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AVIVA-BERLIN.de im August 2022 - Beitrag vom 01.08.1986


Überraschung für eine Fliege
Angelika Dufft

Eine Abenteuergeschichte zum Lesen, Vorlesen, Träumen, Bilder malen. Und weil diese Geschichte noch keine Bilder hat: ran an den Tuschkasten und mitgemalt!




© by Angelika DufftEs war einmal eine kleine Stubenfliege, die hatte ihr Leben lang nichts anderes getan, als unter einer Zimmerdecke um eine Lampe herum zu fliegen. Mal höher, mal tiefer und manchmal flog sie eine elegante Acht. Eines Tages hatte sie die Nase voll von der Kreisfliegerei. Das heißt, eigentlich hatte sie den Rüssel voll. Fliegen haben nämlich einen Rüssel wie Elefanten, nur kleiner natürlich. Es wurde ihr also langweilig und da flog sie kurzentschlossen zum offenen Fenster hinaus.

Sie flog die Straße entlang, bis sie zu einem kleinen Park kam. Und da sauste plötzlich ein bunter Bumerang an ihr vorbei. Hui, was ist das denn, dachte die kleine Fliege und kam ein wenig aus dem Gleichgewicht. Da kam der Bumerang schon wieder. "Komm und flieg ein Stück mit mir!" rief er der kleinen Fliege zu. "Moment mal, wohin denn?" rief die kleine Fliege zurück und versuchte ihn einzuholen. "Ich will nicht weit weg, ich bin noch neu in der Welt hier draussen und kenne mich nicht gut aus!" Die kleine Fliege schaffte es tatsächlich, sich auf den Bumerang zu setzen, und schon begann eine wilde Fahrt.

Kopf über, Kopf unter sauste die Fliege auf dem Bumerang durch die Luft. "Na, wie gefällt es dir?" "Oh, ganz gut," sagte die kleine Fliege, "ich muss nur aufpassen, dass mir nicht schlecht wird. Wo fliegen wir eigentlich hin?" "Da wo wir herkommen," sagte der Bumerang. "Oh ," staunte die kleine Fliege, denn das konnte sie sich bei dem Drunter und Drüber gar nicht vorstellen. Im gleichen Augenblick rummste und krachte es und die kleine Fliege fiel ins grüne Gras.

"Tut mir leid", murmelte der Bumerang, "diesmal hat es wohl nicht ganz geklappt, aber beim nächsten..." "Nein danke," unterbrach ihn die kleine Fliege, "ich glaube nicht, dass ich noch einmal mit dir komme." Und dann verabschiedete sie sich und flog ganz schnell davon.
Die kleine Fliege flog noch ein Stück, bis sie unter sich etwas Großes und Glitzerndes entdeckte. Darauf lagen große grüne Blätter, die wie Teller aussahen. Genau auf so einem Teller landete sie. Hier wollte sie sich ein wenig ausruhen. Aber kaum saß sie dort und schloss ein wenig die Augen, da bekam sie schon Besuch.

Es war eine wunderschöne Riesenfliege mit einem blaugrün-glänzenden schlanken Körper und herrlich schillernden Flügeln. "Guten Tag", flüsterte sie, "ich heiße Sybille und bin eine Libelle." "Warum flüsterst du so?" fragte die kleine Fliege. "Weil wir hier vorsichtig sein müssen," flüsterte Sybille," du scheinst nicht Bescheid zu wissen." "Nein," sagte die kleine Fliege, "Ich bin noch neu in der Welt hier draussen und kenne mich nicht so gut aus." "Dann will ich es dir erklären:" sagte die schöne Libelle. "Du sitzt hier auf einem Seerosenblatt mitten auf dem Wasser..."

In diesem Augenblick hörte die kleine Fliege ein seltsames Knarzen und dann blubste es in ihrer Nähe, und eine kleine Welle brachte das Seerosenblatt ins Schaukeln. "...Und wenn wir jetzt nicht sehen, dass wir hier fortkommen, dann verspeist dich gleich ein dicker Wasserfrosch zum Mittagessen!" "Wie bitte?!" japste die kleine Fliege und stolperte vor Aufregung über ihre sechs Beine. Sybille hatte indess schon ihre großen schillernden Flügel in Gang gesetzt und brummte nun einen halben Meter über dem Wasser...

...als die kleine Fliege es noch in letzter Sekunde schaffte, der langen klebrigen Froschzunge zu entkommen. Das ist ja gerade noch einmal gut gegangen! Sybille und die kleine Fliege flogen noch ein Stückchen miteinander und dann verabschiedeten sie sich voneinander. Jetzt will ich mich endlich ein wenig ausruhen, dachte die kleine Fliege und suchte sich einen schattigen Platz zwischen ein paar glänzenden Kieselsteinen.

Nach einem kleinen Weilchen wurde sie von einem Rascheln geweckt. Vorsichtig öffnete sie erst ein Auge und dann das zweite. Was die kleine Fliege sah, als sie beide Augen richtig offen hatte, war schon ein etwas trauriger Anblick. Vor ihr im Gras lag eine Schlange. Das hätte ja vielleicht auch gefährlich aussehen können, aber in diesem Fall war es ganz anders, denn die arme Schlange war völlig durcheinander.

"Verflixt und zugenäht!" zischte die Schlange vor sich hin, "ich schaffe es nicht!" "Was schaffst du nicht?" fragte die kleine Fliege. "Na, das siehst du doch," zischte die Schlange zurück, "kannst du mir etwa sagen, wo bei mir vorne und hinten und die Mitte ist? Ich bin so durcheinander, dass ich mir am liebsten in den Schwanz beißen möchte! Aber nicht einmal das schaffe ich!"

"Du tust mir wirklich leid," sagte die kleine Fliege ganz traurig. "Aber ich glaube, ich kann dir auch nicht helfen." "Dann verzisch dich!" zischte die Schlange. "Bin ja schon weg..." Die kleine Fliege summte davon. Sie trällerte ein fröhliches Lied vor sich hin und schloss die Augen. Sowas nennt man Blindflug, dachte sie und kicherte. Aber im gleichen Moment war ihr Flug jäh beendet. Sie war mit dem Kopf an etwas gestoßen, dann purzelte sie ein Stück daran herab...

...bis sie endlich Halt unter ihren sechs Füßen hatte. Sie befand sich zu ihrem Erstaunen in einem wunderbar weichen rosafarbenen Schal. "Simsala- Wer ist denn da?" Die kleine Fliege hörte eine sanfte Stimme.
"Da sehe ich ein Fliegenbein!" sagte die Stimme weiter, und: "Einen schönen guten Tag. Will mal seh"n, ob ich dich mag." Und schon griff eine Hand nach der kleinen Fliege, die ganz starr vor Schreck war.

"Na, du bist ja ein ganz besonders hübsches Exemplar," sagte die Stimme. Jetzt konnte die kleine Fliege sehen, woher die Stimme kam - von eine wunderhübschen Fee. Sie war ganz und gar in glitzerndes Rosa gekleidet und trug einen langen spitzen Feenhut mit einem Schleier auf ihrem rosa Lockenhaar. Und in der anderen Hand hielt sie einen ebenso schönen Zauberstab. Sie schaute die kleine Fliege versonnen an.

"Da hast du aber Glück gehabt, dass du schon so gut aussiehst!" sagte die Fee, "sonst hätte ich dich jetzt bestimmt verzaubert. Und glaube mir, verzaubert werden ist nicht immer gerade angenehm. So etwas grummelt im Bauch und bringt einem die ganzen Glieder durcheinander. "Hast du vielleicht auch die Schlange verzaubert?" fragte die Fliege schüchtern.

"Oh, erinnere mich bloß nicht daran," stöhnte die Fee," ich habe es immer und immer wieder versucht, aber es wurde nur schlimmer." "Und dann bist du einfach abgehauen?" fragte die kleine Fliege und die Fee nickte kleinlaut mit ihren hübschen Lockenkopf. "Na, du bist mir ja eine schöne Fee! Zauberst einfach in der Weltgeschichte rum und hast überhaupt keine Ahnung! Wenn das jeder machen würde!"

Die kleine Fliege wusste, dass sie gerade Blödsinn sagte, seit wann kann denn jeder zaubern? Aber sie meinte, der Fee mal richtig den Kopf waschen zu müssen, damit sie so etwas nicht wieder tat. "Du hast ja recht," gab die Fee zu, "aber ich muss doch auch einmal üben." Das stimmte natürlich, die kleine Fliege verstand das Problem. "Vielleicht solltest du dir ein paar weniger komplizierte Dinge zum Ausprobieren suchen. Sieh mal die Steine dort, die sehen eigentlich ziemlich langweilig aus. Mach sie schöner!"

"Das ist eine tolle Idee!" Die Fee sauste los und schwang ihren Zauberstab über den Steinen. Die kleine Fliege beobachtete das Geschehen von Weitem und musste ein bisschen kichern, als sie die Steine zu Sand zerbröseln sah. Manche aber wurden zu wunderbaren Edelsteinen, die geheimnisvoll in der Sonne funkelten. Die Fee war so mit üben beschäftigt, dass sie gar nicht merkte, wie die kleine Fliege leise lächelnd davonflog.

Langsam wurde es Abend. Ob ich wohl den Weg nach Hause finde? Die kleine Fliege überlegte, aber sie wusste nicht, in welche Richtung sie fliegen sollte. Immer dem Rüssel nach, dachte sie und machte sich auf den Weg. Bald sah sie unter sich den See und dann die Wiese, auf der sie mit dem Bumerang Karussell gefahren war. Bei dem Gedanken daran wurde ihr gleich wieder schwindelig. Dann erreichte sie die Straße, die sie am Morgen zum Park geführt hatte.

Aber welches Haus war es nur? Die kleine Fliege schaute rechts und links, flog höher und flog tiefer, aber sie konnte es nicht entdecken. Schließlich ging die Sonne unter und es wurde dunkel. Hinter den Fenstern gingen viele Lampen an, und die bläulichen Lichter der Fernseher flimmerten. Gerade als die kleine Fliege kurz vorm Verzweifeln war, erkannte sie ihre Lampe. Sie hing in ihrem Heimatzimmer von der Decke herab, wie jeden Abend und beleuchtete mit ihrem milden Licht den ganzen Raum.

Zum Glück stand das Fenster immer noch weit offen. Die kleine Fliege war daheim. Zufrieden drehte sie ihre erste Runde unter der Zimmerdecke. Wo nur meine Freunde stecken mögen? Sie werden doch nicht wohl schon schlafen? Schade dass sie nicht da sind, ich könnte ihnen soviel erzählen... "ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG !" - da waren sie, nahmen die kleine Fliege rechts und links bei den sechs Füßen und tanzten mit ihr im Kreis um die Lampe. Geburtstag? Daran hatte sie überhaupt nicht gedacht. Ach, war das ein wunderbarer Tag. Die kleine Fliege war wunschlos glücklich.

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Beitrag vom 01.08.1986

AVIVA-Redaktion