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AVIVA-BERLIN.de im September 2021 - Beitrag vom 05.01.2001


Stillen? - ja gerne, aber wie wird das eigentlich gemacht?
Ruth Niehaus

"Vielleicht hast du nicht genug Milch." "Legst du den Kleinen schon wieder an, du verwöhnst ihn ja." "Wenn er Durst hat...




... gib ihm doch Tee". So ein Chor skeptischer Stimmen ist nicht gerade die ideale Begleitung für ein junges, unerfahrenes Stillpaar. Vorübergehendes Sich-taub-Stellen ist angezeigt, aber dessen ungeachtet braucht die junge Mama kompetente Hilfe, um die Milch zum Fließen zu bringen.
Leider mangelt es den Mamas von heute an nachahmenswerten Vorbildern, wurde ihren Müttern oft der Wunsch zu stillen auf unhaltbare, aber erfolgreiche Weise ausgeredet. Dieselben Mütter schwingen sich mitunter gerne zu ungebetenen Ratgeberinnen auf und verbreiten die Mär vom 4-Stunden-Rhythmus oder vom tyrannischen, weil verwöhnten Kind. Es gibt also eine Menge Fragen rund um das Stillen, die Frauen (und Männer) vor und nach der Geburt ihres Babys beschäftigen.

Alle Phasen der Stillzeit
Sachkundige, verständliche und ausführliche Antworten liefert der bei Gräfe und Unzer erschienene Ratgeber mit dem schlichten Titel "Stillen". Viele frischgebackene Mütter möchten zu Beginn der Stillzeit nicht schon lernen, wie das Abstillen am leichtesten über die Bühne geht, sondern suchen Rat und Hilfe für ein gerade aktuelles Problem. Die Gliederung kommt dem schrittweise wachsenden Informationsbedürfnis der jungen Mutter entgegen. Ob sie nun am Beginn der Stillzeit steht oder mit ihrem Baby schon ein eingespieltes Team ist, jede einzelne Phase wird ausführlich beschrieben.
Die Autorinnen, Márta Guóth-Gumberger und Elizabeth Hormann, zwei Frauen mit großem Sachverstand und eigener Stillerfahrung, nennen alle erdenklichen Probleme und machen vielfältige Lösungsvorschläge.
Das Inhaltsverzeichnnis entspricht beinahe einer Chronologie möglicher Fragen und Gedanken, die im Laufe der Stillzeit auftauchen können. Zusammen mit dem Sachregister lassen sich die gesuchten Informationen schnell und treffsicher finden.

Stillen ist selbstverständlicher geworden
Ein Service-Teil auf den letzten Seiten bietet neben Quellenangaben und Buchtipps eine hilfreiche Zusammenstellung häufig gestellter Fragen. Wie der Untertitel es verspricht, legt man sich mit diesem Werk einen hilfreichen Ratgeber für alle Phasen der Stillzeit auf den Nachttisch. Interessant ist ein Vergleich zum "Stillbuch", des auf Altpapier gedruckten Klassikers von Hannah Lothrop, die ihre Leserinnen noch im Stil einer 70er Jahre-Selbsthilfegruppe duzt. Das neue Werk von Gräfe und Unzer siezt und erzählt nichts wesentlich Neues, es kann aber auch entspannt einiges weglassen und ist so einfach zeitgemäßer und ansprechender: Frau Lothrop mußte als Pionierin noch vor ignoranten Hebammen und ärzten warnen, und ausführlich die Vorteile der sanften Geburt beschreiben. Das scheint heute kaum noch nötig zu sein - wie schön! Stillen ist selbstverständlicher geworden - das wird beim vergleichenden Durchblättern sehr deutlich.
Doch Aufklärung tut noch immer not, auch angesichts hinterlistiger Kampagnen der Kunstmilchindustrie. Geworben wird in unseren Tagen mit der rosigen, prallen Mutterbrust und dem angstheischenden Satz: Was ist, wenn es nicht reicht?

Kurzum, mit ihrem Buch haben die Autorinnen ein sehr brauchbares und feinfühlig bebildertes Buch für die Stillzeit vorgelegt. Prädikat: Empfehlenswert.

Vertrauen Sie Ihrer Intuition!
Es gibt natürlich Momente, da wirkt auch der nützlichste Leitfaden eher entmutigend. Beispiel: Es soll ein wenig Ordnung in der Wohnung geschaffen werden. überzeugt von den Vorzügen der Traghilfen (Geschwisterchen bespielen und gleichzeitig abwaschen!), zerrt und wurschtelt man unter Schweißausbrüchen an dem vier Meter langen Tragetuch herum, während das empörte Baby Fenster und Gläser zum Sirren bringt. Da drängt sich die Frage auf, wie es möglich sei, neben dem Aufräumen das Kind im Tuch zu stillen. Hier gilt: Ratgeber bis auf Weiteres wegstellen und wahlweise einen Gang um den Block machen oder das Kind dem gerade fröhlich heimkehrenden Lebenspartner in den Arm drücken (Still du mal Schatz) oder, wenn keine Ideen vorhanden, bei Frau Lothrop nachzuschlagen, wo es heißt:

"Je aufgeklärter wir durch die Massenmedien geworden sind, desto mehr suchen wir Antworten "draußen" bei den Experten. In jedem Menschen liegen tiefe Quellen der Weisheit. Intuitiv wissen wir die richtige Antwort auf viele unserer Fragen. Diesen Quellen dürfen wir ruhig vertrauen. Wir müssen jedoch lange genug still werden, um die Antworten zu hören. " (Hannah Lothrop: Das Stillbuch,

München 1982, S.110)


STILLEN

Rat und praktische Hilfe für alle Phasen der Stillzeit
Márta Guóth-Gumberger, Elizabeth Hormann: Stillen, Rat und praktische Hilfe für alle Phasen der Stillzeit, München 2000
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Beitrag vom 05.01.2001

Ruth Niehaus