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AVIVA-BERLIN.de im April 2021 - Beitrag vom 12.11.2003


Deutschland - Armes Kinderland. Ein Bericht von Susanne Mayer.
Iris Wegner

Analyse einer Gesellschaft, die alles dafür zu tun scheint, den "Störfaktor Kind" auszumustern. Aber auch ein Richtungszeiger aus dieser kinderfeindlichen Gesellschaft. Ein Wut- und Mutmacher.




"Wenn wir Mütter um den Tisch sitzen, kann es passieren, dass da tatsächlich drum herum satte zwei Mio. Fehlinvestition im Bildungssektor versammelt sind." Nicht selten verwendet Susanne Mayer derart zynische und provokante Ausführungen und würzt ihre gründliche Bestandaufnahme unserer Gesellschaft mit trockenem Humor. Sie beschreibt eine Zweiklassengesellschaft, deren Schnitt nicht Arm und Reich trennt, sondern Familien und Kinderlose in zwei Lager treibt.

Sie schreibt von unerfüllten Kinderwünschen auf der einen Seite und den Dummen, die "trotzdem" Kinder bekamen und sich damit in´s gesellschaftliche Aus gespielt haben. Was Susanne Mayer besonders glaubwürdig macht, sowohl für Eltern und als auch für Nichteltern, ist ihre Schilderung vom "Aufbruch in die Zone". War sie doch selbst eine erfolgreiche kinderlose Journalistin, die durch ihre Schwangerschaft in eine Zone - eine Art von Parallelwelt geriet, die sie vorher nie wahrgenommen hatte. Übliche Sprüche wie `schon wieder so eine lamentierende Mutti`, bleiben den Mütterkritiker(inne)n bereits bei S. Mayers Vorwort im Halse stecken.
"Nach der Geburt des zweiten Kindes bleiben acht von zehn Müttern Hausfrauen, wobei zwei Drittel derer, die wegen der Kinder ihren Beruf aufgegeben haben, gerne wieder berufstätig wären. Na und? Olle Kamellen!"

Die Berufswelt funktioniert mit ihren Anforderungen von Flexibilität und Mobilität immer noch so, als gäbe es keine Kinder. Bei diesen Kriterien, die von der privilegierten Kaste der Kinderlosen gesetzt werden, bleibt aber nicht nur die Lebensqualität unserer Kinder und deren überforderten Eltern auf der Strecke, sondern unser Aller. Das ist Mayers These.

"Eltern, stumm und wehrlos" so der Titel eines Abschnitts.
Warum gehen Mütter und Väter nicht auf die Barrikaden?
"Es sind vielleicht schon zu wenige Eltern, um sich zur Wehr zu setzen, oder vielleicht sind sie einfach zu erschöpft von ihrem Alltag."
Erschöpft? Ja ! haucht mein ermattetes Herz. Erst gestern saß ich selbst wieder vier Stunden auf dem Jugendamt, zusammen mit 20 anderen Müttern und ihren Kleinkindern, um meinen Sohn im Kindergarten anmelden zu dürfen.
Die Autorin nimmt die erschöpften Eltern an die Hand und führt sie ortskundig durch das Gestrüpp unserer kinderfeindlichen Gesellschaft. Sie macht das Steuerdickicht transparenter, nennt das Kindergeld "Geschenke, die keine sind!", zieht unbequeme Vergleiche wie: "Das Fachbuch für den Lehrer - bis über 90% absetzbar - das Mathe-Übungsbuch der SchülerInnen oder Nachhilfe - ein reines Privatvergnügen."
Susanne Mayer hat ihre Hausaufgaben gemacht und gründlich recherchiert (sechs Seiten kleinstgedruckter Quellenangaben). Ihr Buch ist verständlich geschrieben und dabei hochgradig informativ. Es macht die LeserInnen wütend und fordert sie auf, die Welt mit Kinderaugen zu betrachten. Sie trägt Ideen und bereits bewährte Modelle zusammen. Aus all diesen Zutaten kreiert Susanne Mayer ein Rezept für eine kinder- und elternfreundliche Gesellschaft, in der sich auch Singles und karrierebewusste Dinki - Paare wohl fühlen können.

Sie beschließt ihr Buch mit "zehn dummen Sprüchen zum Thema Familie und was man entgegnet." Zum Beispiel: Kinder sind Privatsache. Lesen Sie, was Frau Mayer darauf antwortet. Es lohnt sich! Nicht nur für Eltern!

Zur Autorin:
Susanne Mayer ist Redakteurin in der Zeitung DIE ZEIT und lebt mit ihren Kindern in Hamburg.



Susanne Mayer
Deutschland Armes Kinderland oder
Wie die Ego-Gesellschaft unsere Zukunft verspielt -
Plädoyer für eine neue Familienkultur

Eichborn Verlag, erschienen Oktober 2002
ISBN3-8218-3964-3
17,90 EURO200883235875"



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Beitrag vom 12.11.2003

AVIVA-Redaktion 






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