Interview mit Annett Gr√∂schner - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Interviews
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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 01.10.2008

Interview mit Annett Gröschner
Daniela Roschke

AVIVA-Berlin sprach anl√§sslich der Ver√∂ffentlichung des Kurzgeschichtenbandes "Parzelle Paradies. Berliner Geschichten" mit der Autorin Annett Gr√∂schner √ľber verschiedene Aspekte ihres Buches.



Annett Gr√∂schner wurde 1964 in Magdeburg geboren. Sie kam 1983 nach Berlin und studierte zwischen 1983 und 1991 Germanistik in Ost-Berlin und Paris. Von 1992 an war Annett Gr√∂schner vier Jahre lang als Historikerin im Prenzlauer Berg Museum t√§tig. Seit 1994 beteiligt sie sich an verschiedenen Ausstellungs-, Zeitungs- und Buchprojekten. Inzwischen ist Frau Gr√∂schner seit elf Jahren als freie Autorin und Journalistin in Berlin t√§tig. Ihr bisher gr√∂√üter Erfolg war der im Jahr 2000 ver√∂ffentlichte Roman "Moskauer Eis". F√ľr ihre publizistischen Werke wurde die Schriftstellerin unter anderem mit dem Anna-Seghers-Stipendium der Akademie der K√ľnste Berlin und dem Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg ausgezeichnet. AVIVA-Berlin befragte Annett Gr√∂schner anl√§sslich ihres im September 2008 in der Edition Nautilus erschienenen Buches "Parzelle Paradies. Berliner Geschichten".

AVIVA-Berlin: In Ihrer neuesten Ver√∂ffentlichung "Parzelle Paradies" erz√§hlen Sie kritisch und liebevoll Geschichten √ľber Ihre Wahlheimat Berlin. Was macht diese Stadt in Ihren Augen einzigartig? Was hat die deutsche Hauptstadt, was andere St√§dte nicht haben?
Annett Gr√∂schner: Was mich an Berlin nach wie vor fasziniert, ist dieses Unfertige. Unz√§hlige Herrscher haben sich √ľber Stadtmodelle von Berlin gebeugt und niemand hat es geschafft, die Stadt wirklich nach seinem Willen zu ver√§ndern, sie war immer st√§rker. Das l√§sst mich hoffen, dass es noch eine Weile dauert, bis Berlin so wie M√ľnchen ist - die Leute ordentlich nach Schichten geordnet in der Stadt verteilt und die Mieten in der Innenstadt unbezahlbar. Am liebsten w√§re mir nat√ľrlich, das w√ľrde gar nicht passieren, aber ich bin realistisch. Dass die Stadt arm ist, ist nach wie vor ihre Chance, auch wenn die Segregation zunimmt. Dass Berlin Hauptstadt ist, ist dabei unerheblich, das h√§lt die Stadt aus.
Mich hat an Berlin immer die Geschichte interessiert, einschlie√ülich die einer geteilten Stadt. Als ich vor 25 Jahren nach Ostberlin kam, sah man an den Fassaden in Mitte oder Prenzlauer Berg noch eine v√∂llig andere Zeit. Da waren die Einsch√ľsse, die Notd√§cher, die alten Reklamen, da waren die alten Frauen, die mehrere Epochen, von der Kaiserzeit an erlebt hatten. Deren Geschichten haben mich lange besch√§ftigt, mit ihnen habe ich die Vergangenheit sondiert, vor allem das Alltagsleben des 20. Jahrhunderts.
In Berlin lag die Geschichte bis vor kurzem quasi auf der Straße, an manchen Stellen ist sie, wenn man die Spuren zu lesen vermag, auch immer noch präsent, ohne dass man mit Tafeln auf sie hinweisen muss. Ein Beispiel, wenn Sie durch bestimmte Straßen in Wedding oder Neukölln fahren, sehen Sie heute noch die Spuren der Straßenbahnen im Pflaster, die hier schon seit vielen Jahrzehnten nicht mehr fahren.

AVIVA-Berlin: Sie haben bereits in anderen St√§dten gelebt, beispielsweise in Paris. Warum zieht es Sie dennoch, von k√ľrzeren Unterbrechungen abgesehen, seit Anfang der 1980er Jahre immer wieder nach Berlin? Betrachten Sie Berlin als Ihre (einzige) Heimat?
Annett Gr√∂schner:Ich bin mit 19 Jahren nach Ostberlin gekommen, weil das f√ľr mich die einzige Stadt in der DDR war, in der man einigerma√üen atmen und bei Bedarf auch untertauchen konnte. Ich komme auch gut mit der etwas unfreundlichen Mentalit√§t der Berliner klar, in bin inzwischen ein Teil davon. Berlin ist mein Lebensmittelpunkt. Ich fahre gerne weg, aber ich w√ľrde nicht gern woanders leben wollen. Es ist nur so, dass Berlin allein meine Familie nicht ern√§hrt. Andererseits finde ich es auch gut, die Stadt ab und an von au√üen zu sehen, um sie in Relation zu setzen zur Welt drumherum. Denn der Nabel der Welt ist Berlin f√ľr mich nicht.

AVIVA-Berlin: Sie √§u√üern in Ihrem Kurzgeschichtenband "Parzelle Paradies" Ihren Unmut √ľber die "Gentrifizierung" des Prenzlauer Bergs. So erz√§hlen Sie von horrenden Mieten, der neu entdeckten Freude des "niederen Adels" am Kinder Gro√üziehen und der Entwicklung des Prenzlauer Berges zum "ausgepr√§gteste(n) Ghetto der Berliner Innenstadt". W√§hrend Ihrer Lesung erw√§hnten Sie au√üerdem, dass Sie zwar noch im Prenzlauer Berg wohnen, aber nicht mehr dort leben. Was macht f√ľr Sie den Unterschied zwischen leben und wohnen aus? Wo ist Ihr neuer Lebensmittelpunkt?
Annett Gr√∂schner: Mein Lebensmittelpunkt ist inzwischen die ganze Stadt. Ich habe sehr viele Jahre in Prenzlauer Berg gewohnt, gelebt, Kinder gro√ügezogen und √ľber die Geschichte gearbeitet. Ich brauchte mich aus dem Stadtbezirk nicht zu entfernen, um in der Welt zu sein. Das ist jetzt anders und f√ľr mich ist auch gut so, denn irgendwann wurde diese Welt zu klein. Ich hatte alles erforscht, was zu erforschen war. Andererseits war ich Teil einer Boh√®me, die durch ihr Leben in Prenzlauer Berg den Ort f√ľr Leute interessant gemacht hat, die oberfl√§chlich gesehen das gleiche, am Ende aber dann doch etwas ganz anderes wollten und soviel Geld hatten, den Ort nach ihrem Gutd√ľnken zu ver√§ndern. Das Leben in Prenzlauer Berg ist mir inzwischen zu sehr von einer bestimmten Gruppe von Menschen bestimmt, f√ľr die es chic ist, hier zu wohnen, die aber zunehmend Leute mit kleinem oder - wie bei K√ľnstlern h√§ufig - unregelm√§√üigen Einkommen verdr√§ngen. Die meisten, die fr√ľher hier gelebt haben, sind weggezogen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten k√∂nnen oder sie sind gestorben. Manchmal mutet es wie ein Mittelklasse-Ghetto an. Inzwischen werden auch die ersten Gated Communities gebaut. Wenn die Welt drumherum zu kompliziert oder gef√§hrlich ist, macht man das Tor einfach zu und passt auf, dass nur seinesgleichen Zugang hat. Das ist nicht meine Vorstellung vom Leben in einer Gro√üstadt. Andererseits bin ich nat√ľrlich auch schon durch die Familie in Prenzlauer Berg verwurzelt.

AVIVA-Berlin: "Manchmal f√ľhle ich mich schon den alten Berlinerinnen verwandt, die beim Flanieren durch die Stra√üen eine andere Stadt mit anderen Gesch√§ften und Bewohnern sehen ‚Äď die meisten tot." Sie blicken in Ihrem Buch hinter die Oberfl√§che des gerade Sichtbaren und suchen nach den Spuren der Vergangenheit. Was reizt Sie daran, immer wieder die M√ľhen dieser beschwerlichen Recherchearbeit auf sich zu nehmen, um Bruchst√ľcke vergessener (Berliner) Geschichte zusammenzusetzen?
Annett Gr√∂schner: Ich empfinde die Recherche nicht als beschwerlich. Jede Recherche ist f√ľr mich ein kleines Abenteuer, in jeder staubtrockenen Akte und wenn es nur die eines Schuppens ist, verstecken sich mitunter spannende Geschichten und in den erz√§hlten Lebensgeschichten sowieso.

AVIVA-Berlin: Wenn Sie den zahlreichen Zugereisten und Neu-BerlinerInnen einen Tipp oder einen Leitfaden f√ľr das Leben in Berlin geben m√ľssten, welcher w√§re das?
Annett Gr√∂schner: Ich glaube, jeder, der neu ankommt, muss sich erst einmal selbst orientieren. Man muss einen Faden aufnehmen und ihm ins Labyrinth der Stadt folgen. Ich habe Anfang der achtziger Jahre Berlin auch durch Literatur kennengelernt. F√ľr mich war es Irina Liebmanns "Berliner Mietshaus", ein halbdokumentarisches Werk, das die Geschichten der Bewohner eines Hauses in Prenzlauer Berg beschrieb. Aber man kann sich nat√ľrlich auch erst einmal in eine der √ľber 300 Bus- und Stra√üenbahnlinien oder in die Ringbahn setzen und sich treiben lassen.

AVIVA-Berlin: In "Parzelle Paradies" fragen Sie Ihre LeserInnen auch: "Was w√ľrden Sie machen, wenn Sie √ľber Nacht Kanzlerin w√ľrden?" Was w√ľrden Sie denn (anders) machen, Frau Gr√∂schner? Und was w√ľrden Sie insbesondere in der Stadt Berlin ver√§ndern?
Annett Gr√∂schner: Ich bin vor allem Beobachterin, ich versuche, so wenig wie m√∂glich zu werten, Ideologie ist meine Sache nicht. Ich wei√ü nat√ľrlich auch, dass man nicht √ľber Nacht Kanzlerin wird. Wenn ich das gewollt h√§tte, h√§tte ich nach 1989, als ich Mitbegr√ľnderin des Unabh√§ngigen Frauenverbandes war, in der Politik bleiben m√ľssen. Ich wollte aber lieber Schriftstellerin sein. Trotzdem sehe ich nat√ľrlich die Defizite dieser Gesellschaft, in der mich vor allem der gr√∂√üer werdende Abstand zwischen arm und reich, die schlechten Bildungschancen der Mittellosen und das Abgeh√§ngtwerden gro√üer Teile der Bev√∂lkerung, also die Zumutungen dieses Turbo-Kapitalismus besch√§ftigen und oft auch emp√∂ren. Das ist, wenn man sich nicht nur in einem Teil Berlins aufh√§lt, sondern wie ich, entweder aus Neugierde und/oder berufsbedingt, in Berlin viel herumkommt und auch mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, verst√§rkt zu sp√ľren. Die Ver√§nderung muss im Bildungssystem anfangen, aber im Moment sehe ich eher eine gegenl√§ufige Entwicklung. Leute mit Geld privatisieren die Ausbildung ihrer Kinder, anstatt die √∂ffentlichen Schulen zu st√§rken und zu verbessern. Auch unter den Frauen sehe ich einen Verlust an Solidarit√§t. Jede versucht ihre Probleme individuell zu l√∂sen.

AVIVA-Berlin: Sie f√ľhren Ihre Leserinnen am Ende des Kurzgeschichtenbandes in einen "Frauenruheraum". Dort erinnern Sie die Frauen unter anderem daran, dass "jeder Fu√übreit Terrain, den wir uns erobert haben, wenn es drauf ankommt, verteidigt werden muss." Was sind Ihrer Meinung nach die aktuellen Bedrohungen, denen die Emanzipation und die Freiheit der Frauen gegen√ľberstehen?
Annett Gr√∂schner: Die allgemeine Meinung ist ja, wir sind emanzipiert und gut ist. Aber es ist eine gerade wieder durch Zahlen best√§tigte Tatsache, dass Frauen weniger verdienen als M√§nner und dass Deutschland, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf angeht, in Europa eines der Schlusslichter ist. Frauen in F√ľhrungspositionen? Fehlanzeige. Nur weil es zwei drei meinungsstarke Moderatorinnen im Fernsehen und eine Kanzlerin gibt, geh√∂rt Frauen noch lange nicht die H√§lfte der Welt. Und es gibt immer wieder Versuche, das Erk√§mpfte zu denunzieren, man muss sich nur die uns√§gliche Diskussion vor zwei Jahren in Erinnerung rufen, als Frauen f√ľr alles Elend der Welt und vor allem f√ľr das angebliche allm√§hliche Aussterben der Deutschen verantwortlich gemacht werden sollten. Solche Diskussionen werden immer wieder angezettelt werden und wir werden uns immer wieder dagegen wehren m√ľssen.

AVIVA-Berlin: K√∂nnen Sie unseren LeserInnen verraten, wie Ihre zuk√ľnftigen Projekte nach der Ver√∂ffentlichung von "Parzelle Paradies" aussehen?
Annett Gr√∂schner: Ich arbeite an verschiedenen Projekten gleichzeitig. Gerade habe ich mit dem Fotografen Arwed Messmer, mit dem ich schon einige Projekte gemacht habe, ein Buchmanuskript beendet. Es hei√üt "Verlorene Wege" und besch√§ftigt sich mit dem Uranbergbau in Th√ľringen zu DDR-Zeiten. Au√üerdem gebe ich zusammen mit Grischa Meyer und Barbara Felsmann das Kriegstagebuch einer damals 18-j√§hrigen Berlinerin heraus und werde am Ende des Jahres einen neuen Roman mit dem Arbeitstitel "Walpurgistag" beenden.

AVIVA-Berlin: Vielen Dank f√ľr das Interview und weiterhin viel Erfolg!

Weitere Informationen zu Annett Gröschner finden Sie online unter: www.annettgroeschner.de

Lesen Sie auch unsere Rezension zu "Parzelle Paradies. Berliner Geschichten" auf AVIVA-Berlin.

Interviews Beitrag vom 01.10.2008 AVIVA-Redaktion 





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