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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.02.2008

Cathy Randall im Interview
Tatjana Zilg

Auf der Berlinale zeigte die australische Regisseurin ihren Spielfilm "Hey Hey It┬┤s Esther Blueburger" in der Generation Kplus. AVIVA-Berlin traf sie zu einem Gespr├Ąch ├╝ber ihren cleveren ...



... Hauptcharakter, Au├čenseiterinnen-Dasein an der Schule, M├Ądchenfreundschaften und dem Wechselspiel zwischen Humor und Dramatik im Film.

Starke M├Ądchen, die sich gegen Familie, Mitsch├╝lerInnen, ArbeitskollegInnen, TrainerInnen und LehrerInnen durchsetzen m├╝ssen, waren in einigen Filmen der Generation Thema. Der d├Ąnische Film "Fighter" (Regie: Natasha Arthy) handelte von einem t├╝rkischen M├Ądchen, dem von der Familie verboten wird, Kung Fu zu erlernen. Sie tut es nat├╝rlich trotzdem. Denn eine der wichtigsten Dinge, die Teenager heute lernen m├╝ssen, ist die Entscheidung zwischen dem eigenen Weg und Kompromissen mit ihrem Umfeld.

Die Heldin in dem Film von Cathy Randall ist etwas j├╝nger, und gleich am Anfang beobachtet man sie, wie sie an einer Privatschule von allen Seiten ge├Ąrgert wird. Bewundernswert, wie Esther Blueburger dabei ihren Humor beh├Ąlt und ihren "Feindinnen" mutig Contra bietet mit ihrem Wortwitz und dem Talent, immer ein wenig ├╝ber den Dingen zu stehen. Bald bietet sich f├╝r Esther eine Gelegenheit, der Privatschul-Welt zu entrinnen. Sie begegnet der etwas ├Ąlteren Sunni, die mit leicht punkigem Outfit und rebellischem Charme an ihrer ├Âffentlichen Schule gut klar kommt. Sunni hilft Esther, heimlich die Schulen zu wechseln und fortan gehen beide zusammen jeden Morgen in Sunni┬┤s Klasse. Nun schl├Ągt Esther selbst ├Âfter ├╝ber die Str├Ąnge. Sie probiert vieles aus, was sie kurz zuvor nie gewagt h├Ątte. Die Eltern, insbesondere die Mutter, nehmen das pikiert zur Kenntnis, aber trotzdem bekommen sie nicht wirklich mit, was in ihrer Tochter vorgeht. Esther testet die Grenzen aus, bis sie zu dem findet, was ihr wirklich wichtig ist. Dabei besteht sie gemeinsam mit Sunni kleine und gro├če Alltagsabenteuer in einer australischen Gro├čstadt.

Das Regie-Debut von Cathy Randall, die auch das Skript schrieb, ist eine flotte Teenager-Tragikom├Âdie, die nicht nur beim jungen Publikum sehr gut ankam.

2002 wurde Cathy Randall ein an die Skriptvorlage gebundenes Stipendium
im Rahmen des Los Angeles Film School┬┤s Feature Development Programms angeboten. Ein Jahr lang konnte sie dort ihr Projekt mit Unterst├╝tzung von Hollywood┬┤s Profi-FilmmacherInnen weiterentwickeln. Im Folgejahr wurde das Skript in Australien f├╝r den ANGIE Award f├╝r das beste unverfilmte Skript nominiert. Zur├╝ck in Australien fand sie mit Miriam Stein eine Produzentin, die ihr den Weg zur Realisierung des Films ebnete.

AVIVA-Berlin: Fast jede Sch├╝lerin hat davor Angst, in eine Au├čenseiterinnen-Position zu geraten. Sich selbst treu zu bleiben und sich nicht unterkriegen zu lassen, ist in dieser Situation alles andere als einfach, aber Esther Blueburger gelingt das auf eine sehr aufgeweckte Art.
Wer hat Sie f├╝r die Entwicklung Ihres Hauptcharakters inspiriert?
Cathy Randall: Ich bin von meinen eigenen biografischen Erfahrungen ausgegangen. 13 ist ein faszinierendes Alter. An der Schwelle zu sein zwischen dem Ende der Kindheit und dem Beginn des Erwachsenwerden ist f├╝r jede eine aufregende Sache. Es ist die Phase, wo man zum ersten Mal Gef├╝hle sp├╝rt, die man zuvor nie hatte. Dadurch bekommt dieses Alter seine ganz besondere Intensit├Ąt. Ich bin als Teenager auch zu einer Schule gegangen, wo ich ├╝berhaupt nicht hineinpasste und habe deshalb auf eine andere Schule gewechselt.

AVIVA-Berlin: Wo haben Sie Erg├Ąnzungen vorgenommen und wo entsprechen die Ereignisse direkt der Realit├Ąt?
Cathy Randall: Oh, das ist schwer zu sagen. Nat├╝rlich waren die beiden Schulen, die ich besuchte, nicht so wie im Film gezeigt. Ich habe aus meinen eigenen Erfahrungen gesch├Âpft, aber das ist nur die Ausgangsbasis. Vieles habe ich erg├Ąnzt und anders geschrieben, um eine Film-Story zu kreieren. Da achtet man dann darauf, dass die Dinge lustig oder traurig wirken, vieles wird betont und ein wenig ├╝bertrieben, anderes f├Ąllt weg.

AVIVA-Berlin: Warum ist Esther vom ersten Moment an so fasziniert von Sunni?
Cathy Randall: Weil Sunni so ungemein cool wirkt: Die Art, wie sie schaut, die Art, wie ihre Haare geschnitten sind, die Art, wie sie auf Andere reagiert. Wenn Esther sie beobachtet, wie sie Drums spielt oder mit den Jungen an der Bushaltestelle flirtet, merkt Esther, dass sie so ist, wie sie selbst gerne w├Ąre.

AVIVA-Berlin: Warum nimmt Sunni die j├╝ngere Esther so schnell an ihre Seite und hilft ihr ÔÇô wenn auch auf sehr ungew├Âhnliche Art ÔÇô der Situation an der Privatschule zu entkommen?
Cathy Randall: Sunni selbst ist ein bisschen zu schnell erwachsen geworden, hat manchmal Streit mit ihrer Mutter, obwohl sie sich mit ihr eigentlich gut versteht. In Esther erkennt sie ein M├Ądchen, das wie sie eine Au├čenseiterin ist und zugleich eine ganz einzigartige Person. Auf der praktischen Ebene ist es auch so, dass Esther sie immer wieder zum Lachen bringt. Zum Beispiel als sie bei einer der ersten Begegnungen erkl├Ąrt, sie h├Ątten in der Privatschule Barcodes zur Identifizierung. Sunni trifft in ihr auf eine Person, die oft noch witzigere Pointen als sie selbst findet Und als Sunni dann zu ihrer Bat MitzwaÔÇôParty kommt, wo Esther gegen Ende Break Dance tanzt, ohne es richtig zu k├Ânnen, aber alle dadurch ganz ausgelassen werden, ist Sunni von ihr richtig begeistert.

AVIVA-Berlin: Wie wichtig war Ihnen f├╝r Ihre Storyline, dass Esther┬┤s Familie j├╝disch ist?
Cathy Randall: Oh, das steht nicht im Vordergrund, aber es ist ein Teil ihrer Identit├Ąt. Sie geh├Ârt dadurch einer Minderheit an. Die j├╝dischen Gemeinden in Australien sind nicht besonders gro├č. Es ist jetzt aber nicht ausgesprochen wichtig f├╝r die Story, es ist einfach nur ein Teil von dem, was Esther Blueburger ausmacht.

AVIVA-Berlin: Anders zu sein kann eine Sch├╝lerin auch an einer ├Âffentlichen Schule in Schwierigkeiten bringen. Hier in Deutschland ist das oft ein Problem, manchmal kommt es dabei auch zu Gewaltf├Ąllen, Privatschulen gibt es kaum.
Esther hilft aber gerade der Wechsel von einer Privatschule zu einer ├Âffentlichen Schule, um mit ihren Problemen besser zurechtzukommen.
Cathy Randall: Nun, an keiner der beiden Schule geht es ja wirklich gewaltt├Ątig zu. Ich w├╝rde sagen, dass die eine Schule eine strengere Grundhaltung hat als die andere. Die ├Âffentliche Schule erlaubt mehr Individualit├Ąt und sie findet eine Freundin, auf die sie sich beziehen kann. Sie muss sich dennoch selbst ver├Ąndern, um besser zurechtzukommen. Ich w├╝rde das nicht so Schwarz-Wei├č sehen. Auch an der zweiten Schule ist es nicht so einfach: Man kann da zwar eher Anders sein. Aber die Sch├╝lerinnen bilden auch hier viele unterschiedliche Gruppen. Ich wollte das nicht an der Art der Schulen festmachen. Es gibt ├╝berall Druck, jemand zu sein, der man gar nicht ist, sich an bestehende Strukturen anzupassen oder sich den beliebtesten M├Ądchen unterzuordnen. Und das besonders unter Teenagern. Ein M├Ądchen, das zum Beispiel als Nerd bezeichnet wird, muss lernen, sich davon abzugrenzen, und einen Weg finden, sie selbst zu sein, ohne sich von den Anderen runterziehen zu lassen und unabh├Ąngig zu werden von der Umgebung.

AVIVA-Berlin: Im Film gibt es viele sehr lustige Momente, die aber immer auch satirische Elemente enthalten. Woher nehmen Sie Ihr Gesp├╝r f├╝r guten Humor? F├╝r wie wichtig halten Sie Humor f├╝r einen Film?
Cathy Randall: Ich denke, das ist eine typische Art von j├╝dischem Humor. Als ich die einzelnen Szenen schrieb, war mir gar nicht so klar, dass sie so lustig her├╝berkommen werden. Ich war schon einige Male ├╝berrascht, als bei manchen Episoden alle anfingen zu lachen, die ich aus meiner Sicht gar nicht als so lustig empfunden hatte. Ich denke, es ist beim Filmemachen unglaublich wichtig, dass die ZuschauerInnen Gelegenheit haben, w├Ąhrend der Story auch lachen zu k├Ânnen. Aber genauso sollte es auch Stellen geben, die ernst sind, wo Manche Tr├Ąnen in den Augen bekommen werden. Ich denke, um die Botschaft eines Filme zu vermitteln, ist es ganz wichtig die Leute emotional zu bewegen. Und das sollte in beide Richtungen hin passieren: Sie sollten Momente finden, an denen sie lachen k├Ânnen und welche, die sie traurig stimmen. Wenn man Licht und Dunkelheit in einem Film mischt, ist Tiefe da, aber die Leute werden auch gut unterhalten.

AVIVA-Berlin: Im letzten Teil des Filmes gibt es einen dramatischen Wendepunkt. Sunni┬┤s Mutter stirbt bei einem Unfall, gerade in dem Moment, wo sie sehr gl├╝cklich war. Warum haben sie sich daf├╝r entschieden, die Geschichte an diesem Punkt so tragisch werden zu lassen?
Cathy Randall: Nun, der Film zeigt Esther in einer Phase, wo sie sehr starke Ver├Ąnderungen durchmacht. Ich war der Meinung, dass das nur in der Tiefe wirken kann, wenn etwas Extremes passiert. Esther gewinnt hier eine Reife, an die sie sonst nicht so schnell gelangt w├Ąre. Sie versteht dadurch, dass Aktionen mit Konsequenzen verbunden sind. Etwas sehr Ersch├╝tterndes musste passieren, damit Esther wirklich auf sich selber schaut und an einen pers├Ânlichen Wendepunkt gelangt. Sie versucht zuvor, jemand zu sein, der sie gar nicht wirklich ist und das h├Ątte sie sonst weiter bis ins Extrem getrieben.
Tragik auf diesem Level kann die Welt ver├Ąndern. Ich sehe mich da auch in der Tradition einer bestimmten Art des Storytellings, wo die Heldin einen emotionalen Prozess durchl├Ąuft und eine wichtige Person sterben muss, bevor sie zur vollen Reife gelangt.

AVIVA-Berlin: In welcher Stadt spielt der Film eigentlich?
Cathy Randall: Ich habe das Skript mit Gedanken an Sydney geschrieben, aber wir haben es dann in Adelaide gedreht. Von der Intention sollte es eine anonyme Stadt irgendwo in Australien sein.

AVIVA-Berlin: Auf der Berlinale wird der Film in der Sektion Kplus gezeigt. An welche Zielgruppe dachten Sie selbst, als Sie das Skript schrieben?
Cathy Randall: Im Programmheft wird mein Film ab 11 Jahren empfohlen. Ich selbst h├Ątte ihn ab 13 Jahren eingeordnet. Aber ich denke schon, dass auch j├╝ngere Kinder den Film sehen k├Ânnen. Sie werden nicht alles verstehen und vielleicht auch das Ende nicht emotional nachvollziehen k├Ânnen. Aber auch wenn sie mit manchen Szenen nichts anfangen k├Ânnen, werden ihnen andere Stellen gefallen und sie werden von anderen Sachen bewegt werden.

AVIVA-Berlin: Wie finden Sie die Idee, dass es bei der Berlinale eine Sektion gibt, die sich speziell an Kinder und Jugendliche richtet?
Cathy Randall: Ich halte das f├╝r eine gro├čartige Idee. Jugend ist f├╝r mich eine faszinierende Lebensphase. Viele der Filme w├╝rde ich nicht als Filme f├╝r Kinder und Jugendliche bezeichnen, sondern als Filme, die aus der Jugendperspektive gedreht sind. Sie sind sehr intelligent gemacht und er├Âffnen einen Zugang zu vielen unterschiedlichen Aspekten des Lebens.
Ich war auch sehr ├╝berrascht, wie unvoreingenommen und neugierig das Publikum der Berlinale den Filmen begegnet, und die progressive Haltung, die dahinter steht. Bei der Generation wird mit der Auswahl des Programms den Kindern und Jugendlichen eine Menge zugetraut. Das hat mich sehr beeindruckt und das finde ich sehr gut so. Ich habe mit einigen ZuschauerInnen gesprochen, die sich Filme angeschaut haben, die in Australien vermutlich als nicht als f├╝r ihre Altersgruppe empfehlenswert eingesch├Ątzt worden w├Ąren. Es gibt dort ein Punkte-System, das die Altersbeschr├Ąnkungen f├╝r Filme festlegt. Kinder und Jugendliche sind aber oft intelligenter und reifer, als die Erwachsenen ihnen zutrauen. Sie setzen sich detailliert mit den Filminhalten auseinander und wollen nicht, das bestimmte Aspekte des Lebens in der Darstellung vermieden werden.

AVIVA-Berlin: Haben Sie schon Ideen f├╝r Ihre n├Ąchsten Filmprojekte?
Cathy Randall: Ich habe ein paar Ideen, aber da ist es noch zu fr├╝h dar├╝ber zu sprechen.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview und viel Erfolg f├╝r Ihren Film und zuk├╝nftigen Projekte!

Die positive Resonanz auf das Skript sorgte f├╝r zwei beliebte Namen im Cast: Toni Collette spielt die vor Leben spr├╝hende, aber auch mit vielen Schwierigkeiten k├Ąmpfende, alleinerziehende Mutter von Sunni. Das freche Girlie mit dem rebellischen Touch verk├Ârpert Keisha Castle Hughes, die in Australien l├Ąngst ├╝ber den Newcomerinnen-Status hinaus bekannt ist. Jede/r wird sich sicherlich an ihre Interpretation der Paikea in der neuseel├Ąndischen Produktion "Whale Rider" erinnern.
Mit Danielle Catanzariti wurde f├╝r die Rolle der Esther in einem zeitintensiven Casting ein hochtalentiertes M├Ądchen entdeckt, das nach der Fertigstellung von "Hey Hey It┬┤s Esther Blueburger" kr├Ąftig durchstartete: Sie nahm eine Rolle in "Elise" an, wo sie an der Seite von Natalie Imbruglia spielen wird. Unter der Regie von Cate Blanchett wird sie im Ensemble von "Blackbird" mit der Sydney Theatre Company zu sehen sein.

Der Film im Web:
www.mtv.com.au/estherblueburger


Interviews Beitrag vom 28.02.2008 AVIVA-Redaktion 





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