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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 07.06.2013

E-Interview mit Johanna Urban
Ilka Fleischer

┬┤Lippenstift statt Treppenlift┬┤ lautet die Devise von Johanna Urbans 80j├Ąhriger Mutter. Das gleichnamige Buch handelt von ihrem Bem├╝hen, diesem Motto auch nach der Diagnose Demenz treu zu bleiben.



Das gleichnamige Buch handelt von ihrem Bem├╝hen, diesem Motto auch nach der Diagnose ┬┤Demenz┬┤ treu zu bleiben und sich von nichts und niemand ÔÇô und schon gar nicht von der eigenen Tochter ÔÇô ┬┤alt und krank┬┤ machen zu lassen. Im Mittelpunkt steht dabei das Ringen der Autorin, dem zunehmenden Unterst├╝tzungsbedarf ihrer Mutter gerecht zu werden und bei deren zuweilen renitenter Haltung weder die Nerven noch den Job zu verlieren.

Im Interview mit AVIVA-Berlin verr├Ąt Johanna Urban, wie sich ihr Mutter-Tochter-Verh├Ąltnis im Laufe der Jahre gewandelt hat, und wie es ihr (oft erst im Nachhinein) gelingt, die kleinen Schrullen und gro├čen Sturheiten der Mutter von der humorvollen Seite zu nehmen...

AVIVA-Berlin: "Manchmal ist es zum Weinen mit Mama...und manchmal ist es einfach nur zum Heulen..." schreiben Sie zwar an einer Stelle, aber ansonsten ├╝berwiegen in Ihrem Buch heitere Episoden aus dem Alltag mit Ihrer demenzkranken Mutter. Inwieweit gelingt Ihnen die humorvolle Perspektive in Ihrem Alltag? In welchen Situationen bleibt Ihnen das Lachen aber auch mal "im Halse stecken"?
Johanna Urban: Es ist jetzt nicht so, dass ich neben meiner Mutter sitze und st├Ąndig kichere, weil alles so absurd-komisch mit ihr ist. Witze ├╝ber die Situation zu rei├čen, das gelingt mir immer erst im nachhinein. Wahrscheinlich ist das meine Weise, die Sache zu verarbeiten und mir selber Mut zu machen. Ich hoffe, dass sich das in dem Buch auf Leser, die ebenfalls demenzkranke Angeh├Ârige haben, ein bisschen ├╝bertr├Ągt.
Schwer geschluckt habe ich erst vor ein paar Tagen, als meine Mutter bei einem Spaziergang, bei dem sie eine Stunde lang in Endlosschleife behauptete, eine Wohnungs-Nachbarin h├Ątte ihre Unterw├Ąsche gestohlen (was nat├╝rlich nicht stimmte), inne hielt und ganz klar sagte: ÔÇ×Liebe Zeit, was rede ich eigentlich f├╝r einen Unsinn?! Ich w├╝nsche dir, mein Kind, dass du diese Krankheit niemals bekommst!ÔÇť

AVIVA-Berlin: Eingangs berichten Sie von einer wichtigen Dienstreise, die Sie fast verschoben h├Ątten, um sich (noch besser) um Ihre Mutter k├╝mmern zu k├Ânnen. Wie gelingt es Ihnen - bei aller F├╝rsorge f├╝r Ihre Mutter - Ihr "eigenes" Leben nicht zu vernachl├Ąssigen?
Johanna Urban: Kaum! Ich bin tats├Ąchlich extrem eingespannt und habe ziemlich oft das Gef├╝hl, dass alles andere zu kurz kommt. Erst k├╝rzlich beispielsweise brauchte meine Mutter dringend ein Gebiss, deshalb war ich mit ihr gef├╝hlte 25 Mal beim Zahnarzt. Jetzt hat sie strahlendwei├če nagelneue Z├Ąhne. Und ich habe Karies, denn meine eigenen Zahnarzttermine musste ich aus Zeitmangel st├Ąndig stornieren.

AVIVA-Berlin: Inwieweit konnten und k├Ânnen Sie auf das Verst├Ąndnis von ArbeitgeberIn, KollegInnen, FreundInnen und Familie bauen? Wie leicht f├Ąllt es Ihnen selbst, Hilfe von Au├čen anzunehmen? Und inwiefern f├╝hlen Sie sich gesellschaftlich gut unterst├╝tzt oder eben auch "allein" gelassen?
Johanna Urban: Grunds├Ątzlich gibt es schon viel Verst├Ąndnis ÔÇô es sind ja auch so viele andere betroffen! Wenn man sich mit den Leuten ├╝ber das Thema unterh├Ąlt, bekommt man das Gef├╝hl, in jeder Familie gibt es gebrechliche, kranke oder demente Omas und Opas bzw. M├╝tter und V├Ąter. Aber das erkl├Ąrt auch, warum Hilfe von Au├čen eher rar ist ÔÇô dazu hat wirklich keiner Zeit.
Hilfe anzunehmen (wenn es denn mal welche g├Ąbe) f├Ąllt mir ├╝brigens extrem leicht! Ganz anders als meiner Mutter, die jeden Helfer am liebsten rauswerfen w├╝rde, weil sie denkt, sie schafft alles noch immer ganz allein.

AVIVA-Berlin: Im Unterschied zu vielen anderen Familien leben Sie - wenn auch nicht unter einem Dach - so doch zumindest in einer Stadt mit Ihrer Mutter. Was w├╝rden Sie Betroffenen und Angeh├Ârigen empfehlen, die kompliziertere Ausgangsbedingungen haben? Inwieweit k├Ânnen professionelle Dienstleister die famili├Ąre Unterst├╝tzung Demenzkranker ersetzen? Worin liegen deren Vorz├╝ge, worin die Nachteile?
Johanna Urban: Mein Buch erz├Ąhlt von einer Zeit, in der meine Mutter erst leicht dement war. Und selbst da ging es nicht ohne Unterst├╝tzung, obwohl wir in der gleichen Stadt wohnen. Professionelle Hilfe finde ich gro├čartig, man sollte unbedingt alles annehmen, was man sich leisten kann bzw. was die Kasse bezahlt. Meine Mutter selbst wurde zweimal t├Ąglich von Schwestern der Caritas besucht, und ich war immer wieder positiv ├╝berrascht, wie nett und einf├╝hlsam sie mit ihr umgingen. Sie waren einfach Profis ÔÇô ganz im Gegensatz zu mir.
Wenn man weit entfernt wohnt, dann setzt der Moment, in dem man die Mutter oder den Vater fremder Hilfe, etwa in einem Heim, anvertrauen muss, sicher etwas fr├╝her ein. Aber das muss nicht schlecht sein! Es ist ja so, dass die meisten Betroffenen in den Seniorenheimen regelrecht aufbl├╝hen und erstmal wieder geistig fitter werden. Da gibt es Gymnastik, Mahlzeiten in Gesellschaft, geschultes Personal und st├Ąndige Ansprache ÔÇô sowas kann kein Angeh├Âriger leisten, zumal dann nicht, wenn er berufst├Ątig ist. Und es ist auf jeden Fall besser f├╝r das Verh├Ąltnis zu den Kranken, wenn man zum Plaudern und Spazierengehen vorbeikommt, und nicht, um sie zu waschen oder trockenzulegen. Das m├Âgen sie n├Ąmlich nicht, und man selbst mag es auch nicht so.

Vorsichtig w├Ąre ich mit Schwestern aus dem Ausland, die bei den alten Leuten einquartiert werden. Solche Schwestern eignen sich sicher toll f├╝r Alte, die einfach nur ein wenig Hilfe brauchen ÔÇô aber nicht so f├╝r Demente. Viele Leute entscheiden sich ja daf├╝r, damit die Betroffenen ihre geliebten Wohnungen nicht verlassen m├╝ssen. Dabei vergessen sie diese meist nach verbl├╝ffend kurzer Zeit im Heim. Alzheimer ist gn├Ądig!

AVIVA-Berlin: "Es hat sich vieles in ihrem Leben ge├Ąndert in dem Jahr: Wir J├╝ngeren haben die Angelegenheit Mama generalstabsm├Ą├čig in die Hand genommen...," schreiben Sie r├╝ckblickend. Einerseits wird allseits empfohlen, Demenzkranke zum Erhalt ihrer Eigenst├Ąndigkeit zu motivieren, andererseits "geht es" aber eben oft nicht anders, wie sie selbst berichten. Wie w├Ągen Sie hier grunds├Ątzlich bzw. situativ ab?
Johanna Urban: Leider kommt es oftmals unterlassener Hilfeleistung gleich, wenn Demenzkranke in bestimmten Bereichen nicht unterst├╝tzt werden. Meine Mutter beispielsweise w├╝rde nicht mehr ausreichend trinken, nichts essen und die falschen oder gar keine Medikamente einnehmen. Wenn man da nicht geholfen h├Ątte, w├Ąre sie wahrscheinlich gar nicht mehr am Leben, denke ich.
Ansonsten war es so, dass ich meine Mutter schon sehr stark motivieren musste, halbwegs aktiv zu bleiben. Wenn es nach ihr gehen w├╝rde, dann w├╝rde sie den ganzen Tag auf dem Sofa liegen und sich nicht bewegen. Deswegen habe ich ihr immer kleine Aufgaben gegeben, zum Beispiel staubsaugen oder die paar Meter zum Briefkasten zu gehen.

AVIVA-Berlin: An mehreren Stellen beschreiben Sie, dass Ihre Mutter im Laufe der Krankheit phasenweise weniger von Au├čen isoliert wurde als sich selbst zur├╝ckgezogen hat. Welche Tipps w├╝rden Sie Betroffenen geben, damit sie weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben und ihren Krankheitsverlauf nicht auch noch durch ihren eigenen "R├╝ckzug" beschleunigen?
Johanna Urban: Mir gelingt es leider nicht mal richtig, meiner eigenen Mutter Tipps zu geben. Sie h├Ârt einfach ungern auf mich. Die Tipps nerven die Erkrankten n├Ąmlich wahnsinnig, denn sie wissen ja selbst, dass sie aktiv bleiben sollen. Zumindest theoretisch. Aber sie wollen oder k├Ânnen nicht mehr. Das ist eben eine typische psychische Begleiterscheinung, denn h├Ąufig sind demente Menschen ja auch depressiv.
Einen Tipp habe ich f├╝r die Angeh├Ârigen: Weiternerven! Und die Betroffenen mit sanfter Gewalt einfach zum Restaurantbesuch/Spaziergang/Familienausflug zwingen. Meistens sind sie hinterher ganz froh, dass sie dabei waren.

AVIVA-Berlin: "Wir zwei haben uns schon lange nicht mehr so gut verstanden wie heute," fassen Sie in Ihrem Schlusskapitel die gemeinsame Entwicklung seit der Demenz-Diagnose zusammen. Teilt Ihre Mutter Ihre Einsch├Ątzung oder w├Ąre aus ihrer Perspektive ein ganz anderes Buch entstanden?
Johanna Urban: Auf Mamas Buch w├Ąre ich wirklich gespannt! Das w├Ąre sicher ganz anders als meines.
Was unser Verh├Ąltnis angeht: Es bewegt sich in Wellen und ist derzeit wieder besonders schlecht. Selbst wenn meine Mutter mal allerbester Laune ist, wird sie sofort sauer, sobald sie mich sieht, und dann jammert sie mich voll, dar├╝ber, wie schlimm das Altern sei, die Abh├Ąngigkeit von Krankenpflegern und so weiter. Au├čerdem geht es dann ausufernd darum, was ich immer alles falsch mache.
Vor Dritten allerdings schw├Ąrmt sie regelrecht von mir, deswegen versuche ich, ihre Meckertiraden einigerma├čen stoisch zu ├╝berstehen.

AVIVA-Berlin: Ihre Mutter zeigt (im Rahmen des Buches) noch keine Anzeichen "fortgeschrittener" Demenz. Gibt es eine (gemeinsame) Planung f├╝r eine Zukunft mit erh├Âhtem Pflegebedarf?
Johanna Urban: Tats├Ąchlich ist sie seit einigen Wochen in einer Seniorenresidenz und wohnt dort mit 15 anderen Demenzpatienten in einer Wohngruppe zusammen. Es ging zu Hause gar nicht mehr, denn sie konnte keine Alltagsentscheidungen mehr treffen. Die ├ťberlegung, welches Nachthemd sie abends anziehen soll, hat sie zum Beispiel so fertig gemacht, dass sie weinend anrief und immer nur stammelte, sie k├Ânne das alles nicht mehr. Es war ziemlich schrecklich. ├ťber den Umweg in ein ÔÇ×normalesÔÇť Krankenhaus, in das sie eingewiesen wurde, weil sie so desorientiert war, kam sie dann ins Seniorenheim.
Jetzt emp├Ârt sie sich st├Ąndig dar├╝ber, dass sie im Heim leben muss. Tats├Ąchlich scheint es ihr aber richtig gut zu gehen. Sie hat sich mit den anderen dort angefreundet, sie geht turnen, sie verpasst keines der Heimkonzerte. Und sie sch├Ąkert mit den Pflegern (besonders mit einem). Pl├Âtzlich tr├Ągt sie auch wieder Lippenstift und achtet auf ihr ├äu├čeres. Das hatte sie davor monatelang nicht mehr getan.
Aber es gibt auch wieder neue Dramen: Neulich legte sich eine verwirrte Mitbewohnerin in Mamas Bett. Davor hat sie auch noch ihre Pralinenschachtel leer gefuttert. Da war dann die H├Âlle los!

AVIVA-Berlin: Durch Ihre humorvolle, optimistische und pragmatische Perspektive ist Ihr Buch ein absoluter Mutmacher f├╝r Menschen in vergleichbaren Situationen. Was sind Ihre wichtigsten Tipps f├╝r Angeh├Ârige und Betroffene, die gerade erst mit der Diagnose "Demenz" konfrontiert wurden?
Johanna Urban: Es ist in jedem Fall ein schwerer Moment. Vielleicht hilft es, wenn man sich vergegenw├Ąrtigt, wie in fr├╝heren Generationen damit umgegangen wurde. Da ben├╝tzte kaum einer die so schockierend klingenden Begriffe Demenz oder Alzheimer, sondern es hie├č einfach: Die Oma wird vergesslich. Jeder kannte Geschichten von alten Leuten, die im Winter mit dem Bademantel zum B├Ącker gingen oder im Sommer im Nerz auf der Parkbank sa├čen und ├Ąhnliches. So verschroben wurden eben alte Leute. Na und?
Bei dieser Betrachtungsweise kommt einem die Sache dann vielleicht nicht so sehr wie ein Drama vor, sondern als etwas, das im Alter fast schon normal ist.
Und noch etwas sollte man wissen: Wenn die Krankheit diagnostiziert ist, hat man immer noch sehr sehr viel Zeit, um alles zu tun, was man m├Âchte.

AVIVA-Berlin: Wir danken Ihnen f├╝r das Interview!


Lippenstift statt Treppenlift: Vom Chaos mit meiner achtzigj├Ąhrigen Mutter
Johanna Urban Autorin

Taschenbuch: 224 Seiten
Verlag: Bastei L├╝bbe (Bastei Verlag)
Erscheinungsdatum: 17. Mai 2013
ISBN-10: 3404607333
ISBN-13: 978-3404607334
EUR 8,99

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