-Berlins. 1919 gr√ľndete Benedict Lachmann, ein j√ľdischer Intellektueller und Anarchist, die moderne Buchhandlung mit angeschlossener Leihbibliothek Bayerischer Platz 13/14. Der Eingang befand sich um die Ecke in der Speyererstra√üe. Benedict Lachmann war auch der Herausgeber einer der wenigen deutschsprachigen anarchistischen Zeitschriften "Der individualistische Anarchist", von der jedoch nur wenige Nummern erschienen sind. Im Vorwort seiner Zeitschrift schrieb er 1919, dass er seinen Buchladen nicht zu einem dezidiert politischen Buchladen macht, sondern auf die Vielfalt der Meinungen und der Literatur, insbesondere der modernen Literatur setzt. Er warb hier auch f√ľr seine Buchhandlung: "Ich bitte alle Freunde, ihre B√ľcher und Zeitschriften durch meine neu er√∂ffnete, moderne B√ľcherei zu beziehen und mein Unternehmen durch Empfehlung zu unterst√ľtzen."

Kund_innen des sehr engagierten Buchh√§ndlers waren Albert Einstein, Gottfried Benn, der junge Curt Riess, der von ihm an den literarischen Stammtisch im Romanischen Caf√©s im heutigen Europacenter eingef√ľhrt wurden. Der Schriftsteller Samuel Friedl√§nder (bekannt unter dem Pseudonym Mynona), geh√∂rte ebenfalls zu seinen Freunden. Curt Riess beschreibt Benedict Lachmann als einen bemerkenswerten Mann: "Er war ziemlich gro√ü, eher hager, ging leicht gebeugt, trug sein schwarzes Haar absichtlich unordentlich, sozusagen k√ľnstlerisch. Sein Beruf: Buchh√§ndler. Er hatte irgendwann kurz nach dem Krieg den Buchladen am Bayerischen Platz aufgemacht, keine f√ľnfzig Meter von unserer Wohnung. [...] Benedict Lachmann war anfangs am√ľsiert, sp√§ter doch interessiert an dem Schuljungen [...] Er sprach √ľber einige Klassiker mit furchtloser Respektlosigkeit, er tat sie als veraltet und langweilig ab." Curt Riess beschreibt diese Zeit seines Lebens als sehr intensiv, denn Dank der Empfehlungen von Benedict Lachmann las er "nichts √úberfl√ľssiges".

Einen Tag nach der B√ľcherverbrennung am Bebelplatz in Berlin, am 9. Mai 1933, erkl√§rte der Vorstand des B√∂rsenvereins, dass Autor_innen wie Gina Kaus, Irmgard Keun, Alfred D√∂blin, Lion Feuchtwanger, Alexandra Kolontay, Gustav Meyrink, Nelly Sachs, Anna Seghers, Bertha von Suttner "f√ľr das deutsche Ansehen als sch√§digend zu erachten sind. Der Vorstand erwartet, dass der Buchhandel die Werke dieser Schriftsteller nicht weiter verbreitet." 1934 wurde der B√∂rsenverein vom Zwangsverband "Bund Reichsdeutscher Buchh√§ndler" √ľbernommen und der "Reichsschrifttumskammer" unterstellt. Der Druck auf Benedict Lachmann stieg enorm. Ein im Buch abgedruckter Briefwechsel dokumentiert diese Schikane. Am 22. Juni 1935 schrieb Benedict Lachmann an die Gesch√§ftsstelle des Gau Gro√ü-Berlin im Bund Reichsdeutscher Buchh√§ndler. Er wolle einen Lehrling ausbilden. Seine Anfrage durchl√§uft mehrere Instanzen. Erst am 25.Juli 1935 erfolgte folgende Antwort: "Die Entscheidung ist im vorliegenden Fall durch die unsichere Entwicklung der Gesch√§ftslage bei der betr. Firma begr√ľndet. Grunds√§tzlich besteht aber auch dar√ľber hinaus kein Anlass, nichtarischen Buchhandlungen Lehrlinge anzuweisen." Benedict Lachmann darf ausbilden und schafft so einen beeindruckenden Pr√§zedenzfall.

1936/37 sah er sich gen√∂tigt, die Buchhandlung an seinen ehemaligen Lehrling und Vertrauten Paul Behr zu verkaufen. Dieser hatte Anfang 1930 die Gesch√§ftsf√ľhrung bereits √ľbernommen. Wie das genaue Verh√§ltnis zwischen den beiden war ist nicht belegt. Christiane Fritsch-Weith schreibt in ihrer Chronik: "Benedikt Lachmann ist sechzig Jahre alt. Der Buchh√§ndler geh√∂rte zu den Verfolgten und Verzweifelten, die 1938 in Calau bei Familie Ball Zuflucht suchten. [...] Das Haus Calau, in dem Benedict Lachmann noch etwas unbeschwerte Tage verleben konnte, wurde von den Nationalsozialisten arisiert und am Kriegsende vollst√§ndig niedergebrannt." Die Briefe um B√ľrgschaften f√ľr die Emigration blieben erfolglos. Im Oktober 1941 wurde Benedikt Lachmann nach Lodz deportiert und am 4.12.1941 ermordet.

Die Historikerin Simone Ladwig-Winters hat ein Album zu Benedict Lachmann in der Ausstellung "Wir waren Nachbarn" im Rathaus Schöneberg erstellt. Am 5. August 2011 wurde vor der ehemaligen Adresse des Buchladens Bayerischer Platz 13/14 ein Stolperstein in Erinnerung an Benedict Lachmann verlegt.

Paul Behr hat den Buchladen in der Nazizeit weitergef√ľhrt. Die Familie Behr war √ľberzeugt, dass Benedict Lachmann √ľberlebt h√§tte und seiner Familie nach London gefolgt sei. Seit November 1943 existiert der Buchladen nicht mehr. Er ging in Flammen, Schutt und Asche unter. In der Nachkriegszeit 1950 erhielten Paul Behr und seine Frau Martha die Lizenz zur Betreibung einer Buchhandlung. Die neue Adresse lautet Grunewaldstra√üe 59. 1975 inseriert die Familie Behr: "Der Buchladen Bayerischer Platz in Berlin sucht einen Nachfolger."

Buchperlen heben

Seit 1975 f√ľhrt Christiane Fritsch-Weith die Buchhandlung. "Straffen und B√ľndeln" ist eins der Zauberworte von Frau Fritsch-Weith. Sie ist eine Engagierte in Sachen Literatur. Monika Maron, Pascale Hugues, Eva Menasse, Horst Pillau, Manfred Fl√ľgge und viele andere geben dem Buchladen den Vortritt, um hier ihr neues Buch vorzustellen. Christiane Fritsch-Weith stellt den Kontakt zwischen Literatur und Leser_innen her. "Im Urlaub muss ich lesen." obwohl sie t√§glich liest ‚Äď angefangen vom morgendlichen "B√∂rsenblatt" und "Buchreport" im Schlafanzug bis zum Tagesspiegel und den Neuerscheinungen vorm Schlafengehen. Wer die Buchh√§ndlerin schon l√§nger kennt, wei√ü, dass sie jeden Sommer mit ihrem Mann und einem Koffer voller B√ľcher nach Frankreich reist, um "Perlen zu heben". Die meisten Titel sind frische Leseexemplare, doch es sind auch immer einige "√§ltere" Titel sowie Klassiker der Weltliteratur darunter. Ihr liegt viel daran, m√∂glichst wenig empfehlenswerte B√ľcher zu √ľbersehen. Denn ihrer Meinung nach werden viel zu viele gute B√ľcher zu Unrecht remittiert, weil sie nicht (an)gelesen werden.

Christiane Fritsch-Weith sagt von sich "Events sind mein Hobby." Immer p√ľnktlich um 19.30 Uhr finden in der Buchhandlung Lesungen und Veranstaltungen statt. Die ganze Familie ist dann im Einsatz. Zweimal j√§hrlich finden ihre "Buchempfehlungsabende" statt. Jede/r Besucher_in erh√§lt eine Liste mit 20 bis 23 Titeln, die Frau Fritsch-Weith innerhalb von 45 Minuten vorstellt. Diese Liste umfasst Hardcover- und Taschenbuchausgaben, auch Kinder- und Jugendbuch, einen au√üergew√∂hnlichen Krimi, etwas Heiteres ‚Äď und nicht nur Novit√§ten. Diese Liste sei bei den Besucher_innen bis zu einem halben Jahr in Gebrauch, immer wieder k√§men Kund_innen, die sich an dieser Liste orientierten und nach bestimmten Titeln daraus fragten. Sich um die "Kundenkinder" zu bem√ľhen, sie ernst zu nehmen und entsprechend zu betreuen, da ist sich Christiane Fritsch-Weith sicher, zahle sich aus: Diese Kinder bauen Vertrauen auf und werden sich ‚Äď egal, wo sie hinziehen ‚Äď wieder eine Buchhandlung ihres Vertrauens suchen und dort Stammkund_innen sein.

AVIVA-Tipp: Der Buchladen Bayerischer Platz ist auch heute ein Ort f√ľr ganz besondere B√ľcher. Das Sortiment umfasst zwar ein gro√ües belletristisches Angebot, doch ist es keine reine Literatur-Buchhandlung. Ein breites Spektrum an Kinder- und Jugendbuch, Ratgeber- und Reiseliteratur findet sich konzentriert bei Frau Fritsch-Weith: "Ich kaufe so ein, dass kein Kunde, der reinkommt, ohne Buch wieder rausgehen muss." Die Herausgeberinnenschaft dieser wechselvollen Buchhandelschronik ist das neueste Projekt von Christiane Fritsch-Weith. In dieser sehr gelungenen Anthologie beschreibt Christiane Fritsch-Weith, wie sie sich vor zehn Jahren gemeinsam mit ihrem Mann Peter auf den Spuren von Benedict Lachmann begab. Akribisch arbeiteten sie sich durch Archive, Dokumente, Briefe und Antiquariate. Der kleine Buchladen ist auch heute ein literarischer Treffpunkt, ein Buchsalon, der im Takt von Christiane Fritsch-Weith liest. Das Buch regt zum Kennenlernen oder zum Besuch einer der vielf√§ltigen Veranstaltungen an.

Zur Herausgeberin: Christiane Fritsch-Weith ist eine sehr engagierte Buchh√§ndlerin. Seit 1975 f√ľhrt sie die Buchhandlung Bayerischer Platz. Sie hat sich daf√ľr engagiert, dass 2011 f√ľr Benedict Lachmann ein Stolperstein verlegt wurde.
Mehr Infos unter: buchladen-bayerischer-platz.de

Christiane Fritsch-Weith
Klein, aber voller Köstlichkeiten. Buchladen Bayerischer Platz

Mit Texten von Benedict Lachmann, Curt Riess, Paul Marcus, Horst Pillau, Eva Menasse, Monika Maron und Pascale Hughues
Transit Verlag, erschienen August 2015
Gebunden, 160 Seiten
ISBN 978-3-88747-325-9
17,80 Euro
www.transit-verlag.de


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