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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.02.2008

Eran Riklis im Interview
Tatjana Zilg

Im Rahmen der 58. Berlinale wurde sein Film "Lemon Tree" mit dem Panorama-Publikumspreis ausgezeichnet. AVIVA-Berlin traf den Regisseur zu einem Gespr├Ąch ├╝ber die Entstehung der ...



... Geschichte von der Witwe Salma, die im Grenzgebiet von der Familie des israelischen Verteidigungsministers - ihren neuen Nachbarn - unter Druck gesetzt wird, ihren wundersch├Ânen Zitronenhain aufzugeben.

AVIVA-Berlin: Gibt es eine wahre Geschichte, die Sie als Vorlage f├╝r das Skript von "Lemon Tree" verwendet haben?
Eran Riklis: Das Skript bezieht sich nicht nur auf eine einzige wahre Geschichte, sondern auf hunderttausende. Es gibt sehr viele Pal├ĄstinenserInnen, die ihr Land, ihre H├Ąuser, ihre G├Ąrten und ihre B├Ąume aufgrund von Kriegen, Streitigkeiten und Sicherheitsangelegenheiten, die oft absurd und ├╝bertrieben sind, verloren haben. Nicht alle dieser Konflikte werden vor Gericht ausgetragen. Aber manche finden die St├Ąrke und die Kraft, vor Gericht zu gehen. Die Option gibt es zumindest. Ob sie erfolgreich sein werden, ist nat├╝rlich ungewiss. Gerichtsentscheidungen werden, wie alles im Leben, immer auch von der aktuellen Politik beeinflusst. Leider findet der Alltag im Kontext der Besatzung statt, und Besatzung ist nat├╝rlich niemals eine gute Sache.

AVIVA-Berlin: Konnte Salma denn davon ausgehen, eine reale Chance zu haben, den Prozess zu gewinnen?
Eran Riklis: Doch, absolut. Das Oberste Gericht wird von vielen IsraelerInnen angegriffen. Viele sehen die Entscheidungen als zu liberal an. Das Gerichtssystem in Israel ist so gut oder schlecht wie ├╝berall in der Welt. Juristische Entscheidungen brauchen oft viel Zeit. Die Verfahren werden sehr langsam fortgef├╝hrt. Aber am Ende werden oft ├╝berraschende Entscheidungen gef├Ąllt. Ich denke schon, dass jedeR vor Gericht eine Chance hat, einen Prozess auch zu gewinnen. Im Bezug auf Salma gab es keinen Grund, im vornherein anzunehmen, dass ihr Verfahren aussichtslos sei.

AVIVA-Berlin: Wie waren die Bedingungen, unter denen Sie den Film gedreht haben? Gab es Schwierigkeiten?
Eran Riklis: Nein, Israel ist ein sehr demokratisches Land. Man kann dort jeden Film realisieren, auch sehr kritische. Dieser Film wurde auch mit Geldern von der israelischen Regierung unterst├╝tzt. Das ist wirklich kein Problem. Nat├╝rlich gab es die ├╝blichen Probleme bei der Gestaltung des Settings: Die zwei H├Ąuser mit dem Zitronenhain in der Mitte so in Szene zu setzen, wie ich es mir vorgestellt habe. Aber das sind normale H├╝rden beim Filmemachen.

AVIVA-Berlin: W├╝rden Sie sagen, dass hinter Ihrem Film eine besonders hohe politische Motivation steht?
Eran Riklis: Nein, denn ich glaube nicht an politische Botschaften, sondern an menschliche. Nat├╝rlich kann alles auch in einem politischen Zusammenhang gesehen werden, besonders im Mittleren Osten. Wenn man dort einen Film dreht, kann man der Politik nicht ausweichen. Ich versuche aber, dahinter zu sehen, die menschliche Seite der Politik zu reflektieren: Wie betrifft die Politik die einfachen Leute in der Region? Es ist zugleich ein Problem, das es ├╝berall auf der Welt gibt. Entscheidungen werden gef├Ąllt. Sie haben eine sofortige Auswirkung auf uns, ohne dass wir sie selbst kontrollieren k├Ânnen. Das ist es, wor├╝ber der Film handelt, neben einigen anderen Sachen. Ich sehe mich selbst schon an einem bestimmten politischen Standpunkt. Ich versuche aber, nicht didaktisch zu sein, sondern eine demokratische Haltung einzunehmen. Ich m├Âchte, dass die Leute, wenn sie meine Filme sehen, selbst entscheiden k├Ânnen, welche Meinung sie sich ├╝ber die gezeigten Themen bilden.
Ich denke, je mehr der Dialog zwischen den Leuten angeregt wird, und die Menschen merken, dass es gar nicht so schlecht ist, mehr von den anderen zu erfahren, werden sich die Dinge auch ver├Ąndern. Bisher denken viele IsraelerInnen leider nicht viel ├╝ber ihre Nachbarn nach. Sie versuchen nicht, mehr ├╝ber sie zu erfahren.

AVIVA-Berlin: Der Film hat ein sehr trauriges Ende. Warum haben Sie sich daf├╝r entschieden?
Eran Riklis: Ich selbst w├╝rde das Ende als bitters├╝├č bezeichnen. Es ist ein wenig wie der Saft einer Zitrone. Es ist nicht nur traurig. Es enth├Ąlt auch Hoffnung, die, wie ich denke, haupts├Ąchlich im Inneren entsteht. Entscheidungen sind Entscheidungen, und wenn man innerlich stark ist, kann man in der Zukunft erneut versuchen, die Entscheidungen zu ver├Ąndern. Salma hat zwar verloren, aber es ist nicht das Ende ihres Lebens. Sie hat noch viel Zeit, etwas in Bewegung zu setzen. Sie hat auch ihre Liebe verloren, aber aus verschiedenen Gr├╝nden war es eine unm├Âgliche Liebe. Ich denke, es ist ein Film dar├╝ber, wie Menschen in Mauern gefangen gehalten werden, in psychologischen, physischen und emotionalen Mauern. Diese bestehen in der Realit├Ąt, deshalb h├Ątte ich da kein anderes Ende finden k├Ânnen.

AVIVA-Berlin: Haben die Zitronen eine besondere symbolische Bedeutung?
Im Judentum werden die Zitronen ja als Symbol f├╝r das menschliche Herz angesehen.
Eran Riklis: Ja, sie k├Ânnen als Symbol des Herzens gesehen werden, aber auch f├╝r alles, was rund oder halbrund ist, f├╝r den Zirkel des Lebens. Zuerst dachte ich an Oliven-B├Ąume, aber es gibt schon so viele Projekte und Filme, die Oliven-B├Ąume verwenden. So wollte ich etwas anderes finden, und ich suchte nach etwas Leichterem, nicht so Kr├Ąftigem wie die Olivenb├Ąume mit ihrem dunklen Farbton. Zitronen sind bitters├╝├č wie das Ende des Filmes, der manchmal eine Kom├Âdie ist und manchmal eine Trag├Âdie.

AVIVA-Berlin: In "Lemon Tree" steht wie in "Die syrische Braut" eine Frau im Mittelpunkt der Konflikte. Mildert dass die H├Ąrte des Konflikts ab? Wie w├Ąre es, wenn ein Mann im Zentrum stehen w├╝rde? W├╝rde dann doch ein Kriegszustand zwischen den Beteiligten entstehen? Haben Sie absichtlich einen weiblichen Hauptcharakter gew├Ąhlt, um diese leisen, inneren Ver├Ąnderungsprozesse ├╝berhaupt zeigen zu k├Ânnen?
Eran Riklis: Ich denke, es ist eine Mischung. Ich wollte auch die unterdr├╝ckte Position von Frauen zeigen, auf beiden Seiten. Die Ehefrau des Ministers wird in ihrer Rolle und Handlungsm├Âglichkeiten unterdr├╝ckt, in einer anderen Art, aber dennoch ├Ąhnlich dem, wie es Salma ergeht. Das war f├╝r mich ein interessanter Punkt bei der Entwicklung der Geschichte. Es ist schon so, dass Frauen besonders im Grenzgebiet unter Druck von allen Seiten leiden. Aus dem Grund habe ich mich in einer Art Verpflichtung gef├╝hlt, eine Frau in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen. Es war aber auch der Gedanke dabei, die Frage aufzuwerfen, ob die Konflikte sich nicht entsch├Ąrfen lie├čen, wenn mehr auf die Stimme der Frauen geh├Ârt werden w├╝rde. Wobei die Beziehung, die sich zwischen den beiden Frauen entwickelt, nur in non-verbaler Weise entfaltet. Sie sprechen nie lange miteinander.

AVIVA-Berlin: Die israelische Familie bestellt f├╝r ihre Einweihungsfeier arabisches Essen. Wie sehr ist arabische Kultur in das allt├Ągliche Leben in Israel eingebunden?
Eran Riklis: Mein Lieblingsessen ist Humus. Es gibt ein arabisches Restaurant in Tel Aviv, das sehr beliebt ist. Viele Juden gehen dort hin. F├╝r mich ist das nat├╝rlich nur die Fassade der ganzen Sache. Der Minister bestellt arabisches Essen f├╝r seine Party und er l├Ąsst zwei arabische Musiker f├╝r das Unterhaltungsprogramm sorgen. Das bringt ihn aber keinen Schritt weiter, um sich seinen Nachbarn emotional n├Ąher zu f├╝hlen. Deswegen habe ich das so inszeniert. Es ist Teil der Problems, eine Seite des Spieles, das die Leute jeden Tag spielen. Wer sagt "Ich liebe arabisches Essen", ist noch weit entfernt davon, zu sagen "Ich liebe die AraberInnen". Ohnehin, warum sollte es notwendig sein, das so zu sagen? Man sollte, wenn man ├╝ber diese Beziehungen unter Menschen redet, nicht von Liebe und Hass sprechen. Man kann eine einzelne Person hassen oder lieben, das ist dann eine pers├Ânliche Sache. Aber wenn man von AraberInnen, J├╝dInnen, Hindu, Christen spricht, sollte man nicht verallgemeinernd davon reden, sie zu lieben oder zu hassen. Man kann sich nur auf sie als einzelne Menschen beziehen.

AVIVA-Berlin: K├Ânnen Sie einsch├Ątzen, wie die Reaktionen in Israel auf den Film sein werden?
Eran Riklis: In Israel wird er sicher ein gro├čer Erfolg werden. In Pal├Ąstina wird er leider nicht gezeigt werden k├Ânnen, da gibt es keine M├Âglichkeit, einen Distributor zu finden. Vielleicht gibt es Gelegenheiten, ihn dort vor ausgew├Ąhlten Publikum zu zeigen. Ich denke, in "Lemon Tree" geht es vor allem um Ehrlichkeit. Und wenn die Leute das sp├╝ren, haben sie keinen Grund, den Film nicht zu m├Âgen. Sie k├Ânnen dar├╝ber diskutieren, argumentieren, sich streiten, aber akzeptieren werden sie ihn.

AVIVA-Berlin: Der Film ist eine Koproduktion von Israel, Deutschland und Frankreich. Warum kamen die beiden L├Ąnder hinzu?
Eran Riklis: Da ging es vor allem ums Geld. Die israelischen Budgets sind nicht besonders hoch. Es ist mir schon ├Âfter aufgefallen, dass in Europa eine sehr offene Haltung gegen├╝ber dieser Art von Themen besteht, ohne dass die Geldgeber dabei inhaltlich in die Projekte hineinreden wollen. Fr├╝her gab es mal eine Zeit, ich nenne sie "The Europe Pudding", da war das leider anders. Es entstanden Filme, die waren ein ganz furchtbarer Pudding aus kulturellen Elementen aus verschiedenen L├Ąndern, die so in der Realit├Ąt ├╝berhaupt nicht bestanden. Heute wird so etwas gl├╝cklicherweise nicht mehr verlangt. Man kann seinen Film vor Ort nach den eigenen Vorstellungen machen. Nat├╝rlich muss das Skript gut sein. Es muss eine universelle Aussage enthalten, denn der Film soll in seinem Kern ├╝berall verstanden werden. Deutsche Fonds sind mittlerweile sehr gute F├Ârderer. Und dann ist da nat├╝rlich ARTE, die in Frankreich und Deutschland ans├Ąssig sind.

AVIVA-Berlin: Haben Sie schon Pl├Ąne f├╝r Ihre n├Ąchsten Filme?
Eran Riklis: Ich habe bereits zwei Skripts f├╝r meine n├Ąchsten Projekte, in denen es aber nicht um pal├Ąstinensisch-israelische Konflikte gehen wird. Ich werde wahrscheinlich in diesem Jahr und 2009 je einen Spielfilm drehen.
In dem Einen geht um einen Mann, der die Leiche einer Frau, die in Jerusalem bei einem Suizidanschlag get├Âtet wurde, zur├╝ck nach Russland bringen m├Âchte. Sie hatte in seiner Fabrik gearbeitet: Das wird eine Art Road Movie.
Der Andere spielt in Deutschland. Es geht um einen Basketball-Trainer, der als Kind w├Ąhrend der Nazi-Zeit den Holocaust ├╝berlebt hatte und sp├Ąter in Israel ein ber├╝hmter Trainer wurde. Im Jahre 1980 wird ihm der Job als Trainer des deutschen Basketball-Nationalteams angeboten. Er muss sich entscheiden, ob er daf├╝r nach Deutschland zur├╝ckkehrt. Seine Mutter ist dagegen. Er f├╝hlt sich aber sehr angesprochen von der M├Âglichkeit, dieses einmalige Jobangebot anzunehmen und zugleich an den Ort zur├╝ckzukehren, wo er fr├╝her lebte, trotz oder gerade wegen der Vergangenheit. Einen Teil des Filmes werde ich in Berlin drehen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg und Spa├č bei der Berlinale!

Lemon Tree
Drama, 100 Min.
Buch/Regie: Eran Riklis
ProduzentInnen: Eran Riklis, Bettina Brokemper, Antoine De Clermont-Tonnerre und Michael Eckelt
Koproduktion mit Eran Riklis Production (Israel), MACT (F) und Riva Film (D)
Produktion von der Filmstiftung NRW gef├Ârdert.
DarstellerInnen: Hiam Abass, Ali Suliman, Rona Lipaz-Michael, Doron Tavory, Tarik Copty, Amos Lavie, Amnon Wolf


Interviews Beitrag vom 24.02.2008 AVIVA-Redaktion 





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