Die Arbeit als Erzieher*in unter Corona-Bedingungen – ein Interview mit Elke Fischer, Leiterin einer Kindertagesstätte - Aviva - Berlin Online Magazin und Informationsportal für Frauen aviva-berlin.de Interviews



AVIVA-BERLIN.de im April 2021 - Beitrag vom 17.03.2021


Die Arbeit als Erzieher*in unter Corona-Bedingungen – ein Interview mit Elke Fischer, Leiterin einer Kindertagesstätte
Helga Egetenmeier

In den Kindertagesstätten treffen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sowohl die Arbeit der Erzieher*innen, als auch den Alltag der Kinder und Eltern. Um das zu dokumentieren, nimmt Elke Fischer mit ihrer Kita an der bundesweiten "Corona-KiTa-Studie" teil.




.... Dafür wird wöchentlich das Stimmungsbild der Einrichtung abgefragt.

Für die Erziehungsberechtigten ist die Kita meist die einzige Möglichkeit, Beruf und Familie zu vereinbaren. Und für Kinder nimmt die Kita eine zentrale Stellung in ihrer Sozialisation ein. Die Ergebnisse der vom Bundesfamilienministerium und vom Bundesgesundheitsministerium finanzierten "Corona-KiTa-Studie", die das Deutsche Jugendinstitut (DJI) und das Robert Koch-Institut (RKI) gemeinsam auswerten, sollen dazu beitragen, bestmöglichen Infektionsschutz für die Beschäftigten und die Kinder zu ermöglichen, damit die Kitas geöffnet bleiben können.

Elke Fischer, Erzieherin und Leiterin einer eingruppigen Kindertagesstätte, beantwortet regelmäßig die Fragen der Studie, die seit August 2020 geführt wird. Sie gibt dafür die Anzahl der Erzieher*innen und der betreuten Kinder an, die Öffnungszeiten und die Höhe der Verdachtsfälle, falls nötig, eine pandemiebedingte Schließung, und ihre Einschätzung möglicher Probleme und Herausforderungen. Das Ziel ist es, eine bedarfsgerechte Betreuung anzubieten.

Wir haben sie für dieses Interview zu ihrem veränderten Arbeitsalltag und den Herausforderungen in der Corona-Pandemie befragt.

AVIVA-Berlin: Wie würden Sie Ihren Arbeitsalltag beschreiben? Wie sieht der Alltag für Sie als Leiterin einer Kindertagesstätte aus? Wie viele Erzieherinnen arbeiten in Ihrer Kita und wie viele Kinder betreuen sie?

Elke Fischer: In der Kindertagesstätte, die ich seit vielen Jahren leite, sind wir ein Team von vier Erzieherinnen, davon arbeiten zwei als Vollzeitkräfte und zwei als Teilzeitkräfte. Vormittags sind wir zu dritt, nachmittags zu zweit und da wir am Mittag gemeinsam mit den Kindern essen, haben wir versetzte Pausenzeiten. Derzeit betreuen wir 18 Kinder, in den Ferien kommt ein Schulkind dazu. Als Leitung bin ich für den ganzen Ablauf in der Kita, für die Verwaltung, für die Einsetzung des Personals inklusive Hausmeister und Putzdienst verantwortlich. Die Arbeit mit den Kindern und den Umgang mit den Eltern teile ich mir mit meinen Kolleginnen.

AVIVA-Berlin: Wie hat sich der Ablauf und der Umgang mit den Kindern durch die Corona-Pandemie verändert?

Elke Fischer: Im Tagesablauf hat sich einiges verändert. Die Eltern dürfen die Einrichtung nicht mehr betreten und übergeben uns ihr Kind an der Tür. Dadurch ist der Kontakt mit den Eltern und die Möglichkeit für ein Gespräch zwischen Tür und Angel eingeschränkt. Deshalb machen wir jetzt öfter einen Termin mit den Eltern zum Gespräch, oder telefonieren mit ihnen. Bei dem täglichen Umgang mit den Kindern, wie beim Spielen, bleiben wir auf Distanz. Bestimmte Spielbereiche, wie die Kuschelecke, wurden von uns ganz entfernt, und die Anzahl der Kinder, die sich in einer Spielecke aufhalten dürfen, ist begrenzt. Auf das gründliche Händewaschen und das Husten in den Ellbogen, das wir mit den Kindern auch sonst einüben, achten wir jetzt besonders.

AVIVA-Berlin: Welche Hygienemaßnahmen integrieren Sie in Ihre Arbeit?

Elke Fischer: Wir gehen nur mit Maske an die Tür und bei der Übergabe müssen die Eltern auch eine Maske tragen. Da wir bei unserer alltäglichen Arbeit den Kindern sehr nahe kommen, tragen wir größtenteils Masken. Nur wenn wir den Abstand einhalten können, tragen wir keine. Als Beispiel dazu: wir haben Zweijährige, wenn wir sie wickeln, oder anziehen, tragen wir natürlich eine Maske. Aus der Kuschelecke haben wir eine Leseecke gemacht, damit die Kinder sich nicht mehr so nahe kommen. Auch bei der Mittagsruhe liegen die Kinder nun auf Distanz. Dazu hat jedes seine eigene Decke, gekennzeichnet mit ihrem bzw. seinem Namen, sie wird in immer die gleiche Tüte verpackt und jede Woche gewaschen. Die Handtücher werden nun auch täglich gewechselt. Das ist für uns Erzieherinnen ein größerer hauswirtschaftlicher Aufwand, da es nun zu unserer Aufgabe wurde, in der Kita die Wäsche zu waschen - was vorher nicht der Fall war.

AVIVA-Berlin: Gibt es Grenzbereiche, bei denen die Corona-Vorschriften nicht mit ihren Aufgaben als Erzieherin zusammengebracht werden können?

Elke Fischer: Wir können bei manchen Vorfällen nicht viel überlegen, sondern müssen intuitiv handeln. Wenn ein Kind stürzt, oder sich verletzt, dann gehe ich gleich zum Kind, bevor ich darauf achte, eine Maske zu tragen. In diesem Moment geht das Wohl des Kindes vor. Und wenn ich spüre, dass ein Kind jetzt Nähe braucht, dann nehme ich es auch in den Arm, wobei ich da schon darauf achte, eine Maske zu tragen.

AVIVA-Berlin: Wirkt sich das Tragen der Maske auf die Kommunikation mit den Kindern aus?

Elke Fischer: Es ist dadurch schwieriger für uns, mit den Kindern Kontakt aufzunehmen. Wenn wir Masken tragen, können die Kinder unsere Mimik nicht erkennen. Im Laufe der Zeit haben sich die Kinder daran gewöhnt, doch die Kommunikation ist einfacher, wenn das ganze Gesicht der Erzieherin sichtbar ist. Die Kinder erkennen zwar den Tonfall, doch durch die FFP2-Masken hören die Kinder das Gesagte gedämpfter, und für uns Erzieherinnen ist das Sprechen anstrengender, das schränkt schon stark ein.

AVIVA-Berlin: Verhalten sich die Kinder Ihnen gegenüber jetzt anders als vor Beginn der Pandemie?

Elke Fischer: Ich habe einige Kinder, die davor Kuschelkinder waren und gerne die Nähe zu uns Erzieherinnen suchten. Dies tun die Kinder jetzt bedeutend weniger. Sie haben durch ihre Eltern gelernt, dass die Menschen sich nicht mehr so nahe kommen sollen.

AVIVA-Berlin: Gehen die Kinder auch miteinander anders um?

Elke Fischer: Die Kinder gehen weiterhin normal miteinander um, sie gehen nicht auf Distanz zueinander. Für die Kinder ist dies wichtig, dass sie diese Nähe haben. Sie müssen sich austauschen und mal nebeneinander sitzen.

AVIVA-Berlin: Sprechen Sie als Erzieherin mit den Kindern über Corona?

Elke Fischer: Wir machen Corona selten zum Thema, das muss nicht sein. Wir gehen jedoch auf die Äußerungen der Kinder ein, wenn sie es ansprechen. Manchmal sagen die Kinder, dass es so blöd ist, dass sie gern hätten, dass es vorbei ist. Deshalb sprechen wir gelegentlich über die Kontakteinschränkungen. Wir haben uns dazu entschieden, Corona nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Für die Kinder soll in unserer Kita der gewohnte Alltag soweit wie möglich für die Kinder erhalten bleiben. Diese sind schon mit den Beschränkungen, ihre Großeltern oder Freunde selten zu treffen, sehr eingeschränkt.

AVIVA-Berlin: Auf welche Weise erschweren die Regelungen zur Eindämmung der Pandemie Ihre Arbeit?

Elke Fischer: Es ist keine langfristige Planung möglich, das behindert meine Arbeit als Leitung am meisten. Auch fallen die gemeinsamen Feste mit den Kinder und den Eltern aus. Doch ein normaler Kindergartenalltag, auch mit internen Festen, wie ein Laternenumzug, jedoch ohne Eltern, das geht. Dies sind sehr schöne, wenn auch ungewöhnliche Feiern. Den Eltern fehlt das mehr als den Kindern.

AVIVA-Berlin: Wie kommen die Regeln und Vorschriften der Bundesregierung bei Ihnen an?

Elke Fischer: Wenn vom Staatsministerium eine neue Anordnung kommt, wird diese vom Jugendamt an uns weitergereicht. Das betrifft die Hygienevorschriften und Vorschläge, wie diese umsetzbar sind. Von mir muss dokumentiert werden, wie in meiner Einrichtung diese Hygienemaßnahmen umgesetzt werden. Dazu gehört auch, für die Eltern entsprechende Aushänge zu machen. Dadurch ist meine Arbeit bürokratischer geworden, weshalb sich meine Arbeitszeit für die Kinder reduziert.

AVIVA-Berlin: Was könnte verbessert werden, um die Arbeit der Erzieherinnen in der Pandemie zu erleichtern?

Elke Fischer: Es gibt vieles, was auch unabhängig von der Pandemie besser gemacht werden könnte. Doch aktuell würde ich mir von der Regierungsseite mehr Vorlauf wünschen, um besser planen zu können. Es kommt vor, dass wir am Freitag eine schriftliche Mitteilung darüber erhalten, welche Vorschriften ab Montag für uns gelten. Die Beschlüsse der Politik werden öffentlich groß verkündet, doch bis diese als Vorschrift bei uns ankommen, dauert es. Als Erzieherinnen haben wir keine große Lobby, und die gesellschaftliche Aufmerksamkeit ist Lehrer*innen gegenüber weit größer. Doch auch bei uns stehen die Kinder und ihre Familien im Fokus. Und auch wir müssen darauf achten, dass wir selbst dabei nicht auf der Strecke bleiben.

AVIVA-Berlin: Wie gehen Sie in Ihrer Einrichtung mit dem Thema "häusliche Gewalt" um?

Elke Fischer: Ich würde sagen, die Erziehungsberechtigten kennen sich gegenseitig sehr gut, und auch wir Erzieherinnen kennen sie gut, deswegen ist häusliche Gewalt bei uns kein Thema. Wir beobachten wegen der Pandemie jedoch das Verhalten der Kinder noch genauer als sonst. Wir überlegen uns schneller, ob wir die Eltern ansprechen, oder fragen, ob sie ein Anliegen haben. Dass wir die Kinder beobachten, gehört zu den Aufgaben einer Erzieherin. Einmal im Jahr halten wir diese Beobachtungen schriftlich fest und bieten den Eltern Gespräche dazu an. Wenn uns bei dem Verhalten eines Kindes etwas auffällt, werden die Erziehungsberechtigten immer darauf angesprochen, sei es nun positiv oder negativ.

AVIVA-Berlin: Besten Dank, Frau Fischer, für das informative Gespräch.

Elke Fischer, 56 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern, arbeitet seit 36 Jahren als staatlich anerkannte Erzieherin. Sie leitet seit 29 Jahren eine Kindertagesstätte als eingruppige Einrichtung, in der derzeit 18 Kinder zwischen zwei und sechs Jahren betreut werden, und die in den Schulferien ein Betreuungsangebot für Erstklässler*innen anbietet.



Weitere Informationen:

www.bundesregierung.de
Auf dieser Webseite der Bundesregierung gibt es Informationen für Familien über den Kita- und Schulbetrieb, finanzielle Entlastungen und Beratungsangebote.

www.bundesregierung.de
Hier informiert die Bundesregierung über den aktuellen Bund-Länder-Beschluss zu den Corona-Maßnahmen

www.corona-kita-studie.de
Hier wird über die Corona-KiTa-Studie informiert, die als Monats- und Quartalsbericht erscheint, dazu gibt es Interviews und aktuelle Ankündigungen.

www.bmfsfj.de
Hintergrundmeldung auf der Seite des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Thema "Kinderbetreuung bei Schul- und Kitaschließungen" vom 10.03.2021. Möglichkeit zum Herunterladen einer "Musterbescheinigung für Kindertageseinrichtungen, Kindertagespflegestellen und Schulen" zur Beantragung von Kinderkrankengeld.

www.iab-forum.de
Artikel auf der Webseite des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: "Schul- und Kitaschließungen, Krankheit, Quarantäne – die coronabedingten Arbeitsausfälle der Erwerbstätigen steigen auf 59,2 Millionen Arbeitstage", 8. Februar 2021.

Copyright Fotos: Helga Egetenmeier


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Beitrag vom 17.03.2021

Helga Egetenmeier 






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