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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 15.08.2014

Von der Philosophie zum Filmemachen: Interview mit der Regisseurin Nana Ekvtimishvili
Dorothee Kr├Âger

"Georgische Filme mit 14-j├Ąhrigen M├Ądchen interessieren niemanden". Im Gespr├Ąch ├╝ber ihren dokumentarischen Spielfilm "Die langen hellen Tage" spricht die Georgierin von der schwierigen Suche...



... nach weiblicher Identit├Ąt in einer Gesellschaft, in der h├Ąusliche Gewalt, Brautentf├╝hrungen und Waffengeschenke auch heute noch eine Realit├Ąt konstituieren, die junge Frauen auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden bestimmt.

Nana Ekvtimishvili wurde 1978 in Tiflis, Georgien geboren. Dort studierte sie sp├Ąter zun├Ąchst Philosophie, ging dann nach Deutschland an die Hochschule f├╝r Film und Fernsehen in Potsdam und machte einen Abschluss in Dramaturgie und Drehbuchschreiben.

AVIVA-Berlin: Wie kam es dazu, dass Sie sich nach dem Philosophiestudium daf├╝r entschlossen nach Deutschland zu gehen und Dramaturgie zu studieren?
Nana Ekvtimishvili: Als ich die Schule beendet habe wollte ich erstmal Bildung sammeln, B├╝cher lesen, die Welt sehen. Philosophie hat mich damals interessiert, aber das Studium habe ich nach anderthalb Jahren abgebrochen und bin nach Deutschland an eine Filmhochschule gegangen. Ich brauchte unbedingt etwas K├╝nstlerisches, wollte mit Menschen zu tun haben. Film und Kurzgeschichten haben mich immer begeistert. Deshalb dachte ich, das w├Ąre das Richtige f├╝r mich: Geschichten schreiben und sie mit Film kombinieren.

AVIVA-Berlin: Gab es einen bestimmten Grund daf├╝r, dass Sie nach Deutschland gegangen sind?
Nana Ekvtimishvili: In den 90ern verlie├č ich wie viele andere Georgien. Einige gingen arbeiten, andere studieren. Ich wollte unbedingt im Ausland studieren. Deutsch war meine Fremdsprache in der Schule und meine Schwester ist Philologin f├╝r die deutsche Sprache.

AVIVA-Berlin: "Die langen hellen Tage" spielt im postsowjetischen Georgien, genauer gesagt in Tiflis im Jahr 1992. Im Zentrum steht die Suche nach weiblicher Identit├Ąt der zwei Protagonistinnen. Spielen Ihre eigenen Erfahrungen aus dieser Zeit auch eine Rolle?
Nana Ekvtimishvili: Nat├╝rlich. Ich war 1992 auch 14 Jahre alt. Ich kann nicht sagen, dass es 100 Prozent ein autobiographischer Film ist. Aber alles, was im Film geschieht, hat mit mir zu tun oder mit meiner Familie, mit meinen Freunden. Es ist alles in meiner unmittelbaren N├Ąhe geschehen.

AVIVA-Berlin: Der Film spielt kurz nach der Unabh├Ąngigkeit von der Sowjetunion. Sie erz├Ąhlen eine Geschichte zweier junger Frauen, die gesellschaftliche Zw├Ąnge ├╝berwinden wollen. Wie sah denn das Leben der Frauen der ├Ąlteren Generation in der Sowjetunion aus?
Nana Ekvtimishvili: Als alles zusammengebrochen ist, waren es die Frauen, die die Familien erhalten haben. Die gearbeitet haben, die Essen f├╝r die Familie beschafft haben. Viele Frauen haben im Ausland gearbeitet und das Geld nach Hause geschickt. Ich denke, die M├Ąnner waren diejenigen, die sich verloren haben. Die gingen in den Krieg, starben an Stra├čenauseinandersetzungen in Tiflis, oder Drogen. Es waren die Frauen, die wirklich auf dem Boden blieben.

AVIVA-Berlin: Der Film zeigt die h├Ąusliche Gewalt, in der Natia lebt, aber auch Formen der Gewalt, die auf der Stra├če stattfinden. Ist es Ihre Absicht gewesen, mit dieser Darstellung Kritik zu ├╝ben? Und wurden Sie selbst daf├╝r kritisiert?
Nana Ekvtimishvili: Ich wollte einfach darstellen, was ich erlebt habe, was ich damals gesehen habe. Viele fragen mich, ob ich eine Feministin bin und was ich ├╝ber georgische M├Ąnner denke. Als ich das Drehbuch schrieb und wir den Film gemacht haben, hatte ich ├╝berhaupt nicht das Gef├╝hl, dass ich jemanden explizit kritisiere oder, dass ich mit dem Finger auf die M├Ąnner zeige. Wir wollten die Bilder von damals ohne Kommentar liefern. Unsere Absicht war es, dokumentarisch daran zu gehen.

AVIVA-Berlin: Wie wurde darauf reagiert, dass Sie die Gewalt so offen darstellen?
Nana Ekvtimishvili: Die Reaktion war sehr gut. Die Leute haben angefangen, ├╝ber die 90er Jahre zu sprechen und von eigenen Erfahrungen zu erz├Ąhlen zu verarbeiten, zu reflektieren: "Was geschah damals? Was war mit mir los in dieser Zeit?" Es waren auch Leute dabei, die sich Sorgen dar├╝ber gemacht haben, was wohl ├╝ber Georgien gedacht wird, wenn man den Film im Ausland zeigt.

AVIVA-Berlin: Sie haben gesagt, dass Sie eigene Erfahrungen mit eingeflochten haben. Warum war das Thema der weiblichen Identit├Ąt f├╝r Sie selbst so wichtig?
Nana Ekvtimishvili: Wahrscheinlich an erster Stelle, weil ich auch eine Frau bin. Aber ich sehe auch, wie es anderen Frauen geht. Manchmal ├Ąrgere ich mich, dass einige von ihnen sagen, es sei doch alles in Ordnung. Vielleicht sagt das diejenige, die nicht von einem Mann verpr├╝gelt wird, oder deren Vater ihr eine sichere Kindheit verschafft hat. Aber dar├╝ber muss man hinaussehen. Warum ist es eigentlich so, dass man es braucht, von einem Mann "besch├╝tzt zu werden"? Auch ohne "Besch├╝tzer" sollte man sich wohlf├╝hlen.

AVIVA-Berlin: In Georgien war es lange Zeit ├╝blich, Frauen zu entf├╝hren und sie so zur Heirat zu zwingen. Auch heute passiert dies vereinzelt noch. Was k├Ânnen Sie uns ├╝ber Ihre eigenen Erfahrungen mit den Entf├╝hrungen erz├Ąhlen, die Sie im Film zeigen?
Nana Ekvtimishvili: Ich wurde nie selbst entf├╝hrt, habe das aber im Freundeskreis und in der Familie sehr nah erlebt. Manchmal habe ich ├╝berlegt: Ist das wirklich passiert, wie ist das m├Âglich? Ich verstand es nicht. Ist es ein Brauch, ist es ein Verbrechen? Wie stehen die Familien dazu? Das kann doch nicht sein! Wie kannst du als 14-j├Ąhrige heranwachsende Frau in dieser Gesellschaft ├╝berleben, auch innerlich? Dass du einfach du bleibst und dass du deinen Weg findest und nicht den Leuten geh├Ârst, die dich zu irgendetwas zwingen.

AVIVA-Berlin: Lika Babluani und Mariam Bokeria leben als Teenager in Georgien. Inwieweit haben die (Laien)Darstellerinnen durch ihre Erfahrungen heute ihre Rollen mitgestalten k├Ânnen? Spielen sie sich ein wenig auch selbst?
Nana Ekvtimishvili: Auf jeden Fall. Die Schauspieler bringen das Pers├Ânliche mit und spielen sich auch ein St├╝ck weit selbst. Wir haben ihnen das Buch nicht zum Lesen gegeben, haben aber lange Zeit mit ihnen geprobt und die Figuren auf diese Weise gemeinsam geschaffen. Sie haben es wirklich von Herzen, mit Gef├╝hl und sehr viel Intuition gemacht. Wir k├Ânnten denken: "14-j├Ąhrige M├Ądchen wissen noch nichts vom Leben". Doch sie besitzen eine Art Weisheit, die du vielleicht bei Erwachsenen nicht finden kannst. Weil sie so ehrlich, so unvoreingenommen sind. Das haben sie auf jeden Fall mit in den Film reingebracht.

AVIVA-Berlin: Die Thematik des Films besch├Ąftigt Sie, wie Sie sagen, seit Ihrer Jugend. Wie lange haben Sie an "Die langen hellen Tage" gearbeitet?
Nana Ekvtimishvili: 2008 war das Buch fertig. Anderthalb Jahre lang haben wir nach Produktionen in Deutschland und Georgien gesucht, doch das Thema Georgien und zwei 14-j├Ąhrige M├Ądchen waren nicht interessant genug. Dann hat Simon in Deutschland und wir beide in Georgien eine Produktionsfirma gegr├╝ndet und selbst den Film produziert. Wir haben bis 2012 gedreht und 2013 hatten wir Premiere auf der Berlinale.

AVIVA-Berlin: Ihr Film wurde mit einer Vielzahl von Preisen pr├Ąmiert. Unter anderem den C.I.C.A.E. Prize der "Conf├ęd├ęration Internationale des Cin├ęmas d┬┤Art et d┬┤Essai" bei den 63. Internationalen Filmfestspielen Berlin oder der Nominierung f├╝r den diesj├Ąhrigen Oscar. Was fasziniert die Menschen an Ihrem Film?
Nana Ekvtimishvili: Was den Zuschauer fasziniert, ist die Ehrlichkeit der beiden M├Ądchen, die eigentlich nicht wissen, was sie machen, wie sie leben oder wie sie weitergehen sollen. Ich glaube, Film lebt an erster Stelle von Figuren. Und die Menschen k├Ânnen diese beiden M├Ądchen sehr gut verstehen und sehr gut sp├╝ren. Das war in jedem Land so.

AVIVA-Berlin: Was waren die gr├Â├čten Herausforderungen?
Nana Ekvtimishvili: Die Schwierigkeit war die Finanzierung. Wir wussten nicht, ob wir den Film drehen k├Ânnen, weil es in Georgien nur eine Filmf├Ârderung gibt, Georgia National Film Center. Die hat sehr wenig Geld und konnte bisher nur zwei Filme finanzieren. 2011 haben wir die F├Ârderung bekommen, das waren nur 100 000 Euro. Dann haben wir in Frankreich eine Koproduktion gefunden und in Deutschland haben die Sender ZDF/arte und das BKM das Projekt gef├Ârdert.

AVIVA-Berlin: Stellen Sie sich vor, Sie w├╝rden in 20 Jahren einen Film ├╝ber das heutige Georgien machen. Wovon w├╝rden Sie erz├Ąhlen wollen?
Nana Ekvtimishvili: Rache ist ein gro├čes Thema. Es hat in letzter Zeit viele Regierungswechsel in Georgien gegeben. Ich frage mich immer, wie wird Macht ausgenutzt, wie damit umgegangen? Heute ist derjenige Pr├Ąsident oder derjenige ein MinisterÔÇŽwill er sich jetzt daf├╝r r├Ąchen, wie er in fr├╝herer Zeit behandelt wurde? Spielen die Rachegef├╝hle mit, oder nicht?

AVIVA-Berlin: K├Ânnen Sie sich auch andere Themen vorstellen?
Nana Ekvtimishvili: Sexuelle Minderheiten und wie sich die Kirche diesen gegen├╝ber verh├Ąlt. Vor einem Jahr, am 17. Mai, gab es eine Demonstration. Es ging um schwule und lesbische Rechte, gegen die die Kirche ist. Dabei wurden Leute verpr├╝gelt.
Viele Menschen in Tiflis meinen: "Ja, die sollen machen, was sie wollen. Aber sie sollen nicht in die ├ľffentlichkeit treten". Mit Outing k├Ânnen sie ├╝berhaupt nicht umgehen. Viele d├╝rfen ├╝berhaupt nicht sagen und ├Ąu├čern, wie sie sind. Sie werden regelrecht, vor allem von der Kirche, aufgefordert, sich versteckt zu halten.

AVIVA-Berlin: Sie selbst studierten eine Zeit lang an der HFF Potsdam. Wie hat sich ihr Blick auf Georgien durch Ihren Aufenthalt in Deutschland ver├Ąndert?
Nana Ekvtimishvili: Diese Zeit war f├╝r mich sehr wichtig. Die Distanz zu meiner Heimat hat sehr vieles f├╝r mich verst├Ąndlich gemacht. Die Distanz hilft einem zu verstehen, was einem wichtig ist oder nicht. Als ich nach einer Weile zur├╝ck nach Georgien ging, viel mir pl├Âtzlich auf, dass in Tbilisi ├╝berall Berge zu sehen sind, dass die Landschaft so anders ist... wenn in meiner visuelle Wahrnehmung solche Dinge passieren, dann passieren auch Ver├Ąnderungen in meiner inneren Wahrnehmung.

AVIVA-Berlin: "Die langen hellen Tage" ist Ihre vierte filmische Produktion. Neben einem weiteren Spielfilm haben Sie einen Kurzfilm und eine Dokumentation gemacht. Welche filmischen Erfahrungen haben Sie in "Die langen hellen Tage" eingebracht?
Nana Ekvtimishvili: Du bringst alle Erfahrungen ein, die Du in deinem Leben gemacht hast. Egal ob das mit einem Film zu tun hat oder nicht. Die Erfahrung einen Film gedreht zu haben, ist wichtig f├╝r den n├Ąchsten Film. Vielleicht l├Âst du die Probleme dann anders beim n├Ąchsten Film. Insgesamt wirst du sicherer. Aber die Erfahrungen, die du generell in deinem Leben gemacht hast, sind auch sehr wichtig, da beim Filme machen nicht nur technische, sondern auch menschliche Fragen auftreten. Die menschliche Erfahrung brauchst du am allermeisten.

AVIVA-Berlin: K├Ânnen Sie uns einen Ausblick auf Ihr kommendes Buch oder einen kommenden Film geben? Woran arbeiten Sie gerade?
Nana Ekvtimishvili: Ich habe einen Roman geschrieben, der demn├Ąchst in Georgien erscheinen wird und ein Buch f├╝r den n├Ąchsten Film ist auch in Arbeit: "Meine gl├╝ckliche Familie" wird der Film hei├čen und einen Einblick in eine georgische Gro├čfamilie in der heutigen Zeit bieten.

AVIVA-Berlin: Nana Ekvtimishvili, vielen Dank f├╝r das Gespr├Ąch!


"Die langen hellen Tage" startete am 12. August 2014 im Kino. Weitere Infos zum Film unter:

www.dielangenhellentage.de und auf Facebook

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

"Die langen hellen Tage"

Copyright Foto von Nana Ekvtimishvili: Dorothee Kr├Âger


Interviews Beitrag vom 15.08.2014 AVIVA-Redaktion 





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