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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 29.12.2007

Interview mit Sylke Enders zum Filmstart von Mondkalb
Anna Tremper

Die Regisseurin und Drehbuchautorin, die vor vier Jahren mit ihrem Debut "Kroko" ├╝ber Nacht zum KritikerInnenliebling avancierte und daf├╝r den Bundesfilmpreis in Silber erhielt, stellt ihren...



...neuesten Film "Mondkalb" vor, der ab dem 31. Januar 2008 in den Kinos zu sehen sein wird.

AVIVA-Berlin sprach mit Sylke Enders ├╝ber Mondk├Ąlber, Betriebsblindheit im Business, dem Unterschied zwischen professionellen und LaiendarstellerInnen und zu guter Letzt ├╝ber Tarnkappen und Armeeklamotten...

AVIVA-Berlin: Sie schreiben die Drehb├╝cher zu Ihren Filmen selbst. Wie gehen Sie dabei vor? Haben Sie zun├Ąchst Personen bzw. Figuren im Kopf, oder ist zuerst die Geschichte da?
Sylke Enders: Nein, meistens sind das die Personen. Sicherlich gibt es einen Katalysator, wie beispielsweise eine Geschichte, die jemand erz├Ąhlt hat, oder Dinge, die mir selbst passiert sind. Daraus entsteht schnell eine Figur im Kopf. Ohne die ginge es nicht, weil ich ja keine Themenfilme mache. Ich sehe mich jedenfalls nicht dort angesiedelt. Es passiert einfach, es kommt zu mir, es dr├Ąngt sich mir beim Schreiben auf, und manchmal kann man gar nicht so richtig daf├╝r gerade stehen, weil es etwas Magisches hat. Es ist eher so, dass es im Diskurs mit den beteiligten Personen entsteht, n├Ąmlich den Redakteuren und jetzt auch vielfach mehr mit Produzenten. Das ist dann sehr spannend, denn man wird pl├Âtzlich gewahr, was man geschrieben hat, und muss sich daf├╝r erkl├Ąren. Das f├Ąllt mir unwahrscheinlich schwer, und ich mache es gar nicht gerne. Das muss ich ehrlich sagen. Ich muss vielleicht auch einr├Ąumen, dass ich ja wirklich nur einen Ausschnitt bediene. Das ist ja auch wichtig, und steht nicht f├╝r die Allgemeinheit, aber ich hoffe, dass das, was ich selbst mitunter beim Schreiben f├╝hle, sp├Ąter auch inszenieren kann. Aber daf├╝r gibt es keine Gewissheit. Manchmal herrscht Sprachlosigkeit, wenn ich das alles erkl├Ąren soll.

AVIVA-Berlin: Glauben Sie, dass es Ihnen bei diesem Film gelungen ist, Ihr Vorhaben zu inszenieren bzw. umzusetzen, oder gibt es da Zweifel?
Sylke Enders: Wissen Sie was, da sag┬┤ ich Ihnen mal Folgendes: Die Zensurverteilung ├╝berlasse ich anderen. Wirklich! Wenn mich jemand fragt, dann sage ich meistens nichts. Was hei├čt das? Ich bin betriebsblind, ich schalte ab. Aber ich wei├č, ob ein Film polarisiert oder nicht. Ich wei├č ganz genau, dass die Menschen mit ihren ureigensten Erfahrungen diesen Film sehen und sich gestatten, mitzugehen oder nicht. Es ist ja kein Stoff, der sich in kommerzieller Hinsicht irgendwie verwerten l├Ąsst. Das ist zuvor bereits klar, wenn man eine Figur zeichnet, die sich dem Leben, der Liebe verweigern will. Es ist etwas, ├╝ber das nur wenige Autoren schreiben, und es ist ein Wagnis, denn es klingt nicht nach Humor. Aber dar├╝ber darf ich gar nicht nachdenken.

AVIVA-Berlin: F├╝r Ihren Film "Kroko" haben Sie haupts├Ąchlich mit LaiendarstellerInnen gearbeitet, f├╝r "Mondkalb" nun mit einer erfahrenen Schauspielerin, wie Juliane K├Âhler. Welche Zusammenarbeit liegt Ihnen mehr, und welche Vor- oder Nachteile sehen Sie jeweils?
Sylke Enders: Machen wir uns nichts vor, denn ob gro├čartige Schauspieler wirklich auch Erfahrung brauchen oder haben, sei dahin gestellt. Das kann gar nicht genau katalogisieren, aber nat├╝rlich ist es bei diesem Stoff wichtig, zwei solcher Akteure zu haben. Das ist super und einfach! Da muss man nicht von vorne anfangen, und Leute wie Axel und Juliane bringen schon viel mit. Die sind so was von uneitel und verwenden ihren ganzen Erfahrungshaushalt. Diese Uneitelkeit ist das Tolle, weil sie gleichzeitig auch eine Unsicherheit enth├Ąlt, die erlaubt ist, um auch das Unsichere in den Figuren sp├╝ren lassen zu k├Ânnen. Man setzt es bewusst ein.
Laien w├╝rde ich nicht ├╝ber einen Kamm scheren wollen, denn f├╝r mich sind es einerseits die Schauspieler, die mich ansprechen, andererseits die Laien. Es gibt nat├╝rlich auch schlechte Laien, aber es gibt auch besondere F├Ąlle, die unheimlich begabt sind, weil sie nicht h├Ârig sind. Axel und Juliane haben eben nicht dieses Bild "der Regisseur" im Kopf, sondern man muss ihnen schon mit etwas anderem kommen. Das meine ich auch mit gleicher Augenh├Âhe: dass es m├Âglich ist, so zusammenzuarbeiten, und dass alle das gleiche Gef├╝hl haben, an einer Sache beteiligt zu sein und einander Respekt zu zollen. Dar├╝ber kann man nat├╝rlich die Dinge auch immer wieder neu hinterfragen, und das soll jedem m├Âglich sein - auch dem Laien. Der darf nicht vor lauter Respekt oder Angst vor mir seine Meinung nicht kundtun. Um Gottes Willen, er soll sie kundtun! Ich glaube, da entsteht - das war zumindest bisher die Erfahrung - definitiv immer etwas zu Gunsten des Films! Alles an Gef├╝hlslagen, an Befindlichkeiten oder auch mal an Wut muss man zulassen. Es ist nicht gut, wenn man das nicht tut und glaubt man muss Professionalit├Ąt walten lassen ÔÇô was auch immer das dann sein soll.

AVIVA-Berlin: Von Hierarchien am Set halten Sie demnach auch nicht viel?
Sylke Enders: Genau! Ich sage immer Folgendes: Ich wei├č, dass ich dort wichtig bin, das muss ich nicht noch dreifach herausstellen. Allen ist sonnenklar, dass da ohne mich nichts l├Ąuft, und die anderen wissen das doch genauso. Da sind mir doch die lieb, die sich eben handwerklich wirklich auf einem Level befinden, und die den gesamten Quark von Stargel├╝sten zu Hause lassen. Den brauchen wir nicht, und das wei├č ich nat├╝rlich schon vorher, wenn ich sie besetze. Ich sp├╝re das, sonst h├Ątte ich das nicht machen k├Ânnen.

AVIVA-Berlin: "Mondkalb" spielt in einem sehr idyllischen Nest im Osten. Gibt es einen speziellen Grund daf├╝r, dass der Film dort verortet ist, oder war das eher zuf├Ąllig?
Sylke Enders: Ja, das hat vielleicht was mit meiner Sozialisation zu tun. Das ist fast eine Fangfrage, weil das ja hie├če, ich h├Ątte es ganz bewusst so entschieden, aber das stimmt nicht. Das liegt vielleicht einfach daran, weil ich diesen Ingenieur kenne. Dieser Mensch lebt in der Prignitz (gemeint ist Piet, die Rolle von Axel Prahl). Er ist in meinem Alter und interessiert sich f├╝r Flederm├Ąuse. Au├čerdem kenne ich diesen schwulen Mirko, so sind das also richtige Personen, von denen ich mir Attribute geklaut habe. Ich finde es verr├╝ckt, dass diese Kleinst├Ądte und D├Ârfer solche Leute hervorbringen und nicht nur diese Klischees von ungebildeten Prolls, die durch die Gegend laufen. Sicherlich tragen manche Tarnkappen und Armeeklamotten, und man w├╝rde sofort denken, was das denn f├╝r ein Verr├╝ckter ist. Dann erf├Ąhrt man aber, dass der Vogelrecherchen macht und deswegen diese Tarnklamotten tr├Ągt. Solche Sachen ├╝bernehme ich, weil ich es wahrscheinlich von dort kenne, es mein zu Hause ist, und weil ich in der unber├╝hrten Natur aufgewachsen bin. So ist es also der Osten geworden.

AVIVA-Berlin: Sie bringen demnach immer viel Autobiographisches mit in den Film hinein, beziehungsweise das, was Sie so aufschnappen?
Sylke Enders: Ja, was ich so aufschnappe und vielleicht viel mehr. Ich denke, dass alles was darunter liegt, nat├╝rlich auch mich ausmacht. Das ist dieses "sich selbst ansehen", sonst w├╝rde man, wenn man nicht an solche Punkte gekommen ist, gar nicht schreiben k├Ânnen. Aber vielleicht zwanzig Jahre fr├╝her als andere, denn bereits damals hat man so geschrieben. Ich habe mir vielleicht schon fr├╝her Fragen gestellt, mit denen ich nicht klar kam, weil sie so widerspr├╝chliche Antworten boten. Das sieht ja nicht jeder so, andere haben mehr Filter. Ich glaube, man ergreift nicht ohne Grund einen Job. Ich h├Ątte schon etwas anderes machen k├Ânnen, insofern greift nat├╝rlich auch das Autobiographische.

AVIVA-Berlin: Danke f├╝r das Interview und viel Erfolg f├╝r Ihren Film!

Lesen Sie auch unsere Filmrezension zu "Mondkalb" von Sylke Enders und unser Interview mit der Hauptdarstellerin Juliane K├Âhler.

Interviews Beitrag vom 29.12.2007 AVIVA-Redaktion 





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