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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 28.05.2012

Interview mit Marina Belobrovaja
Belobrovaja, Adler

THE DNA-PROJECT basiert auf Interviews mit J├╝dinnen und Juden in der Ukraine, Russland, Israel, Deutschland und der Schweiz. Das Thema: J├╝dische Identit├Ąt(en). Die in Z├╝rich lebende Initiatorin ...



...und K├╝nstlerin erhielt mehr als eine ├╝berraschende Antwort auf ihre Fragen.

"Bekanntlich haben Wissenschaftler das j├╝dische Gen entdeckt, das sich von anderen Genen unterscheidet. Es ist zwar nicht zu 100%, aber gr├Â├čtenteils bei allen Juden vorhanden." Efim Kredenzer

AVIVA-Berlin: Deine Publikation THE DNA-PROJECT soll in wenigen Tagen erscheinen. Wie kam es zu diesem Projekt?
Marina Belobrovaja: Im Herbst 2010 erhielt ich eine Einladung der Z├╝rcher Kuratorin Katarina Holl├Ąnder zur Teilnahme an einer Ausstellung im J├╝dischen Museum Hohenems. Der Titel der Ausstellung ÔÇô das gewisse j├╝dische etwas ÔÇô empfand ich als eine Provokation, denn ich f├╝hlte mich sofort an meine j├╝dische Gro├čmutter erinnert, die an der Physiognomie der Menschen stets zu erkennen vermochte, wer dieses gewisse j├╝dische Etwas besitzt. Ich sah mich also gezwungen, dem etwas entgegen zu setzen.
Per Zufall entdeckte ich zur selben Zeit eine Z├╝rcher Firma Namens iGenea, die als eine der wenigen AnbieterInnen europaweit auf DNA-Tests spezialisiert ist und deren Online-Werbung ungef├Ąhr so lautete: "Sind Sie Jude? Haben Sie j├╝dische Wurzeln? Geh├Âren Sie zu Levi oder Cohen? Kommen Sie zu uns und wir versuchen, das herauszufinden!" Ich fing an zu recherchieren und erfuhr zu meinem gro├čen Staunen, dass die Tests von iGenea in der J├╝dischen Gemeinde Z├╝richs sehr beliebt sind. Was mich noch mehr provoziert hat. Denn was soll ein solcher Test genau besagen? Aufgrund welcher Merkmale kann die j├╝dische Zugeh├Ârigkeit biologisch feststellbar sein? Und au├čerdem: Was wollen Menschen, die von sich wissen, dass sie j├╝disch sind, dabei genau herausfinden? Sie wissen ja, dass sie j├╝disch sind. Es ist nicht zu fassen, dass gerade Juden, deren Geschichte so einschneidend von der Rassentheorie gepr├Ągt war, nun diejenigen sind, die solche Angebote konsumieren.
Das Ergebnis eines solchen "Judentests", den ich ├╝ber mich ergehen lie├č, wurde zu meinem Ausstellungsbeitrag.

"Menschen mit einer ausgepr├Ągten nationalen Identit├Ąt sind sehr gef├Ąhrlich. Sie schaffen eine Atmosph├Ąre, in der sie selbst stets bereit sind, in den Kampf zu ziehen und ihre Kinder in den Kampf zu schicken." Ilia Romm

AVIVA-Berlin: Und was hat der Gentest ergeben?
Marina Belobrovaja: Das hat mich meine Mutter auch gleich gefragt. Als dann das Testergebnis bei mir ankam, fragte sie: Was steht denn da drin? Und da stand: Urvolk Juden oder Slawen. Und meine Mutter meinte dann: Ach, echt? Haben wir tats├Ąchlich so viel slawisches Blut in uns?! Und das bringt es ja genau auf den Punkt! [lacht]

"Dass es heute ausgerechnet Juden sind, die gerade in Israel diese Idee des reinen Volkes weiter vor sich hertragen und dass sich heute noch Rassisten auf Juden berufen k├Ânnen -. Das finde ich den traurigsten Teil der Geschichte." Hanno Loewy

AVIVA-Berlin: Der Gentest lieferte ja erst den Ansto├č f├╝r das eigentliche Projekt. Wie ging es weiter?
Marina Belobrovaja: Nicht zuletzt die spontane Reaktion meiner Mutter machte mir die Notwendigkeit einer Fortsetzung des Projekts deutlich. Ich wollte nun meine Entdeckung dieser kontroversen Geschichte mit iGenea als Anlass nehmen, um die vielen Deutungen der j├╝dischen Identit├Ąt in ihrer ganzen ungel├Âsten Widerspr├╝chlichkeit: zwischen atheistisch und religi├Âs mit den verschiedenen dazugeh├Ârigen Abstufungen, zwischen einer kulturellen Zugeh├Ârigkeit und einer naturgegebenen, in den K├Ârper eingeschriebenen Eigenschaft, zwischen israelischen J├╝dInnen und denjenigen, die in der Diaspora leben oder zwischen den ├ťbergetretenen und den Ausgetretenen auf einander prallen zu lassen.
Die Projektidee war sehr einfach. Es sollten Interviews mit verschiedensten Menschen gef├╝hrt werden, die sich in irgendeiner Art und Weise dem Judentum zugeh├Ârig f├╝hlen. Die Abfolge der Gespr├Ąche sollte als eine Kette funktionieren, das hei├čt, dass ich die erste war, deren ├ťberlegungen zum Thema auf Video aufgenommen wurden. Mit diesem kurzen Statement ging ich zur n├Ąchsten Person in der Kette, f├╝hrte ihr die Aufnahme vor, bat sie, darauf einzugehen und nahm ihre Reaktion wiederum auf Video auf. Der Zusammenschnitt dieser Aufnahme zeigte ich dann der n├Ąchsten Person und so weiter.

"Die j├╝dische Realit├Ąt heute ist eine Anomalie: Das Judentum basiert zwar auf dem Alten Testament, aber die Mehrheit der Juden befolgt es nicht." Moshe Binder

AVIVA-Berlin: Wie hast du deine Gespr├ĄchspartnerInnen ausgesucht?
Marina Belobrovaja: Es war von Anfang an klar, dass es mir nicht um eine repr├Ąsentative soziologische Untersuchung geht, sondern um einen subjektiven Ausschnitt, um die pers├Ânlichen Entw├╝rfe, Haltungen und Einstellungen der portraitierten Personen.
In seiner Anlage h├Ątte das Projekt ja eigentlich kein Ende und k├Ânnte beliebig weiter fortgesetzt werden. Also beschloss ich, die Geographie der Begegnungen autobiographisch, also auf die Ukraine, Russland, Israel, Deutschland und die Schweiz einzugrenzen.

"Ich bin Israeli, so steht es halt in meinem Pass. Ich bin hier geboren. Ich hasse den Ort. Ich ersticke hier. Aber ich hatte keine Wahl. Ich tr├Ąume davon, dass hier ein normaler Ort w├Ąre." Joav Beirach

AVIVA-Berlin: Wie sind die Gespr├Ąche verlaufen?
Marina Belobrovaja: Ich entschied zwar, auf das Fragenstellen zu verzichten, was jedoch nicht bedeutet, dass damit jegliche Manipulation meinerseits vermieden werden sollte. Ganz im Gegenteil! Nat├╝rlich hatte das ganze Vorhaben eine versteckte Dramaturgie. Denn die Abfolge der Gespr├Ąche bestimmte ich und einige Male kam es tats├Ąchlich dazu, dass ich die anfangs vorgesehene Reihenfolge der Treffen kurzfristig ├Ąndern musste, da es auf einmal nicht funktionierte, nicht kontrovers genug war. Die ersten Interviews, die ich in Israel durchf├╝hrte, waren extrem konfliktgeladen ÔÇô was ich in meiner k├╝nstlerischen Arbeit eigentlich immer sehr gerne nutze. Aber hier merkte ich schnell, dass ich unbedingt auch Zwischent├Âne einflie├čen lassen muss, sonst wird das Ganze sehr plakativ und der Komplexit├Ąt, die ich abzubilden suchte, nicht gerecht.

"Ich muss gestehen, dass mich das Ganze etwas irritiert. Hier geht es um Traditionen und Ideale, die meiner linken, feministisch gepr├Ągten Umgebung total widersprechen: wie etwa die Herkunft oder das Blut." Johanna Lier

AVIVA-Berlin: Lassen sich deiner Meinung nach, nachdem die 45 Interviews in den 5 L├Ąndern nun gemacht sind, bestimmte thematische Schwerpunkte oder auch kulturelle Besonderheiten erkennen, die f├╝r die ProtagonistInnen in den jeweiligen L├Ąndern charakteristisch sind?
Marina Belobrovaja: Ja, absolut! [lacht] Wenn man in Israel den Begriff der j├╝dischen Identit├Ąt anspricht, landet man in k├╝rzester Zeit beim Israel-Pal├Ąstina-Konflikt, w├Ąhrend sich meine Gespr├ĄchspartnerInnen in Deutschland vielmehr mit der eigenen gesellschaftliche Rolle als J├╝din oder Jude befassen und der Holocaust in ihren Statements generationenunabh├Ąngig deutlich pr├Ąsenter ist als anderswo. In der Schweiz zeigt sich vorwiegend ein Blick nach Innen. Es geht um eine innere Zerrissenheit, Rastlosigkeit, Fremdheit. In der Ukraine und Russland hingegen, wo man noch bis vor einigen Jahrzehnten ├╝berhaupt keinen Bezug zur Religion hatte, nahm die R├╝ckkehr zum Religi├Âsen bei allen Glaubensrichtungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion rasant zu. Der Begriff der j├╝dischen Identit├Ąt verstanden meine Gespr├ĄchspartnerInnen dort vorwiegend religi├Âs und spirituell, was auf mich angesichts der sehr schwierigen Existenzbedingungen vor Ort oft kompensatorisch wirkte.

"Ich will mich ja auch mal ├╝ber andere Themen unterhalten und nicht die Berufsj├╝din sein." Sharon Adler

AVIVA-Berlin: Nun liegt die Interviewkette in Form einer zweisprachigen (Englisch/Deutsch) Publikation vor. Wie geht es weiter?
Marina Belobrovaja: Die erste Pr├Ąsentation des Buchs findet am 14. Juli im J├╝dischen Museum Hohenems statt. Dieser Ort ist in vielerlei Hinsicht gut f├╝r die Premiere geeignet. Zum einen lieferten Hanno Loewy, Direktor des Museums und Katarina Holl├Ąnder, Autorin und Kuratorin der Ausstellung "das gewisse j├╝dische etwas", die Initialz├╝ndung f├╝r das Projekt. Zum anderen ist der Bucher Verlag, in dem das Buch herausgebracht wird, ebenfalls in Hohenems zuhause. Au├čerdem bietet die aktuelle Ausstellung des Museums "Was Sie schon immer ├╝ber Juden wissen wollten... aber nie zu fragen wagten", in deren Rahmen die Pr├Ąsentation stattfindet und Ausschnitten aus den Videointerviews gezeigt werden, einen inhaltlich gut passenden Rahmen hierf├╝r. Weitere Pr├Ąsentationen in Berlin, Z├╝rich und Wien sind bereits in Planung.



THE DNA-PROJECT
Marina Belobrovaja (Hg.)

├ťbersetzung: Sascha Hosters und Johannes Kleine
Lektorat: Cornelia Wieczorek, Peter Natter
Gestaltung: Nora Cista + Jane Gebel / www.tarzanundjane.ch
Druck: BUCHER Druck, Hohenems
ISBN 978-3-99018-119-5

Ab 14.06.2012 im Handel oder direkt beim Verlag zu bestellen: quintessence.at

Marina Belobrovaja ist 1976 in Kiew (UdSSR) geboren. Nach ihrer Emigration nach Israel und der sp├Ąteren ├ťbersiedlung nach Deutschland studierte sie Bildende Kunst (1998 ÔÇô 2004) und Kunstvermittlung (2004 ÔÇô 2007) an der Universit├Ąt der K├╝nste in Berlin und an der Z├╝rcher Hochschule der K├╝nste. Sie konzentriert sich heute vorwiegend auf Performance. Ihre Aktionen thematisieren auf provokative und zugleich spielerische Weise politische und soziale Ph├Ąnomene. Sie lebt in Z├╝rich.
Weitere Informationen unter:
www.marinabelobrovaja.ch



Interviews Beitrag vom 28.05.2012 AVIVA-Redaktion 





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