Interview mit Sigrid Grajek - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Interviews
AVIVA-Berlin .
.
P
R
.
.

etage7
AVIVA-Berlin > Interviews AVIVA-Newsletter bestellen
AVIVA-Berlin auf Facebook AVIVA-Berlin auf twitter
   Aviva - Home
   Veranstaltungen in Berlin
   Women + Work
   Public Affairs
   Kultur
   J├╝disches Leben
   Interviews
   Literatur
   Music
   Sport
   E-cards
   Gewinnspiele
   Werben bei uns
   About us
   Frauennetze
 


Happy Birthday AVIVA




AVIVA wishes you a happy and peaceful New Year 2018




Aviva-Berlin.de

Versatel






 



AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.08.2012

Interview mit Sigrid Grajek
Maria Mikityla

Ein Gespr├Ąch ├╝ber die ber├╝hmteste Berliner Kabarettistin der 20er Jahre. Mit ihrem Programm "Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen..." reist Sigrid Grajek durch die Bundesrepublik.



AVIVA-Berlin: Du hast das B├╝hnenprogramm f├╝r den Claire Waldoff-Abend komplett selbst geschrieben, wie lange hast Du daf├╝r gebraucht, und wie hast Du f├╝r den umfangreichen biografischen Anteil recherchiert?
Sigrid Grajek: Ja, das hat einige Zeit in Anspruch genommen. Zun├Ąchst musste ich mich erstmal in die Figur einleben und mich selbst fragen, wie ich den Abend ├╝berhaupt gestalten, was ich erz├Ąhlen will. Nat├╝rlich ist es toll f├╝r so ein Programm, wenn man die Figur, die man vorstellt auch selber spielt, aber gewisse Zweifel sind auch damit verbunden. Diese gro├čartige Frau darzustellen ist eine ziemliche Herausforderung f├╝r mich gewesen. Nat├╝rlich zweifelte ich zwischendurch ob ich mir das erlauben kann. Ob es nicht anma├čend ist, tats├Ąchlich in ihre Rolle zu schl├╝pfen. Aber schlie├člich habe ich mich dazu entschieden. W├Ąhrend meiner Recherche habe ihre Memoiren gelesen, und die Biografien, die ├╝ber sie verfasst wurden und habe ich mich immer intensiver ihrer Pers├Ânlichkeit angen├Ąhert. Ich habe mir ein komplettes Jahr Zeit genommen um das Programm zu perfektionieren und so lange daran herum zu formen bis es sa├č.

AVIVA-Berlin: Wie bist du ausgerechnet auf Claire Waldoff gekommen?
Sigrid Grajek: Als mein damaliger Chef im Berliner Brett┬┤l mich an das Kabarett heranf├╝hrte, sagte er: "Du brauchst unbedingt ein Soloprogramm!" Und als ich mir dann ├╝berlegte wer da als Figur in Frage k├Ąme war das eigentlich schon optisch klar. Ich habe als Schauspielerin wirklich versucht weiblich zu sein, habe mir die Haare lang wachsen lassen und so weiter. Das war aber alles nicht ich. Und da bin ich eigentlich schon auf Claires Wegen gewandelt. Sie hat ja als sie mit dem Theater anfing auch immer versucht m├Âglichst weiblich zu sein. Oder zumindest dem gesellschaftlichen Anspruch an eine Frau zu gen├╝gen. Bis sie es einfach irgendwann sein lie├č und sich so auf die B├╝hne stellte, wie sie war. Und dieses Burschikose hat sie sich bewahrt. Das hat sie zum Original gemacht. Und so ist sie das Vorbild f├╝r viele die danach gekommen sind. Zum Beispiel Marlene Dietrich, mit der sie ja auch sehr h├Ąufig auf der B├╝hne stand und der sie einiges beibrachte. Nat├╝rlich kennen alle das Bild von Marlene in Anzug und Krawatte. Dass in Wirklichkeit aber Claire das Vorbild gewesen ist, wei├č heute kaum noch jemand. Das finde ich spannend an der Figur. Sie ist v├Âllig zu Unrecht in Vergessenheit geraten.

AVIVA-Berlin: Du hast im Programm dar├╝ber gesprochen, dass viele ihrer Freunde und Texter von den Nazis verschleppt wurden. War Claire Waldoff w├Ąhrend dieser Zeit im Widerstand aktiv?
Sigrid Grajek: Sie war nicht in einer Partei organisiert. Allerdings hat Claire ihren Freunden und Bekannten, st├Ąndig Geld geschickt, wenn sie selbst welches hatte. Sie hat finanziell viel zur Fluchthilfe anderer beigetragen. Und war nicht nur deshalb den Nazis ein Dorn im Auge. Nat├╝rlich entsprach sie mit ihren Liedern, ihrem Erscheinungsbild und dar├╝ber hinaus offen lesbisch lebend ├╝berhaupt nicht dem Idealbild der deutschen Frau. Besonders Goebbels war sie ein Dorn im Auge. Mehrmals wurde ihr ein Auftrittsverbot angedroht. Nachdem sie 1933 vor der kommunistischen "Roten Hilfe" aufgetreten war, durfte sie dann tats├Ąchlich nicht mehr auf die B├╝hne. Deshalb musste sie schlie├člich in die Reichskulturkammer eintreten. Doch 1936 verbot ihr Goebbels dann, in der Berliner Scala zu spielen. Von da an ging ihre Karriere bergab. Die Engagements wurden immer weniger. Aber sie war nat├╝rlich ein Original. Ihre Lieder wurden auf der Stra├če gesungen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Zu ihrem Lied "Hermann hee├čta" wurde eine zus├Ątzliche Strophe ├╝ber Hermann G├Âring gedichtet. "Rechts Lametta, Links Lametta und der Bauch wird imma fetta und in Preu├čen issa Meesta, Hermann hee├čta". Das war f├╝r die Parteispitze nat├╝rlich weniger gute Werbung. Allerdings konnte man sie nicht so einfach abs├Ągen. Daf├╝r war sie gl├╝cklicherweise viel zu bekannt. Aber Drohungen gab es einige. Zum Beispiel erschien eine Ausgabe einer tschechischen Tageszeitung, auf deren Titel stand, dass Claire Waldoff von den Nazis inhaftiert und im Gef├Ąngnis Selbstmord beging. Das war ganz klar ein Warnschuss.

AVIVA-Berlin: Was ber├╝hrt Dich am meisten an Claire Waldoff und welche besonderen Erfahrungen hast Du mit dem Programm gemacht?
Sigrid Grajek: An Claire ist besonders faszinierend, dass sie sich nicht verstellt hat. Sie hat es immer geschafft, ihre Aussagen so zu treffen, wie sie sie meinte. Wenn sie wegen der Zensur nicht im Anzug und Krawatte auftreten durfte, dann hat sie als Kompromiss eben einen Stiftrock angezogen. Die Aussage blieb die gleiche. Oder die brisante Tatsache, dass sie ein Loblied auf Frauenbeine sang. Das entsch├Ąrfte sie einfach, indem sie in die Rolle eines Schuhputzjungen schl├╝pfte. Damit konnte sie die Zensur geschickt umgehen. Claire war ein Berliner Original, ihre Beliebtheit in allen Kreisen ist beachtlich. Mit Tucholsky war sie befreundet, mit Heinrich Zille zog sie durch die Kneipen und mit ihrer Freundin Olly war sie eine angesehene Szenegr├Â├če im Berlin der 20er Jahre. Sie hatte eine unheimlich gro├če Bandbreite an Publikum, weil sie mit ihren Liedern sowohl die Fabrikbesitzer als auch die Fabrikarbeiter ansprach. Das erreichte sie eben dadurch, dass sie "vom Leben singen" wollte. Deshalb habe ich auch diesen Satz von ihr als Titel f├╝r den Abend ausgew├Ąhlt.
Die Leute, die Claire live erlebt haben, sterben aus. Es gibt noch ein paar, die Kinder waren als sie sie gesehen haben. Und wenn sie von dem Erlebnis erz├Ąhlen, bin ich immer ├╝berw├Ąltigt von der Begeisterungswelle, die auch nach 7 Jahrzehnten davon ausgel├Âst wird. Die alten Leute strahlen aus allen Knopfl├Âchern, wenn sich von Claire berichten. Diese Frau muss eine so au├čerordentliche Pers├Ânlichkeit gewesen sein, den Menschen so viel Freude bereitet haben und ├╝ber eine unglaublich positive Kraft verf├╝gt haben, da├č es einfach ein sehr gro├čer Verlust w├Ąre, diesen Menschen der Vergessenheit anheim fallen zu lassen. Die Lieder, die sie gesungen hat, sind teilweise auch heute noch von einer Aktualit├Ąt, da├č man nicht glauben mag, da├č sie 100 Jahre alt sind.



Sigrid Grajek, Jahrgang 1963, studierte Theaterwissenschaften, Germanistik und Philosophie und machte schlie├člich eine Schauspielausbildung. Bis 1991 arbeitete sie als Schauspielerin und Regieassistentin in der Theatermanufaktur Berlin. Nach der Arbeit als Regieassistenz bei den Jedermann-Festspielen konzentrierte sie sich aufs Schauspiel. Sie spielte in der freien Szene, im Stadttheater Bremerhaven und war von 1995 bis 2011 Ensemblemitglied des Kabaretts Berliner Brett┬┤l. Dar├╝ber hinaus tritt sie als Comedy-Figur Coco Lor├Ęs als Moderatorin und mit ihrem Solo-Programm "Cocooning" auf.
Zum 50. Todestag von Claire Waldoff 2007 stellte sie das Programm "Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen..." fertig. Seitdem gastiert sie deutschlandweit damit.

Mehr Infos unter: www.sigridgrajek.de

Fotos von Sigrid Grajek: Martina Puchalla


Interviews Beitrag vom 24.08.2012 AVIVA-Redaktion 





  © AVIVA-Berlin 2018 
zum Seitenanfang suche sitemap impressum datenschutz home Seite weiterempfehlenSeite drucken