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AVIVA-BERLIN.de im August 2021 - Beitrag vom 15.11.2005


Mütterkurse in Berlin
Daniela Krebs

Immer mehr Mütter und Väter nicht deutscher Herkunftssprache lernen in der Schule ihrer Kinder Deutsch. Während diese von LehrerInnen beschäftigt werden, erlernen die Eltern die fremde Sprache.




Die Idee: Mütter und Väter lernen Deutsch - wie ihre Kinder
Die Idee ist überzeugend, weil sie einfach und nachvollziehbar ist: Während der Betreuungs- und Unterrichtszeit ihrer Kinder lernen auch die Eltern - vor allem die Mütter nicht deutscher Herkunftssprache - in der Kita oder Schule ihrer Kinder Deutsch. Über die deutsche Sprache wird auch der Einstieg in die Gesellschaft leichter. Die Teilnahme an der Schulkarriere der Kinder, an Behördengängen oder Arztbesuche muss nicht mehr an der Sprachbarriere scheitern.
Die Umsetzung: Vier Stunden pro Tag, bis zu 250 Stunden pro Kurs
Die Kurse umfassen 200 bis 250 Stunden pro Semester/Halbjahr bei ca.15 Teilnehmerinnen pro Kurs. Die Kurslänge pro Tag umfasst meist vier Unterrichtseinheiten (=Unterrichtstunden), wobei der Unterricht an zwei bis drei Tagen in der Woche erteilt wird. Als Kosten für die Teilnehmerinnen entsteht nur die einmalige Anmeldegebühr von 20 Euro. Die Kurse finden ganz vorrangig in den Innenstadtbezirken Neukölln, Tempelhof-Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Mitte statt.
Die Zahl der Teilnehmerinnen nimmt ständig zu
Mütterkurse erfreuen sich seit Jahren zunehmender Nachfrage. Mit den zusätzlichen Mitteln, die das Land ab 2006 zur Verfügung stellen wird, ist zu erwarten, dass die Zahl der Teilnehmerinnen pro Jahr nahe an die 10.000-Marke heranreicht.
Die Ergebnisse der Untersuchung:
Ergebnisse und Erfolg der Mütterkurse wurden jetzt ausführlich repräsentativ evaluiert. Im Untersuchungszeitraum (Osterferien bis zu den Sommerferien 2005) wurden 100 Mütterkurse mit 1071 Teilnehmerinnen evaluiert, von denen im Bezirk Mitte 12 Kurse auch für Väter offen waren.
Auch wer schon länger in Deutschland lebt, kommt zum Kurs
Die Alterstruktur zeigt, dass über die Hälfte der Teilnehmerinnen zwischen 25 und 35 Jahren alt ist, 1/3 ist älter als 35 Jahre. Die Hälfte gab Türkisch als Herkunftssprache an, 16 % Arabisch und 33 % sprechen andere Muttersprachen. Bei der Aufenthaltsdauer in Deutschland zeigt sich folgendes Bild: Jeweils ca. 1/3 ist unter 5 Jahren in Deutschland, zwischen 6 und 10 Jahren und über 10 Jahre in Deutschland. Die befragten haben insgesamt 2729 Kinder - die Hälfte davon in Familien mit 1-2 Kindern, die andere Hälfte in Familien mit 3 und mehr Kindern. Altersstruktur, Aufenthaltsdauer und Kinderzahl lassen den Schluss zu, dass die überwiegende Zahl der Frauen erst nach dem ersten Abschnitt der Familienphase in die Sprachkurse gehen.
Kaum eine Teilnehmerin springt ab
Zu Beginn hatten die untersuchten Kurse 1249 Teilnehmerinnen, zu Kursende noch 1071. Die "Dropoutquote" von 14,25 % ist damit vergleichsweise gering. Als Hauptgrund für das Aussteigen aus einem Kurs wurden mit 34% familiäre Gründe angegeben. Die Programmbereichsleiterinnen schätzen die Motivation als hoch bis sehr hoch ein. Das Lernverhalten wird als gut bis weniger gut eingeschätzt bei allerdings geringem Lerntempo.
Zehn Prozent haben noch nie eine Schule besucht
Bei der Frage nach dem Schulbesuch zeigt sich ein breit gefächertes Bild von unterschiedlichen Niveaus der Schulabschlüsse im Heimatland: Fast 10 % haben nie eine Schule besucht, 28 % nur bis zur 5. Klasse, 26.% bis zur 8. Klasse. Immerhin haben 35% der Befragten 9 Jahre und länger die Schule besucht.
Kaum eine hat Arbeit, sehr viele wollen arbeiten
87% gehen keiner Erwerbstätigkeit nach, 9% nur stundenweise, 4 % gehen einer Halbtagstätigkeit nach. Dem gegenüber steht, dass 2/3 der Befragten die Absicht bekundete, innerhalb der nächsten 5 Jahre eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen.
Ein wesentliches Motiv: Mehr für die eigenen Kinder tun
Es wurden vielfältige Gründe für den Kursbesuch genannt, zumal Mehrfachnennungen möglich waren. Jede zweite Teilnehmerin gab an, dass die Kommunikation mit Schule, Arzt und Behörde neben der Hausaufgabenhilfe für die Kinder ein Hauptgrund für den Kursbesuch ist.
Der Kurs verändert das Leben in Berlin
Nur einen kleinen Einblick in die Bedeutung des Kurses für die Teilnehmerinnen bieten die Antworten auf zwei wesentliche Fragen: Bei der Frage, ob die Teilnehmerinnen durch den Kursbesuch die schulischen Angelegenheiten ihrer Kinder besser verstehen, bejahten dies 81%. Überdies gaben etwa 70% an, dass sie durch den Kursbesuch mehr mit den Lehrern ihrer Kinder sprechen als zuvor. 4.7. Deutsche Sprache, schwere Sprache: Die Ausgangslage ist eher schwach ... Der Status zu Beginn der Kurse ist niedrig: 11% der Kurse sind Alphakurse bzw. auf A.0-Niveau, 42% befinden sich auf der A1-Stufe (A1.1./A1.2), 47% auf einem Niveau von A2 und höher (A2.1 bis B1.2). (nach Sprachfertigkeitsstufen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens)
... aber die Ergebnisse lassen sich sehen
Das Gesamtergebnis als Hochrechnung der Sprachniveauverbesserung auf alle Teilnehmerinnen lautet: rund 70% der Kurse haben sich um eine Niveaustufe verbessert. Von 6.000 Teilnehmerinnen im Jahr 2004 haben sich 4.200 um mindestens eine Kursstufe verbessert. Die restlichen 30% (1.800) verbesserten sich innerhalb einer Niveaustufe. Bei der objektiven Sprachstandsmessung zeigte sich folgendes Bild: Im untersuchten Zeitraum haben 30% der Befragten im Untersuchungszeitraum sogar an einer externen Prüfung teilgenommen. Weitere 20% der Teilnehmerinnen haben in den letzten 6 Monaten unmittelbar vor dem Erhebungszeitraum erfolgreich an den genannten Prüfungen teilgenommen (189 TN an einer Start 1-Prüfung, 109 TN an einer Start 2-Prüfung (z.T. auf Modelltest-Basis).
Die Ergebnisse decken sich mit dem Trend bei der Selbsteinschätzung
Bei der schwierigen Frage, ob sich ihre Deutschkenntnisse nach eigener Einschätzung durch den Kurs verbessert hätten, erklärten 48%, dass sich die Deutschkenntnisse stark verbessert haben, und 43%, dass sich die Deutschkenntnisse teilweise verbesserten haben. Nur 9% waren hier unentschieden.
... und der positiven Bewertung des Kurses selbst.
Bei der subjektiven Bewertung der Kurse durch die Teilnehmerinnen gab es durchweg nur positive Rückmeldungen. 96% gaben an, sich im Deutschkurs wohl zu fühlen, das Lerntempo fanden 87% angemessen. 93% fanden die Themen nützlich für den Alltag und 91% gaben an, im Unterricht ausreichend Gelegenheit zum Deutschsprechen zu bekommen. Zufrieden mit den Unterrichtsräumen waren 83% und 76% hielten Sonderaktivitäten wie Ausflüge für wichtig.

(Quelle: Landespressedienst, 11.11.05)




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Beitrag vom 15.11.2005

AVIVA-Redaktion