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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 14.08.2008

Antonia Jimenez im Interview. Eine Frau an der Flamenco-Gitarre
Christiane Krämer

Eine der wenigen Gitarristinnen Spaniens zeigte in der "Noche de mujeres" auf dem Flamenco Festival in Berlin ihr virtuoses Können auf dem Instrument das traditionellerweise Männern vorbehalten ist



Interview auf spanisch und deutsch: para la versión en castellano pulse aquí.

Das Flamenco Festival Berlin hat sich in den letzten Jahren als wichtiges europ√§isches Festival etabliert und zieht mit internationalen spanischen und deutschen Flamencostars ein gro√ües Publikum an. Ein besonderer H√∂hepunkt war dieses Jahr die Gesangsnacht, die ausschlie√ülich von Frauen bestritten wurde. Es sang Alicia Gil aus Sevilla auf raue und melodi√∂se Art, La Divi, die mit ihrer klaren und kr√§ftigen Stimme bereits den wichtigsten spanischen Wettbewerb f√ľr Nachwuchss√§ngerInnen gewann, und Mara Rey, die puren kraftvollen Flamenco in der "Gitano"-Tradition singt und tanzt. Elena Vicini interpretierte den Gesang durch ihren klassischen Flamencotanz.
Die gr√∂√üte Besonderheit des Abends war jedoch Antonia Jim√©nez. Die in einem andalusischen Dorf aufgewachsene K√ľnstlerin begann im Kindesalter Flamenco- Gitarre zu spielen. AVIVA-Berlin sprach mit ihr √ľber ihre Musik und den schwierigen Weg zur professionellen Gitarristin in einer machistisch gepr√§gten Kultur.

AVIVA-Berlin: Bei meiner Recherche zeigte mir die Suchmaschine bei Ihrem Namen und Flamenco zunächst unzählige Gitarristen mit Antonio Jimenez an: sind Sie als Frau eine absolute Ausnahme?
Antonia Jiménez: Ja, leider, es gibt sehr wenige Gitarristinnen im Flamenco. Und die, die es gibt sind oftmals nicht anerkannt.

AVIVA-Berlin: Wie und wann sind Sie zum Flamenco gekommen, was hat Sie fasziniert?
Antonia Jim√©nez: Flamenco ist wie Verliebtsein und ich habe mich verliebt ‚Äď es war etwas, dass ich gar nicht verhindern konnte. Flamenco f√ľhlt man in sich drin, ein Gef√ľhl, nach dem man s√ľchtig wird, was Emotionen aussch√ľttet. Und Flamenco ist drau√üen in den Stra√üen, im Viertel, wo ich aufgewachsen bin, in Puerto de Santa Maria. Als ich noch ein ganz kleines M√§dchen war, sah ich eine Spielzeug-Gitarre, und da hat es gefunkt. Seitdem wollte ich Gitarre lernen und von da an bin ich in die Kreise der Menschen gelangt, die Flamenco spielen, in die Welt des Flamencos.

AVIVA-Berlin: Die Flamenco Gitarre ist ein Instrument, was √ľberwiegend von M√§nnern gespielt wird. War es schwierig, sich in einer so m√§nnlichen besetzten Szene durchzusetzen?
Antonia Jim√©nez: Es spielen auch viele Frauen Flamenco Gitarre, aber eben nicht professionell. In dem Moment, wo man einen Platz in der professionellen Szene erk√§mpfen muss, wird es sehr schwierig. Ich habe mit 15 Jahren diesen Karriereweg beschritten und hart daf√ľr gek√§mpft. Aber mein Fall ist nun auch wieder nicht so speziell, denn Frauen m√ľssen fast in allen Berufen h√§rter arbeiten und k√§mpfen als M√§nner. Sie sind weniger sichtbar, manchmal scheint es, als ob sie in einigen Berufen gar nicht existieren. Als Gitarristin wurde ich von der m√§nnlichen Konkurrenz mit der Lupe begutachtet und musste immer erst beweisen, dass ich gut spiele, obwohl ich schon Erfahrung hatte. Es existiert in der spanischen Kultur noch kein Bild von der "Gitarristin" und so kreiere ich bei jedem Auftritt Schritt f√ľr Schritt dieses Bild neu.

AVIVA-Berlin: F√ľhlen Sie sich √§hnlich wie die Torrera Cristina Sanchez als Vorbild und Vorreiterin?
Antonia Jim√©nez: Ja. Fast √ľberall wo ich toure, haben die Zuschauer noch nie zuvor eine Frau als Gitarristin auftreten sehen und sind sehr √ľberrascht. Obwohl es auch vor mir schon Frauen gegeben hat, die damit ihr Geld verdient haben. Im Fall von Cristina Sanchez ist es noch schlimmer gewesen, denn die Welt des Stierkampfs ist nach wie vor sehr machistisch gepr√§gt. Der Flamenco hingegen ver√§ndert seine Sichtweise. So haben die Frauen fr√ľher Kleider getragen, sollten ab und zu mal die Beine zeigen, tanzen und singen und h√ľbsch aussehen und waren somit in ihrer Darstellung sehr limitiert. Die M√§nner haben den Ton angegeben und dementsprechend war die Sicht auf die T√§nzerinnen m√§nnlich gepr√§gt. Das ist der m√§nnliche Blick, den wir zu sp√ľren kriegen, aber die Perspektive verschiebt sich: So ist die Flamencostart√§nzerin Bel√©n Lopez beispielsweise in einem Anzug mit Bolero - Jacke aufgetreten und es finden sich ironische Elemente in ihrem Tanz, die mit Geschlechterstereotypen brechen. Das gibt viel Kraft um weiter zu machen. Wir m√ľssen √ľber uns hinauswachsen, damit Frauen √ľberall mehr erreichen k√∂nnen.

AVIVA-Berlin: Flamenco ist eine sehr traditionelle Musik, wie wird Flamenco in Ihrer Familie und Umgebung gelebt?
Antonia Jim√©nez: In meiner Familie gibt es keine gro√üe Flamenco -Tradition. Meine Gro√ümutter war "aficonada" und hat von Zeit zu Zeit Gitarristen nach Haus gebracht, deren Spiel ich dann begeistert belauscht habe. Meine Onkel singen. Aber mein Vater war nicht gerade begeistert, als ich mit dem Wunsch, Gitarristin zu werden ankam, f√ľr ihn war das ein Schock. Er wollte nicht, dass ich die Ausnahme, eine Kuriosit√§t im Dorf bin. Aber Kuriosit√§t hat es bei anderen auch geweckt, was das Positive daran ist, viele Menschen sind neugierig mich zu h√∂ren.
Generell ist die Mentalit√§t in diesen D√∂rfern machistisch. Die Menschen verwechseln dabei oft Tradition und Konservatismus, was nicht dasselbe ist. Ich w√ľrde mich als traditionell bezeichnen, weil ich die traditionelle Musik mag, denn sie wird zu einer bewegenden Quelle f√ľr unsere Zeit. Das hei√üt aber eben nicht, dass Frauen ausgeschlossen bleiben m√ľssen, wir m√ľssen ihre Rolle aktualisieren.

Alicia Gil und Mara Rey f√ľgen hinzu: Die Rolle der Frau in Spanien in der Kultur ist nicht mehr so, wie fr√ľher im chauvinistischen Spanien, sondern hat sich sehr stark und schnell ver√§ndert. Das gilt f√ľr den Flamenco ebenso, wie f√ľr die gesamte spanische Gesellschaft. Heute sind Frauen √ľberall vertreten, in der Politik, in der Kunst, in der Malerei. Aber was uns wirklich noch fehlt ist, die Rollen und Arbeitsteilung zu Hause zu ver√§ndern. Wenn beide Partner arbeiten, erledigen meistens die Frauen die gesamte Hausarbeit und Kindererziehung neben ihrem Beruf, eine doppelte Belastung. Die Frauen kommen von der Arbeit nach Hause, der Mann liegt auf dem Sofa und macht Siesta, w√§hrend sie sich um die Kinder k√ľmmert, die W√§sche b√ľgelt und f√ľr den n√§chsten Tag Essen vorkocht. Das kommt leider h√§ufig vor. Und wenn der Mann b√ľgelt und die Kinder f√ľttert und badet, denkt er, er "hilft" der Frau.
Das ist aber ebenso seine Aufgabe und geh√∂rt auch zu seiner Rolle. Die M√§nnerrolle muss sich also noch sehr √§ndern um mit der Emanzipation mit zu halten. Auf der B√ľhne zeigen wir heute, dass Frauen genauso erfolgreich in ihrem Beruf sind und nicht unbedingt von M√§nnern angeleitet werden m√ľssen. Die "Moderatorin" des Abends ist dieses Mal ein Mann.

AVIVA-Berlin: Antonia, was tun Sie nach dem Konzert, an welchen Projekten arbeiten Sie?
Antonia Jiménez: Ich fahre nach Madrid, wo ich lebe und arbeite. Zur Zeit bin ich auf der Suche nach mir, forsche und konzentriere mich auf die Komposition. Das ist notwendig und wird mich vorwärts bringen. Und nächstes Jahr vielleicht wieder nach Berlin...

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f√ľr das Interview!

Weitere Informationen zum 13. Flamenco Festival Berlin finden Sie auf AVIVA-Berlin.

Interviews Beitrag vom 14.08.2008 AVIVA-Redaktion 





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