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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 23.02.2012

Margit Berner, Anette Hoffmann, Britta Lange - Sensible Sammlungen. Aus dem anthropologischen Depot
Annika H√ľttmann

Als "sensible Objekte" gelten laut dem Internationalen Museumsrat "menschliche √úberreste oder Gegenst√§nde von religi√∂ser Bedeutung". Aber k√∂nnen Objekte √ľberhaupt sensibel sein? Oder bezieht...



... sich dieser Begriff nicht vielmehr auf den Umgang mit ihnen und die Umstände ihrer Beschaffung?

Die drei Autorinnen - eine Humanbiologin, eine Afrikanistin und eine Kultur- und Medienwissenschaftlerin - legen ihren Schwerpunkt auf die Vorgeschichte "sensibler Gegenst√§nde", die heutzutage vor allem in den Tiefen unterschiedlicher Museumsdepots zu finden sind. Indem sie Sammlungsbest√§nde in ihrem spezifischen kulturhistorischen Kontext betrachten, liegt ihr Fokus auf der √ľberaus problematischen, rassistischen und kolonialistischen Vergangenheit der Anthropologie.

Im 19. und fr√ľhen 20. Jahrhundert legten europ√§ische ForscherInnen gro√üe Sammlungen an, um so genannte "Naturv√∂lker" oder "aussterbende V√∂lker" zu dokumentieren. Vor allem in afrikanischen und asiatischen Kolonien sammelte (und raubte) mensch Knochen, Haarproben, Pr√§parate und Kulturgegenst√§nde, nahm Messungen vor und machte Fotos, K√∂rperabg√ľsse, Ton- und Filmaufnahmen.
Die AnthropologInnen und HobbyforscherInnen profitierten dabei von den bereits etablierten Strukturen in den Kolonien, die es ihnen ermöglichten, die Kooperation der Bevölkerung mit Gewalt zu erzwingen.

Aufzeichnungen des selbst ernannten Wissenschaftlers Hans Lichtenecker von 1905 zeigen, wie erniedrigend die Forschungen sein konnten:

"So war sie doch sichtlich entr√ľstet, als ich von ihr verlangte, das Kopftuch abzunehmen. (...) Die H√ľlle vor einem Fremden abzunehmen, ist eine gr√∂√üere Schande, als sich etwa nackend photographieren zu lassen."

Die Afrikanistin Anette Hoffman zeigt durch eine Auswertung von Tonaufnahmen, dass sich manche der Opfer dennoch nicht ganz protestlos ergaben. Da viele der ForscherInnen das Gesprochene nicht verstehen konnten, wurde hier mal verschl√ľsselt, mal ganz offen von Gewalt und Unterdr√ľckung berichtet und die Untersuchten schafften es, kurz aus ihrer Objektposition heraus zu treten.

Die Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkriegs ermöglichten deutschen WissenschaftlerInnen, europäische und nichteuropäische Gefangene auf eine ähnliche Weise wie in den Kolonien zu untersuchen.
Ihren grausamen Tiefpunkt erreichte die Anthropologie jedoch w√§hrend des Nationalsozialismus, als sie direkt in den Verfolgungs- und Vernichtungsapparat der Nazis eingebunden war. Untersuchungen an j√ľdischen KZ-H√§ftlingen und durch Grabsch√§ndungen beschaffte Knochen dienten dazu, die Wahnvorstellungen von einer j√ľdischen "Rasse" zu "beweisen" und zu systematisieren. Au√üerdem erstellten die ForscherInnen Gutachten, die direkt √ľber das Schicksal einzelner Personen entschieden:

"Diese Gutachten wurden in Auftrag gegeben, wenn ein "Verdacht auf j√ľdische Abstammung" vorlag, beziehungsweise eine Person im Sinne der N√ľrnberger Gesetze als "Jude" oder "j√ľdischer Mischling" galt"

Die Beweise f√ľr diese Abgr√ľnde der Anthropologie lagern heute vornehmlich in unterschiedlichen Museumsdepots. Die Autorinnen von "Sensible Sammlungen" holten diese hervor, um sie gr√ľndlich zu erforschen. Bislang weitgehend unbeachtete Gegenst√§nde, wie zum Beispiel die Tonaufnahmen, liefern √ľberraschende Ergebnisse, da sie einen Ansatz zu einer Gegendarstellung zur eurozentristischen Sichtweise bieten. Die Kontextualisierung der gesammelten Daten und Objekte l√§sst dabei deutlich werden, dass es sich hierbei nicht um Verirrungen einzelner ForscherInnen handelte, sondern den g√§ngigen Ideologien, Vorstellungen und Interessen entsprach. Dass die "sensiblen Sammlungen" f√ľr die √Ėffentlichkeit heute weitgehend unsichtbar sind, bedeutet nicht, dass mensch sich nicht mit ihnen besch√§ftigen muss. Allein die Tatsache, dass es im Wiener Naturhistorischen Museum bis 1996 einen "Rassensaal" gab, zeigt, wie sp√§t sich hier ein Unrechtbewusstsein eingestellt hat und, dass institutionalisierter Rassismus durchaus auch heute noch eine Rolle spielt.

Zu den Autorinnen:

Margit Berner
, geboren 1961, ist Kuratorin der Abgusssammlung an der Anthropologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte und Publikationen liegen im Bereich Physische Anthropologie und Geschichte der Anthropologie.
Anette Hoffmann, geboren 1965, hat Afrikanistik studiert und an der Amsterdam School for Cultural Analysis promoviert. Sie arbeitet an der University of Fort Hare in S√ľdafrika.
Britta Lange, geboren 1973, hat Kunstgeschichte, Kultur- und Medienwissenschaften studiert und √ľber Ethnograficah√§ndlerInnen aus Hamburg promoviert. Sie arbeitet am Institut f√ľr Sozialanthropologie der √Ėsterreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien.

AVIVA-Tipp: "Sensible Sammlungen" beleuchtet die Umst√§nde, unter denen Gegenst√§nde, die heute als "sensibel" bezeichnet werden, im 19. und 20. Jahrhundert beschafft wurden. Dies erm√∂glicht einen umfassenden, interessanten und sehr informativen Blick auf die problematische Geschichte der Anthropologie und zeigt, wie mensch produktiv mit dieser umgehen kann, ohne dabei alte Rassismen zu reproduzieren. Das Wissen √ľber Verbrechen im Dienste der (angeblichen) Wissenschaft erm√∂glicht au√üerdem, kritisch zu hinterfragen, wie noch heutzutage mit dem vermeintlich "Fremden" umgegangen wird.

Margit Berner, Anette Hoffmann, Britta Lange
Sensible Sammlungen
Aus den anthropologischen Depot

Verlag Philo Fine Arts, erschienen im August 2011
Gebunden, 278 Seiten
978-3-86572-677-3
14 Euro
www.philo-fine-arts.de

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Ulrike Schuerkens - Geschichte Afrikas


Buecher > Sachbuch Beitrag vom 23.02.2012 Annika H√ľttmann 





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