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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.06.2008

Interview mit Prof. Dr. Rita S√ľssmuth, Pr√§sidentin des Deutschen Bundestages a.D.
Yvonne de Andrés

AVIVA-Berlin sprach mit Prof. Dr. Rita S√ľssmuth im Rahmen der World Women Work 2008 √ľber die Herausforderungen in einer Multi-Polaren-Welt, Diversity und Frauen in der Politik.



Prof. Dr. Rita S√ľssmuth ist 1937 in Wuppertal geboren, von 1971 bis 1985 war sie im akademischen Bereich als Professorin f√ľr Erziehungswissenschaft an der PH Ruhr, an der Universit√§t Dortmund und als Direktorin des Instituts Frau und Gesellschaft in Hannover t√§tig. Von 1985 bis 1988 Bundesministerin f√ľr Jugend, Familie und Gesundheit (ab 1986 Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit) und von 1988 bis 1998 Pr√§sidentin des Deutschen Bundestages. Im September 2000 wurde sie vom Otto Schily (Minister des Innern) zur Vorsitzenden der Unabh√§ngigen Kommission "Zuwanderung" berufen. Aufgabe war es, ein neues Ausl√§nderrecht zu erarbeiten. Der Bericht Zuwanderung gestalten - Integration f√∂rdern wurde im Juli 2001 vorgestellt. Im September 2005 wurde Rita S√ľssmuth zur neuen Pr√§sidentin Berliner OTA Privathochschule berufen.


AVIVA-Berlin: Wie bewerten Sie die Veränderungen und Herausforderungen in einer Multi-Polaren-Welt? Bedeutet das grundsätzlich mehr Chancen oder sind unter Umständen auch Risiken damit verbunden?
Prof. Dr. Rita S√ľssmuth: Es gibt kaum einen Bereich, wo nicht mit den Chancen auch Risiken verbunden w√§ren. Dies sind zun√§chst einmal Tatbest√§nde, denen wir nicht mehr ausweichen k√∂nnen. Ob wir uns das w√ľnschen oder nicht w√ľnschen, die Globalisierung steht nicht vor uns sondern ist bereits eine Realit√§t. Sie ist auch mehr als nur eine Globalisierung der Arbeitswelt. Es geht um eine weltweite Vernetzung, wie wir das in den Vereinten Nationen nennen, es ist Leben in einer interconnected-world. Das hei√üt, in einer Welt, in der die verschiedenen Erdteile und Regionen der Welt multipolar untereinander und miteinander verbunden sind. Das birgt Chancen. Aber ich denke, dass in vielen europ√§ischen L√§ndern die Chancen oft √ľberhaupt nicht gesehen werden, sondern nur die Bedr√§ngnisse und die Risiken wie etwa "Ich verliere meinen Arbeitsplatz", "Andere produzieren billiger" oder "Von mir wird immer mehr Mobilit√§t und Flexibilit√§t verlangt". Ein wichtiger Komplex wird auch sein, wie die Frauen in die Globalisierung eingebunden werden.

AVIVA-Berlin: Die Bevölkerung wird in Deutschland immer vielfältiger: Die Zuwanderung und das Zusammenleben ethnisch-kulturell unterschiedlich geprägter Menschen, die Etablierung unterschiedlicher Lebensformen und nicht zuletzt die Veränderung der Alterszusammensetzung durch die demografische Entwicklung stellen die Gesellschaft vor neue Herausforderungen. Was wurde hier aus Ihrer Sicht im Jahr der Chancengleichheit 2007 erreicht?
Prof. Dr. Rita S√ľssmuth: In der Tat ist die Bundesrepublik, √ľbrigens seit langer Zeit, ein Land, in dem sich viele Menschen unterschiedlichster Nationen aufhalten. Nehmen Sie allein Berlin, hier sind inzwischen Menschen aus √ľber 160 Nationen zu Hause. Wenn wir nach K√∂ln, Frankfurt, M√ľnchen oder Hamburg kommen, haben wir es mit √§hnlichen Relationen zu tun, weil wir, wie viele andere L√§nder auch, seit langer Zeit ein Einwanderungsland sind, Wir haben es mit einer weltweiten Mobilit√§t, auch teilweise mit erzwungenen Wanderungsbewegungen zu tun. Dieser Prozess hat aus meiner Sicht bisher immer nur zur Diskussionen √ľber Belastungen gef√ľhrt, nicht √ľber Bereicherungen. Erst seit 2005 beginnen wir zu sagen: Diversity - Verschiedenheit, Vielfalt ist nicht nur eine Herausforderung. Man muss auch viel wissen von dem Anderen, sowohl von der Mehrheitsgesellschaft als auch √ľber die Minderheitsgesellschaften. Wir stellen auch fest, das dies nicht nur eine kulturelle sondern sehr oft auch eine soziale Bereicherung ist. Stellen Sie sich einmal vor, in unseren Pflegefamilien, Krankenh√§usern und Altenheimen w√§ren nicht die vielen Migrantinnen besch√§ftigt. Es w√§re sehr schlecht um uns bestellt. Die Migranten gehen oft mit Fragen wie "wie sorge ich denn f√ľr eine Betreuung von Kindern und Pflege?" anders um. Um Ihre Frage auf den Punkt zu bringen: wir f√ľrchten uns zwar noch vor dieser Multikulturalit√§t, dem Zusammenleben mit unterschiedlichen Kulturen, aber es ist zugleich eine Chance, hier und weltweit Probleme besser zu l√∂sen. In Deutschland treffe ich immer auf √ľberraschte Augen und Ohren, wenn ich sage, dass der Hauptteil der Migrantinnen weiblich ist, 52 Prozent. Sie kommen als Selbst√§ndige hierher, aber auch als Familienangeh√∂rige. Ich denke, dass wir in dieser ver√§nderten multikulturellen Welt ungeheure Lernprozesse vollziehen m√ľssen, aber auch Chancen haben. Viele wissen auch nicht, dass viele Migranten mit Hochschulabschl√ľssen zu uns kommen, die bei uns dann im Reinigungsgewerbe, als Taxifahrer oder in der Gastronomie arbeiten. Es hei√üt ganz richtig, dass wir es nicht nur mit Vielfalt zu tun haben, sondern auch mit vielen menschlichen Potenzialen, ihren Erfahrungen und ihrem Wissen. Das ist von gro√üem Vorteil f√ľr uns.

AVIVA-Berlin: Von Ihnen stammt das Zitat, dass Frauen in der Politik in den "Vorh√∂fen der Macht" angekommen sind. Vereinzelt sind Frauen auch in F√ľhrungspositionen angekommen. Wo stehen wir heute und welche politischen Initiativen sollen gest√§rkt werden?
Prof. Dr. Rita S√ľssmuth: Ich denke, wir stehen heute nicht mehr im Feld der Stagnation, sondern das, was sich an weiblichem K√∂nnen und Kompetenzen entwickelt hat, kommt mehr und mehr auch in die mittlere Ebene hinein. Es geht um Beteiligung. Das betrifft auch die globalisierte Welt, da haben wir Nachholbedarf, aber auch dort arbeiten zunehmend mehr Frauen in mittlerer F√ľhrung. Und manchmal auch in leitender Position, wenn es um Firmen in Deutschland geht, die global agieren. Was wir in den letzten Jahren, insbesondere auch aufgrund unseres demografischen Wandels, nicht nur auf Grund der Migration, mehr und mehr betonen, ist, dass die Frauen in der Gesellschaft gebraucht werden. In der Wirtschaft, in der Kultur und in der Politik hat es noch nie eine Phase gegeben, in der die Wirtschaftsverb√§nde ein solches Interesse an der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gezeigt haben wie gerade in j√ľngster Zeit. Das hei√üt, hier ist es nicht mehr einseitig so, dass das K√∂nnen der Frauen auf eine Barriere st√∂√üt. Im Gegenteil, man muss sich fragen: Werden wir das alles bew√§ltigen k√∂nnen? Es wird pl√∂tzlich von uns viel verlangt. Nicht nur soll man topfit im Beruf sein, es sollen auch wieder mehr Kinder geboren werden. Und sehen Sie, gerade wenn ich in einem global t√§tigen Unternehmen t√§tig bin, wenn ich nicht v√∂llig auf den Innenbereich der Firma ausgerichtet bin, dann geh√∂rt Reiset√§tigkeit dazu, f√ľr viele auch Aufenthalte im Ausland. Da gibt es ganz neue Anforderungen an die Organisation des Alltagslebens. Insgesamt sehe ich noch einen riesigen Nachholbedarf, gerade bei Frauen in F√ľhrungspositionen. Aber das ist ja ein Thema, das sich die diesj√§hrige "World Women Work" zum Thema gemacht hat: "Just do it! ‚Äď Karrieren in einer globalisierten Arbeitswelt ". Das ist noch ein vernachl√§ssigtes Feld, in Bezug auf die Beteiligung der Frauen. Zun√§chst waren es nur einzelne Frauen, doch zunehmend sind es Frauen aus den unterschiedlichsten Bereichen, die das Thema besch√§ftigt. Die globalisierte Welt hat auf der einen Seite Bedeutung f√ľr die Migration, f√ľr ganz neue Formen der Kommunikation mit Migrantinnen und ihrem Potential f√ľr das Aufnahmeland, wie auch f√ľr die Herkunftsl√§nder, gerade im wirtschaftlichen, im finanziellen, im kulturellen und im sozialen Bereich, aber es hat auch entscheidende Bedeutung f√ľr die Frage, wie werden die Frauen an der Gestaltung des Lebens in einer globalisierten Welt beteiligt? Bisher waren wir das ja nicht.

AVIVA-Berlin: Vertreten Sie weiterhin innerhalb der CDU und der politischen Institutionen ein Rei√üverschluss-Verfahren, das eine parit√§tische Besetzung der √Ąmter und Funktionen durch die Geschlechter bedeutet?
Prof. Dr. Rita S√ľssmuth: Ich vertrete das noch, weil dies das normalste Verfahren w√§re. Aber da sind wir ja noch nicht. Das Rei√üverschluss-Verfahren hie√üe ja, dass wir bereits bei 50 Prozent angelangt w√§ren. Der Prozentsatz der Frauen in allen Funktionen steigt zwar, aber wir haben jetzt vielleicht das Drittel erreicht. Gerade in der Politik haben wir es nicht mit einem Zuwachs zu tun. Die Haupt√§mter sind meist m√§nnlich besetzt, so das Bundesverfassungsgericht, das Amt des Bundespr√§sidenten, das des Bundestagspr√§sidenten, des Bundesratspr√§sidenten etc. Eine Ausnahme ist die Bundeskanzlerin. Wir haben in dem Bereich der Bundesl√§nder keine einzige Ministerpr√§sidentin. Da m√ľssen wir aufpassen. Weil die Beteiligung der Frauen im Erwerbsleben immens steigt, wird h√§ufig der Eindruck erweckt, wir br√§uchten nichts mehr tun. Auch in meiner Partei ist ja das Beteiligungsprinzip anerkannt. Wer das Reisverschluss-Verfahren jetzt abschafft, der springt zu fr√ľh ab. Wir sind l√§ngst noch nicht am Ziel. Wenn wir auf die Politik achten, dann sehen wir zwar verbal Fortschritt, faktisch jedoch Stagnation.

AVIVA-Berlin: Auf der World Women Work 2006 haben Sie gesagt: "Alle Macht, die Frauen bisher hatten, ob sie stark oder schwach war, ist von M√§nnern verliehene Macht". Dies k√∂nne sich nur durch eine st√§rkere Partizipation der Frauen √§ndern. Damals haben Sie auf der politischen B√ľhne zur Bildung einer fraktions√ľbergreifenden Initiative aller Politikerinnen des Bundestages aufgerufen. Was ist daraus geworden?
Prof. Dr. Rita S√ľssmuth: In einer Zeit der gro√üen Koalition hatten wir ja schon einmal in den beiden gro√üen Parteien eine interfraktionelle Gruppierung. Ich glaube, dass sie entscheidend dazu beigetragen hat, dass Verbesserungen in der Familien- und Kinderpolitik herbeigef√ľhrt wurden. Das, was Renate Schmidt nicht mehr umsetzen konnte, hat Frau von der Leyen jetzt umgesetzt. Auch sie ist dabei zun√§chst auf heftigste Widerst√§nde gesto√üen, bis hin zu ganz harter Gegnerschaft. Aber die Gegnerschaft war nicht mehr so wie wir sie in den achtziger Jahren erfahren haben. Das ist der Vorteil der Gro√üen-Koalition. Ingesamt in der Frauenpolitik habe ich gro√üe Bef√ľrchtungen, dass ganz neue Armutsgruppen wachsen, insbesondere die Gruppe der Alleinerziehenden. Denn wir haben ja heute eine Sozialgesetzgebung, die jeder jungen Frau mittleren Alters klar machen muss: Es gibt f√ľr dich keine Absicherung au√üer Hartz IV. Sowohl die Wittwenreform in der Rentenversicherung als auch das neue Unterhaltsrecht, erst recht bei dem hohen Anteil der Scheidungspaare, sagt zu den Frauen: Sichere dich ab √ľber den Beruf. Wir haben wirklich noch ein gro√ües Programm vor uns und hier bedarf es st√§rkerer interfraktioneller Innitiativen. In der Gesellschaftspolitik gibt es, insbesondere unter dem Blick, wie wir die Konflikte in den kleinen Lebenseinheiten, in den Paarbeziehungen mit den Kindern, vermindern, noch Erhebliches zu tun. Auch da sind interfraktionelle Initiativen gefordert.

AVIVA-Berlin: Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten frauenpolitischen Ver√§nderungen in den letzten zwei Jahren? Und was sind die gro√üen Vorhaben f√ľr die Zukunft?
Prof. Dr. Rita S√ľssmuth: Die wichtigsten frauenpolitischen Ver√§nderungen sind ein weiterer Schritt in Richtung auf eine konsequente Gleichstellung. Ich denke, dass in den letzten zwei Jahren, auch angesichts der gro√üen Koalition und einer Frau als Kanzlerin, vielleicht nicht mehr Frauenpolitik aber doch eine frauenfreundliche Gesellschaftspolitik betrieben wird. Ich nehme dabei die soziale Sicherung aus. Aber die Geschlechtergerechtigkeit wird in der √∂ffentlichen Diskussion mehr zur Normalit√§t. Immer da, wo Frauen die erfolgreiche Aus√ľbung von Machtrollen wahrnehmen, hat das auch gesellschaftliche Effekte. Die Umfragen zeigen ja eine hohe Wertsch√§tzung der weiblichen Kanzlerschaft. Die Gesellschaft gew√∂hnt sich so an weibliche F√ľhrungsrollen. Als Risiko muss ich das Thema "entliehene Macht" benennen. Wir m√ľssen aufpassen, dass nicht das, was immer als weibliche St√§rken gesch√§tzt wurde, im Prozess der Beteiligung verloren geht. Beteiligung darf nicht hei√üen, dass wir werden wie M√§nner. Das w√ľrde wegf√ľhren von der Verschiedenheit, von Diversity. Beteiligung und der Erhalt von Diversity ist unser Ziel.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank. Herzlichen Dank f√ľr dieses pers√∂nliche Gespr√§ch!

Weitere Informationen zu Prof. Dr. Rita S√ľssmuth und Kontakt unter:
www.rita-suessmuth.de


Interviews Beitrag vom 28.06.2008 Yvonne de Andr√©s 





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