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AVIVA-BERLIN.de im Mai 2018 - Beitrag vom 23.04.2016

Ein Interview mit der Berliner B├╝ndnis 90/Die Gr├╝nen-Politikerin Anja Kofbinger
Christine Langer, Sharon Adler

Die Abgeordnete, als Quereinsteigerin in die Politik gelangt, sprach mit AVIVA-Berlin ├╝ber Frauen und Gleichstellungspolitik, den Diversity-Ansatz, symbolische Stra├čenumbenennungen und die Auswirkungen der AfD-Wahlergebnisse auf ...



... Frauen und LGBTIQs.

Anja Kofbinger sitzt f├╝r die Gr├╝nen im Abgeordnetenhaus, ist Frauen- und Queerpolitische Sprecherin als auch Mitglied in der Jury des Hatun-S├╝r├╝c├╝-Preises, der 2016 zum vierten Mal von der Fraktion B├╝ndnis 90/Die Gr├╝nen an Berliner Organisationen und Initiativen verliehen wurde, die sich f├╝r die Selbstbestimmung von M├Ądchen und Frauen einsetzen. Bei der Verleihung der Louise-Schroeder-Medaille war Anja Kofbinger Kuratoriumsmitglied. Mit der Medaille wurde am 21. April 2016 das "Desert Flower Center" des Krankenhauses Waldfriede in Berlin-Zehlendorf ausgezeichnet, das medizinische und psychosoziale Unterst├╝tzung f├╝r Frauen mit Genitalverst├╝mmelung leistet.

Als ihren bisher gr├Â├čten politischen Erfolg bezeichnet Anja Kofbinger ihre Mitwirkung bei der Einf├╝hrung der Eingetragenen Partnerschaft im Jahr 2001. Die 56-j├Ąhrige Politikerin lebt in Nord-Neuk├Âlln, wo sie sich unter anderem gegen Gentrifizierung und f├╝r eine positive Kiezentwicklung engagiert. F├╝r AVIVA-Berlin nahm sich Anja Kofbinger als Politikerin und Privatperson die Zeit f├╝r ein E-Interview im Rahmen der Reihe "9 Fragen an Berliner Politiker*innen".

AVIVA-Berlin: Sie leben seit 17 Jahren in Nord-Neuk├Âlln - was verbindet Sie pers├Ânlich mit diesem Bezirk und wie empfinden Sie seine Entwicklung vom sogenannten Problembezirk zum Szenekiez mit explodierenden Mietpreisen?
Anja Kofbinger: Die Entwicklung weg vom angeblichen Ghetto hin zu was neuem Innovativen finden wohl die meisten als wohltuend. Aber die damit verbundenen Verwerfungen, wie z.B. steigende Mietpreise und Verdr├Ąngung, wollen wir, die dort wohnen, nicht hinnehmen. Das ist gut so und es hat sich gezeigt, dass wir als Nachbarschaft funktionieren. Die B├╝rger*innen Nord-Neuk├Âllns haben zusammen mit den Oppositionsparteien den Regierenden die H├Âlle hei├č gemacht und ihnen 2 Milieuschutzgebiete per Einwohnerantrag abgerungen. Das war vielleicht ein Zirkus, jetzt wird es hoffentlich bald umgesetzt.

AVIVA-Berlin: Stichwort: "25 Jahre Berliner Gleichstellungsgesetz" (13. Januar 2016) ÔÇô Sie engagieren sich f├╝r Frauen- und Gleichstellungspolitik und kritisieren auf Ihrer Homepage, dass das seit 2002 in der Berliner Landespolitik verankerte Prinzip des Gender Mainstreamings kaum angewendet werde. Wo sehen Sie bei der Umsetzung von Gleichstellungspolitik in Berlin Ver├Ąnderungsbedarf?
Anja Kofbinger: Wenn wir ├╝ber Gender Mainstreaming sprechen, spreche ich auch immer gerne ├╝bers Geld, da wird die ganze Sache n├Ąmlich schwierig und die Kollegen Staatssekret├Ąre ganz schmallippig und geizig. Durch Gender Budgeting, der gerechten Verteilung des Geldes zwischen den Geschlechtern, kann man n├Ąmlich unendlich viel Gutes erreichen. Hier muss noch sehr viel umgesetzt werden, um eine faire und transparente Mittelvergabe sicher zu stellen. Ansonsten gilt: Nicht nur reden - machen! Das ist die gr├Â├čte Schw├Ąche der Gro├čen Koalition; m├Âgen h├Ątten sie schon gewollt, aber d├╝rfen haben sie sich nicht getraut.

AVIVA-Berlin: In Ihren unterschiedlichsten politischen ├ämtern und als Mitglied diverser Vereine und Organisationen setzen Sie sich f├╝r die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt ein. 2009 wurde vom Senat ein berlinweiter Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie unter dem Titel "Berlin tritt ein f├╝r Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt" beschlossen, an dem die Gr├╝nen intensiv mitgewirkt haben. Was hat sich seit der Umsetzung des Aktionsplans f├╝r LGBTIQs in Berlin Ihrer Meinung nach ver├Ąndert?
Anja Kofbinger: Genau das, was er bewirken sollte, die Akzeptanz sexueller Vielfalt und Homophobie sichtbar zu machen und zu bek├Ąmpfen. Der Ursprungsantrag von meinem Kollegen Thomas Birk und mir hie├č noch "Aktionsplan gegen Homo- und Transphobie". Und genau darum geht es jetzt, aktiv der Homo- und Transphobie in Berlin mit verschiedensten Mitteln entgegentreten. Ich glaube, auch wenn der Plan in den letzten Jahren nicht wesentlich weiterentwickelt wurde, dass die kommende Regierung auf sehr gute Strukturen zur├╝ckgreifen kann.

AVIVA-Berlin: Als stellvertretende Fraktionsvorsitzende und Sprecherin f├╝r Queerpolitik haben Sie sich f├╝r einen Paradigmenwechsel von lesbisch, schwul und trans* hin zu einem Diversity-Ansatz stark gemacht. Ein Teil davon war im vergangenen Jahr auch die Veranstaltungsreihe "Vielfalt konkret - Diversity in Berlin gestalten". Warum ist Ihnen dieser Wechsel wichtig und was kann er bewirken?
Anja Kofbinger: Wer erfolgreich sein will, muss die Kr├Ąfte b├╝ndeln und genau das kann mit einem guten Diversity-Konzept geschehen. Dieser Ansatz passt zu Berlin, gerade weil er weit ├╝ber den ├╝blichen Homo/Trans-Ansatz hinausgeht. Wenn man sich die Diversity-Dimensionen anschaut ÔÇô Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Religion/Weltanschauung, Ethnie und physische F├Ąhigkeiten ÔÇô erkennt man ziemlich schnell, dass das der ├╝berwiegende Teil der Berliner Bev├Âlkerung ist. Deshalb habe ich in den letzten Jahren kontinuierlich mit allen wichtigen Ansprechpartner*innen in der Stadt Kontakt gehalten und unser gr├╝nes Konzept weiterentwickelt.

AVIVA-Berlin: In den letzten 20 Jahren hat die gesellschaftliche Akzeptanz von LGBTIQs in Deutschland zugenommen. Dennoch kam die erste Studie des "Deutschen Jugendinstituts" zu Diskriminierungserfahrungen von LGBT*-Jugendlichen zu dem Ergebnis, dass 82 Prozent der LGBT* Teilnehmer*innen und 96 Prozent der Trans* Teilnehmer*innen Diskriminierung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und/oder ihrer geschlechtlichen Zugeh├Ârigkeit erleben. Welche Ursachen sehen Sie f├╝r die Ergebnisse der Studie und welcher Handlungsbedarf ergibt sich daraus?
Anja Kofbinger: Die Ursache ist, dass die Gesellschaft als komplexes Konstrukt noch nicht so weit ist LSBTI-Jugendliche selbstverst├Ąndlich zu akzeptieren. Ulrich Beck nannte das mal "verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre". Ein Problem, das mir als Feministin ├╝brigens nicht unbekannt ist. Da helfen leider nur 3 Dinge: Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation.
Mit den Eltern der mobbenden Jugendlichen, mit den mobbenden Jugendlichen selber und nat├╝rlich mit den vom Mobbing betroffenen Eltern wie Jugendliche. Nicht nur in der Schule, aber auch dort. Ein unendlich m├╝hsamer Prozess, aber notwendig. Wir brauchen ein Empowerment der Jugendlichen und ebenso Schutzr├Ąume, wohin sie sich zur├╝ckziehen k├Ânnen. F├╝r all das braucht man Ressourcen, die dringend zur Verf├╝gung gestellt werden m├╝ssen, wenn sich was ├Ąndern soll.

AVIVA-Berlin: "WISSMANN MUSS WEG!" - Sie haben am 8. M├Ąrz, dem Internationalen Frauentag, die symbolische Stra├čenumbenennung der nach einem Kolonialherren in Deutsch-Ostafrika benannte Wissmannstra├če in die Charlotte-Wolff-Stra├če initiiert. Charlotte Wolff war ├ärztin, Sexualwissenschaftlerin und lesbische J├╝din, die in Neuk├Âlln schwangere Frauen beraten hat, bevor sie 1933 vor den Nazis fl├╝chten musste. Wie haben die Anwohner*innen auf die Aktion reagiert?
Anja Kofbinger: Erstaunlich positiv, das hat mich sehr gefreut. An diesem Tag hatten wir Kontakt zu drei Anwohner*innen, die sich spontan bereit erkl├Ąrt haben, aus dieser symbolischen Umbenennung eine echte zu machen. Wir werden in absehbarer Zeit eine Veranstaltung mit den Anwohner*innen in der Werkstatt der Kulturen ÔÇô ebenfalls von einer Anwohner*in ÔÇô organisieren und dann schauen wir mal weiter. Ich bleibe auf jeden Fall am Ball.

AVIVA-Berlin: Welche Stra├čenumbenennungen sind in der Zukunft geplant?
Anja Kofbinger: Na, jetzt mach ich erst mal diese hier zu Ende.

AVIVA-Berlin: Sp├Ątestens seit den Wahlergebnissen der AfD bei den Landtagswahlen in Baden-W├╝rttemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ist der Rechtsruck auch in Deutschland deutlich geworden. Welche Auswirkungen hat das Erstarken von rechtpopulistischen Parteien und Bewegungen auf Frauen und LGBTIQs in Deutschland und wie k├Ânnen wir ihm entgegenwirken?
Anja Kofbinger: Dieser Rechtsruck hat erst mal keine sichtbare Wirkung auf Frauen und LSBTIQs, weil die AfD im Augenblick noch ein Paria ist und von den anderen Parteien gemieden wird, ├Ąhnlich wie die NPD damals in Sachsen. Unterschwellig wird das Erstarken der Rechten aber einen negativen Einfluss z. B. auf die Akzeptanz sexueller Vielfalt und die Gleichstellungspolitik haben, da bin ich mir sicher. Das hei├čt aber einfach f├╝r uns alle, dass wir uns wieder st├Ąrker politisch einmischen m├╝ssen, um diesen Einfluss auch wieder zur├╝ck zu dr├Ąngen. Das schafft man n├Ąmlich, wenn man sich gemeinsam f├╝r mehr Demokratie und ein solidarisches Miteinander einsetzt. Da habe ich nat├╝rlich gut reden, ich mache den ganzen Tag nichts Anderes und werde auch noch gut bezahlt daf├╝r. Aber es ist mir sehr ernst. Wenn der Demokratie Ungemach droht, sind in erster Linie die Demokrat*innen zu ihrer Verteidigung aufgerufen.

AVIVA-Berlin: AVIVA-Berlin bietet u.a. aktuelle Literaturvorschl├Ąge von Frauen f├╝r Frauen an. Welches Buch w├╝rden Sie unseren Leser_innen empfehlen, das Sie zuletzt gelesen haben?
Anja Kofbinger: Das letzte Buch war nat├╝rlich ein Krimi. Von Wolfgang Schorlau "Die sch├╝tzende Hand" ein sehr einfach geschriebener aber sehr gut recherchierter Krimi ├╝ber den NSU-Komplex. Ich fand ihn spannend und lesenswert.




Anja Kofbinger, geboren 1960 in Gelsenkirchen, absolvierte nach dem Realschulabschluss eine Ausbildung zur Vermessungstechnikerin. Im Anschluss machte sie ihr Abitur und studierte Rechts- und Politikwissenschaft in Bochum und Berlin. Seit 1989 ist sie Mitglied bei B├╝ndnis 90/Die Gr├╝nen und war unter anderem Sprecherin der BAG Lesbenpolitik (1997-2006).

Sie ist Mitglied des Abgeordnetenhauses f├╝r den Wahlkreis Neuk├Âlln, Stellvertretende Fraktionsvorsitzende sowie Mitglied im Petitionsausschuss. Die Politikerin ist au├čerdem Mitglied in diverseren Organisationen und Verb├Ąnden, wie unter anderem im Vorstand des Lesben- und Schwulenverbandes Berlin-Brandenburg (LSVD) und der ├ťberparteilichen Fraueninitiative Berlin ÔÇô Stadt der Frauen e. V.

Mehr Informationen zu Anja Kofbinger unter:

www.kofbinger.de
www.parlament-berlin.de
www.facebook.com/people/Anja-Kofbinger

Weitere Informationen zum Interview finden Sie unter:

Hatun-S├╝r├╝c├╝-Preis 2016 ÔÇô Gr├╝ne Fraktion lobt zum vierten Mal Frauenrechtspreis aus
Vielfalt konkret! ÔÇô Diversity in Berlin gestalten
Initiative "Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt"
Aktion zum Frauentag: Wissmann muss weg!
Louise-Schroeder-Medaille
"Desert Flower Center" Waldfriede

Weiterlesen auf AVIVA-Berlin:

Hatun-S├╝r├╝c├╝-Preis 2016 ÔÇô Die Fraktion B├╝ndnis 90/Die Gr├╝nen zeichnete Engagement f├╝r M├Ądchen und Frauen aus Am 5. Februar 2016 wurden zum vierten Mal drei Berliner Projekte und Initiativen gew├╝rdigt. Ziel des Frauenrechtspreises ist es, Menschen in den Vordergrund zu r├╝cken, die sich oft im Stillen mit viel Tatkraft f├╝r die Emanzipation und Gleichberechtigung von M├Ądchen und junge Frauen einsetzen. (2016)

Gedenkfeier f├╝r Hatun S├╝r├╝c├╝ zum neunten Todestag am 07. Februar 2014 Sie befreite sich aus einer Zwangsehe und f├╝hrte danach ein selbstbestimmtes Leben in Berlin. Kurz vor dem Abschluss ihrer Gesellenpr├╝fung als Elektroinstallateurin wurde die junge Mutter ermordet (2014)


Copyright Foto Anja Kofbinger: Sharon Adler



Interviews Beitrag vom 23.04.2016 AVIVA-Redaktion 





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