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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 19.05.2010

Pinar Selek - Zum Mann gehÀtschelt zum Mann gedrillt. MÀnnliche IdentitÀten
Undine Zimmer

Wie werden MĂ€nner eigentlich MĂ€nner? Und welche PrĂŒfungen haben sie auf dem Weg dorthin zu bestehen? Die ausgezeichnete Autorin und politische Aktivistin Pinar Selek wandte sich auf ihrer Suche...



...nach Antworten direkt an "die MĂ€nner" und ließ sie selber zu Wort kommen. Selek kommt zu dem Schluss, dass Mannsein in der heutigen Zeit gar nicht so einfach ist.

Wo wird MĂ€nnlichkeit erschaffen? fragt Pinar Selek und zĂ€hlt die Initiationsstationen der MĂ€nnlichkeit auf, die in der TĂŒrkei sehr prĂ€sent sind, sich aber auch auf andere Gesellschaften ĂŒbertragen lassen. Es geht vor allem um den Druck und die Erwartungshaltungen von außen, die schon an die Kinder herangetragen werden, und ĂŒber die sie sich - und die Gesellschaft - als MĂ€nner definieren. Von der Beschneidung bis zur Hochzeitsnacht mĂŒssen "MĂ€nner" immer wieder ihre "MĂ€nnlichkeit" unter Beweis stellen. Der Wehrdienst steht, als die Form, in die der "Mann" gegossen wird, im Mittelpunkt. Zum einen hat Selek in ihrem Buch den Fokus auf den Wehrdienst gesetzt, weil er von den MĂ€nnern selber als einschneidendes, prĂ€gendes und unvergessliches Ereignis wahrgenommen wird. Zum anderen gilt der Wehrdienst in der tĂŒrkischen Gesellschaft als eine Schwelle zum vollwertigen Mann-Sein, die unbedingt ĂŒberwunden werden muss, um als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft wahrgenommen zu werden.

Der Wehrdienst, so beschreibt Selek, gilt auch als die Vorbereitung zur Ehe. Oftmals wird von Seiten der Familie die Hochzeit schon ins Auge gefasst und eine Braut ausgesucht, bevor der Sohn zum Wehrdienst aufbricht. Nach seiner RĂŒckkehr wird dann sofort geheiratet. Bis dahin wird der Mann zum Versorger, BeschĂŒtzer und verantwortungsvollen Menschen in der Armee geschliffen. Ausgemustert zu werden ist eine gesellschaftliche Scham. Wie man durch das im Buch veröffentlichte Interviewmaterial erfĂ€hrt, ist der abzuleistende Wehrdienst fĂŒr die Betroffenen selber entweder eine lĂ€stige Pflicht oder etwas, worauf sie neugierig warten.

50 MĂ€nner hat Selek ĂŒber ihre Erfahrungen beim MilitĂ€r interviewen lassen. GesprĂ€che, die sonst nur unter MĂ€nnern im Cafehaus stattfinden hat Selek als Narrationen auf ihre Struktur und wiederkehrenden Motive untersucht. Dabei konnte sie diese Interviews auch nicht selber fĂŒhren, sondern hat zwei MĂ€nner als Interviewer engagieren mĂŒssen. Die Tatsache, dass derartige GesprĂ€che zwischen MĂ€nnern und Frauen nicht möglich sind und schon gar nicht mit Aussicht darauf, veröffentlicht zu werden, zeigt das erste Tabu auf, dem sich Selek genĂ€hert hat.

Selek stellt fest, dass die Geschichten sich Ă€hneln, die diese MĂ€nner erzĂ€hlen. Wie schon angedeutet, treffen jedoch ganz verschiedene "MĂ€nnlichkeiten" aufeinander, die unterschiedliche Erfahrungen anders verarbeiten und daraus auch unterschiedliche SchlĂŒsse fĂŒr ihre Selbstdefinition ziehen. Bemerkenswert ist auch die Beobachtung, dass in den ErzĂ€hlungen selten direkt kritisiert wird, dass schmerzhafte Erfahrungen in Geschichten verpackt und als Erfahrungen Dritter wiedergegeben werden. So sind auch die meisten Fazite nach abgeschlossenem Wehrdienst positiv formuliert. Nur wenige behaupten, dass die Zeit sie nicht oder kaum beeinflusst hĂ€tte.

Besondere Beachtung findet bei der Konstruktion von MÀnnlichkeit im MilitÀr die Ausgrenzung von allem, was nicht mit dem normativen MÀnnlichkeitsideal vereinbar ist. Was als weiblich empfunden wird, ebenso wie Trans- oder HomosexualitÀt, wird als "nicht-mÀnnlich" definiert. Mit wenig theoretischem Ballast stellt Selek die unterschiedlichen Aussagen gegeneinander. Der Versuch, die Aussagen der MÀnner nicht aus feministischer Sicht wertend zu beurteilen, sondern sich selbst kommentieren zu lassen, ist ihr gelungen.

"Zum Mann gehĂ€tschelt zum Mann gedrillt" zeigt, dass (tĂŒrkische) "echte MĂ€nnlichkeit" ein komplexes Konstrukt ist und ĂŒber viele AnsprĂŒche mit allen Ebenen des gesellschaftlichen Lebens verwoben ist. Besonders durch das MilitĂ€r wird MĂ€nnlichkeit auch mit SexualitĂ€t und Macht verknĂŒpft.

Zur Autorin: Pinar Selek wurde 1971 in Istanbul geboren. Die studierte Soziologin bezeichnet sich selber als politische Aktivistin und Feministin. Sie wurde bekannt dafĂŒr, Tabuthemen anzupacken, wie ihre Recherchen ĂŒber Transsexuelle, Straßenkinder, SexarbeiterInnen und Konflikte mit KurdInnen und ArmenierInnen. Seit 1998 steht sie unter Terrorverdacht und kĂ€mpft gegen diese VorwĂŒrfe an. Obwohl sie bereits zweimal freigesprochen wurde, soll im Mai 2010 zum dritten Mal eine Verhandlung stattfinden, die eine lebenslange Freiheitsstrafe fĂŒr die Autorin fordert. FĂŒr "Zum Mann gehĂ€tschelt. Zum Mann gedrillt." wurde Pinar Selek vom tĂŒrkischen PEN-Zentrum mit dem diesjĂ€hrigen Duygu-Asena-Preis ausgezeichnet.

Der P.E.N. Unterschriften Aktion fĂŒr Pinar Selek kann man sich anschließen unter: www.ps-signup.de . Weitere Infos ĂŒber Pinar Selek finden Sie auf www.pinarselek.com .

AVIVA-Tipp: Sich einem Thema zu nĂ€hern, das in der Öffentlichkeit nicht ohne weiteres angesprochen werden kann, ist immer eine schwierige Aufgabe. Ganz richtig hat Pinar Selek, indem sie die Form des ethnologischen und sozialwissenschaftlichen Genres "Interview" genutzt hat, das "Verborgene" ans Licht gebracht. Sie hat erkannt, dass die Definition des Weiblichen und die Definition des MĂ€nnlichen sich gegenseitig bedingen, und die Narration von "MĂ€nnlichkeiten" der SchlĂŒssel zur Reflektion sein kann. MĂ€nner zu Wort kommen zu lassen, ist eine Aufgabe, die von der feministischen Forschung unbedingt selbstreflexiv weiter gefĂŒhrt werden sollte.

Pinar Selek
Zum Mann gehÀtschelt zum Mann gedrillt. MÀnnliche IdentitÀten.

Orlanda Verlag, erschienen MĂ€rz 2010
Paperback 240 Seiten
ISBN: 978-3-936937-73-2
18.00 Euro

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