Eva Barl√∂sius - Dicksein. Wenn der K√∂rper das Verh√§ltnis zur Gesellschaft bestimmt - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 03.10.2015

Eva Barlösius - Dicksein. Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt
Magda Albrecht

Ein Gastbeitrag von Magda Albrecht, Aktivistin und politische Bildnerin, die sich freut, dass f√ľr diese Studie endlich mal "mit" dicken Jugendlichen gesprochen wird ‚Äď anstatt nur √ľber sie.



Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich Prof¬īin. Dr. Eva Barl√∂sius das erste (und einzige Mal) traf. Wir wurden beide zu einer Podiumsdiskussion nach Weimar zum Thema "Fatness und Fitness" eingeladen. Da ich ihre Arbeiten kannte, wusste ich, dass wir uns nicht zoffen w√ľrden. Trotzdem war die Podiumsdiskussion f√ľr mich eher entt√§uschend: Da diskutierten vier schlanke Wissenschaftler_innen und eine dicke studierte Aktivistin (ich) √ľber "die Dicken". Ein altes Spiel: Dicke Menschen sind wieder einmal nur Objekt der Betrachtung und selten Subjekte mit Wissen und Erfahrungen. Ab und zu schnaubte ich vor Wut, weil die Kommentare aus dem Publikum dicke Menschen als "verfressene", "faule" und "kranke" Menschen skizzierten. Prof¬īin Dr. Barl√∂sius blieb sachlich, konterte und beschrieb als Soziologin "das gro√üe Ganze". Etwas flapsig sagte sie in meine Richtung, dass die Besch√§ftigung mit der Stigmatisierung von Dicken nicht weit genug greife. F√ľr Anti-Stigmatisierungskampagnen hatte sie wohl nicht viel √ľbrig. Ich f√ľhlte mich ein wenig verloren. Da wurde nicht nur fast ausschlie√ülich √ľber Dicke gesprochen (anstatt mit uns). Auch die zarten Bestrebungen von Aktivist_innen, die gegen Dickendiskriminierung im Alltag k√§mpfen, wurden wenig gew√ľrdigt. Schade, dachte ich. Aber irgendwie auch typisch Elfenbeinturm.

Heute, zwei Jahre sp√§ter, halte ich das Buch "Dicksein. Wenn der K√∂rper das Verh√§ltnis zu Gesellschaft bestimmt" von Prof¬īin. Dr. Eva Barl√∂sius in den H√§nden. Es ist eines der wenigen deutschsprachigen wissenschaftlichen Werke, das sich (kritisch!) mit der gesellschaftlichen Rezeption von Dicksein und den Erfahrungen dicker Jugendlicher auseinandersetzt. Die Besonderheit ist, dass das in der Wissenschaft √ľbliche "Sprechen √úber" hier zwar nicht verschwunden ist, aber zumindest auch ein "Sprechen mit" existiert. F√ľr dieses Buch wurden insgesamt 60 dicke Jugendliche deutscher und t√ľrkischer Herkunft aus Vierteln mit hohem Armutsanteil in Gruppendiskussionen zu ihrem Alltag und ihrem Erleben befragt sowie separat auch Eltern dicker Jugendlicher und so genannte Pr√§ventionsexpert_innen, die im Bereich Gesundheit und Jugendarbeit arbeiten. Die Jugendlichen seien "mehrfach sozialstrukturell benachteiligt" (S. 114), was der Auseinandersetzung gerecht wird: Wie Barl√∂sius im Buch stark macht, kann die Abwertung von Dicksein kaum losgel√∂st von anderen sozialen Ungleichheiten betrachtet werden.

In den Gruppendiskussionen kamen Themen wie Mode, Liebe und Sexualit√§t, Medien, Schule, Sportunterricht, der eigene K√∂rper, Essen, Gesundheit und Vorstellungen √ľber die eigene Zukunft zur Sprache. Durch all die Zitate der Jugendlichen blitzt das Bewusstsein daf√ľr, dass der eigene K√∂rper gesellschaftlich als ungen√ľgend, nicht leistungsf√§hig und voller Makel eingeordnet wird. Die Jugendlichen wissen bereits sehr genau, wie der gesellschaftliche Blick auf sie aussieht. Ein Teilnehmer stellt fest: "Ich will d√ľnn werden, weil die D√ľnnen kriegen bessere Jobs als die Dicken." (S. 173).

Die Erkenntnisse der Studie: Dicksein hat f√ľr die Jugendlichen eine √§hnliche ‚Äď in Teilen sogar dringlichere ‚Äď Allgegenw√§rtigkeit wie die Unterscheidung in zwei Geschlechter (S. 65). Damit tritt der K√∂rper neben die "typischen Strukturprinzipien wie soziale Klasse, Ethnizit√§t oder auch Geschlecht." (S. 67). Laut Barl√∂sius haben die Jugendlichen "den Eindruck, wie eine Klasse behandelt zu werden ‚Äď in den direkten sozialen Interaktionen, insbesondere aber bez√ľglich der ihnen offenstehenden bzw. verschlossenen sozialen Chancen." (S. 114). Wichtig sind dabei zwei Prozesse: Die Jugendlichen stehen mit ihren K√∂rpern nicht nur f√ľr gesellschaftliche Wahrnehmungen von Mangel an Selbstkontrolle, Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung ("Verk√∂rperung"), die K√∂rper der Jugendlichen archivieren diese Erfahrungen auch, saugen die Gesellschaft quasi in sich auf ("Verk√∂rperlichung"). So ist es wenig √ľberraschend, dass die Jugendlichen ihre K√∂rper (teilweise) √§hnlich problematisch wahrnehmen oder moralisierendes Sprechen √ľber Essen bereits in jungen Jahren exzellent beherrschen.

Es ist unerl√§sslich, dass das Wissen und die Erfahrungen von dicken Jugendlichen in der Wissenschaft endlich geb√ľhrenden Platz und Respekt bekommt. Dieses Buch tr√§gt zur herrschaftskritischen Debatte um K√∂rper_Gewicht in der Wissenschaft bei, weil es den Fokus auf diejenigen legt, die die Konsequenzen der gesellschaftlichen Wirkm√§chtigkeit hegemonialer Vorstellungen von Gesundheit, Fitness und K√∂rper zu sp√ľren bekommen.

Und doch hatte ich beim Lesen so manches Fragezeichen. Einer meiner Kritikpunkte ist die fehlende Positionierung der Wissenschaftler_innen. F√ľr manche mag folgende Frage komisch klingen, aber f√ľr Soziolog_innen sollte die Rolle der Wissenschaftler_in nie au√üer Acht gelassen werden. Waren die beteiligten Forscher_innen schlank bzw. erf√ľllten sie viele Normen in Bezug auf K√∂rper? Und falls ja: Wurde sich Gedanken dar√ľber gemacht, wie dies von den dicken Jugendlichen aufgenommen werden k√∂nnte (Stichwort: Selbstzensur, kein "sicherer" Raum zum Ehrlichsein, Angst vor erneuter Diskriminierung, vorauseilender Gehorsam gegen√ľber einer schlanken, wissenschaftlichen Autorit√§tsperson...).

Obwohl ich die Studie wichtig finde, habe ich nach Lekt√ľre des Buches ein √§hnliches Gef√ľhl wie nach der Podiumsdiskussion im Jahr 2013. Barl√∂sius endet mit der Erkenntnis, dass blo√üe Aufkl√§rungskampagnen nicht ausreichend seien, da es bei sozialen Ungleichheiten um die Verschlie√üung von Partizipation, Anerkennung und Zukunftschancen gehe ‚Äď das "gro√üe Ganze" eben. Hier fehlt mir ‚Äď wie auch schon 2013 ‚Äď die Ankoppelung an aktivistische K√§mpfe und konkrete Beispiele. Das kann und muss eine Studie nicht leisten. Aber eine Auseinandersetzung damit w√§re im Sinne derjenigen, deren Lebensrealit√§t tagt√§gliche Abwertung beinhaltet.

Zur Autorin: Prof¬īin Dr. Eva Barl√∂sius studierte Soziologie und Ern√§hrungswissenschaften und lehrt zurzeit als Professorin f√ľr Makrosoziologie an der Leibniz-Universit√§t Hannover. Zu ihren Forschungsschwerpunkten z√§hlen Ungleichheitssoziologie und die Soziologie des Essens.
Mehr Infos unter: www.ish.uni-hannover.de

AVIVA-Fazit: Lockerleichte Lekt√ľre f√ľr die laue Sommernacht? Eher nicht. Aber empfehlenswert f√ľr Liebhaber_innen von Studien, Wissenschaftler_innen, die sich mit K√∂rper und Gesellschaft befassen oder f√ľr jene Interessierte, die sich gerne durch soziologische Theorien k√§mpfen. Dieses Buch gibt Einblicke in die Lebenswelt von dicken Jugendlichen, ein Wissen, das in der Wissenschaft sonst kaum Platz findet.

Dicksein. Wenn der Körper das Verhältnis zur Gesellschaft bestimmt
Eva Barlösius

Campus Verlag, erschienen 14.08.2014
Kartoniert, 203 Seiten
EAN 9783593500836
campus.de

Zur Rezensentin: Magda Albrecht ist politische Bildnerin, Bloggerin und Musikerin. Sie befasst sich mit queer-feministischem Aktivismus, Widerstand(sbewegungen) und K√∂rpernormierung. Magda schreibt f√ľr den feministischen Gemeinschaftsblog maedchenmannschaft.net.
Weitere Infos gibt es auf: magda-albrecht.de





Buecher > Sachbuch Beitrag vom 03.10.2015 AVIVA-Redaktion 





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