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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 08.04.2008

Luci Van Org im Interview
Tatjana Zilg

Mit ihrem neuen Bandprojekt sorgt Luci Van Org f├╝r eine brodelnde Mischung aus Schock und Unterhaltung. Neue deutsche H├Ąrte trifft auf Texte, die Rollenmuster und Klischeebilder zum Spielball ...



... einer pop-theatralen Inszenierung machen.

AVIVA-Berlin erz├Ąhlt sie ├╝ber ihre Beweggr├╝nde, als ├ťebermutter durchzustarten, die Zusammenarbeit mit den Bandmitgr├╝ndern, ihre Rolle als Mutter eines dreij├Ąhrigen Sohnes und wirft einen kurzen R├╝ckblick auf ihre Karriere.

AVIVA-Berlin: Bei der Besetzung von "├ťebermutter" ist neben den MusikerInnen auch der Autor Michael Kernbach genannt. Wie war es, zu zweit die Texte zu schreiben? Sind Sie sich da nicht manchmal auch in die Quere gekommen?
Luci Van Org: Nat├╝rlich, aber das ist ja der Sinn von Teamarbeit, dass man sich aneinander reibt und dann gemeinsam etwas schafft, zum dem jeder allein nicht in der Lage gewesen w├Ąre. Nachdem ich bei "Das Haus von Luci" ja so gut wie alles allein gemacht habe, habe ich es, unheimlich genossen, ein Autoren-Gegen├╝ber zu haben.

AVIVA-Berlin: Wie haben Sie sich kennen gelernt, wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Projekt "├ťebermutter" ins Leben zu rufen?
Luci Van Org: Michael Kernbach und ich kennen uns schon seit Mitte der 90er. Schon damals ├Ąhnelte sich unsere Einstellung zum Leben auf fast schon befremdliche Weise. Kontakt hatten wir trotzdem nur sporadisch. Wie sehr Herr Kernbach wirklich mein UNHEILvoller Seelenverwandter ist, habe ich dann vor zwei Jahren gemerkt, als ich eine Email mit einer Songskizze von ihm bekam. Total schraddelig, fast ohne Text und Melodie, daf├╝r mit inbr├╝nstigem Gegr├Âle: Heim und Herd, Heim und Herd! Ihm ging zu dieser Zeit exakt dasselbe durch Kopf und Bauch wie mir. Eben die Wut auf dieses pl├Âtzlich ├╝berall auftauchende "zur├╝ck zu den alten Werten"-Geschwafel. In diesem Moment ist "├ťebermutter" entstanden. Das hat richtig "Klick" gemacht zwischen Michael und mir und wir haben angefangen Songs zu schreiben.

AVIVA-Berlin: Werden Sie das Projekt "├ťebermutter" auch in anderen k├╝nstlerischen Ausdrucksformen umsetzen wie Theater, Cartoon oder Belletristik? Sie haben ja selbst Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen und das Konzept von "├ťebermutter" ist ja schon fast eine theatrale Inszenierung.
Luci Van Org: Wenn wir so etwas finanzieren k├Ânnen, auf jeden Fall! Wir haben ja schon angefangen. Mit unserer kleinen Filmreihe: "Die Peinigung des UNHEILands", die an Karfreitag ihre Geburt auf http://www.uebermutter.net im Netz erlebt hat. Michael Brettner, unser UNHEILand, b├╝├čt dort f├╝r alle S├╝nden, die die M├Ąnnchenheit den Frauen in den letzten 2000 Jahren zugef├╝gt hat- um durch diese messianische Tat das Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern wieder herzustellen und somit ein friedliches Miteinander zu erm├Âglichen. Er b├╝├čt sogar interaktiv. Denn die User k├Ânnen von Woche zu Woche w├Ąhlen, mit welchen Haushaltsger├Ąten er maltr├Ątiert werden soll. Ist doch ein Anfang, oder ?

AVIVA-Berlin: Die Texte von "├ťebermutter" sind sehr zynisch angelegt und spielen mit Klischeevorstellungen und archaischen Bildern. Haben Sie nicht die Bef├╝rchtung, missverstanden zu werden und eventuell von H├ÂrerInnen, die Ihre bisherige Arbeit nicht so gut kennen, in die rechte Ecke eingeordnet zu werden?
Luci Van Org: Einzelne Textzeilen m├Âgen missverst├Ąndlich sein, die Texte im Ganzen sind aber absolut eindeutig. Wer die durchliest und uns danach in eine rechte Ecke stellt, macht sich einfach nur l├Ącherlich. Und tats├Ąchlich werden wir auch so gut wie gar nicht missverstanden. Auf Portalen wie Myspace bekommt man ja zumindest einen kleinen Querschnitt der Menschen, die unsere Musik m├Âgen - und bisher hatten wir nicht eine virtuelle Freundanfrage von Rechts. Stelle ich mir auch absurd vor, dass ein Fascho einen Text wie "Diene, diene der Geb├Ąermaschine" mitsingt, ohne daf├╝r von seinen Kumpels Dresche zu kriegen.

AVIVA-Berlin: Ihre Karriere als S├Ąngerin begann sehr fr├╝h. Mit 16 Jahren konnten Sie den ersten Plattenvertrag unterschreiben ÔÇô ein Traum vieler Teenagern. Welche Tipps w├╝rden Sie jungen M├Ądchen geben, die ins Musikgesch├Ąft einsteigen wollen?
Luci Van Org: Die Situation von damals ist mit der heutigen nicht zu vergleichen. Im Gegensatz zu den 80ern kann man heutzutage von Musik nur noch leben, wenn man sehr, sehr, sehr, sehr viel Gl├╝ck hat. Und selbst dann geht es nur f├╝r eine begrenzte Zeit. Insofern w├Ąre der wichtigste Tipp von mir, auf jeden Fall so viel Bildung wie m├Âglich zu scheffeln, um immer wieder Ausweichm├Âglichkeiten zu haben. Und auch, um seinen eigenen, k├╝nstlerischen Ausdruck zu finden. Wenn der n├Ąmlich immer nur vom ├ťberlebenskampf bestimmt ist, geht er aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann verloren.

AVIVA-Berlin: H├Ątten Sie selbst im R├╝ckblick gerne andere Entscheidungen getroffen oder lief alles so, wie Sie es sich als Teenager gew├╝nscht haben?
Ist der Song "M├ĄdchenTeilZwo" auch eine Abrechnung mit Ihrem Girlie-Pop-Star-Image in den Neunziger Jahren?
Luci Van Org: Im Gro├čen und Ganzen war das alles schon ganz in Ordnung so. Ich bereue einige, private Details, aber nichts Gro├čes. Und mit dem M├Ąedchen-Image hatte und habe ich bis heute kein Problem. H├Âchstens damit, dass mir alle ein Problem einreden wollten. M├Ąedchen TeilZwo ist einfach nur ein sehr pers├Ânliches Lied ├╝ber sexuellen Missbrauch. Da es so pers├Ânlich ist, wollte ich auf jeden Fall, dass die Leute aufhorchen. Und das ist mir gelungen, in dem ich das "M├Ąedchen" zitiert habe. Nach keinem St├╝ck werde ich h├Ąufiger gefragt...

AVIVA-Berlin: Sie nennen Ihren dreij├Ąhrigen Sohn Victor als einen Ihrer wichtigsten Arbeitgeber. Was w├╝nschen Sie sich f├╝r die Zukunft Ihres Kindes? Was ist Ihnen besonders wichtig beim eigenen Muttersein?
Luci Van Org: Victor ist nicht einer der wichtigsten, sondern mein wichtigster Arbeitgeber. Was aber nicht hei├čt, dass ich ihn den ganzen Tag betuttele, sondern, dass ich ihm im Zweifelsfall alles andere unterordne. Ansonsten ist es f├╝r mich am wichtigsten, mein Kind zu einem freien, selbst bestimmten, liebenden Menschen zu erziehen. Zu jemandem, der in sich ruht und der in der Lage ist, sein Gl├╝ck selbst zu suchen und zu finden. Leider ist wohl die einzige M├Âglichkeit, ihm dieses Ideal zu vermitteln, es ihm vorzuleben. Das hei├čt, abgesehen, von allem, was Kinder nun mal brauchen, um gro├č zu werden - liebende, geduldige, verst├Ąndnisvolle Eltern und andere Bezugspersonen, ein kuscheliges Zuhause, ganz viel Lachen, ganz viel Anregung, ganz viel Zeit und so weiter und so weiter und so weiter...., ist es mir vor allem wichtig, an mir selber zu arbeiten. Kinder nehmen sich die Eltern schlie├člich zum Vorbild und spiegeln alles, was man so macht. Nat├╝rlich schaffe ich es nicht immer, mich vorbildlich zu verhalten. Aber ich kann es wenigstens immer wieder versuchen.

AVIVA-Berlin: Eine ├ťbermutter zu sein hat zwei Aspekte ÔÇô viel Schutz bieten f├╝r den Nachwuchs, aber auch Zu-Sehr-Festhalten ÔÇô wie gehen Sie als Mutter mit diesem Konflikt um?
Luci Van Org: Das ideale Ma├č zwischen Schutz und Loslassen zu finden ist jeden Tag aufs Neue eine riesige Herausforderung, die ich mal mehr, mal weniger gut bew├Ąltige. Idealerweise sollten Eltern wohl st├Ąndig daran arbeiten, sich selbst ├╝berfl├╝ssig zu machen. Ich hoffe sehr, dass mir das gelingt.

AVIVA-Berlin: In "Heim und Herd" spielen Sie mit den Klischeebildern, die dem Muttersein zugeordnet werden. Der Titel klingt nach den F├╝nfziger Jahren, in denen die Rollenbilder noch streng festgelegt waren. Heute sind zumindest die Freiheiten f├╝r die Einzelne gr├Â├čer, viele verschiedenen Lebensmodelle sind m├Âglich. Welche weiteren gesellschaftlichen und politischen Ver├Ąnderungen w├╝rden Sie sich w├╝nschen, damit Frauen die Pole Karriere, Beruf, Familie, Muttersein und Selbstverwirklichung besser vereinen k├Ânnen?
Luci Van Org: Ich w├╝nsche mir gleiche M├Âglichkeiten f├╝r alle - und daraus resultierend eine V├Ąterbewegung. V├Ąter werden nie gefragt, wie sie Beruf und Elternschaft miteinander vereinbaren. Weil Vater sein immer noch Versorger sein hei├čt. Ich w├╝rde mir w├╝nschen, dass M├Ąnner sich endlich nicht mehr um die Zeit mit ihren Kindern betr├╝gen lassen. Dass sie merken, wie kostbar und wie bereichernd es ist, ein Kind nicht nur finanziell abzusichern, sondern wirklich gro├čzuziehen. Wenn man sich seinen Tag gut einteilt, muss man daf├╝r nicht einmal auf Karriere verzichten. Mein Mann und ich, und auch viele andere Freiberufler, die ich kenne, leben dieses Modell und sind sehr gl├╝cklich damit. Eben, weil es f├╝r alle eine Balance gibt zwischen Karriere und Familie. Allerdings stehen uns auch keine verst├Ąndnislosen Arbeitgeber im Weg. Viele M├Ąnner werden von altmodischen Patriarchen in den Chefetagen daran gehindert, gute V├Ąter zu sein. Ich w├╝rde mir w├╝nschen, dass sie endlich anfangen, sich dagegen zu wehren.

AVIVA-Berlin: Sie haben vier Karrieren parallel nebeneinander laufen: Autorin, Schauspielerin, Musikerin, Moderatorin. Wie beeinflusst die eine Profession die andere?
Ist es immer auch ein wenig Schauspielern, wenn Sie als S├Ąngerin auf der B├╝hne stehen?
Und war es als Moderatorin manchmal schwer, einen journalistischen Blick auf andere Bands zu werfen, da Sie selbst im Pop- und Rock-Gesch├Ąft Akteurin sind?
Luci Van Org: In erster Linie bin und bleibe ich Musikerin. Ich mache diesen Job schlie├člich schon seit ├╝ber zwanzig Jahren und die Musik hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Deshalb bleibe ich auch dann immer Musikerin, wenn ich schreibe, schauspielere, jemanden interviewe, oder etwas ganz Neues mache. Einfach, weil meine Pers├Ânlichkeit und das Leben als Musikerin untrennbar miteinander verbunden sind. Trotzdem kann man in den anderen Metiers gut sein, denke ich. Vielleicht gerade weil der Blickwinkel etwas anders ist.

AVIVA-Berlin: Das Thema Horror, Spuk und D├╝sterkeit begleitet Sie schon l├Ąnger, 2006 erschien Ihr Erz├Ąhlband "Der Tod wohnt nebenan ÔÇô Spukgeschichten aus der gro├čen Stadt". Was macht f├╝r Sie den besonderen Reiz des dunklen Genres aus? Haben Sie literarische Vorbilder wie z.B. den Klassiker Edgar Allan Poe oder H.P. Lovecraft? Waren Sie als Kind Gespenster-begeistert?
Luci Van Org: Ich bin Grusel-, Horror-, Vampir- und Gespenster-begeistert, seit ich denken kann. Und nat├╝rlich habe ich Poe, Lovecraft, Kafka, aber auch die d├╝stereren Werke von E.T.A.- Hoffmann verschlungen. Keine Ahnung warum, aber mich treibt seit jeher, das Bed├╝rfnis, Dinge und Wesen lieb zu haben, die sonst keiner lieb hat: Eklige Tiere, kalte, verregnete Jahreszeiten, verfallene H├Ąuser, Monster und sogar der Tod. Alle brauchen Liebe. Auch wenn der Gevatter mir, was den Verlust meiner Lieben angeht, noch so viel Angst macht. Deshalb mag ich eben auch Geschichten besonders, die von diesen Wesen und Dingen erz├Ąhlen. Und da w├Ąren wir wieder bei Horror, Spuk und D├╝sterkeit.

AVIVA-Berlin: Werden Sie mit ├ťebermutter in diesem Jahr auf Tournee gehen?
Luci Van Org: Wir kommen ├╝berall hin, wo man uns h├Âren will!!!

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Lesen Sie auch unsere CD-Rezension zu "Unheil!" von ├ťebermutter.

Die Band im Web mit Videoserie:
www.uebermutter.net

Die Band auf Myspace:
www.myspace.com/uebermutter


Interviews Beitrag vom 08.04.2008 AVIVA-Redaktion 





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