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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 20.09.2012

Rainhas do Norte - brasilianische Trommelmusik, ohne Samba und Federbikini
Katarina Wagner

Sieben Frauen haben sich in Berlin zusammen getan, um die Musik des Nordosten Brasiliens zu spielen. Mit melodischem Gesang und Percussion treten sie abwechslungsreich und tanzbar f├╝r weibliche...



... Selbstbestimmung ein. Im AVIVA-Gespr├Ąch erkl├Ąren sie, was an ihnen besonders ist und fragen, warum reine M├Ąnnerformationen eigentlich nie erkl├Ąren m├╝ssen, warum sie keine weiblichen Mitglieder haben.

Rainhas do Norte hei├čt ├╝bersetzt K├Âniginnen des Nordens. Rainhas, die nicht ├╝ber andere, sondern ├╝ber sich selbst bestimmen do Norte, weil sie die Musik des Nordosten Brasiliens spielen. Aus Liebe zu dieser Musik und, um zu zeigen, dass das s├╝damerikanische Land noch andere Rhythmen zu bieten hat, entschieden sie sich bewusst, keinen Samba zu spielen. In ihren Songs dominieren mal die Percussion-Instrumente in lauten, mitrei├čenden Rhythmiken, oder sie untermalen zur├╝ckhaltend den klaren Gesang, der die H├ÂrerInnen manchmal fast schon melancholisch einh├╝llt und dann wieder zum Feiern animiert.
Die f├╝nf Brasilianerinnen und zwei Deutsche nehmen dabei alles selbst in die Hand. Von schweren Trommeln ├╝ber Shaker, bis Mikrofon und von Komposition, ├╝ber Aufnahme und Produktion bis zur grafischen Gestaltung des Booklets. Ihr gro├čer Traum ist es, mit ihrer Musik nach Brasilien zu reisen. ├ťber CDs und das Internet ist sie schon dorthin gelangt und hat ihnen einige Fans eingebracht. Bis es soweit ist und sie in ihrer (musikalischen) Heimat Konzerte spielen k├Ânnen, erfreuen sie das Publikum in Deutschland mit ihrer Musik.

Jeden Montag treffen sie sich in Tempelhof zur Probe. Dort bin ich mit f├╝nf von ihnen, Christine, Emilia, Karin, Marie und Renata, zum Interview verabredet. Schon von drau├čen h├Âre ich Trommeln aus dem Geb├Ąude. Als ich den Proberaum betrete, besprechen die Rainhas gerade die letzten Details f├╝r das Konzert am Freitag. Es wird viel durcheinander geredet und gelacht.
So geht das auch im Gespr├Ąch mit mir weiter. Ich merke, dass sie schon so vertraut miteinander sind, dass sie sich auch mal offen widersprechen und dann schnell wieder vers├Âhnen k├Ânnen.

Renata beschreibt das so: Wir fallen uns st├Ąndig ins Wort, aber keine wird richtig sauer - h├Âchstens kurzzeitig. Eine sagt was, die andere lacht dar├╝ber, dann lachen wir alle zusammen. Wir nehmen uns ernst mit Humor.

Angefangen hat alles im Jahr 2002, als die Percussionistin Neide Alves aus Recife, Brasilien, nach Berlin kam, Workshops gab und einige Bekannte zusammentrommelte, um eine Band zu gr├╝nden. Sie spielten Maracatu. Ein Stil der auf Elementen der traditionellen afrikanischen Musik basiert. Das auff├Ąlligste Merkmal sind wohl die mit gro├čen, tiefen Holztrommeln, die Alfaias. Bis aus dieser Gruppe die Rainhas von heute wurde, dauerte es noch eine Weile ÔÇô die rein weibliche Besetzung hat sich jedoch schon zu Beginn durchgesetzt.

Emilia: "Vor allem Anfang wurden wir noch oft gefragt, warum wir eine reine Frauengruppe sind. Das ist eine Frage, die M├Ąnnern nie gestellt wird. Mittlerweile ist es aber normaler geworden, es gibt immer mehr Frauen, die Musik machen."



Nach und nach haben die Musikerinnen begonnen, eigene St├╝cke zu komponieren und sich vom Dasein als Coverband getrennt.

Als vor etwa f├╝nf Jahren dann die `Chefin` Neide ein Kind bekam und ausstieg, beschlossen die K├Âniginnen, keine neue Bandleaderin zu w├Ąhlen, sondern die Aufgaben und Songs nach pers├Ânlichen St├Ąrken zu verteilen.
Damit und mit ihrer Musik, die melodischen Gesang zu den Trommeln hinzuf├╝gt, l├Âsten sie sich von der klassischen Samba- und Trommelszene. Dort dominieren n├Ąmlich Sambaschulen, bei denen ein Lehrer oder eine Lehrerin die Sch├╝lerInnen musikalisch anf├╝hrt.
Auch Karin spielte vor ihrer Zeit bei den Rainhas Samba und war noch eine dirigirende Figur gewohnt:
"Das ist der gro├če Unterschied. Ich dachte, hier kann man kreativ sein. Am Anfang hat es mich noch ein bisschen entt├Ąuscht, weil Neide die Regie ├╝bernommen hat und es auch viele Streitigkeiten gab. Die gibt es heute immer noch, aber wir sind in eine lange, gute Phase gekommen, in der wir kreativ unsere eigenen Lieder gestaltet haben, die alle auf der CD zu h├Âren sind."
Emilia: "Ein weiterer Unterschied ist, dass all unsere St├╝cke arrangiert sind. Bei anderen Gruppen entsteht die Musik eher spontan. Trotzdem sind wir beliebt in der Szene, weil wir unsere eigene Arbeit haben."
Renata: "Weil wir grooven!"
Marie: "Und wir haben Songs. Mit Struktur, mit Anfang, mit Ende, mit RefrainÔÇŽ"
Emilia: "Mit Texten und Gesang."
Marie: "Eigentlich sind es Popsongs, nur ohne Gitarre und Bass."

Ihre Lieder entstehen ganz unterschiedlich. Mal schreibt Emilia zuerst den Text und Renata kreiert die Melodie dazu oder andersherum. Zusammen in der Gruppe entstehen dann die Arrangements, wobei Marie wiederum die Expertin ist.
Die fertige Musik kommt bei Konzerten sehr gut an. Nat├╝rlich gab es auch mal Auftritte, bei denen sie einfach mit der falschen Musik am falschen Ort waren, ├╝berwiegend k├Ânnen sie ihr Publikum aber begeistern. Auch wenn dieses es manchmal nicht so deutlich zeigt:

Marie: "Wir spielten einmal bei einem Stadtfest in einem kleinen Kaff. Vor der B├╝hne standen direkt die Bierb├Ąnke, mit lauter Opas und Omas, die ihren Kaffee tranken. Wir gaben alles auf dem Konzert und die klatschen nur sehr verhalten, sie haben wahrscheinlich nichts verstanden. Wir dachten, wir passen hier ├╝berhaupt nicht hin, die m├Âgen uns gar nicht und klatschen nur, weil sie nett sindÔÇŽ und dann am Ende gab es eine Schlange, um die CDs zu kaufen, manche wollten Autogramme!"
Karin: "Auf der CD waren nur drei St├╝cke!"
Emilia: "Wir entsprechen nicht dem Klischee: M├Ąnner die trommeln und Frauen im Bikini. Manchmal wissen die Leute nicht viel damit anzufangen, aber eigentlich gibt es immer viele Leute, die zu unserer Musik tanzen."

Bei ihren Konzerten wollen die sieben Frauen vor allem mit ihrer Musik und durch ihre Ausstrahlung ├╝berzeugen. Das gelingt ihnen auch: Auf der Party zum Record-Release ihres ersten Longplayers spielten sie dieses Jahr wieder vor einem bis in die letzten Ecken gef├╝llten Haus.



Christine: "F├╝r mich war es auch immer eine Motivation, ein Vorbild f├╝r andere zu sein. Dass man auch mit fast f├╝nfzig noch auf der B├╝hne stehen kann und was hergibt. Viele Leute finden uns ja auch gut, gerade weil wir nicht so glatt geb├╝gelt und sehr unterschiedlich sind."

Auch in ihren Texten feiern sie die Diversit├Ąt, sich selbst und pl├Ądieren f├╝r Selbstbewusstsein und weibliche Souver├Ąnit├Ąt.

Marie: "Ich identifiziere mich sehr mit unseren Texten. Das sind wirklich sehr weibliche Texte, finde ich. Es erinnert mich an Clarice Lispector. Eine brasilianische Schriftstellerin, ukrainischer Abstammung, die sehr intime B├╝cher geschrieben hat. Echte Reisen in sich selbst. Genauso klingen viele St├╝cke der Rainhas f├╝r mich. Es ist eine Frauenstimme, die spricht."

Die Songautorin Emilia f├╝gt hinzu, dass es sich dabei nicht um eine Frau in der Opferrolle handelt, sondern um ein aktives weibliches Ich.
"Ich schreibe die Texte so, wie ich Gedichte schreibe, wobei ich mehr auf Rhytmus und Musikalit├Ąt achte. Wor├╝ber ich schreibe entsteht aus Gespr├Ąchen mit der Band und insbesondere mit Renata, die die meisten St├╝cken komponiert hat. Was heraus kommt wird durch meine feministische Seite und meine Liebe zur Poesie gepr├Ągt. Der Titelsong der CD, "Cada Uma" ist der feministischste von allen und besagt, dass jede Frau eine Einzelne Frau ist und keine von uns soll und will in Schubladen gesteckt werden."

Renata fasst zusammen: die Rainhas sind immer dabei, alles zu hinterfragen:
"Unsere `Stellung` als Frauenband, unser Platz in der Percussion-Szene, oder Musikszene, oder Pop-Musik, die Weiblichkeit unsere Texte, oder auch nicht. Wir sind fast nie einverstanden und verstehen uns doch gut. Und machen zusammen harmonische Musik - ohne harmonischen Instrumente! Eine Welt voller Paradoxe. Ist das die weibliche Welt? Oder einfach die menschliche?"

Von all ihren Songs lautet ihre Lieblingszeile: "Minha atual atividade, desafiar tua comodidade"
├ťbersetzt etwa: "Meine aktuelle Besch├Ąftigung ist es, deine Bequemlichkeit herauszufordern."
So verpacken sie (hier in dem Song mundial) Kritik an Herrschaftsverh├Ąltnissen in Poesie und Musik und versuchen dem `Rest der Welt` au├čerhalb des wei├čen, androzentrischen Machtmonopols eine Stimme zu geben.

AVIVA-Tipp: Die Frauenpower der Rainhas do Norte ├╝bertr├Ągt sich auch ohne Portugiesischkenntnisse. Selbstsicher demonstrieren sie, dass Percussion und Stimmen genug sind, um ihr Publikum zum Tanzen zu bringen und gleichzeitig in harmonische Melodien zu h├╝llen. Und das alles ganz ohne Samba oder "Nossa".

Rainhas do Norte:
Christine Nu├čbaum: Alfaia , Xequer├¬ , Snare, Zabumba, Caxixi, Triangel
Emilia Mello: Lyrics, Snare, Alfaia, Glocke, Caxixi, Triangel, Woodblock, Oceandrum, Cowbell
Franci Oliveira: Vocals, Alfaia, Tambourim, Shaker, Cowbell, Chinelos
Grace Kelly: Alfaia, Shaker, Chinelos, Krakebs, Woodblock
Karin Zey: Alfaia, Timba, Schellenring, Agog├┤, Maultrommel
Marie Leão: Vocals, Drum Set, Snare, Shaker, Triangel, Darbuka
Renata da Ribeira: Vocals, Cowbell, Alfaia

CADA UMA
Label: Globalista
Aufgenommen von Rodrigo Sánchez im PAC-Studio
Mixing: Rodrigo Sánchez, Emilia Mello, Marie Leão, Renata da Ribeira.
Master: Hofa-Studio
artwork: Christine Nu├čbaum und Emilia Mello

Weitere Infos:

www.rainhas.de

www.rainhas.de

www.sambasyndrom.de


┬ę Fotos: Rainhas do Norte

Interviews Beitrag vom 20.09.2012 Katarina Wagner 





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