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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 02.04.2012

Interview mit Modjgan Hashemian
Annika H├╝ttmann

AVIVA-Berlin traf die T├Ąnzerin und Choreografin am Ballhaus in der Naunystra├če, wo im April gleich zwei ihrer St├╝cke gezeigt wurden, und sprach mit ihr ├╝ber Iran und die Leidenschaft zum Tanz.



Die Revolution in Iran 1979 erlebte die 1975 geborene T├Ąnzerin und Choreografin Modjgan Hashemian als kleines Kind. Mitte der 80er Jahre zog ihre Familie von Teheran nach Deutschland, wo ihr Vater zuvor studiert hatte. Sie absolviert in Berlin ihre Ausbildung als Choreografin an der Ernst-Busch-Hochschule f├╝r Schauspielkunst. Ihre persischen Wurzeln flie├čen oft in ihre Arbeit hinein, vor allem ihre letzten drei Produktionen besch├Ąftigen sich intensiv mit dem Iran:

MOVE IN PATTERNS erz├Ąhlt von Schicksalen iranischer Frauen 1979. Anhand von Kindheitserinnerungen zeigt Hashemian die ersten Tage der Islamischen Revolution in Teheran, die Einschr├Ąnkungen und den Kampf der Frauen.

DON┬┤T MOVE setzt sich mit dem Tanzverbot auseinander, das seit 1979 in Iran herrscht. Welche Konsequenzen hat das f├╝r das Leben und die Bewegungen der Personen, die trotzdem tanzen? Was werden f├╝r Strategien entwickelt um sich ├╝ber das Verbot hinweg zu setzen? Die Choreografin Modjgan Hashemian n├Ąhert sich diesen Fragen, indem sie eine Verbindung zwischen T├ĄnzerInnen aus Teheran und Berlin herstellt.

IN MOTION l├Ąsst zwei Perspektiven auf Teheran aufeinandertreffen: Der junger T├Ąnzer Kaveh flieht aufgrund des Tanzverbotes nach Berlin, wo er sowohl Freiheit als auch Unsicherheit versp├╝rt, Modjgan sieht Teheran als Sehnsuchtsort. Im Tanz begegnen sich die beiden und mit ihnen auch Erinnerungen und Wege in die Zukunft.

AVIVA-Berlin sprach mit ihr ├╝ber ihr Verh├Ąltnis zu Teheran, die dortige Tanzszene und die Bedeutung von Bewegung.

AVIVA-Berlin: Deine letzten drei Produktionen MOVE IN PATTERNS, DON┬┤T MOVE und IN MOTION besch├Ąftigen sich alle mit den Auswirkungen der Revolution im Iran 1979, die beiden letzteren St├╝cke verst├Ąrkt mit dem daraus resultierenden Tanzverbot, das heute dort herrscht. W├╝rdest du die drei Produktionen als eine Trilogie sehen?
Modjgan Hashemian: Es ist eine Trilogie. MOVE IN PATTERNS, der R├╝ckblick in meine Kindheitserinnerungen an Teheran und die Gegenwart 2009, als die gr├╝ne Bewegung aktiv wurde, dann die Frage, wie w├Ąre es gewesen, wenn ich im Iran aufgewachsen w├Ąre und den Wunsch gehabt h├Ątte, T├Ąnzerin zu werden. Diese Frage brachte Susanne Vincenz ( Dramaturgin) und mich nach Teheran, wo wir uns auf die Suche nach Tanz/ Bewegung in der Untergrundszene machten. Nach der Recherche zu DON┬┤T MOVE haben wir beschlossen, ein Tanzst├╝ck zu entwickeln. Da bei war es uns wichtig, den Austausch zwischen den T├ĄnzerInnen aus Teheran und Berlin herzustellen. Wir probten teilweise ├╝ber Skype/ Videotelefonie. Mittlerweile lebt einer der T├Ąnzer aus DON┬┤T MOVE, der aufgrund seiner Leidenschaft zum Tanz in Iran angeklagt wurde, in Berlin. Ich wollte Kaveh, der bei DON┬┤T MOVE nur als Schatten auftreten konnte live auf der B├╝hne sehen und unsere Geschichten zeigen, so ist IN MOTION entstanden. Es gibt Parallelen, es gibt aber auch viele Gegens├Ątze. Vor einem Jahr als Kaveh in Berlin angekommen ist, hat er davon geschw├Ąrmt, wie gut es tut hier zu sein und ich sa├č daneben, hab geheult und wollte nach Teheran.
DON┬┤T MOVE ist f├╝r meine KollegenInnen in Iran und mich nicht nur das Tanzst├╝ck sondern alles drum herum. Ich glaube nicht, dass es hier endet.
Meine Hoffnung besteht darin, dass sich auch in Iran politisch etwas bewegt, allerdings nicht durch einen Krieg! Somit k├Ânnte es passieren, dass aus der Trilogie mehr wird. Wir planen au├čerdem einen Dokumentarfilm ├╝ber meine Arbeit zu drehen.

AVIVA-Berlin: W├╝rdest du sagen, dass es f├╝r dich viel ver├Ąndert hat, dich mit diesem Thema so lange zu besch├Ąftigen? Gibt es Unterschiede zwischen den St├╝cken, die zeigen, dass du dich in das Thema vertieft hast?
Modjgan Hashemian: Es ist kein Thema, mit dem ich mich befasse, weil es mich interessiert, ich lebe diese Ereignisse. Dadurch ist es f├╝r mich keine theoretisch konstruierte Geschichte, da es unmittelbar an mir dran h├Ąngt. Au├čerdem hat sich meine Perspektive k├╝nstlerisch ver├Ąndert, da ich sowohl in DON┬┤T MOVE als auch in der neuen Produktion IN MOTION als T├Ąnzerin involviert bin.

AVIVA-Berlin: Wie kam es, dass du selber in deinen letzten beiden Produktionen tanzt?
Modjgan Hashemian: Dadurch, dass die Thematik so nah an mir dran ist, hab ich das Bed├╝rfnis gehabt, selbst als T├Ąnzerin einzusteigen und dem, was sich so in mir an Wut und Trauer, aber auch Freude ansammelt hat, Raum zu geben - es ├╝ber meinen eigenen K├Ârper auszudr├╝cken.

AVIVA-Berlin: DON┬┤T MOVE ist in direkter Zusammenarbeit mit T├ĄnzerInnen im Iran entstanden und in deiner neuen Produktion IN MOTION treffen, wie du gerade erw├Ąhnt hast, zwei Perspektiven auf den Iran und Teheran aufeinander. Ist es wichtig f├╝r dich, dass du diese unterschiedlichen Perspektiven vereinst, das hei├čt, die direkt Betroffener und dann durch dich eine etwas distanziertere?
Modjgan Hashemian: Bei IN MOTION werden zwei verschiedene Biografien dargestellt, die jedoch viele Parallelen zeigen. Um diese darzustellen nutze ich die k├╝nstlerische Auseinandersetzung, die uns die M├Âglichkeit gibt, das auszudr├╝cken, was wir leben. Die verschiedenen Perspektiven sind in unseren Bewegungen ersichtlich. Der K├Ârper erinnert sich an den Schmerz, Wut, Trauer, aber auch an sinnliche Momente, die Sehnsucht nach dem was einem vertraut ist. Die Dinge, die uns bekr├Ąftigen, weiter f├╝r die Freiheit zu k├Ąmpfen, denn sie sind vorhanden, nur leider unter einer dicken Rauchwolke.

AVIVA-Berlin: Inwieweit w├╝rdest du deine Arbeiten als Kritik an bestehenden Verh├Ąltnissen sehen?
Modjgan Hashemian: Ich sage immer, ich bin keine politische Aktivistin. Aber ich dr├╝cke durch meine Arbeit nat├╝rlich das aus, was wir f├╝hlen und das ist durchaus sehr politisch, das kann man f├╝r mich nicht voneinander trennen. Kunst oder das was ich mache und was ich aussagen will und f├╝hle, das trenne ich nicht voneinander und sage: Das ist jetzt Kunst und das ist Politik. Das ist f├╝r mich eins und miteinander verbunden. Von daher, das, was politisch passiert und uns nat├╝rlich auch irgendwie in eine bestimmte Richtung bringt, das dr├╝cke ich auch im Tanz aus.

AVIVA-Berlin: Wenn Tanzen etwas Verbotenes ist, dann bekommen die Menschen, die sich ├╝ber dieses Verbot hinweg setzen, zwangsl├Ąufig ein anderes Verh├Ąltnis dazu als Menschen, die diese Leidenschaft einfach ausleben k├Ânnen. W├╝rdest du sagen, dass das Tanzen dann sogar eine gr├Â├čere Bedeutung bekommt, wenn mensch es nur heimlich oder unter gro├čen Schwierigkeiten machen kann? Wie gro├č sind die Unterschiede zwischen T├ĄnzerInnen im Iran und T├ĄnzerInnen in Deutschland?
Modjgan Hashemian: Dies ist zwar ein Klischee, dass alles was verboten ist, noch hei├čer wird, aber tats├Ąchlich gibt es eine andere Art sich zu bewegen, was sicherlich auch damit zusammenh├Ąngt, dass es in Iran keine Tanzausbildung gibt. Die KollegenInnen arbeiten nach dem learning by doing Prinzip und entwickeln damit eine eigene Art sich zu bewegen - was sehr spannend ist. Die Kraft hinter dem, was sie ausdr├╝cken, ist eine andere, was sich deutlich zu dem der T├ĄnzerInnen hier unterscheidet. F├╝r mich ist die Bewegung/Tanz verwurzelt und gepr├Ągt mit der Kultur der einzelnen T├ĄnzerInnen. Die ├ťbers├Ąttigung hier ist bestimmt einer der Gr├╝nde, weshalb die Leidenschaft zum Tanzen verbleicht, was aber nicht nur im Tanz der Fall ist.

AVIVA-Berlin: Was bedeutet Tanzen f├╝r dich? Was w├╝rdest du machen, wenn du auf einmal nicht mehr tanzen d├╝rftest?
Modjgan Hashemian: Es ist mein Leben, zu tanzen. Ich w├╝rde auf jeden Fall weiter machen. Das ist auch der Impuls oder das was mir die Kraft gibt, meinen Kollegen im Iran zu helfen die Hoffnung nicht zu verlieren, den Mut nicht zu verlieren und den Tanz als Ventil zu nutzen.

AVIVA-Berlin: Wie f├╝hlst du dich, wenn du in den Iran und speziell nach Teheran reist? Hat deine Arbeit dein Verh├Ąltnis zu der Stadt ver├Ąndert?
Modjgan Hashemian: Wenn ich im Sommer hier in Berlin am Kotti stehe und die Augen schlie├če rieche und h├Âre ich Teheran - das tut gut.
Wenn ich in Teheran lande, kribbelt es in meinem Bauch, als w├Ąre ich verliebt. Das ist sowohl die Aufregung, denn man wei├č nie was passiert, als auch die Freude wieder da zu sein. Das Verh├Ąltnis zu Iran ist wie eine Hassliebe. Auf der einen Seite k├Ânnte ich platzen vor Wut, wenn ich zu Beh├Ârden gehe oder einfach durch die Stra├čen laufe und sehe, unter welchen Umst├Ąnden meine Landsleute leben m├╝ssen, auf der anderen Seite genie├če ich die Energie und H├Âflichkeit. Es gibt in diesem wundersch├Ânen Land soviel zu entdecken, was meinen Augen keine Ruhe gibt, wenn ich dort bin. Teheran ist in stetiger Bewegung - eine Stadt in einem Land, in der die Bewegung verboten wird - schon paradox.

AVIVA-Berlin: Was w├╝rdest du sagen ist f├╝r dich das Wichtigste an deiner Arbeit?
Modjgan Hashemian: Das Wichtigste an meiner Arbeit ist, dass ich dem, was ich sp├╝re, treu bleibe und mich immer aktiv halte, in dem ich mich mit Dingen auseinander setze, die mich bewegen. Hoffentlich irgendwann mit einer eigenen Tanz Company.

AVIVA-Berlin: Viel Erfolg mit den St├╝cken und vielen Dank f├╝r das Interview!
Modjgan Hashemian: Danke, gerne!

Weitere Infos unter: www.ballhausnaunystrasse.de

Modjgan Hashemian online:
www.hashemian.biz

Interviews Beitrag vom 02.04.2012 Annika H├╝ttmann 





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