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AVIVA-BERLIN.de im Juni 2018 - Beitrag vom 24.08.2016

Antje R√°vic Strubel im AVIVA-Interview
Dorothee Robrecht

Antje R√°vic Strubel, 1974 in Potsdam geboren, ist derzeit eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen deutscher Sprache. Vor kurzem erschien ihr j√ľngster Roman "In den W√§ldern des menschlichen Herzens".



Zum Roman: Der Roman ‚Äď ein Episodenroman - spielt an wechselnden Schaupl√§tzen, auf Hiddensee, in Kalifornien, New York und den W√§ldern Skandinaviens. Jede seiner zw√∂lf Episoden erz√§hlt von einer Beziehung, wie zum Beispiel der zwischen Ren√© und Katja: Katja, die coole Barfrau aus Berlin, ist Ren√©s erste gro√üe Liebe. Ren√© bewundert Katja, und wenn sie davon tr√§umt, Schriftstellerin zu werden, dann auch, weil sie hofft, Katja damit zu imponieren. Die beiden machen Urlaub in Skandinavien, und Strubel erz√§hlt mit einer beinah unglaublichen Lakonie, wie dieser Urlaub und diese Liebe scheitern. "Es macht keinen Spa√ü mehr", l√§sst sie Katja sagen, "mehr gibt es dazu nicht zu sagen." Warum die beiden so sang- und klanglos auseinandergehen, l√§sst die letzte Episode des Romans zumindest ahnen: Katja taucht auch in dieser Episode noch einmal auf, Kat hei√üt sie jetzt und ist inzwischen ein Mann - ein Mann, der N√§he eher meidet als sucht und sich in Arbeit fl√ľchtet.

Katja, Kat, Ren√©, Helen, Emily, Fay, Leigh, Sara, Norman, so hei√üen die Protagonist/innen Strubels. Sie lieben und begehren sich, in wechselnden Konstellationen, und oft ist es schwierig, das Scheitern nah. "In den W√§ldern des menschlichen Herzens" ist ein melancholischer Roman √ľber die Suche nach Beziehungsformen, die nicht vorgezeichnet sind durch klassische Vorstellungen davon, wie man/frau zu sein und zu f√ľhlen hat. Doch so melancholisch seine Grundstimmung auch ist ‚Äď Hoffnung l√§sst er, den Mutigen zumindest. Denn wie hei√üt es gleich zu Beginn des Romans: "Nichts und niemandem ist ein fester Platz auf der Welt vorherbestimmt." Und wenn das stimmt, ist (fast) alles und damit auch neues m√∂glich.

AVIVA-Berlin: Frau R√°vic Strubel, √ľber die Protagonist/innen Ihres Romans schrieb die Rezensentin Anja K√ľmmel in der "Zeit", es handele sich um "ein Ensemble entschieden queerer Charaktere". K√∂nnen Sie mit dem Begriff queer etwas anfangen, was bedeutet er f√ľr Sie?
Antje R√°vic Strubel: Queer ist ein Modewort geworden und muss f√ľr soviel herhalten, dass man manchmal nicht mehr wei√ü, was eigentlich gemeint ist. Ich verstehe darunter einen Lebensstil jenseits gegengeschlechtlicher Paarkonstellation und ein Bewu√ütsein f√ľr die Konsequenzen, die daraus folgen, dass wir K√∂rper immer eindeutig dem m√§nnlichen oder dem weiblichen Geschlecht zuordnen und zwar sortiert nach arbitr√§r miteinander kombinierten K√∂rperteilen. Queer als Denkfigur versucht nicht "entweder/oder" zu denken, sondern "sowohl als auch", ein biologisch weiblicher K√∂rper mu√ü beispielsweise nicht zwangsl√§ufig eine weibliche Identit√§t haben. Das kann befreiend, aber auch be√§ngstigend sein.

AVIVA-Berlin: Wie ist der Roman entstanden? Gab es eine Idee, ein Thema oder eine Figur, von der Sie ausgingen?
Antje R√°vic Strubel: Ich gehe beim Schreiben meistens von einer Frage aus, von etwas, woran ich mich reibe, das mich aufregt. Hier habe ich mich gefragt, warum eine bestimmte literarische Form, die Kurzgeschichte nach amerikanischem Vorbild, eigentlich immer mit den gleichen Figurenkonstellationen und Inhalten einhergeht. Es sind feste M√§nner-, Frauen- und Beziehungsbilder, die in der Kurzgeschichte endlos wiederholt werden. Das kleinb√ľrgerliche, heterosexuelle Lebensmodell, aus dem es kein Entrinnen gibt, was beim Mann zu Brutalit√§t, bei der Frau zu Depression und Selbstmord f√ľhrt. Warum eigentlich? Ich wollte diese Form subvertieren.

AVIVA-Berlin: Der Titel "In den W√§ldern des menschlichen Herzens" erinnert an "Nightwood" von Djuna Barnes, und auch bei Barnes geht es ja um Liebe jenseits klassischer Normen. War Barnes eine Inspiration f√ľr sie? F√ľhlen Sie sich ihr verwandt?
Antje Rávic Strubel: Ich bewundere Djuna Barnes, ich finde ihre Text anregend und aufregend. Sie denkt außerhalb des Gewöhnlichen, und sie versteht es glänzend, das auch zu formulieren. Sie muss ein faszinierender Mensch gewesen sein. Als ich hörte, dass sie erst Mitte der 1980er Jahre gestorben ist, konnte ich es nicht fassen: ich war schon auf der Welt. Ich hätte sie noch kennenlernen können!

AVIVA-Berlin: In Ihrem Roman beschreiben Sie verschiedene Formen des Begehrens, zwischen Frauen, zwischen Frauen und Männern und auch das zwischen Menschen, deren körperliche Identität nicht eindeutig ist. Und Sie sprechen in diesem Roman von einer "Präzision des Begehrens". Was meinen Sie damit?
Antje R√°vic Strubel: Ich lasse meine Figur Leigh sagen, unser Begehren sei erschreckend pr√§zise. Das geht auf einen Gedanken der Theoretikerin Judith Jack Halberstam zur√ľck, die in ihrem Aufsatz "F2M" das Konzept von weiblicher M√§nnlichkeit entwickelt und den Leigh nat√ľrlich gelesen hat. Leighs weibliche M√§nnlichkeit ist eine so eindeutige Geschlechtsidentit√§t wie die aller anderen Figuren in meinem Buch. Sie ist nur schwerer in Worte zu fassen, weil wir nicht daran gew√∂hnt sind. Halberstam beschreibt in ihrem Artikel die unterschiedlichsten M√§nnlichkeiten, die sich an und auf weiblichen K√∂rpern abbilden. Kleidung beispielsweise fungiere wie Haut als Marker der Geschlechtsidentit√§t, ohne dass der biologische K√∂rper operativ oder hormonell ver√§ndert werden m√ľsse. Auf diese m√§nnliche Haut an einem weiblichen K√∂rper richtet sich nun Emilys Begehren. Ihr Begehren wird also durch eine ganz spezifische M√§nnlichkeit ausgel√∂st und keine andere. Halberstam widerspricht hier auch einem Argument der queer theorie, dass Geschlecht etwas Fluides sei, man also nach reinem Gutd√ľnken heute mal als Frau, morgen als Mann, als beides oder sogar ganz undefiniert herumlaufen k√∂nne. So simpel ist es ja nicht. Wir stecken in einem rigiden Rahmen von Sexualit√§t, Geschlecht und Begehren, dessen Diskurse und Normen wir verinnerlicht haben. Das thematisiere ich √ľbrigens auch in meinem Buch, dieses nicht Entkommenk√∂nnen ‚Äď entgegen der flapsigen Unterstellung eines Kritikers in "Die Zeit", ich w√ľrde die freie Genderwahl verk√ľnden. Ein Resultat freier Entscheidung ist Geschlecht nun wirklich am wenigsten. Sp√§testens seit Judith Butler ist offenkundig, dass unsere dichotome Geschlechterordnung zwar subvertierbar ist, abschaffbar ist sie deswegen aber noch lange nicht.

AVIVA-Berlin: In Ihrem Roman wird aus Katja Kat, ihre/seine geschlechtliche Identit√§t ist fluide, ihr/sein Begehren nicht: Wie Katja ist auch Kat mit einer Frau zusammen. Wenn geschlechtliche Identit√§t modifizierbar ist ‚Äď ist es das Begehren auch?
Antje Rávic Strubel: Hinter dieser Frage steht eine andere, schwerer zu beantwortende Frage, die nach dem Ursprung. Sind Begehren und Verständnis der eigenen geschlechtlichen Identität gewissermaßen naturgegeben, verkörpern wir sie, haften sie uns als unveränderliche Größe an, oder scheint uns das nur wesentlich und unveränderlich, weil wir gelernt haben, so zu denken? Mir gefällt die Vorstellung, alles sei veränderlich. Mich schreckt das Konstante. Ich liebe das Spiel, und zwar nicht als Gegenteil von Ernst oder dem richtigen Leben, sondern die Vorstellung vom Leben als Spiel. Warum sollte es von uns nur einen Entwurf geben, und dem folgen wir dann brav bis ins Grab? Ist das nicht eine seltsame Vorstellung? Unsere Körper verändern sich. Unser Geschmack verändert sich. Unser Denken verändert sich. Warum sollten sich nicht unser Geschlecht und unser Begehren ebenfalls innerhalb eines Lebens ändern? (Es kann sich aber eben nur innerhalb dieses festen Rahmens ändern.)

AVIVA-Berlin: Ihr Roman geht sparsam um mit Personalpronomen wie "er" und "sie", die das Geschlecht einer Figur sofort erkennen lassen. Können Sie sich eine Sprache vorstellen, die die Vorsortierung der Welt in männlich/weiblich transzendiert?
Antje R√°vic Strubel: Ich bin nicht in so vielen Sprachen bewandert. Aber ich glaube, das Finnische macht da keinen Unterschied. Und wenn man einmal anf√§ngt, dar√ľber nachzudenken, erscheint einem einiges daran absurd: warum sortieren wir die Wirklichkeit ausgerechnet nach K√∂rperteilen, die wir versteckt halten? Wenn sie so wichtig sind, dass sich alles danach richtet, warum zeigen wir sie nicht? W√§re es da nicht sinnvoller, die Welt nach Augenfarben zu sortieren? N√§hmen wir die Feier des Individuums allerdings ernst, br√§uchten wir nichts dergleichen. So aber sind wir Herdentiere.

AVIVA-Berlin: In Ihrem Roman gibt es eine kurze R√ľckblende in die Jugend einer der Protagonistinnen: Ihre Mutter will herausfinden, ob sie lesbisch ist. Da das Wort "lesbisch" im Kontext des Romans ansonsten nicht auftaucht - ist lesbisch f√ľr Sie ein Begriff, der ausgedient hat? Der relevant war nur f√ľr die Generation der M√ľtter?
Antje R√°vic Strubel: Die Frage allein ist schon eine Antwort. W√ľrde man bei der Liebesgeschichte zwischen einer Frau und einem Mann fragen, warum das Wort heterosexuell nicht auftaucht? Die "andere Liebe", die sich von der Mehrheitsform der Liebe unterscheidet, muss sich immer rechtfertigen. Ich habe ein Buch √ľber Begehren und Sehnsucht geschrieben, ohne dieses Begehren als etwas anderes zu markieren. Damit w√ľrde es sich in meinen Augen selbst an den Rand bef√∂rdern. Als politischer Begriff mag "lesbisch" wichtig gewesen sein (und ist es im Gro√üteil der Welt immer noch), um Rechte erlangen zu k√∂nnen, muss man √ľberhaupt sichtbar sein. In meinem Buch benutze ich das Wort nur dort, wo es etwas √ľber Ein- und Ausschlu√ümechanismen sagt. Dass die Mutter wissen will, ob die Tochter lesbisch ist, hat mit einem Au√üenblick zu tun. Nur f√ľr die anderen, die Mutter, die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft, ist der Begriff n√∂tig, um sich abzugrenzen. Das Erleben der Figuren aber ist ein inneres Erleben. Da ist Liebe eben Liebe.

AVIVA-Berlin: Ihre Biographie weist Parallelen auf zu der von René, einer Ihrer Romanfiguren. Stört es Sie, wenn Leser/innen Ihre Romane (auch) autobiographisch lesen?
Antje R√°vic Strubel: Diese Frage am√ľsiert mich immer. Das Autobiografischste an dem Buch ist der blaue Opal, den Norman um den Hals tr√§gt. Das ist meiner! Von mir aus k√∂nnen Leser/innen sich alles M√∂gliche beim Lesen vorstellen, Hauptsache, es macht Spa√ü. Denn im Grunde wei√ü nicht einmal ich noch, was autobiografisch ist, wenn ich ein Buch fertig geschrieben habe. Oft denke ich, etwas sei tats√§chlich passiert, bis mich diejenigen, die es meiner Auffassung nach betrifft, darauf aufmerksam machen, dass das nicht stimmt. Dass ich es mir ausgedacht habe.

AVIVA-Berlin: Ihr Roman ist au√üerordentlich erfolgreich, von der Frankfurter Allgemeinen bis hin zur Welt wurde er √ľberall rezensiert, in der Zeit sogar zweimal, und immer ausnehmend positiv. "Ein k√ľhner Roman", so etwa die Zeit, "√ľber das Ende der Heteronormativit√§t". Wie erkl√§ren Sie sich diesen Erfolg? Die Begeisterung von Medien, die Heteronormativit√§t tendenziell eher affirmieren als kritisieren?
Antje R√°vic Strubel: Ich hoffe, es liegt an der literarischen Qualit√§t. Aber abgesehen davon: Wir leben in einer Zeit, in der sich die westliche Welt auf sich selbst besinnen und kl√§ren muss, wo ihre Werte liegen. Wenn wir auf das Wort queer zur√ľckkommen, es ist zugleich schwammig genug und hip genug, damit sich Menschen darauf beziehen k√∂nnen, die bisher eigentlich ein sehr zufriedenes, freies, heteronormatives Leben f√ľhrten. Unter Verh√§ltnissen, in denen man diese Freiheit als weniger bedroht empfinden w√ľrde, w√§re der Enthusiasmus f√ľr etwas, wovon man im Grunde keine Ahnung hat, sicher geringer. So aber bietet sich hier eine dankbare, recht einfache und noch dazu hippe M√∂glichkeit (die K√§mpfe sind schon ausgefochten), engagiert f√ľr eine offene Gesellschaft einzutreten.

AVIVA-Berlin: Weiterzuschreiben nach einem solchen Erfolg - ist das nicht schwer? Haben Sie schon Pl√§ne f√ľr ein n√§chstes Buch?
Antje R√°vic Strubel: Es ist ja gl√ľcklicherweise nicht mein Deb√ľt. Und es ist gl√ľcklicherweise auch nicht das erste Buch, das so hymnische Besprechungen bekommen hat. "Tupolew 134" oder "K√§ltere Schichten der Luft" sind √§hnlich besprochen worden. Und seit ich vor 15 Jahren meinen ersten Roman ver√∂ffentlichte, habe ich mir angew√∂hnt, mit dem n√§chsten anzufangen, bevor der vorherige √ľberhaupt erschienen ist. Ich arbeite also l√§ngst an etwas Neuem. Auch an die unterschiedlichen Temperaturen im Literaturbetrieb habe ich mich mittlerweile gew√∂hnt und versuche einfach, entsprechend gekleidet zu sein. Wie sagt man im Norden: Es gibt kein schlechtes Wetter. Du bist nur nicht richtig angezogen.

Antje R√°vic Strubel im Netz: www.antjestrubel.de

Antje R√°vic Strubel
In den Wäldern des menschlichen Herzens

272 Seiten, gebunden
Preis ‚ā¨ (D) 19,99 | ‚ā¨ (A) 20,60
ISBN: 978-3-10-002281-3
S. Fischer Verlag, erschienen 25.02.2016
www.fischerverlage.de

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Interviews Beitrag vom 24.08.2016 AVIVA-Redaktion 





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