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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 10.08.2008

Mely Kiyak im Interview - Eine f├╝r den Journalismus
Christiane Kr├Ąmer

Die Publizistin Mely Kiyak brachte in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" mit der Kritik am "Neuen Feminismus" Schwung in die Feuilleton-Debatte und macht deutlich, dass MigrantInnen zu Wort kommen m├╝ssen



In den Redaktionen der gro├čen Tages- und Wochenzeitungen sind Migrantinnen verschiedenster Herkunft unterrepr├Ąsentiert, ebenso wie in der Politik. In ihrem Buch "10 f├╝r Deutschland" hatte Mely Kiyak das gro├če Engagement t├╝rkeist├Ąmmiger Abgeordneter sichtbar gemacht, und gezeigt, dass Demokratie von politischer Teilhabe lebt.
AVIVA-Berlin hat mit der Berliner Journalistin t├╝rkisch-kurdischer Herkunft ├╝ber Ausschl├╝sse und Chancen in ihrem eigenen Berufsfeld und die zuweilen eindimensionale Sichtweise der deutschen Feuilletons und Frauenbl├Ątter gesprochen.

AVIVA-Berlin: Frau Kiyak, Sie haben den in zahlreichen Buchpublikationen und in allen Tages- und Wochenzeitungen diskutierten "Neuen Feminismus" in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" als "realit├Ątsferne Veranstaltung wei├čer, christlicher Mittelschichtsfrauen" kritisiert: Wo sehen Sie die Schwierigkeiten des "Neuen Feminismus"-Diskurses?
Mely Kiyak: Schon seit einiger Zeit erweckt diese Debatte den Anschein, als ginge es um eine gr├Â├čere Sache oder Bewegung, die nun endlich in der Mitte der Gesellschaft ankommt. Das Neue ist nur, dass sich jetzt nicht mehr die "├╝blichen Verd├Ąchtigen" ├Ąu├čern, sondern eine neue Gruppe von jungen Publizistinnen, meine Generation, wenn man von der Herkunft absieht.
Es handelt sich hier aber nicht um Frauen aus einer Bewegung, einer Organisation oder einer Partei, sondern um uns Journalistinnen und Autorinnen. Den Mehrheitsverh├Ąltnissen in den Medien entsprechend, sind das gebildete T├Âchter aus gutem Hause, die f├╝r ein bestimmtes Klientel schreiben: wir bewegen uns in einem ganz speziellen Raum, den ich "wei├če christliche Mittelschicht" genannt habe. Das Problem f├Ąngt dort an, wo der Eindruck entsteht, es w├╝rde etwas Allgemeing├╝ltiges aufgegriffen, das alle betrifft.
Wenn wir nichts dar├╝ber w├╝ssten, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist, k├Ânnten wir denken, dass eigentlich alles paletti ist. Es stellt sich nur noch die Frage, waschen wir uns, leben wir sexuell selbstbestimmt, bringen wir unser Kind in die Kita, heiraten wir oder heiraten wir nicht. Wir k├Ânnen aus einem Topf von Wahlm├Âglichkeiten aussuchen. Aber ein F├╝nftel der Menschen haben einen Migrationshintergrund, und die haben erst einmal diese Wahlm├Âglichkeiten nicht. Das gilt genauso f├╝r Frauen aus der sozialen Unterschicht.

AVIVA-Berlin: Welche Haltung lassen die feministischen Publizistinnen der "wei├čen, christlichen Mittelschicht" vermissen?
Mely Kiyak:: Ein alter "Kampfbegriff" des Feminismus war Solidarit├Ąt. Die Feministinnen sind fr├╝her f├╝r ihre Rechte auf die Stra├če gegangen, das war ein Kampf gegen die V├Ąter und Ehem├Ąnner, manchmal auch gegen die eigenen S├Âhne. Das war aber auch ein Kampf f├╝r Arbeiterfrauen oder Frauen aus den Magrebstaaten. Der Diskurs war stark durch den franz├Âsischen beeinflusst und viel umfassender, wenn auch nicht weniger herrschaftlich organisiert. So hat die EMMA zwar seit den 70iger Jahren ├╝ber Migrantinnenthemen berichtet, allerdings immer ├╝ber die Frauen, statt mit ihnen in einen Dialog zu treten. Diesen Dialog m├Âchte ich einfordern und daran erinnern, dass Frauen anderer Herkunft nicht nur als Frauen, sondern zus├Ątzlich als MigrantInnen diskriminiert werden. So sind wir ganz schnell weg von der Frage, haben wir einen neuen Feminismus, weil die Frauen sich weigern sich zu rasieren?! Das ist nat├╝rlich unendlich banal.

AVIVA-Berlin: Migrantinnen sind also mit besonderen Schwierigkeiten konfrontiert. Wie sind Ihre biografischen Erfahrungen als Akademikerin, haben Sie auch mit Stereotypisierung zu k├Ąmpfen?
Mely Kiyak: Ich pers├Ânlich geh├Âre mit meiner Biografie zu den klassischen Aufsteigerinnen dieser Gesellschaft. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, arm und bildungsfern. Und weil ich eben dieses Milieu und den Weg nach oben kenne, wei├č ich, wovon ich spreche. Wenn Sie es in dieser Gesellschaft mit einem Migrationshintergrund zu etwas bringen wollen, m├╝ssen Sie mit Vorurteilen rechnen. Ich bin nicht blond, habe keinen besonders hellen Teint und daher werde ich oftmals reduziert auf: "die kommt halt aus der Migrationsecke und das ist auch ihre Kompetenz". Leider funktioniert das so.

AVIVA-Berlin: St├Ârt Sie das, wie gehen Sie damit um?
Mely Kiyak: Nein, das st├Ârt mich nicht weiter. Ich kann mich ja auch jederzeit, mit dem was ich erreicht habe, dagegen entscheiden. Mich st├Ârt es auch deshalb nicht, weil ich ├╝ber die M├Âglichkeit verf├╝ge, mit denen, die mich publizieren lassen, Vereinbarungen zu treffen. So berichte ich pers├Ânlich nicht biografisch, wie einige meiner KollegInnen, sondern ziehe Studien und Zahlen heran. Was mich st├Ârt ist, dass die migrantische Perspektive in den Zeitungen und bei vielen Themen kaum vorkommt.
AVIVA-Berlin: Warum werden migrantische Frauen vorzugsweise als Unterdr├╝ckte oder Opfer in den Debatten ├╝ber Integration und Islam verhandelt?
Mely Kiyak: Da wird h├Ąufig etwas verwechselt, gerade wenn bestimmte Bl├Ątter bei Frauenthemen auf den Islam und den Fundamentalismus hinweisen.
Mit dem Islam hat das erst einmal gar nichts zu tun. Denn diese Diskriminierungsprozesse gelten auch f├╝r Italienerinnen, Griechinnen, etc., die haben genau die gleichen sch├Ąbigen Aufstiegschancen, wie T├╝rkinnen, n├Ąmlich quasi gar keine.
Wenn ich sage, Migrantinnen werden diskriminiert und schaffen es nicht im bestehenden System aufzusteigen, dann meine ich nicht muslimisch patriarchalische Strukturen, was nicht hei├čt, dass sie nicht existieren. Aber mein Auftraggeber bei der Zeitung ist kein patriarchal denkender Moslem. Das sind christliche deutsche Mittelschichtler, mit deren T├Âchtern ich um die gleichen Arbeitspl├Ątze konkurriere und die dann meistens diese Arbeitspl├Ątze bekommen. Migrantinnen sind auch im Beamtenwesen, in der Legislative, im Bundesverfassungsgericht und ├╝berall dort, wo Staat und Gesellschaft organisiert wird, unterrepr├Ąsentiert. Dies wird davon verdeckt, dass wir in Deutschland Migration immer unter der ├ťberschrift "Integrationsdebatte" oder "Islamdebatte" verhandeln. Und das halte ich f├╝r ein ganz gro├čes Problem.

AVIVA-Berlin: Liegt diese Verwechslung vielleicht auch in unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen von Selbstverwirklichung und Emanzipation begr├╝ndet?
Mely Kiyak: Es ist nat├╝rlich so, dass es bei Migrantinnen andere Gesellschaftsbilder gibt: F├╝r viele muslimische M├Ądchen haben Heiraten und Kinderkriegen einen hohen Stellenwert und f├╝r sie bedeutet Emanzipation, dass sie trotz Mann in Teilzeit arbeiten ÔÇô und dieses Lebensmodell m├╝ssen wir akzeptieren.
Es geht aber um etwas Anderes: qualifizierte Frauen mit Migrationshintergrund sollen die gleichen Chancen haben. In Berlin zum Beispiel liegt die Migrantenquote bei der Ausbildungsabgabe seit fast 10 Jahren unter 5 Prozent - das sind Zahlen des Senats. Das ist eine Diskriminierung, daf├╝r gibt es keinen Grund. Emanzipation m├╝sste hei├čen, dass wir ihnen in dieser Gesellschaft die M├Âglichkeit geben m├╝ssen sich emanzipieren zu d├╝rfen! Das gilt f├╝r das M├Ądchen, das den Hauptschulabschluss macht, genauso wie f├╝r das M├Ądchen mit Abitur oder Studienabschluss. In Deutschland gibt es seit einem halben Jahrhundert Einwanderung, das ist zwar nicht viel, aber es ist auch nicht wenig. In anderen europ├Ąischen L├Ąndern wie Frankreich sieht man Ministerinnen mit einem anderen Teint und einer anderen Haarstruktur. Wir sind da schon wirklich auf einem ganz verk├╝mmerten Stand und man kann nicht sagen, dass wir so modern und tolerant und offenherzig sind, wie wir immer tun.

AVIVA-Berlin: Sie haben die Feminismus-Debatte in der Wochenzeitung "DIE ZEIT" angesto├čen, k├Ânnte dies nach dem Generationenkonflikt zu einem neuen Streit f├╝hren?
Mely Kiyak: Es muss ausgesprochen werden und zu jemandem, der das ausspricht, geh├Ârt auch jemand anderes, der sagt, ich drucke deine Meinung ab ÔÇô nicht nur in den Nischenportalen und Nischensendern, sondern in den Mainstreammedien.
Ich glaube, das muss nichts sein, wo wir uns gegenseitig zerfleischen. Ich bin von meinem Duktus eher f├╝r das Zugespitzte und Polemische, aber manchmal ist das so, man muss draufhauen und es auch in ganz plakativen Bildern aussprechen, damit die Botschaft ankommt. Und f├╝r mein Verst├Ąndnis ist die Botschaft schon angekommen.
F├╝r mich bedeutet guter Journalismus, den Fokus zu vergr├Â├čern. Nur ein klitzekleines Bisschen. So eine Winzigkeit mehr w├╝rde schon ganz neue Gedankenr├Ąume er├Âffnen. Bestimmte Kreise m├╝ssen es sich auch mal gefallen lassen, dass Leute wie ich sagen: "Ich f├╝hle mich von Ihnen diskriminiert. Setzt uns doch mal auf eine Stufe, damit wir auf Augenh├Âhe miteinander reden k├Ânnen." Wir wollen teilhaben, aber dazu geh├Ârt, dass uns jemand teilhaben l├Ąsst.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f├╝r das Interview!

Lesen Sie hier den Artikel von Mely Kiyak vom 3. Juli 2008 in der Wochenzeitung "DIE ZEIT": www.zeit.de

Interviews Beitrag vom 10.08.2008 AVIVA-Redaktion 





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