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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 28.08.2007

Lebenslieder, Vivian Kanner im Interview
Sharon Adler

"Die Menschen, die sich f├╝r meine Lebenslieder interessieren, sollen mit mir lachen, weinen oder sogar beides - manchmal auch gleichzeitig!" Jeder Mensch hat seine Lebenslieder. Melodien, Texte, ...



die f├╝r bestimmte Lebenssituationen und Gef├╝hle stehen, euphorische und melancholische, hoffnungsvolle und hoffnungslose. Mit Lebensliedern verbinden sich Erinnerungen an Menschen, an Orte, an Situationen. Und in Lebensliedern begegnen wir h├Ąufig uns selbst, entdecken Sehns├╝chte, finden Antworten, erkennen das Vertraute, aber auch das fremde Ich. Lebenslieder zwischen Lebensl├╝gen, Leidenschaft und Liebesgl├╝ck. Lebenslieder ist ein Soundtrack zur Bestandsaufnahme einer Mittdrei├čigerin im Spannungsfeld zwischen Deutschem und Jiddischem, Chanson und Schlager, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betr├╝bt.

So unterschiedlich diese Lieder von Georg Kreisler, Udo J├╝rgens, der Dietrich, Rio Reiser, Friedrich Holl├Ąnder, Gary James Camp, Michel Legrand und vielen anderen auch sind, in der Interpretation von Vivian Kanner erz├Ąhlen sie mit dem ihr eigenen dunklen Timbre von der Begegnung mit sich selbst.


AVIVA-Berlin: Dein neues Programm hei├čt "Lebenslieder". Warum, was verbindest Du mit dem Begriff "Lebenslieder" und welche sind deine ganz pers├Ânlichen Lebenslieder?
Vivian Kanner: Jeder Mensch verbindet mit gewissen Lebenssituationen Lieder. So wie man sich an Umst├Ąnde, Ger├╝che und andere Details erinnern kann, so wird es immer auch eine Musik geben, die man mit einer gewissen (Lebens-) Situation verbindet. So entsteht eine Art Lebenssoundtrack. Meine "Lebenslieder", das sind Lieder, die mich entweder schon mein bisheriges Leben begleiten und damit ein Teil von mir geworden sind oder Lieder, die ich mit gewissen Ereignissen meines Lebens konkret verbinde. Deshalb sind die Lieder in meinem Programm auch die pers├Ânlichsten "Lieder meines bisherigen Lebens... Eigentlich w├Ąren "Bestandsaufnahme" oder "Inventur" genauso treffende Worte als Titel f├╝r mein Programm. Die klingen aber ├Ąhnlich sexy wie "Lohnsteuererkl├Ąrung". Lebenslieder empfand ich irgendwie als anziehender. Oder w├╝rdest Du dir ein Programm anh├Âren, das "Meine Inventur - ein Liederabend" hei├čt?

AVIVA-Berlin: "Lebenslieder" ist ein Soundtrack im Spannungsfeld zwischen Deutschem und Jiddischem, Chanson und Schlager, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betr├╝bt. Lebenslieder will kein ausschlie├člich jiddisches Programm sein - wie schaffst Du diese Gratwanderung, was willst Du bewirken, wenn Du Holl├Ąnders "An allem sind die Juden schuld" singst?
Vivian Kanner: Wie schon gesagt. Lebenslieder sind Lieder, die mich bewegen, begleiten, ber├╝hren. F├╝r mich ist das keine Gratwanderung, sondern gelebte Normalit├Ąt - oder gelebter Wahnsinn - ganz wie man das sehen m├Âchte. In jedem Fall spannend, dieses Spannungsfeld und das ist genau der Punkt: Daran m├Âchte ich Menschen teilhaben lassen. Bezogen auf den j├╝disch, jiddischen Teil meines Programms bedeutet das vor allem, dass ich als Mitglied der sog. 2. Generation (Anm. der. Red. Nachkomme von Holocaust-├ťberlebenden) IMMER in einer Art Spannungsfeld zu leben habe - meint mein Umfeld. Auf jeden Fall in einer - oftmals aufoktroyierten exponierten Situation. Nicht weil ich mich aktiv darum rei├če, sondern weil meine Umwelt das quasi von mir erwartet - da sind im ├ťbrigen oft beide Pole sehr umtriebig. Der J├╝dische und der Nichtj├╝dische.

Was den nichtj├╝dischen Pol betrifft, so habe ich mich im Laufe der Jahre satt gesehen an diesen "Bundestagsbetroffenheitsgesichtern" und habe festgestellt, dass es f├╝r mich wenig Sinn macht, mit der Vergangenheit aufzuwarten, warum auch, viel sinnvoller und befriedigender ist es, die Gegenwart mit dem zu beleben, was in den 40er Jahren genau hier in Berlin unterbrochen wurde. Also habe ich nun den Weg f├╝r mich gefunden mit viel Sarkasmus und Witz diesen gegenseitigen Verkrampfungen und Befindlichkeiten entgegenzutreten.
Ich habe mit meinen letzten beiden Musik-Projekten rein jiddische Programme gemacht. Da war wenig Platz f├╝r eben diese Lieder von Holl├Ąnder oder Kreisler. Das wollte ich nun ├Ąndern.

Auf der anderen Seite: wenn ich mein Programm "Lebenslieder" nenne, dann kann ich aber eben auch auf keinen Fall auf jiddische Lieder verzichten, da sie mich nun mal einen gro├čen Teil meines Lebens begleitet haben. Viele Menschen sind gegangen, aber diese Lieder sind mir geblieben und sie beleben und begeistern mich immer mehr und immer noch. Es w├Ąre schade, wenn sie niemand mehr singen w├╝rde. Also singe ich sie.

"An allem sind die Juden schuld". Ja, meinen doch viele. Immer noch. Oder immer wieder. Nicht? Wenn's nicht die Juden sind, sind's die Ostdeutschen, die Asylanten, die Manager. Ersetze Juden mit X. Ein sehr pointierter Song zum Thema S├╝ndenbock und einfache Antworten auf komplexe Fragen. Leider trauen sich immer nur die Falschen, solche Botschaften zu singen - oder soll ich besser sagen "zu gr├Âlen"? Aber die meinen's ja auch ernst... Ich auch - nur anders. Hm.
Das Lied stammt aus den 20er Jahren... und hat an Aktualit├Ąt nicht verloren wie man mit gespitzten Ohren bei allerlei Zusammenk├╝nften von Menschen h├Âren kann - mit wechselnder "S├╝ndenbockbesetzung" versteht sich - tagesaktuell.

AVIVA-Berlin: Du bist ehemalige Frontfrau der M├╝nchner Band "Gefilte Fish" und hast lange mit Sharon Brauner und eurer Band "Jewels" osteurop├Ąische Melodien jiddischer Lieder mit lateinamerikanischen Rhythmen und Jazz-Kl├Ąngen gemischt. Eine Zeitlang hast Du keine jiddischen Lieder mehr im Programm gehabt. Warum nicht, und: wie kommt es, dass Du jetzt eine Mischung machst aus jiddischer, Chanson und Schlager, zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betr├╝bt? Jiddisches Liedgut bewegt sich ja h├Ąufig zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betr├╝bt...
Vivian Kanner: So ist das ja nun auch wieder nicht. Es war immer mindestens ein j├╝disches Lied in meinem Programm, auch wenn es nur eins war. Aber mit jiddischer Musik verbindet mich so viel, dass ich nie so richtig davon lassen konnte. Mein Programm "Leidende Lieder" war eine sehr sch├Âne Erfahrung, aber die gr├Â├čte Erkenntnis daraus war, dass ich sehr gerne wieder jiddische Lieder singen m├Âchte.
Irgendwie komme ich von den jiddischen Liedern nicht weg, warum sollte ich auch. Eine Zeitlang dachte ich, ich m├╝sste nach all den Jahren mal was anderes singen... dann war's aber auch wieder melancholisch. Nun, was soll ich sagen: Nichtjiddische melancholische PopBalladen...das machen viele und ich sch├Ątze, manche k├Ânnen das einfach auch besser als ich. Und mein Herz h├Ąngt einfach an diesen wundersch├Ânen alten Liedern, die sonst in Vergessenheit geraten w├╝rden. Irgendwie vereinen diese Lieder mein lachendes und weinendes Auge. Wie Victor Hugo schon sagte: "Das Vergn├╝gen, traurig zu sein!" ├ähnlich verh├Ąlt es sich doch mit franz├Âsischen Chansons, portugiesischem Fado, argentinischem Tango oder neapolitanischen Liebesliedern. All diese Variationen zutiefst emotionaler Musik ber├╝hren Menschen auf ihre ganz eigene Weise. Wie der liebe Goethe schon sagte:"Es muss von Herzen kommen, was Herzen erreichen soll". Das finde ICH mal zur Abwechslung spannend. Das reizt mich eben - auch nach all diesen Jahren und Ausfl├╝gen in andere Gefilde... wo wir wieder beim Thema Spannungsfeld w├Ąren. Ich komme aus der spannenden Nummer einfach nicht raus. Mittlerweile lebt sich's ganz entspannt im Spannungsfeld. Hier siehst du den roten Faden...(lacht) OK, noch mal in Quintessenz: In meinem Lebenssoundtrack konnte ich sie einfach super thematisch einflechten... Als J├╝din in Berlin sei kaum jemand besser geeignet als ich, jiddische Lieder zu singen... meint zumindest mein nichtj├╝disches wie auch das j├╝dische Umfeld. (grinst) Es ist mir auch ganz egal, wer sie auch singt oder eben nicht mehr singt... das sind eben meine Lieder und ich werde sie singen solange wir - meine Musiker, mein Publikum und eben auch ich - Freude daran haben.

AVIVA-Berlin: Welchen Song willst Du unbedingt mal ├Âffentlich singen? Gibt es Unterschiede zwischen den Liedern, die Du ├Âffentlich performst und denen, die Du unter der Dusche singst?
Vivian Kanner: Ich mute meinen Nachbarn da nicht mehr zu als meinem Publikum. Aber wenn du mich so fragst: Da gibt es ein Lied, das ich unfassbar sch├Ân finde, was ich noch nie ├Âffentlich gesungen habe: Das ist die 'Hatikva' (Anm. d. Red. Israelische Nationalhymne). Irgendwie singt man ja nicht einfach so eine Nationalhymne. Auf jeden Fall ist das eine sehr melancholische Melodie mit einem wundersch├Ânen Text ├╝ber Hoffnung... das w├╝rde ich sehr gerne Mal singen.

AVIVA-Berlin: Wie gelingt es dir, als deutsche J├╝din "Normalit├Ąt" zu leben, wie k├Ânnte Deiner Meinung nach das verkrampfte Verh├Ąltnis zwischen Juden und Nichtjuden entkrampft werden? Wie gehst Du um mit der Frage nach der israelischen Politik? Zu Deiner Identit├Ąt - siehst Du Dich als deutsche J├╝din, j├╝dische Deutsche oder f├╝hlst Du Dich in Israel eher zuhause - Familie und viele Freunde leben dort.
Vivian Kanner: Ich geh├Âre nicht zu den Menschen, die sich, wenn Sie jemanden kennen lernen, mit folgenden Worten vorstellen: "Guten Tag mein Name ist Vivian Kanner und ich bin J├╝din!" Auch hei├če ich nicht Sarah Horowitz. Mein Name verr├Ąt mich also nicht sofort... und meinen gelben Stern trage ich auch nur zuhause...(lacht)...Insofern ist mein Verh├Ąltnis zu meinen Mitmenschen - egal ob j├╝disch oder nichtj├╝disch v├Âllig normal - was es im ├ťbrigen auch weiterhin ist, wenn meine Mitmenschen Kenntnis davon erlangen, dass ich J├╝din bin. Das einzige was sich ├Ąndert ist, dass das Redebed├╝rfnis steigt. Weitestgehend im positivster Auspr├Ągung interessierter Neugierde. Es gibt so wenig Juden in Deutschland (Anm. d. Red. ca. 120 000 Juden leben in Deutschland), die Wahrscheinlichkeit, dass man einen trifft, mit dem man auch sprechen kann, ist eher gering, sodass viele die Gunst der Stunde nutzen, wenn sie endlich einen vor sich haben. Diese Erfahrung mache ich - insofern erinnere nicht ich meine Umwelt daran dass ich J├╝din bin, sondern umgekehrt. und das ist auch OK so. Miteinander zu reden ist wichtig, um sich kennen zu lernen und Vorurteile abzubauen. "Jude sein in Deutschland". Ein bisschen erz├Ąhlt mein Programm naturgem├Ą├č auch davon... Eine gro├če Freude w├╝rde es mir bereiten wenn die "Lebenslieder" einigen Leuten die Verkrampfung in ihrer Zunge und damit ihrer Seele nehmen k├Ânnen, die entstehen sobald sie das Wort 'Jude' aussprechen
Ich habe f├╝r mich die Erkenntnis gewonnen, dass es nicht der richtige Weg ist, immer wieder und immer wieder mit dem gro├čen "Schuldzuweisungsfinger" herumzufuchteln. Weil das f├╝hrt ja letztendlich zu diesen Verkrampfungen und Schuldgef├╝hlen. Und vielleicht schaffe ich es bei dem einen oder anderen diese Verkrampfungen oder Ber├╝hrungs├Ąngste zu l├Âsen, damit ist schon viel gewonnen. Musik und Humor k├Ânnen sehr dabei helfen.
Dass es einige Menschen gibt, die leugnen was passiert ist oder ihre alten "St├╝rmer-Vorurteile" pflegen, tja, die haben halt diese Ansicht, die wollen das auch glauben.

Auf der anderen Seite bin ich auch nicht die Botschafterin in Sachen "Judentum in Deutschland". Das ist eine Rolle auf die ich so gar keine Lust habe. In der Begegnung zwischen Menschen muss man oft gar nicht so wahnsinnig viel erkl├Ąren und meistens ist das Verh├Ąltnis zwischen Juden und Nichtjuden auch g├Ąnzlich entspannt und unverkrampft... Zumindest in meinem Privatleben ist das gl├╝cklicherweise so. Schlie├člich sind wir in erster Linie alle nur Menschen.

Und was die Frage nach der israelischen Politik betrifft, so bin ich immer wieder ├╝berrascht, warum ausgerechnet mir diese Frage gestellt wird. Ich bin J├╝din. Soweit so gut, so egal. Bin ich deshalb verantwortlich f├╝r alles, was andere Juden und heute der Staat Israel oder einzelne politische Str├Âmungen besagten Staates verbocken? Ein bisschen viel Verantwortung f├╝r so einen kleinen Menschen wie mich, oder? Diesen Stiefel zieh ich mir nicht an... Nat├╝rlich habe ich eine besondere Bindung... Aber die habe ich an viele andere Orte auch, an denen Menschen leben, die ich liebe oder wo ich so viele sch├Âne Erfahrungen erleben durfte.

Meine Identit├Ąt? Welche der vielen meinst Du denn? Die M├╝nchnerin, Ex-M├╝nchnerin, Berlinerin, in M├╝nchen geborene j├╝dische Neuberlinerin mit Hang zum Weisswurschtfr├╝hst├╝ck mit Brezn? Die Lebensk├╝nstlerin, Schauspielerin, S├Ąngerin? Die nichtreligi├Âse J├╝din mit Berliner Wohnsitz und Schweizer Pass? Die s├Ąkulare, aber traditionsbewusste U-Boot-J├╝din, die nur dann in der Synagoge auftaucht, wenn es wirklich notwendig ist? Die Tochter eines Auschwitz-├ťberlebenden, aus einem polnischen Stetl mit amerikanischem Pass und einer Schweizerin mit britischem Pass?
Identit├Ąt ist f├╝r mich nicht statisch. Es kommt ganz auf den Blickwinkel an... "Home is where my heart is" - und ich bin ich und bleib in erster Linie ich... in ganz, ganz vielen Facetten... hier heute in Berlin, in Deutschland, in jeder Hinsicht offen und vergn├╝gt - immer im Spannungsfeld immer f├╝r einen Minderheitenwitz gut - um es an dieser Stelle noch mal zu betonen... (lacht)

AVIVA-Berlin: "W├╝nsche sind nur sch├Ân, solange sie unerf├╝llbar sind". Trifft das auch auf dich zu?
Vivian Kanner: (breites Grinsen)
W├╝nsche sind nat├╝rlich auch sch├Ân, wenn sie in Erf├╝llung gegangen sind, aber dann sind es ja auch keine W├╝nsche mehr, oder? Au├čerdem gibt es dann auch noch andere scheinbar unerf├╝llbare W├╝nsche. Das ist doch das Salz in der Suppe, oder? Dann kann man sich weiter an die Arbeit machen, diese W├╝nsche zu erf├╝llen und so weiter und so fort..

AVIVA-Berlin: Was sind Deine n├Ąchsten Projekte?
Vivian Kanner: Daf├╝r sorgen, dass noch ganz viele W├╝nsche in Erf├╝llung gehen...


Vivian Kanner im Netz: www.viviankanner.com


Interviews Beitrag vom 28.08.2007 Sharon Adler 





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